1
Ein warmer Wind pfiff leise über die Küste von Cornwall. Kein Wölkchen regte
sich am strahlend blauen Himmel, die Sonne brannte angenehm auf die saftigen
Wiesen. Über ihnen spannte sich ein bunter Regenbogen in allen Farben, die
die Natur an diesem verträumten Fleckchen Erde zu bieten hatte.
In dem anmutigen Häuschen aus roten Backsteinen, dessen Rietdächer mit
Schieferschindeln reichlich gedeckt waren, sass Timothy an seinem
eichenhölzernen runden Marmortisch. Er war ein blonder und erfolgreicher
armer Poet, der seinen Börsenjob bereits seit drei Tagen an den Nagel
gehängt hatte. Er schrieb wie jeden Tag, seit seine Grossmutter gestorben
war, auf seiner alten Schreibmaschine. Diese hatte er von seinem
Ur-ur-ur-Grossvater mütterlicherseits geerbt.
Er beschrieb eine Seite nach der anderen, dass es eine Freude war, ihm dabei
zuzusehen. Immer wieder riss er die Seiten schwungvoll aus der Maschine,
knüllte sie vergnügt zusammen und warf sie in Richtung des violettfarbenen
Elfenbein-Papierkorbs, den ihm sein alter Freund Georges von einer seiner
zahlreichen Abenteuerreisen aus allen Teilen der Welt mitgebracht hatte.
In diesem Augenblick klopfte es an die knarrende Eichentür mit den
schmiedeeisernen Beschlägen als bräche soeben das Gewitter höchstpersönlich
ein. Es war jedoch Amelie, das liebste weibliche Geschöpf auf Gottes
endloser Erde. Sie hatte nichts an als zwei ihrer lieblichen Stiefeletten,
mit denen sie durch die einsame Moorlandschaft gelaufen war, um ihm, dem
blonden Grafen neben seinem elfenbeinigen Papierkorb, höchstselbst ihre
Aufwartung zu machen.
Wie lange er darauf gewartet hatte! So vieles verband ihn mit diesen
Stiefeletten, in denen ihre Füsse steckten, über denen sich ihr tadellos
gebauter Körper erhob. Noch einmal warf er ein sorgfältig geknülltes Blatt
durch die vor Spannung knisternde Luft des Raums, als sie anheben wollte,
ihre wohlgeformten Worte an ihn zu richten. Doch genau in diesem Moment
...
2
Doch genau in diesem Moment tat es einen furchtbaren Schlag, der alle wie
gebannt zusammenfahren liess. Graf Freiherr von und zu Hohenstein hatte
nämlich durch sein plötzliches und unwillkürliches Aufstehen aus seinem
Tropenholzstuhl, den ihm ebenfalls Georges aus aller Welt mitgebracht hatte,
eine so heftige Bewegung ausgelöst, dass der schwere silberne
Feingoldelefant vom Schreibtisch direkt in den violetten elfenbeinigen
Papierkorb fiel, also praktisch in seinen eigenen Stosszahn.
"Es tut mir leid, wenn ich Sie erschrocken haben sollte, junge Dame. Ich bin
nun mal sehr ungeschickt. Was kann ich für Sie tun?"
"Aber das macht doch nichts", sagte sie errötend. "Es ist allein meine
Schuld. Ich hätte lauter anklopfen sollen."
"Das geht schon in Ordnung. Treten Sie doch bitte ein."
Sie tat wie ihr geheissen und schlug die Tür mit einem leisen Knall hinter
sich zu. Dann trat sie vor den Grafen und sah ihm tief in die Augen. So
tief, dass er nicht wusste, wie ihm geschah. Jetzt war es an ihm, zu
erröten.
"Ich komme", sagte sie, "wegen der Assistanz. Ich las Ihre Annonce im
Fachblatt für Jagd- und Börsenwesen. Sie können mich gerne testen, ich werde
Ihnen bestimmt eine gute Assistantin sein." Sie errötete schon wieder.
"Davon bin ich..." Er konnte den Satz nicht vollenden, weil sie ihm spontan
an den Hals gesprungen war und diesen so zärtlich küsste wie sie es schon
lange nicht mehr getan hatte.
