Anschi Wiegand

Der kleine Stern und der Löwe

Eine Fabel:

Der kleine Stern und der Löwe

Es war einmal ein kleiner Stern. Eines Nachts fiel er auf die Erde herab und landete dort mitten im Dschungel. Ein bissel verwirrt lag er da, als er plötzlich angesprochen wurde. "Wer bist denn du?" fragte vor ihm ein großer Löwe. Der Stern erschrak, denn er hatte einmal gehört, dass Löwen gefährliche Tiere sind. "Ich bin ein kleiner Stern. Ich bin vom Himmel gefallen und bin ganz fremd hier....und ich habe große Angst. Bitte, tu mir nichts!" antwortete der Stern furchtsam. "Keine Angst," antwortete der Löwe, " ich bin ein ganz lieber Löwe! Wenn du willst, helfe ich dir, dich im Dschungel zurechtzufinden!" Da war der kleine Stern erleichtert und nahm erfreut das Angebot des Löwen an.
Von nun an verbrachten die Beiden viel Zeit miteinander. Der Löwe machte den Stern mit den Geheimnissen des Dschungels vertraut und der Stern erzählte seinem Freund, was er im Himmel so alles erlebt hatte. Für Beide war es total spannend, immer mehr aus der Welt des Anderen zu erfahren, und je mehr sie voneinander erfuhren, desto vertrauter wurden sie. Obwohl sie so verschieden waren und aus ganz verschiedenen Welten stammten, wurden sie alsbald die besten Freunde. Sie waren so vertraut miteinander, dass keiner sich vorstellen konnte, jemals wieder ohne den anderen zu sein.
Manchmal dachte der kleine Stern noch an seinen Platz im Himmel, der jetzt leer stand. Sicher vermissten ihn seine Freunde dort oben, aber der kleine Stern fühlte sich so wohl im Dschungel, dass er keinen Gedanken an eine Rückkehr verschwendete. Und der Löwe freute sich sehr, dass der Stern immer Zeit für ihn hatte, wenn er einen Freund brauchte.
Eines Tages saßen die Beiden am Ufer eines Meeres am Rande des Dschungels und bewunderten den Sonnenuntergang. Der Löwe erzählte dem Stern, wie wunderbar es sei, in diesem Meer zu baden. "Ich würde das gerne versuchen," sagte der kleine Stern, "aber ich kann nicht schwimmen, und wenn ich untergehe, verliere ich all meinen Sternenglanz."
"Du musst keine Angst haben", erwiderte der Löwe, "ich zeige dir, wie das geht und bleibe immer an deiner Seite, dann kannst du nicht untergehen!" Da war der Stern sehr glücklich und von nun an übten sie jeden Abend im Meer schwimmen und hatten viel Freude daran. Sie blieben aber immer in der Nähe des Ufers, weil der Stern doch noch sehr unsicher war und Angst vor dem Untergehen hatte.
Der Löwe hatte inzwischen schon fast vergessen, dass der Stern aus einer anderen Welt stammte, und auch der kleine Stern hatte sein früheres Leben kaum noch im Gedächtnis. Sie freuten sich über ihre Freundschaft und über die Dinge, die sie voneinander gelernt hatten.
An einem Abend fasste der kleine Stern seinen ganzen Mut zusammen und sagte seinem Freund, dass er nun bereit sei, mit ihm auch ein Stück weiter hinaus zu schwimmen, so weit, dass sie keinen Boden mehr unter den Füßen haben würden - wenn, ja wenn der Löwe nur an seiner Seite bliebe, hätte er keine Angst. "Ich habe dir doch gesagt, dass ich immer an deiner Seite bleibe", antwortet da der Löwe - und gemeinsam schwammen sie hinaus. Der Löwe merkte erst gar nicht, dass der Stern schon recht bald heftig strampeln musste, weil er ja viel kleiner war und den Boden viel eher verlor. Als er selber dann im tiefen Wasser war, spürte er voll Wonne, wie die Wellen um seinen Körper plätscherten. Ihn überkam ein Freiheitsdrang, wie er ihn schon lange nicht mehr verspürt hatte - und in langen, kräftigen Zügen schwamm er in großen Bögen um seinen Freund herum. Immer größer wurden die Bögen und immer weniger nahm er wahr, dass der kleine Stern sich mittlerweile nur noch mit Mühe über Wasser halten konnte. Nur von ferne nahm er die Hilferufe seines Freundes wahr, während er dieses Freiheitsgefühl in sich immer stärker werden spürte. "Du packst das schon!" brüllte er von Weitem, während der Stern fassungslos und verzweifelt um Hilfe schrie, während er immer wieder unterging.
Inzwischen war es schon ganz dunkel geworden und der Sternenhimmel leuchtete in der Nacht. Der kleine Stern erblickte beim Kampf im Wasser seine alten Freunde und mit letzter Kraft sandte er einen Hilferuf zum Himmel.
Da erbarmte sich Papa Mond seines kleinen Ausreißers und sandte einen langen Strahl ins Wasser, an dem sich der Stern mit Mühe festklammerte - und an dem er dann hinaufgezogen und liebevoll an seinen alten Platz am Himmel gesetzt wurde. Blass und erschöpft saß er nun da, inmitten seiner alten Freunde, und konnte einfach nicht glauben, dass sein bester Freund ihn im Stich gelassen hatte, als er ihn am meisten gebraucht hätte.
Der Löwe aber saß inzwischen am Ufer und wunderte sich. Er hatte den Mondstrahl im Wasser gerade noch verschwinden sehen und begriff nicht, warum der kleine Stern so ohne Abschied gegangen war...
Seit diesem Tag sitzt der Löwe jeden Abend traurig am Strand und schaut in den Sternenhimmel, in der Hoffnung, sein kleiner Freund käme vielleicht nochmals herunter. Doch der kleine Stern passt nun sehr auf - nur manchmal winkt er seinem Freund da unten zu, denn er hat ihn immer noch sehr lieb - und das sieht dann immer aus, wie ein Blinken......

eine Geschichte über Freundschaft, Vertrauen und Enttäuschung, wie sie jeder irgendwann im Leben mal erleben könnte......und vielleicht auch sollte......

Es ist schön, dass meine Fabel hier so viele Leser findet. Es würde mich aber auch interessieren, wie sie gefällt...und ob sie verstanden wird. Also scheut euch nicht, einen Kommentar zu verfassen!
Lieben Gruß!

Anschi
Anschi Wiegand, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.01.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Riss im Herz von Anschi Wiegand



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