Hermann Weigl

Die Drachenreiter von Arctera (Teil 5)

Elisabietha verspürte nun Angst wie noch nie zuvor in ihrem Leben - nicht um sich selbst, sondern um das Leben ihrer Freundin. „Das werdet Ihr nicht tun. Dann müsst Ihr schon vorher mich töten.“
„Ehrenwerter Ritter“, sagte nun Unari mit einer Stimme, die alle anderen übertönte. „Ihr könntet mir mit dieser Lanze gar keinen Schaden zufügen. Nun hört auf die Worte der Prinzessin und beendet Euren Angriff.“
Der Ritter war nur noch wenige Pferdelängen von der Prinzessin entfernt. Er zügelte sein Pferd und klappte das Visier hoch. Maßloses Erstaunen stand dort geschrieben.
„Ich bin in friedlicher Absicht gekommen“, sagte die Drachin. „Und wir wollen doch unsere Gespräche ohne Waffen führen.“
Die Prinzessin wich nicht von der Seite ihrer Freundin, und legte ihre Arme schützend um deren Kopf - soweit dies möglich war.
„Jetzt ruft nach meinem Vater“, rief Elisabietha mit dem letzten Rest an Beherrschung. „Wir überbringen eine Botschaft.“
Erst jetzt fiel der Prinzessin auf, wie viele Menschen inzwischen zusammengelaufen waren. Die Soldaten waren nun in der Minderzahl und wurden einfach zur Seite gedrängt.
Einen der Männer, der sich am weitesten vorwagte, erkannte die Prinzessin wieder. Es war der Jäger, der ihr von seinem Erlebnis im Sumpf berichtet hatte.
„Jäger!“, rief sie. „Komm zu mir. Sie ist nicht gefährlich.“
Der Angesprochene wagte sich noch näher, und sah sie und die Drachin an, als wäre ihr plötzlich ein zweiter Kopf gewachsen.
„Jäger! Stell dich neben mich. Beschütze die Drachin gemeinsam mit mir!“ Dann wandte sie sich an die Anwesenden. „Ich bitte euch, ihr lieben Leute. Helft mir! Beschützt die Drachin!“
Ein Stallbursche war schließlich der erste, der sich aus der Menge löste, und die Hand des Jägers ergriff. Als wäre dies ein Signal gewesen, kamen weitere Menschen auf die Prinzessin zu: Ihre Zofe, eine Küchenmagd, ein Diener, die dicke Köchin, und noch viele andere.
Und so bildete sich bald ein schützender Wall aus Burgbewohnern zwischen Unari und den Soldaten und Rittern.
Immer mehr Menschen kamen auf die Wiese. Die Prinzessin erkannte auch viele Gesichter der Dorfbewohner. Alle schienen gleichzeitig zu reden. Der Lärm war ohrenbetäubend.
Irgendwann wurde mit Fanfaren und lauter Stimme der König angekündigt, die Menge teilte sich, und der Vater der Prinzessin trat durch die Lücke, flankiert von seinen Elitesoldaten. Als sein Blick auf die Drachin fiel, stutzte er, und hielt in seinem Schritt inne.
Die Menge verstummte allmählich, und die Prinzessin trat etwas zur Seite, so dass ihr Vater freien Blick auf den Kopf der Drachin hatte. „Vater, das ist Unari. Sie überbringt eine Botschaft vom König der Drachen.“
Unari sah ihn direkt an. „Ich grüße Euch, Majestät, und ich überbringe auch die Grüße meines Königs.“
Der Blick des Königs glitt von der Drachin zu seiner Tochter, die ihn mit einer Geste aufforderte, zu antworten.
„Nehmt auch meinen Gruß, ehrenwerte Botschafterin.“
Elisabietha atmete auf. Ihr Vater war ein intelligenter Mann, der die Besonderheit des Augenblicks erfasste. Und er verstand sich auf ausreichend Diplomatie, dass er auf das Gespräch einging.
„Nun hört die Nachricht, die ich zu überbringen habe, Majestät“, begann die Drachin. „Ich habe mit unseren Alten gesprochen. Sie haben mir von einer Prophezeiung berichtet, die von Generation zu Generation weitergegeben wird, und mir aufgetragen deren Wortlaut an Euch weiterzugeben.“ Unari legte eine kurze Pause ein, bevor sie weiter sprach. „Und es wird der Tag kommen, an dem Drachen und Menschen wieder miteinander sprechen werden. Und es werden zwei Kinder von königlichem Blut geboren werden - am gleichen Tage, zur selben Stunde. Und dann wird ein neues Zeitalter anbrechen - eine Zeit des Friedens. Die Menschen werden ihre Streitigkeiten beenden, und die Waffen niederlegen. Und Menschen und Drachen werden den uralten Bund neu schmieden.“
„Ich danke Euch“, brachte der König hervor.
„Und nun erlaubt mir, dass ich mich zurückziehe.“
„Gewährt“, antwortete Erkul.
„Prinzessin“, sagte Unari. „Die Menschen sollten etwas zurücktreten.“
Nachdem dies geschehen war, schwang sich die Drachin in die Lüfte, und war bald in der Ferne verschwunden.
Der König löste erst seinen Blick vom Horizont, als die Prinzessin seine Hand nahm.
„Deswegen hast du dich immer aus der Burg geschlichen?“
„Ja, Vater.“
„Warum hast du nicht davon erzählt?“
„Hättest du mir geglaubt?“
„Nein“, erwiderte er mit einem Seufzer. „Wahrscheinlich nicht. Aber jetzt komm. Ich muss meine Berater sprechen.“

