Klaus-D. Heid

Disput über den Tod

„Begreifen Sie doch, dass der Tod mir völlig egal ist! Er berührt mich nicht im Geringsten! Wenn er es eines Tages wagt, an meine Tür zu klopfen, werde ich ihm ein bisschen Geld geben – und dann verzieht er sich wieder... ! Oder meinen Sie etwa, der Tod wäre jemand, der nicht käuflich ist? Er ist ebenso zu manipulieren wie alle, die ich bislang kennen gelernt habe!“

„Sie werden noch mal überrascht sein, wie sehr Sie sich täuschen, Hoffmann!“

„So? Werde ich das? Humbug! Firlefanz! Ich verfüge über ausreichende Mittel, um mir dieses Schreckgespenst, das es ja wohl für arme Schlucker ist, vom Leibe zu halten! Was meinen Sie? Eine Million? Zehn Millionen? Na und? Mich wird es nicht ärmer machen, und der Tod kann sich ein von meinem Geld mal so richtig ausleben! Ich sage Ihnen, dass es nichts gibt, das nicht zu kaufen ist... !“

„Aber der Tod... „

„Der Tod? Wer ist das schon? Warum machen sich immer alle in die Hosen, wenn sie vom Tod reden? Ich sage Ihnen, dass den meisten Leuten bloß der nötige Mumm fehlt, um sich diesen Kasper vom Hals zu halten! Courage, Mann! Courage und Rückrat! Das sind die Allheilmittel, die tausend mal besser helfen, als fromme Sprüche und sinnlose Gebete zu einem Gott, der als Schöpfer von Allem, ja wohl auch den Tod ins Leben gerufen hat, oder?“

„Sie sind ein blasphemischer Ignorant! Wenn eines Tages Ihre Stunde schlägt, möchte ich nicht zusehen, wie Sie um Gnade winseln!“

„Glauben Sie wirklich? Habe ich nicht schon ganz andere Gefahren in meinem Leben abgewehrt? Was sollte mich noch schrecken, hm?“

„Die Erfahrung, dem Tod ins Antlitz zu sehen, haben auch Sie noch nicht gemacht, Hoffmann!“

„Um so besser! So verstehe ich es dann als eine neue Herausforderung, der ich mich zu stellen habe!

Aber warum, mein geschätzter Freund, sollte ich den Schwanz einziehen, bevor es soweit ist? In der Geschichte gibt es ausreichend Beispiele dafür, dass der Tod jemand ist, der mit sich handeln lässt! Lesen Sie Brecht; lesen Sie Sartre, Camus – oder lesen Sie meinetwegen auch die wunderbaren Märchen der Brüder Grimm! Wenn Ihnen das mehr liegt, können Sie es auch mit der Bibel versuchen! Oder war es nicht dieser ‚Lazarus‘, der dem Tod ein Schnippchen geschlagen hat? Ja glauben Sie denn, dass ich weniger Möglichkeiten habe, als ‚Lazarus‘?“

„Seien Sie vorsichtig, Hoffmann! Sie verleugnen Gott! Ohne Gott wäre auch ein ‚Lazarus‘ verfault, wie ein vom Baum gefallener Apfel! Er alleine war ein Nichts! Ebenso ein Nichts, wie Sie nichts ohne Gott sind!“

„Sieh an, sieh an! Sie benutzen also das gute alte und bewährte Hausmittel der menschlichen Urangst, um mich von meiner Ohnmacht zu überzeugen? Werden Sie mir nun gleich erzählen, dass ich in der Hölle schmoren muss, wenn ich nicht den Tod als ‚Gottesgeschenk‘ akzeptiere?“

„Sie reden wirr, Hoffmann! Und Sie verdrehen die Tatsachen! Nicht Gott ist für den Tod verantwortlich, sondern der Mensch!“

„Bravo! Da haben wir es also! Ist der Mensch für etwas verantwortlich, dann trägt er auch die Verantwortung dafür, diesen Zustand umzukehren! Dieses – und nichts anderes – ist die Aufgabe, die ich mir gestellt habe! Und Sie wollen nennen mich wegen meiner Ziele einen ‚Gotteslästerer‘? Wissen Sie, wer wirklich Gott leugnet? Nein? Sie, mein Freund! Sie sind eines dieser alles glaubenden, alles fressenden und alles hinnehmenden Tiere, die sich damit abgefunden haben, selbst gefressen zu werden! Ihnen fehlt es an Tatkraft! Verzeihen Sie mir, wenn ich es auf den Punkt bringe; aber Sie sind ein jämmerlicher Angsthase, der – die Giftschlange vor Augen – artig wartet, bis sie zubeißt... !“

