Helmut Wurm

Sokrates und seine Beobachtungen an einem Elternsprechtag

 

 

An einer Schule ist Elternsprechtag. Zwei Tage vorher hat es die Halbjahreszeugnisse gegeben. Das ist nun der Tag, an dem sich Eltern genauer über die Lernfortschritte und das Verhalten ihrer Kinder informieren können, an dem Eltern Einzelheiten erfahren, von denen sie vorher nicht einmal geträumt hätten, ein Tag, an dem Eltern und Lehrer aufeinander prallen, an dem erboste Eltern Lehrern schwere Vorwürfe machen, an dem überhebliche Lehrer so richtig ihre erhabene Stellung zu demonstrieren versuchen, an dem die dümmsten Urteile gefällt werden - und ein Tag, der häufig völlig nutzlos ist und an dem man besser Unterricht gemacht hätte. Ein Elternsprechtag ist für stille Beobachter ein besonders interessanter Tag. Da kommt man als Psychologe, Soziologe, Streitschlichter, Seelentröster und natürlich als Pädagoge voll auf seine Kosten.

 

Sokrates hat von dem befreundeten Schulleiter das Recht erhalten, an diesem Elternsprechtag

als stummer Beobachter dabei zu sein und zuzuhören. Er darf also durch die Schule gehen und sich unauffällig in das eine oder andere Lehrersprechzimmer setzen und zuhören. Er möchte auf dem Laufenden bleiben und erfahren, was die Eltern bewegt, was die Schüler bewegt und was natürlich auch die Lehrer bewegt. Er ist selber gespannt, wie dieser Tag ausgeht. .

 

Sokrates ist schon etwas vor dem offiziellen Beginn des Sprechtages in die Schule gekommen und schlendert zuerst einmal durch die Gänge. Es sitzen schon viele Eltern auf den Stühlen vor den einzelnen Sprechzimmern der Lehrer, Eltern, die nicht zu lange warten möchten, die es kaum aushalten können den Lehrern ihre Meinung zu sagen oder über ihre Kinder Gutes zu hören, die anschließend noch arbeiten müssen, die sich gerne mit anderen Eltern unterhalten wollen, die einfach den üblichen Tratsch zu hören beabsichtigen... Es gibt viele Gründe dafür, weshalb Eltern so früh in die Schule gekommen sind.

 

Nun sitzen sie schon ziemlich zahlreich in den Gängen und Sokrates spitzt die Ohren, was er da alles hört. Man sollte es nicht Neugierde nennen, was ihn treibt, so aufmerksam zuzuhören, es ist mehr ein soziologisches Interesse.  

 

Neben sich hört er eine Gruppe Frauen sich unterhalten und eine sagt gerade ziemlich erbost:

 

Eine Mutter (äußerlich etwas derb und einfach gekleidet, vermutlich eine Bauers- oder Handwerkerfrau): Dat meene Tochter in Deutsch eene 4 gekriegt hät, isne Schweinerei, dät is einfach nur, weil där dadrinn meene Dochter net leide kann. Dem werd ich jetzt aber ebbes sage... Der kann bloos de eenfache Leut net leide, woa!

 

Eine andere Frau (sie spricht ein gutes Hochdeutsch): Ich vermute, dass Sie den Lehrer zu Unrecht beschuldigen. Fragen Sie sich doch erst einmal selbst, ob Ihre Tochter, wenn sie nur den einfachen hiesigen Dialekt zu Hause hört und spricht, vielleicht Schwierigkeiten hat, sich im Fach Deutsch gewählt und richtig auszudrücken. Das gehört in diesem Fach dazu.

 

Die Mutter (wütend): Halle Se mal ganz schnell de Mund, Se hergelaufene Zugezogene. Sie sinn keene Hiesige, des wisse wir schon längst und Se wolle ebbes Besseres sinn. Dat merkt man schon an Ihrer Spraach. Sie hawwe ebbes gege die einfache Lüt. Meene Dochder redd wie een Wasserfall un des is en Zeiche for Intellegenz und Mud. Und daruf kommt es in Deitsch aan un desswege hat die keene 4 verdient, basta! Und das änndere ich und wann ich bis zu där Regierung laafe du.