Im Audienzsaal herrschte beträchtliche Aufregung, als die Prinzessin dort ankam. Ritter, Edelmänner, Hofdamen und Zofen waren anwesend, und alle schienen gleichzeitig zu reden. Zu allem Überfluss fiel eine  der Edeldamen in Ohnmacht. Als sie zu Boden sank, wollten ihr zwei Männer gleichzeitig zu Hilfe eilen und in dem herrschenden Tumult stießen sie mit den Köpfen zusammen.
Es kehrte erst dann Ruhe ein, als sich der Haushofmeister mit energischer Stimme Gehör verschaffte.
„Meister Gaius“, sagte der König. „Ihr habt die Worte des Drachens vernommen. Was haltet Ihr von der Prophezeiung?“
„Unabhängig davon, wie diese Worte an uns herangetragen wurden, sollten wir über deren Bedeutung nachdenken.“
„Und dieses riesige Wesen? Ich kenne sie aus uralten Sagen, oder Geschichten, die ich als Kind gehört habe.“
Die Prinzessin gab Gaius das Buch, das sie sich geliehen hatte.
Der Gelehrte schlug die Seite auf, die die Abbildung eines Drachen aufwies, und zeigte sie dem König. „Majestät, vor Zeiten, die so lange zurückliegen, dass es kaum noch Aufzeichnungen darüber gibt, haben diese Wesen die Lüfte beherrscht.“
„Ihr wusstet also von deren Existenz?“
„In der Tat habe ich schon mit Menschen gesprochen, welche diese Wesen gesehen haben.“
„Wieso habt Ihr nie davon erzählt?“
„Weil ich niemals darauf angesprochen wurde, Majestät.“
„Hm, na gut.“
Die Prinzessin hatte eine Idee. Sie wies einem Diener an, den Jäger zu holen.
Nachdem Gaius seine Ausführungen beendet hatte, trat sie mit dem Jäger vor ihren Vater hin, und bat den Mann, seine Beobachtungen zu wiederholen.
„Ich danke dir, Jäger. Niemand wird jetzt noch an deinen Worten zweifeln. Du darfst wieder gehen.“ Dann wandte er sich an Gaius. „Es ist schwer, zu akzeptieren, dass die uralten Legenden wahr sind. Aber wir müssen uns nun damit abfinden. Und was die Aussage der Drachin angeht. Wie sagte sie? Zwei Kinder von königlichem Blut werden geboren - am gleichen Tage, zur selben Stunde. Es kann sich dabei wohl nur um Zwillinge handeln.“ Sein Blick ruhte auf seiner Tochter. „Deiner Hochzeit steht nun also nichts mehr im Wege.“
Für die Prinzessin schien die Welt unterzugehen. In all der Aufregung hatte sie daran gar nicht mehr gedacht.

(C) 2011 Hermann Weigl

Fortsetzung folgt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.02.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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