Hermann Weigl

Die Drachenreiter von Arctera (Teil 6)

Mit jedem Tag, den der Zeitpunkt der Vermählung näher kam, schwand die Hoffnung der Prinzessin mehr, noch in letzter Minute einen Ausweg zu finden.
Um sich von ihrem Unglück anzulenken, hatte sie Unari gerufen, und unternahm mit ihrer Freundin einen Ausflug, der sie weit von der elterlichen Burg wegbrachte. Hatte sie doch gehofft, dass die Drachin und die Entfernung zu ihrem Zuhause ihre Stimmung bessern würde, musste sie feststellen, dass ihre Schwermütigkeit diesmal nicht ihrer sonstigen Fröhlichkeit weichen wollte.
Elisabietha war in Gedanken versunken, und hatte nur wenig auf ihren Weg geachtet. So registrierte sie mit leichtem Erschrecken, dass sie gerade die finsteren Schlachtfelder überquerten.
„Unari, wo bringst du mich hin?“
„Ich dachte, ich hätte da etwas gehört. Ich muss näher heran, um sicher zu gehen.“
„Was denn? Was hast du gehört?“
„Vertrau mir einfach, Prinzessin.“

Sie ließen die weiten Flächen von Kornfeldern hinter sich, und flogen über ein Waldstück, das ein Weg der Länge nach durchzog. Die Sonne stand so, dass sich der mächtige Schatten der Drachin auf den Baumwipfeln abbildete, und so konnten sie die beiden Reiter, die dort unterwegs waren, unbemerkt passieren. Weiter vorne unterbrach eine Lichtung das Dach des Waldes, und dort ging Unari nieder.
„Sagst du mir nun, was das zu bedeuten hat?“, fragte die Prinzessin.
„Ich glaube, dass einer der beiden Menschen die Kopfstimme hat.“
„Aber es sind Feinde“, warf die Prinzessin ein.
„Es sind Menschen, wie du. Hab keine Angst.“