 

Sokrates (denkt für sich): Also darauf kommt es im Fach Muttersprache an, darauf, dass man viel redet. Der arme Lehrer. Er tut mir jetzt schon leid, wenn diese Mutter durch seine Tür geht... Und auch die andere Frau tut mir leid, die so klar auf den vermutlichen Grund für die Note 4 hingewiesen hat. Dialekte sollen natürlich erhalten bleiben, aber Hochdeutsch ist für die deutschen Kinder die erste Fremdsprache, die sie exakt lernen müssen.

 

Dann hört er von der anderen Seite 2 Männer miteinander reden. Beide sind ebenfalls nicht gut auf den Lehrer zu sprechen, vor dessen Tür sie sitzen.

 

Der eine Vater (zu dem anderen): Ich bin ja mal gespannt, ob der dadrin jetzt meinen Sohn endlich kennt. Stellen Sie sich vor, als ich vor einem halben Jahr zu ihm ging, konnte er sich meinen Sohn überhaupt nicht vorstellen. Er konnte deswegen kaum etwas zu seinem Lern-verhalten sagen. Und weil dieser Lehrer nur eine Arbeit in dem Halbjahr geschrieben hatte, wurde daraus die Zeugnisnote. Der bemüht sich überhaupt nicht, die Schüler kennen zu lernen, der macht seinen Beruf nur als Job.

 

Der andere Vater (verbissen): Und stellen Sie sich mein Erstaunen und meinen Ärger erst vor, als der Lehrer nebenan mir vor einem halben Jahr erzählte, mein Sohn betreibe zu viel Sport und deswegen habe er nicht genügend Zeit zum Lernen zu Hause. Er habe auch deswegen oft die Hausaufgaben nicht gemacht. Und deswegen habe er sich beim Notenstand von 3,5 für die Note 4 entschieden... Dabei macht mein Sohn überhaupt keinen Sport und hockt immer zu Hause, sagte ich dem Lehrer. Da war dieser ganz erstaunt und meinte, er habe meinen Sohn wohl verwechselt... Ich hätte dem Lehrer am liebsten ins Gesicht geschlagen...

 

Sokrates (denkt für sich): Das ist ja noch schlimmer als bei dem Lehrer vorher. Dieser hat wenigstens seine Note auf eine konkrete Arbeit bezogen. Aber dieser andere Lehrer rät und vermutet nur, um welchen Schüler es sich handeln könnte... Und irrt sich dann in der Person... Lehrer können sich zwar kaum sofort alle neuen Schüler merken und müssen erst die Schüler und ihre Namen kennen lernen und sich merken. Aber eine solche Vermuterei dürfte gerade bei der Zeugnisnoten-Vergabe nicht mehr vorkommen.

 

Er schlendert weiter und hört von der einen Seite 2 Frauen reden:

 

Eine Mutter: Der Lehrer hier drinnen ist einer von der ganz kalten, harten, unnahbaren Sorte.

Der hat keine Gefühle, kein Verständnis, kein Mitleid... Der hat ein Herz von Stein... Wie habe ich mich als Elternsprecherin bemüht, dass alles harmonisch lief... Wie viele Kuchen habe ich bei Klassenfesten und Geburtstagen, auch für seinen Geburtstag, gebacken... Es hatte alles keinen Erfolg. Meine Tochter bekam trotzdem bei ihm nur die Noten 4. Da hätte ich mir alles sparen können, bei diesem Eisenherz... Man engagiert sich als Eltern in der Schule ja auch etwas zum Nutzen für die eigenen Kinder... Und dabei ist er doch ein so stattlicher Mann, geht auf die Jagd... Ach..., aber unnahbar und hart und gefühllos.

 

Eine andere Mutter (beugt sich vertraulich etwas vor): Man hat erzählt, früher habe er an einem Elternsprechtag sogar seinen Dackel vor die Tür zu seinem Sprechzimmer gelegt, damit er möglichst von niemandem besucht wird... Wirklich ein unnahbarer, harter Mann...

 

Eine nächste Mutter (mit verbissenem Gesicht): Ja, das kann man ihm zutrauen... Jede freie Minute ist er im Wald... Selbst in Freistunden verschwindet er aus der Schule, statt für nötige Telefonate, kurzfristige Vertretungen oder außerplanmäßige Gespräche zur Verfügung zu stehen... Tiere totschießen, Schüler demotivieren, Eltern von sich fernhalten, das kann er... Der hätte besser General werden sollen!