„Sie irren sich gewaltig, Hoffmann! Sagen Sie mir doch, was Sie tun werden, wenn der Tod sie in Form einer unheilbaren Krankheit besucht? Was werden Sie machen, wenn Sie von einem Automobil überfahren werden? Welches Wundermittel werden Sie schlucken, bevor Ihnen ein Mörder das Messer in den Bauch rammt... ?“

„Gut gesprochen! Gut und weise! Ich sehe schon, dass Sie sich ernsthaft mit Ihrem Ende beschäftigt haben! Möchten Sie mich nicht noch fragen, was ich tun werde, wenn die ganze Welt, auf der ich nun mal auch lebe, auseinander platzt wie ein Luftballon? Interessiert es Sie nicht, wie ich mich verhalte, wenn ich die Treppe hinunter stürze und mir das Genick breche? Diese Überlegungen müssten Sie doch ebenfalls brennend interessieren, oder? Na? Was ist? Fragen Sie mich doch!“

„Also gut! Was werden Sie dann machen, Hoffmann?“

„Sie sind jetzt richtig neugierig auf meine Antwort, stimmt’s?“

„Natürlich! Schließlich sehe ich, wie Sie mit Ihrer Arroganz immer mehr in die Enge getrieben werden! Es wird nämlich keinerlei Auswege für Sie geben, wenn das Unvermeidliche Sie trifft!“

„Und weshalb interessiert Sie dann meine Antwort? Sie scheinen ja absolut sicher zu sein, die Antwort bereits zu kennen!“

„Weil ich von IHNEN hören möchte, wie wenig Sie gegen Ihren Tod tun können! Nur aus diesem einen Grund interessieren mich Ihre unhaltbaren Ausflüchte, Hoffmann!“

„Darf ich Sie ebenfalls um eine Antwort bitten, bevor ich auf Ihre Frage eingehe?“

„Sie suchen wohl händeringend nach einem Ausweg, wie? Aber, wenn es Sie glücklich macht... ! Stellen Sie Ihre Frage!“

„Danke, mein Freund! Vielen Dank! Es ist auch eine ganz einfache Frage, die mich beschäftigt! Sagen Sie mir bitte – offen und ehrlich – ob Sie sich freuen würden, wenn sich Ihre Meinung als richtig erweist! Wenn ich also JETZT mit einem Herzinfarkt tot zusammenbreche, werden Sie dann auf meinen Leichnam sehen und sich freuen, dass SIE Recht hatten?“

„Was soll diese Frage? Ich verstehe nicht... ?“

„Ich möchte wissen, ob Sie sich freuen, wenn ich DOCH sterbe!“

„Sie sind verrückt, Hoffmann! Natürlich freue ich mich nicht! Auch, wenn Sie ein ignoranter Egoist sind; auch wenn Sie alles leugnen, an was ich glaube – auch dann, Hoffmann – werde ich mich selbstverständlich nicht freuen, Sie tot zu sehen!“

„Sie glauben also, dass ich dem Tod nicht von der Schippe springen kann?“

„Das ist bereits die zweite Frage! Wir hatten und auf eine Frage geeinigt! Zuerst möchte ich eine Antwort auf meine Frage erhalten!“

„Sie sind hartnäckig!“

„Nur neugierig!“

„Schön! Also dies ist meine Antwort, die Sie scheinbar mehr beschäftigt, als der Glaube an meine Fähigkeiten...“

„Antworten Sie!“

„Sie erregen sich ja regelrecht!“

„Antworten Sie gefälligst, Hoffmann!“

„Und Sie bitte ich, sich zu zügeln! Ich dachte, wir führen hier einen Disput über den Tod und nicht einen Krieg über Ansichten!“

„Weichen Sie mir nicht aus! Sie sind mir Ihre Antwort schuldig!“

„Wie lautete doch gleich Ihre Frage?“

„Das wissen Sie sehr genau, Hoffmann!“

„Sie haben Recht!“

„Also?“

„Also was?“

„Ihre verdammte, verlogene und krampfhaft gesuchte Antwort will ich endlich hören!“