"Ich bin Ihnen ja so dankbar. Sie werden es bestimmt nicht bereuen."
"Davon bin ich..." begann er wieder. Er wartete kurz ab, ob sie wieder
springen wollte, was sie aber nicht tat. Ihre gute Erziehung verbot es ihr
spontan.
"... überzeugt", beendete er nun seinen Satz. Dann sah er an ihr hinunter
und sagte mit bebender Stimme: "Aber ... aber ... Sie sind ja
splitterfasernackt!"
Sie errötete wieder und ärgerte sich masslos. Es war das dritte Mal, seit
sie gekommen war. "Nicht ganz," sagte sie. "Was halten Sie davon, wenn
..."
3
"Was halten Sie davon, wenn wir uns erst einmal setzen. An Ihrem prasselnden
Kaminfeuer könnten wir uns in Ruhe unterhalten."
"Aber natürlich", antwortete der Graf, noch immer leicht verwirrt. "Nehmen
Sie doch bitte Platz, ich lasse uns dann Gummibärchen, Salzstangen und mit
Erdbeercreme gefüllte Oliven bringen. Und eine Flasche meiner besten
Limonade, dreihundert Jahre in Eichenholzfässern ausgebaut."
"Fein, ich mag Gummibärchen", sagte sie zaghaft, nachdem sie auf der mit
kostbarem Chintz bezogenen Chaiselongue Platz genommen hatte. Es entging ihr
nicht, dass der Graf seine Blicke immer wieder auf ihre wohlgeformten
Stiefeletten schweifen liess, während er sprach.
"Wissen Sie, Madame ..."
"Nennen Sie mich doch bitte einfach Gini. Richtig heisse ich Geneviève, aber
Freunde, entschuldigen Sie ..."
Sie errötete abermals, weil sie sich die Freiheit genommen hatte, den Grafen
bereits als Freund zu betrachten, obwohl sie doch gerade erst gekommen
war.
"Nun, Geneviève, oder Gini, wenn ich Sie denn so nennen darf, wissen Sie,
das Wichtigste ist dem Menschen nun mal eine gewisse Kontinuität ..." Er war
unversehens in eine dozierende Sprechweise verfallen. "Kontinuität ist sogar
fast das einzige und wichtigste, was der Mensch anstrebt, solange er lebt.
Die Kontinuität des Lebens selbst ist sein höchstes Ziel. Man kann fast die
ganze Philosophiegeschichte auf diesen Gedanken reduzieren."
Sie hörte ihm aufmerksam zu und nickte sanft mit ihrem bildhübschen Kopf
samt Gesicht und dunkler Haarpracht.
"Ich habe auch eine Theorie entwickelt", fuhr er fort, "die sich in der
These zusammenfassen lässt, dass Lebensqualität, also dass alles, was man
sagt und tut... " Er machte eine kleine Pause, schaute ihr kurz in die Augen
und dann wieder auf ihre Stiefeletten.
"Also dass Qualität überhaupt dadurch definiert wird, dass man Dinge tut
oder sagt, die auch dann nicht an ihrer Qualität verlieren, wenn man
unterbrochen ... äh ... wird." Er atmete tief durch und einmal kurz auf, um
dann fortzufahren, was er jedoch nicht tat. Er wollte jetzt einfach nicht
fort fahren.
"Ach, fahren Sie doch bitte fort", sagte Gini.
"Das geht jetzt einfach nicht", sagte er, "wo Sie doch gerade erst gekommen
sind.
Sie nippte verlegen an einer Salzstange und warf dann zwei Gummibärchen in
ihre Limonade. "Oliven mit Erdbeerfüllung", meinte sie dann, "sind ja
wirklich sehr originell". Sie hatte noch keine probiert.
"Kommen wir zu etwas anderem", nahm der Graf die Fäden der Unterhaltung
wieder auf, die ihm vorübergehend leicht entglitten waren.
"Aber gern!" Gini war ganz Ohr. Nun fühlte sich auch der Graf wieder
selbstsicher genug, um mit grösster Selbstverständlichkeit etwas zu tun, was
er schon während des ganzen Gesprächs fast noch viel lieber getan hätte als
über seine Theorien zu sprechen. Er stand auf und ...