 

Sokrates (denkt für sich): Eigentlich sollten Pädagogen auch in den Freistunden in der Schule bleiben. Und mit den Eltern sollte man gute Kontakte halten, aber trotzdem neutral bleiben...

Dieser Mann hätte wirklich besser den Soldatenberuf wählen sollen...

 

Aber dahinten wird sehr heftig von einem Vater über einen Lehrer geklagt. Mal hören, worum es hier geht.

 

Sokrates schlendert den Gang unauffällig entlang weiter und tut so, als wenn er sich die Bilder an den Wänden betrachtet, hört dabei aber aufmerksam zu.

 

Ein Vater (redet auf eine Gruppe von Eltern ein): Gegen diesen Lehrer hier müssen wir uns zusammen tun. Der mit seinem Niveau-Halten und Schulprofil bewahren... Uns geht es um die Abschlusszeugnisse unserer Kinder. Die sollen möglichst gut sein... Er soll lieber an die armen Schüler denken, die heute so schwer Arbeitsverträge bekommen, wenn sie keine guten Noten auf den Zeugnissen haben... Die Arbeitgeber fragen meistens nicht danach, was die Schüler wirklich können, sondern welche Noten sie haben... Da lobe ich mir den Klassenlehrer der Abschlussklasse. Der meint, in der Schule sollten möglichst alle Schüler mitkommen und versetzt werden und man solle auch bei einem Notenschnitt von 4,7 auf dem Zeugnis noch die Note 4 geben. Das ist ein guter Lehrer, der zeigt schülerfreundliches Verhalten... Die meisten anderen Lehrer in dieser Klasse haben sich in ihrer Notengebung diesem Denken klugerweise angepasst. Denn der Klassenlehrer ist gleichzeitig auch Stufenleiter und man soll sich mit den Vorgesetzten möglichst keinen unnötigen Ärger einhandeln...

 

Auch in diesem Jahr sollte nach dem Wunsch des Klassenlehrers in der Klasse meines Sohnes wieder keiner sitzen bleiben und jeder den Abschluss bekommen. Aber der Lehrer da drin hat einem Schüler in seinem Fach doch eine 5 gegeben, angeblich weil der nichts getan hätte. Und weil derjenige Schüler auch in Mathe eine 5 bekam, bleibt er sitzen und bekommt deshalb keinen Abschluss. Da hat die ganze Klasse gegen die beiden Lehrer den Aufstand gemacht. Sie sollten ihre Noten noch einmal überdenken... Ich habe den beiden Lehrern gesagt, dass das menschliche Größe wäre, wenn sie ihre 5en zu 4en ändern würden. Aber sie haben das beide nicht getan... Man müsse das Schulprofil bewahren, haben sie gesagt. Wie albern... Ich gehe heute in meiner Funktion als Klassenelternsprecher noch einmal zu den Beiden und werde ihnen nahe legen, ihre Noten nachträglich noch zu ändern. Dann werden die Zeugnisse eben neu geschrieben. Das ist das kleinere Übel für die Beiden. Bei der offiziellen Verabschiedungs-feier der Klasse nächste Woche werden wir sonst die Beiden vor allen Gästen fertig machen, das steht fest...

 

Ein anderer Vater aus dieser Gruppe (mutig): Ich meine, die beiden Lehrer haben richtig gehandelt und sich nicht dem Druck gebeugt. Ich habe meinen Sohn auf diese Schule geschickt, weil ich eine gewisse Bildung erwarte. Und wo eine Niveau-Untergrenze gezogen wird, da fallen Faule oder Ungeeignete eben durch... Ich werde mich bei den beiden Lehrern entschuldigen, wenn es zu dieser öffentlichen Verurteilung kommt. Meine Zustimmung wird sie nicht haben!