Prinz Tarrabas von Agostina wollte dem ganzen Getümmel um die Vorbereitungen für seine Hochzeit zumindest für ein paar Stunden entfliehen. Er hatte lederne Jagdkleidung angelegt, und seinem Diener Max befohlen, die Pferde zu satteln. Bewaffnet mit einem doppelt geschwungenen Jagdbogen und Schwert, waren sie zur Jagd geritten. Vielleicht gelang es ihm, ein Tier zu erlegen, das einen saftigen Braten abgab.
Ohne zuerst ein bestimmtes Ziel vor Augen zu haben, war er in den Wald zu Falun geritten. Dort auf der weiten Lichtung hoffte er auf Wild zu treffen, das sich zum Äsen aus dem Unterholz hervorwagte.
Was er dann aber dort sah, war jedoch von solcher Ungewöhnlichkeit, dass er sein braves Pferd ungewollt so heftig zügelte, dass es protestierend schnaubend zum Stehen kam.
Der Leib des größten Tieres, das er jemals gesehen hatte, ruhte auf der Lichtung. Schuppen schimmerten wie Metall im Sonnenlicht. Ein muskulöser langer Hals trug einen mit Dornenfortsätzen bewehrten Kopf.
Und als wäre alleine die Anwesenheit dieses Tieres noch nicht ungewöhnlich genug, bemerkte er neben dessen mächtigen Schädel eine junge Frau, die im Vergleich zu dem gewaltigen Untier klein wie eine Puppe wirkte. Das Tier hatte den riesigen Kopf so weit herabgesenkt, dass er beinahe den Boden berührte. Aber dennoch reichte er der Frau, die neben ihm stand, beinahe bis zur Schulter. Eine Hand hatte sie auf das Haupt des Wesens gelegt.
Im Reflex zog er sein Schwert, und richtete die Klinge drohend erhoben in Richtung des Untiers.
„Achtet auf Euer Pferd, edler Herr“, sagte die Frau mit glockenheller Stimme. „Würde es nicht eine Gefahr verspüren, wenn sie von uns ausgeht? Bemerkt Ihr, dass es unruhig wird?“
Sprachlos vor Staunen glitt der Blick des Prinzen zwischen dem Tier und dem Mädchen hin und her.
„Majestät, was ist das?“, fragte sein Diener mit leiser Stimme.
„Das ist Unari, meine Freundin“, sagte das Mädchen. „Sie ist eine Drachin, ein denkendes, fühlendes Wesen - genauso wie Ihr.“
„Eure Freundin? Eine Drachin?“
„Nun steigt ab, edler Herr. Wir sind gekommen, um mit Euch zu sprechen.“ Dann wandte sie sich an die Drachin. „Ist er es?“
„Ja“, antwortete die Angesprochene. „Er ist es.“
Der Prinz steckte sein Schwert weg, glitt aus dem Sattel und warf die Zügel seinem Diener zu.
Mit einem unwohlen Gefühl im Magen machte er ein paar Schritte auf die Fremde zu. Aber wenn es gefährlich wäre, würde dann die Unbekannte wagen, dieses Tier zu berühren?
Drei Schritte vor dem Mädchen blieb er stehen.
Und nun wurde dem Prinzen klar, dass sie die bezauberndste junge Frau war, die er jemals gesehen hatte.
Mandelförmige Augen von der Farbe reinsten Quellwassers blickten ihn aus einem blassen Gesicht an, dessen Haut an feinstes Porzellan erinnerte. Eine Fülle an Locken von der Farbe der aufgehenden Sonne verlieh ihrem Antlitz die Schönheit eines Engels.
Mit einemmal bemerkte er, wie sich die Wangen der jungen Frau röteten, was sie noch viel hübscher aussehen ließ.
Und auch dem Prinzen stieg die Hitze ins Gesicht.
„Bitte erlaubt, dass ich mich vorstelle“, meinte der Adlige mit einer Verbeugung. „Prinz Tarrabas von Agostina.“
Die unbekannte Schöne sah ihn nur mit traurigen Augen an.“
„Warum seid Ihr so bekümmert?“, fragte er.
„Weil ich...“, setzte sie an. „Das geht Euch gar nichts an“, meinte sie schnippisch.
„Nun. Wenn Ihr es mir nicht verratet, dann kann ich Euch nicht helfen.“
„Niemand kann mir helfen. Nur mein Vater. Er ist an allem schuld.“
„Euer Vater?“
„König Erkul.“
„Ihr seid Prinzessin Elisabietha?“, erwiderte der Prinz mit Überraschung in seiner Stimme.
„Majestät, sie wäre eine sehr wertvolle Geisel!“, warf der Diener ein.
„Still. Misch dich da nicht ein“, wies der Prinz seinen Begleiter zurecht. Dann wandte er sich wieder an Elisabietha.
„Was hat Euch Euer Vater angetan?“
„Fragt mich lieber, was er mir antun wird.“
„Nun, denn. Was wird er Euch antun?“
„Er wird mich verheiraten.“
„Aber das ist doch ein wunderbares Ereignis im Leben einer jeden jungen Frau. Was stört Euch daran?“ Gleichzeitig dachte der Prinz an seine eigene bevorstehende Vermählung, die ihm ebenfalls Kopfzerbrechen bereitete.
„Ich mag ihn nicht. Am liebsten würde ich gar nicht heiraten - zumindest noch nicht. Aber es sind nur noch wenige Tage bis zu meinem achtzehnten Geburtstag.“
„Wie eigenartig. Auch ich werde bald den achtzehnten feiern.“
„Zur Sonnenwende?“
„Woher wisst Ihr das?“
„Weil ich selbst...“
„Mit dem ersten Hahnenschrei?“
„Mit dem ersten Hahnenschrei.“
Die Prinzessin wurde plötzlich sehr blass, und die Drachin gab ein gewaltiges Schnauben von sich, das den Königssohn erschrocken zurückweichen ließ.
„Hast du das gehört, Unari?“, fragte Elisabietha.
„Die Prophezeiung!“, sagte die Drachin. „Wir hatten sie falsch gedeutet!“
„Welche Prophezeiung?“, fragte der Prinz. Seine Neugierde war geweckt. Wenn die gewaltige Drachin, die sich bisher so ruhig verhalten hatte, derart darauf reagierte, dann musste die Tatsache ihrer gleichen Geburtsstunde eine hohe Bedeutung für sie haben.
„Prinzessin, hättet Ihr die Güte, mir zu erklären, worum es sich bei der Prophezeiung handelt?“
Und er hörte die ungewöhnlichste Geschichte seines Lebens.
„Dann liegt es nun an uns beiden, dass diese sinnlosen Kriege endlich beendet werden“, erkannte der Königssohn.
„Es muss ein Ende finden. Oder sollen sich auch zukünftige Generationen gegenseitig abschlachten, bis irgendwann der letzte Krieger Agostinas den letzten aus Iskandar erschlägt? Prinz, ich bitte Euch. Vertraut mir. Sprecht mit Niemandem über die Prophezeiung - vorerst nicht. Zuviel hängt davon ab. Erwartet mich in zwei Tagen bei Sonnenaufgang im Niemandsland, beim Turm.“
„Ich werde dort sein. Ich verspreche es. Bei meiner Ehre.“
Nach diesen Worten stieg die Prinzessin auf den Rücken der Drachin, und diese erhob sich mit Flügelschlagen in die Lüfte, die so mächtig waren, dass sie das Laub der umstehenden Bäume zum Rauschen brachten.
Max war neben ihn getreten und sah der Drachin mit offenem Mund nach.
„Träumen wir, Majestät?“, fragte der Diener, nachdem auf der Lichtung wieder Stille eingetreten war.
Der Prinz ging wortlos zu der Stelle hinüber, wo das Fabelwesen gesessen hatte, kniete nieder, und besah sich die Abdrücke im Boden.
„Majestät, habt Ihr schon jemals solche Spuren gesehen?“
Tarrabas schüttelte den Kopf. „Max, ich glaube es ist besser, wir behalten dieses Erlebnis bis auf weiteres für uns.“
„Glaubt Ihr die Geschichte von der Prophezeiung?“
„Heute Morgen hätte ich auch noch nicht geglaubt, dass es Drachen gibt.“

(C) 2011 Hermann Weigl

Fortsetzung folgt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.02.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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