4
Er stand auf und wollte zu sprechen anheben, als plötzlich eine absolute und
fast hörbare Stille eintrat. Nicht nur, weil er schwieg, sondern auch sie.
Das Gewitter hatte zu donnern aufgehört und das Kaminfeuer prasselte nicht
mehr. Es schwieg glühend und wie nur noch für sich selbst dahin. Sogar alle
rauschenden Bäche und Wasserfälle in der näheren und weiteren Umgebung
schienen plötzlich stillgestanden zu sein.
Der Graf überlegte wortlos, wie lange er noch schweigen konnte, wo es doch
gerade so schön war. Er stellte sich vor sie hin und rang sich schliesslich
dazu durch, seinen Vorschlag an sie zu richten.
"Ich möchte Ihnen gerne", hub er an, "etwas zeigen, das ich nur selten
jemandem zeige."
Gini wusste nicht, warum sie schon wieder errötete. Sie beschloss jedoch
spontan, sich damit abzufinden. Sollte sie doch erröten! Hatte man je schon
von bösen Menschen gehört, die erröten?"
Auch der Graf wollte es nicht nur einfach übersehen, es gefiel ihm sogar.
Sie konnte kein schlechter Mensch sein. Was ihm im übrigen schon klar wurde,
bevor sie überhaupt gekommen gewesen war. Jetzt wusste er es nur noch
sicherer.
Ihre leichte Antlitzerrötung war auch schon wieder verschwunden, als er nach
einer weiteren kurzen Pause die Frage stellte, die ihm auf dem blaublütigen
Herzen so lodernd brannte wie vorhin das Kaminfeuer.
"Möchten Sie meine Ländereien und Wässereien sehen? Sie sind nicht gerade
riesig, aber sie sind mir sehr lieb."
Gini hatte den zweiten Satz, den sie ja nicht geschrieben sah, so verstanden
als wäre das "sie" mit einem grossen "S" geschrieben gewesen. Trotzdem oder
gerade deswegen beschloss sie, cool zu bleiben. Er konnte ja nicht wissen,
wie gross sie die Buchstaben sah, die er so klein ausgesprochen hatte.
"Schön", sagte sie. Und: "Ja, gerne", wobei sich für sie das "Schön" auf den
zweiten Satz, also den mit ihrem grossen "S", und das "Ja, gerne" auf den
ersten Satz bezog. Sie antwortete praktisch in umgekehrter Reihenfolge, also
mit ihrer ersten Antwort auf seinen zweiten Satz und mit ihrer zweiten auf
seinen ersten. Wer sollte da noch durchsehen?
"Als erstes könnten wir zu meinem Gedankenschloss reiten", fuhr er mit
grosser Vorfreude fort, die sich darin äusserte, dass nun richtig Leben in
seinen Körper kam. Er hatte viel zu lange gesessen. Zweieinhalbmal ging er
im Raum auf und ab, halb denkend und halb redend, bis er wieder vor ihr zu
stehen kam.
"Von dort geht's über die Eselsbrücke zum Holzweg und auf diesem gelangen
wir dann zum "Tiefsee der Bedeutungen". Dort können wir ein bisschen ins
Vergnügen segeln."
"Fein", sagte sie, auch ohne die Anführungszeichen vom "Tiefsee der
Bedeutungen" gehört zu haben. "Ich bin zu allen Schandtaten bereit." Sie
sagte dies mit andächtigem Ernst und ohne auch nur noch ansatzweise zu
erröten.
Und er: "Vielleicht sollten Sie sich noch etwas überziehen, über Ihre
Stiefeletten."
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Am See angekommen, sitzten sie ab, banden die Pferde fest und gingen zur
Terrasse des Bistro. Von hier aus hatte man einen herrlichen Blick auf den
See.
"Gefällt es Ihnen?" fragte der Freiherr.
"Ja, es ist wunderschön hier. Ich mag diese Ruhe."
"Ich auch."
Zu ihnen gesellte sich ein Mann, der auf jeden Fall älter war als er aussah.