 

Sokrates (denkt für sich):Hier hat also ein Klassenlehrer zusammen mit dem Elternsprecher und der Klasse versucht, die Neutralität in der Notengebung der Lehrer zu untergraben und mit psychologischem Druck die Notengebung in seinem Sinne zu steuern. Dass die Schulleitung so etwas duldet... Und dieser Klassenlehrer ist sogar in der Schulleitung an untergeordneter Stelle tätig. Das verunsichert und spaltet vermutlich ein Kollegium. Dieser Stufen- und Klassenleiter hat offensichtlich die falsche Schulart für seine Tätigkeit gewählt. Schulen, wo alle möglichst mitkommen, können nicht gleichzeitig Schulen sein, die ein gewisses Niveau anstreben.

 

Alle Lehrer sind mittlerweile eingetroffen, einige allerdings mit Verspätung und der Eltern-sprechtag beginnt.

 

Sokrates beschließt, zuerst einmal kurz bei einem Lehrer zu hospitieren, vor dessen Tür einige auffällig gut angezogene Mütter mit ihren ca. 15/16-jährigen Töchtern sitzen. Das interessiert ihn. Er klopft an und geht hinein. Er trifft einen jungen, sehr sympathischen, sportlichen und gut aussehenden Lehrer an, der noch nicht lange von der Universität fort gegangen zu sein scheint und erst kurz an dieser Schule tätig ist. Sokrates erkennt sofort, dass er der Schwarm der heranwachsenden Schülerinnen ist und dass vorausplanende Mütter einen solchen Schwiegersohn nicht ungern sähen. Man kann ja mal an einem Elternsprechtag Andeutungen machen... Ob er verheiratet oder fest befreundet ist, ist noch nicht bekannt geworden.

 

Eine Mutter mit ihrer Tochter sitzt bereits im Sprechzimmer und Sokrates hört das Ende des begonnenen Gesprächs:

 

Die Mutter (zielstrebig): Ich sagte ja schon, meine Tochter lernt sehr gerne bei Ihnen. Sie ist von Ihnen ganz begeistert, Sie hätten so eine nette Art... Sie lernt hauptsächlich nur für Sie und strebt bei Ihnen möglichst gute Noten an. Und das hat sie ja auch erreicht... Besuchen Sie uns doch am Wochenende. Wir würden uns sehr freuen... Wir planen ein Grillfest im Garten... Ein Verwandter von uns ist auch Lehrer und kommt auch und ich glaube, Sie und er werden sich gut verstehen...

 

Der junge Lehrer (sichtlich etwas verlegen): Sie beschämen mich mit Ihrem unverdienten Lob. Aber schließlich lernt Ihre Tochter nicht für den Lehrer, sondern für sich. Und ich danke für die Einladung. Aber derzeit verbringe ich die Wochenenden nicht hier... Dann alles Gute weiterhin.

 

Eine andere Mutter mit ihrer Tochter kommt herein. Sie versucht, 2 Themen gleichzeitig in Übereinklang zu bringen.

 

Die Mutter (verlegen und verschmitzt zugleich): Dass meine Tochter nicht so gut lernt, das weiß ich, das akzeptiere ich auch. Geben Sie ihr das nächste Mal ruhig eine 5. Es tut ihr gut, wenn sie sitzen bleibt und einmal wiederholen muss. Wenn meine Tochter dann nur Sie weiter als Lehrer hat, dann ist alles trotzdem gut... Ach, meine Tochter schwärmt so für Sie und Ihren Unterricht... Könnten Sie meiner Tochter vielleicht Nachhilfe geben? Sie bekämen zusätzlich zu den Kosten auch regelmäßig einen Kuchen gebacken... Von meiner Tochter natürlich, denn die kann schon gut backen und kochen...

 

Sokrates schleicht sich schmunzelnd aus dem Raum. Er denkt dabei über die angenehme und gefährliche Position dieses jungen Lehrers nach.

 

Sokrates (sinniert für sich): Diese junge Lehrer und ihm ähnliche Typen haben es leichter und schwerer zugleich als andere Kollegen. Er hat es leichter, weil alles, was er sagt, tut und lehrt  richtiger, besser und erfolgreicher ist als bei den anderen Lehrern... Und er hat es schwerer, wenn schwärmende Schülerinnen und deren voraus denkende Mütter erfahren, dass er schon gebunden ist oder sich nicht den gemachten Angeboten öffnet. Dann wird die bisherige Gunst in Missgunst umschlagen und das könnte ihm manche Schwierigkeit bringen. Drücken wir ihm die Daumen...