„Merken Sie, dass Sie aggressiv werden? Ein ganz neuer Zug an Ihnen, mein Freund! So sehe ich Sie heute zum ersten Mal. Wo ist denn der nette, sympathische und stets ruhige Mann geblieben, den ich so zu schätzen gelernt habe?“

„Sie stellen meine Geduld auf eine sehr harte Probe, Hoffmann! Auch ich bin nur ein Mensch mit allen menschlichen Schwächen! Übrigens bin ich es leid, dass ein Kerl wie Sie sich weigert, ein Teil des universellen Ganzen zu sein! Milliarden Menschen sind geboren worden und sind auch wieder gestorben! Nur Sie, Sie glauben, eine Ausnahme zu sein? Ist es nicht verständlich, wenn ich mich darüber ereifere? Mit Ihrer Einstellung machen Sie all jenen das Leben schwer, die sich bemühen, die wenigen Jahre, die ihnen auf der Erde verbleiben, positiv zu gestalten!“

„Amen!“

„Die Weigerung, mir zu antworten, ist wohl auch Antwort genug! Außer großen Sprüchen ist nämlich nichts da, das Sie mir zu sagen hätten! Heiße Luft und blumiges Gerede, Hoffmann! Geben Sie es doch zu, dass Sie nicht mehr und nicht weniger wert sind, als ich zum Beispiel! Bekennen Sie sich doch nur ein einziges Mal zu Ihrer menschlichen Schwäche, kein Gott zu sein sondern nur – ein Mensch!“

„Sie kämpfen wie ein Löwe um mein Seelenheil, was?“

„Ihr Seelenheil interessiert mich einen Dreck, Hoffmann! Ich bin nicht Ihr Beichtvater und ich bin nicht Ihr Seelenklempner! Ebenso wenig bin ich Ihr fleischgewordenes Gewissen... ! Das, Hoffmann, müssen Sie schon selbst in sich finden!“

„Harte Worte von einem viel zu weichen Mann!“

„Widerling!“

„Noch was?“

„Ich hasse Sie für Ihre Leichtlebigkeit, Hoffmann!“

„...und Sie könnten mich umbringen, weil ich so ekelerregend für Sie bin! Stimmt’ s nicht? Ist es nicht so?“

„Ja! So ist es! Ich möchte Sie tot sehen, Hoffmann! Tod! Ihr Kopf müsste jetzt auf die Tischplatte fallen und ihre Lebensenergie müsste ein für alle Mal samt Arroganz und Unglaube, Ihren Körper verlassen! Ja, Hoffmann! Das wünsche ich mir! So weit haben Sie mich gereizt, dass ich mir Ihren Tod wünsche!“

„Sie haben soeben den kleinen, aber feinen Unterschied zwischen uns beiden analysiert, mein armer Freund!“

„Schwätzer!“

„Schwätzer?“

„Schwätzer!“

„Sehen Sie die Pistole in meiner Hand? Behaupten Sie noch immer, dass ich ein Schwätzer bin?“

„Hören Sie auf damit, Hoffmann! Sie werden sich doch nicht erschießen, um mir etwas zu beweisen?“

„Natürlich nicht, mein dummer Freund! Es ist nur so, dass ich meine Erregung anders zeige, als Sie! Folglich kann ich unmöglich mich erschießen, wenn ich meinem Zorn Luft machen möchte!

...und nun raten Sie mal, wenn ich sonst erschießen möchte, um mir Ihre Fragen nicht mehr anhören zu müssen...?“

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Langsam gehe ich auf das sechzigste Lebensjahr zu. Da hinter mir nahezu jede emotionale Erinnerung »verschwindet«, besitze ich keinerlei sichtbare Erinnerung! Vieles von dem, was ich Ihnen aus meinem Leben berichte, beruht auf alten Notizen, Erinnerungen meiner Frau und meiner Mutter oder vielleicht auch auf sogenannten »falschen Erinnerungen«. Ich selbst erinnere mich nicht an meine Kindheit, Jugend, nicht an meine Heirat und auch nicht an andere hochemotionale Ereignisse, die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin.

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