Er wirkte freundlich und entspannt und fragte nach dem Wohlergehen und den
Wünschen des Grafen.
"Das ist Johnny", stellte der Graf ihn vor. "Er nennt sich gerne unser
Faktotum. Aber eigentlich ist er hier der Chef."
Johnny winkte ab. "Dann schon lieber Bedeutungswart. Dieses Wort", wandte er
sich an Gini, "hat der Graf erfunden. Ich habe keine Ahnung, was es bedeuten
soll."
Der Graf lachte. "Sehen Sie, Sie haben es verstanden", sagte er. "Und das
ist Gini", fuhr er, an Johnny gerichtet, fort. "Meine neue Assistantin. Wir
haben gerade ein bisschen das Terrain erkundet."
"Und wie gefällt es Ihnen?" fragte Johnny.
"Wunderbar. Das ist ja ein wahres Paradies hier."
"Naja", erwiderte Johnny. "Das ist sicher übertrieben. Milch und Honig
fliessen hier nicht. Aber dafür gibt es auch keinen verbotenen Apfelbaum.
Apropos, möchten Sie etwas essen oder trinken?"
Der Graf schaute Gini an, bis sie lächelnd meinte: "Keine besonderen
Wünsche."
"Na, dann stellen Sie uns was auf den Tisch, Johnny. Sie wissen schon, was
am besten passt zu dieser Tageszeit und nach einem Ritt durch unser kleines
Paradies."
"Alles klar", sagte Johnny, "ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt".
Er lächelte.
"Danke, Johnny, Herr Kapitän!"
Johnny verschwand und die beiden angenehmen Aufenthalter schauten sich an.
Sie mussten beide lachen.
"Scheint ja ein sehr netter Mensch zu sein, Ihr Bedeutungskapitän."
"Ja, das ist er auf jeden Fall. Dass ich ihn den Bedeutungswart nenne, der
am See der tieferen Bedeutungen für Klarheit zu sorgen hat, hat aber nichts
weiter..."
"...zu bedeuten", ergänzte Gini. Beide mussten wieder lachen.
Sie labten sich alsbald an den kleinen Köstlichkeiten, die Johnny ihnen
aufgetragen hatte und unterhielten sich über unbedeutende Dinge. Gini
äusserte auch die Vermutung, dass die Bezeichnung Gedankenschloss oder
Denkburg sicher auch keine tiefere Bedeutung habe.
"So ist es. Schlösser und Burgen sind Relikte der Vergangenheit. Wohnen kann
man darin höchstens ironisch, wenn überhaupt. Sie dürfen sich überall hier
aufhalten, wo sie wollen. Und wenn Sie Geheimgänge oder Geheimtüren finden,
dann ist jedenfalls nichts Geheimes dahinter."
Gini lachte wieder. Sie lachte sehr gern. Und sie war sich jetzt sicher,
dass sie einen Mitlacher gefunden hatte, vor dem sie nicht zu erröten
brauchte.
6
Amélie-Geneviève und Timothy hatten das Wochenende gemeinsam verbracht.
Am Montagmorgen drang der Pariser Nebel bis in das kleine Örtchen Cornwall
in der französischen Provinz vor.
Im Büro flog wieder jede zweite Seite in den Papierkorb, fünfzig Prozent
Ausschuss waren für Tim normal. Gini arbeitete in dem durch eine offene
Zwischentür nicht abgetrennten Nebenraum. Sie hatte sich schnell
zurechtgefunden.
"Gini?"
"Ja?"
"Ich habe eine Mail von "Frank aus aller Welt" bekommen."
"Mit Anführungszeichen?"
"Ja."
"Hiess der nicht Georges?"
"Das ist der "Elfenbein-Papierkorb-Georges". Diesen Frank kenne ich nicht so
gut. Er will uns aber besuchen und fragt, ob er ein paar Tage bleiben kann.
In Frank-Reich."
Sie lachten wieder.
Dann leerten sie den Papierkorb und lüfteten sein Geheimnis. Es bestand
darin, dass sich diese Geschichte bereits zu hundert Prozent in jenem
befand.
(Ende)
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.02.2011.
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