 

Sokrates geht weiter in das Sprechzimmer eines Lehrers, den der Schulleiter ihm empfohlen hat. Es handelt sich um einen ausgesprochen pädagogisch-psychologisch interessierten Lehrer. Er hat sich intensiver mit pädagogischer Anthropologie und pädagogischer Psychologie befasst und versucht, den verschiedenen Schüler-Lerntypen spezielle Hilfen anzubieten, z.B. spezielle

psychologisch-pädagogische Betreuung, besondere Nachhilfe-Kurse, Literatur für die Eltern, Internet-Kurse usw. Er hat dadurch einen guten Ruf als Lehrer erworben.

 

Auch für diesen Sprechtag hat er gezielt die Eltern seiner „Sorgen-Schüler“ eingeladen, um ihnen zu raten und Hilfen zu empfehlen. Er hat ein ganzes Paket von Notizen, Broschüren und Berichten auf seinem Tisch liegen und wartet nun auf die eingeladenen Eltern. Bisher sind aber nur uneingeladene Eltern bei ihm gewesen. Sokrates nimmt unauffällig Platz. Eben kommt wieder ein Ehepaar in das Zimmer. Sie grüßen freundlich und nehmen am Sprechtisch Platz.

 

Die Eltern (abwechselnd): Wir kommen ohne dringenden Grund und uneingeladen. Bitte entschuldigen Sie trotzdem unser Kommen... Unser Kind hat keine Schwierigkeiten an dieser Schule. Wir möchten uns nur über das Verhalten unseres Kindes und über eventuelle Bereiche erkundigen, wo es noch besser werden könnte... Ihr Urteil ist uns wichtig, weil Sie als Lehrer einen guten Ruf genießen... Und außerdem sollen die Eltern ja Kontakt mit der Schule halten.

 

Der Lehrer: Sie brauchten tatsächlich nicht zu kommen. Das Verhalten und Lernen Ihres Kindes ist in jeder Hinsicht sehr positiv. Wenn alle Schüler so wären, wäre das Unterrichten nur Freude, ein Spaziergang.

 

Die Eltern (abwechselnd, sie strahlen geschmeichelt): Ach, das ist ja sehr erfreulich zu hören. Das werden wir unserer Tochter weiter sagen... Wir geben uns ja auch Mühe, unsere Kinder ordentlich zu erziehen. Vielen Dank... Wir möchten Ihre Zeit nicht unnötig beanspruchen.

 

Sie gehen. Gleich darauf kommt ein anderes Ehepaar herein, es hat erst zögerlich an die Tür

geklopft.

 

Das Ehepaar (zögerlich-freundlich): Wir wollten zuerst ja gar nicht kommen. Aber da heute schulfrei ist, wollten wir die Verwandten besuchen. Die wohnen hier um die Ecke und da haben wir gedacht, wir kommen doch mal kurz vorbei. Eltern sollen ja zeigen, dass sie Interesse an der Schule zeigen. Vermutlich werden wir aber keine Probleme hören, oder? Ihr Urteil ist uns wichtig, weil Sie als Lehrer einen guten Ruf genießen...

 

Der Lehrer (seufzt): Sie brauchten tatsächlich nicht zu kommen. Das Verhalten und Lernen Ihres Kindes ist in jeder Hinsicht sehr positiv. Wenn alle Schüler so wären wie Ihr Kind, wäre das Unterrichten nur Freude, ein Spaziergang...

 

Die Eltern (abwechselnd, sie strahlen geschmeichelt): Ach, das ist ja sehr erfreulich zu hören. Das werden wir unserem Kind weiter sagen. Wir geben uns ja auch große Mühe, unsere Kinder ordentlich zu erziehen. Vielen Dank. Wir möchten Ihre Zeit nicht unnötig beanspruchen...

 

So geht das mehrere Male. Es kommen Eltern, die es nicht nötig haben zu kommen und der Lehrer seufzt immer länger, denn er denkt an die aufwendigen Vorbereitungen für die erwar-teten Beratungsgespräche, die er sich gemacht hat. Sokrates geht leise wieder aus dem Sprechzimmer. Er versteht den Lehrer und sein Seufzen.

 

Sokrates (sinniert): Diejenigen Eltern, die kommen müssten, kommen nicht, dafür kommen Eltern, die es eigentlich nicht nötig hätten, die sich nur eine Schmeichel-Einheit von den Lehrern über ihre gut erzogenen Kinder abholen möchten. Das erleichtert zwar einen solchen Sprechtag für die Lehrer, aber dafür brauchte man eigentlich kein Schulfrei anzusetzen, dafür würden auch kurze Telefongespräche ausreichen.

 

Anschließend geht Sokrates zu einem Lehrer, aus dessen Sprechzimmer laute Gespräche und heftige Worten dringen. Sokrates setzt sich leise in das Zimmer hinten hin und analysiert zuerst einmal kurz den Lehrer. Er vertritt nur 2 Nebenfächer. Es handelt sich um einen etwas schüchternen und unsicher wirkenden Mann, klein und zart gebaut, mit leiser Stimme, der sich leicht einschüchtern lässt. Das nutzen Eltern einerseits aus, um ihn bezüglich der Notengebung unter Druck zu setzen und andererseits um bei ihm ihren prinzipiellen Ärger über die Schule abzuladen, den sie sich anderswo nicht abzuladen trauen. Er ist gewissermaßen Ersatzventil. Vor diesem Lehrer sitzen erregte, wütende Eltern. Der Ton ist ziemlich rüde.

 

Die Eltern (abwechseln): Uns passt Vieles nicht, bei Ihnen nicht und an der ganzen Schule nicht, bezüglich des Unterrichts, bezüglich des Umgangs mit den Schülern und bezüglich der Notengebung. Was denken Sie sich speziell und die Schulleitung im Allgemeinen eigentlich dazu? Wir gehen auf die Barrikaden, wir beschweren uns sogar beim Kultusminister, wenn es sein muss. Wenn Sie speziell und wenn die Schule sich nicht gewaltig ändern...

 

Der Lehrer (wird immer unsicherer): Ich möchte ja gerne auf Sie Rücksicht nehmen, Ihnen entgegen kommen. Ich werde mich bemühen, dass wir gut miteinander auskommen. Was soll ich denn konkret nach Ihrer Meinung überdenken?...

 

In diesem Stil geht es weiter, der Lehrer wird immer weicher und ängstlicher. Die Drohung mit dem Kultusministerium wirkt offensichtlich. Solche Gespräche gefallen Sokrates aber nicht und er verlässt leise den Raum.

 

Sokrates (sinniert): Wenn dieser arme Lehrer doch mal mit der Faust auf den Tisch hauen und richtig brüllen würde... Das wäre das Wichtigste, was ihm gegen diese erbarmungslosen Eltern helfen würde. Solchen sensiblen, unsicheren Menschen sollte man empfehlen, nicht das Lehramt zu ergreifen oder zumindest 2 Hauptfächer als Unterrichtsfächer zu wählen, damit sie mehr Ansehen hätte... Oder sie sollten Selbstverteidigung als Dauersportart wählen und den schwarzen Lehrergürtel anstreben... Die Schule ist auch eine Theaterbühne und verlangt von den Lehrern Eindruck zu machen... und ein erfolgreiches Imponiergehabe. Wer die Schule, die Eltern und die Schüler rein idealistisch sieht, wird langfristig eine Enttäuschung erleben.

 

Dann schlendert Sokrates weiter durch das Schulgebäude. Er kommt an ein Sprechzimmer, vor dem die Eltern recht still sitzen und Eltern nach dem Gespräch mit dem betreffenden Lehrer etwas eingeschüchtert heraus kommen. Das interessiert Sokrates und er schleicht sich auf leisen Sohlen in das Zimmer. Dort analysiert er diesen Lehrer. Es handelt sich um einen sehr großen, kräftigen Mann mit tiefer Stimme und scharfem Blick, selbstbewusst und dominierend. Er vertritt 2 Hauptfächer, hat promoviert, war vor seinem Schuldienst noch einige Zeit an einer Hochschule als Assistent tätig und hat zwei wissenschaftliche Bücher veröffentlicht. Er ist bekannt, dass er keine Kritik annimmt und immer auf seinen beruflichen Werdegang und seine wissenschaftlichen Erfolge verweist.

 

Vor diesem Lehrer sitzt ein Elternpaar, etwas verschüchtert, und Sokrates hört gerade, wie der Lehrer sagt:

 

Der Lehrer (selbstbewusst): Ich möchte das Gespräch nicht weiter fortsetzen. Ich verweise auf meine Kompetenzen und meine beruflichen Erfolge und Erfahrungen. Sie sollten bei sich und ihrem Sohn einmal nach den Ursachen für die schlechten Leistungen forschen. Da werden Sie schnell fündig werden. Wenn Sie Gründe anderswo suchen und sehen, dann zeigt das nur, dass Sie sowohl pädagogisch als auch fach-thematisch völlig inkompetent sind.

 

Damit steht er auf und geht unmissverständlich zur Tür, die er den Eltern als eine klare Auf-forderung zum Gehen öffnet. Die Eltern gehen auch und wagen nicht, weiter etwas zu sagen.   

 

Die nächsten Eltern zögern immer etwas, bevor sie in das Zimmer gehen. Sokrates erlebt diesen Ablauf noch mehrere Male und jedes Mal dabei die stereotypen Schlusssätze des Lehrers. Das macht ihn nachdenklich.


Sokrates (sinniert): Das ist wie in der großen Politik und im Geschäftsleben. Die Großen, Starken, Selbstbewussten mit tiefer Stimme haben es leichter, setzen sich leichter durch. Das haben wissenschaftlich-anthropologische Untersuchungen erwiesen. Der äußere Typus des Sprechers ist oft erfolgreicher als die Inhalte, die vertreten werden. Untersuchungen haben ergeben, dass in die Führungspositionen der freien Wirtschaft überdurchschnittlich häufig

Größergewachsene aufsteigen, einfach weil ihnen mehr Respekt und Durchsetzungskraft zugesprochen wird. Ähnlich scheint es in der Schule zu sein. Die Eltern und Schüler haben jedenfalls mehr Respekt vor solchen beeindruckenden Typen als vor dem sensiblen, zart gebauten Nebenfachlehrer vorhin.

 

Sokrates besucht noch weitere Lehrer an diesem Tag. Er trifft auf väterliche Lehrer wie den Schulleiter, mütterliche Lehrerinnen wie seine Konrektorin, auf Drückeberger und Fleißige...

Aber er kam ja eigentlich wegen der Schüler und Eltern. Und dabei fiel ihm auf, dass viele von denjenigen Eltern, die am dringendsten eingeladen waren und auf jeden Fall kommen sollten, nicht gekommen sind. Vermutlich haben diese gar kein Interesse daran, was ihre Kinder in der Schule machen und sie wollen Unangenehmes gar nicht hören... So kann man auch reagieren.

 

Der Abschluss des Elternsprechtages ist noch ganz interessant. Als die festgesetzte Sprechzeit abgelaufen ist, packen die meisten Lehrer demonstrativ ihre Taschen und machen sich zum Gehen fertig. Manchmal sitzen aber noch Eltern vor einigen Sprechzimmer-Türen, die noch nicht die ganze Runde der Lehrerbesuche geschafft haben oder die aus beruflichen Gründen erst relativ spät in die Schule kommen konnten. Solchen Nachzügler gegenüber sind dann viele Lehrer etwas ungehalten und entsprechend kurz werden dann auch die Gespräche.

 

Zwei Lehrer fallen Sokrates an diesem frühen Abend konkreter auf. Der eine schaut nicht auf die Uhr, sondern ist für alle Eltern weiter geduldig da, die verspätet kommen, und nimmt sich die Zeit für die gewünschten Gespräche. Der andere steht an der Tür, schließt ab und sagt kurz zu der Mutter, die draußen noch gewartet hat, um mit ihm zu sprechen:

 

Der Lehrer: Die Zeit ist um, kommen Sie am nächsten Elternsprechtag in einem halben Jahr bitte etwas früher wieder. 

 

Sokrates fand diese Bemerkung unmöglich und hat sie auch dem Schulleiter mitgeteilt.

 

(Aufgeschrieben von discipulus socratis, dem Sokrates dann von diesem Tag berichtet hat. Der Discipulus socratis fügt hinzu, dass er in seiner früheren Lehrerzeit Vieles davon genau so oder ähnlich erlebt hat)

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.02.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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