Klaus-D. Heid

Marktwirtschaft

„Natürlich bist Du mein Freund...“

Miles schoss ihm aus kurzer Distanz in den Hinterkopf.

„Aber auch bei Freunden mache ich grundsätzlich keine Ausnahme!“ fügte Miles hinzu, während er das Zimmer verließ. In seinem Job waren Freundschaften unmöglich, oder sie bewegten sich auf einer Ebene, die niemals zu einem Konflikt mit der Aufgabe führten. Man könnte auch sagen, dass Menschen wie Miles das Wort ‚Freund’ völlig anders interpretierten, als es gemeinhin üblich war.

Der Mann, dessen Gehirn nun an der Wand seines Arbeitszimmers klebte, war ein solcher ‚Freund’. Miles brauchte ihn, um an die Informationen zu gelangen, für die man Miles überaus gut bezahlte. Selbstverständlich war die Bezahlung so gut, dass auch das Beseitigen aller eventuellen Zeugen damit abgedeckt sein musste.

Als Miles das Haus verließ und sich – fröhlich pfeifend – unter die Passanten mischte, hatte er seinen eben verstorbenen Freund bereits vergessen. Das Einzige, das ihn jetzt noch interessierte, war der zweite Teil seines Auftrages, auf den er sich ganz besonders freute.

Miles stellte seinen dunkelblauen Ford auf einem Parkplatz, etwa fünf Minuten vom eigentlichen Ziel entfernt, ab. Er achtete darauf, ausreichend Kleingeld in die Parkuhr zu werfen. Er achtete ebenso darauf, dass sein Wagen auf keinen Fall von irgendwelchen Schwachköpfen blockiert werden konnte, falls Miles ‚etwas schneller’ als üblich, wegfahren musste.

Ohne die Information, die er von seinem letzten ‚Freund’ bekommen hatte, wären garantiert noch Tage vergangen, bis Miles die Adresse der Wohnung bekommen hätte, zu der er nun ging. So aber wusste er außerdem, dass er viermal kurz hintereinander auf den Klingelknopf neben dem Namensschild ‚Linsdale’ drücken musste.

„Ja bitte?“ ertönte es aus der Gegensprechanlage.

„Hier ist George.“ Antwortete Miles knapp.

Der Summer wurde betätigt – und Miles betrat das Haus. Seine Zielperson befand sich im zweiten Stockwerk. An der richtigen Tür angekommen, sah Miles mit gelangweiltem Gesicht in Richtung des Türspions. Der Mann, den man als ‚George’ erwartete, war hier niemandem bekannt. Es gab also keinen Grund für Miles, verlegen oder unsicher zu Boden zu sehen.

Er hörte, wie ein Schlüssel im Schloss herumgedreht wurde. Zweimal. Die Tür öffnete sich einen kleinen Spalt. Miles lächelte, als er die Kette bemerkte, die einen äußerst minimalen Schutz gegen Eindringlinge bot.

„Hier sind die Dokumente...!“ sagte Miles und kramte in der Innentasche seines Jacketts.

Der Mann hinter der Tür reagierte viel zu spät. Das dumpfe, kaum hörbare ‚Plopp’ löschte das Leben des nachlässigen Mannes aus. Zeitgleich trat Miles kräftig gegen die Tür, um die Fallbewegung des getöteten Mannes optimal zu nutzen. Es machte sich nicht gut, wenn er diesen Stümper zwar erlegt hatte – aber seine Leiche die Tür blockierte.

Aus einem Nebenraum hörte Miles eine unangenehm hohe Männerstimme.

„Alles in Ordnung, Carlo? Carlo...?“

Miles öffnete die Tür zum Nebenzimmer.

„Wenn Sie mir erlauben, für Carlo zu antworten, kann ich ihnen sagen, dass mit ihm gar nichts in Ordnung ist. Er ist – sozusagen – ganz extrem tot. Hallo, Mister Petersen. Es ist mir wirklich eine Freude, Sie hier zu treffen...!“

Was Miles nun tat, bereitete ihm wirklich kein Vergnügen. Es war jedes Mal unangenehm, wenn Zielpersonen meinten, sich durch besondere Tapferkeit hervorheben zu müssen. Bei Petersen brach diese Tapferkeit allerdings nach wenigen Minuten in sich zusammen.

„Sie haben mir einen Finger gebrochen...!“ jammerte Petersen.

„Stimmt, Mister Petersen. Und wenn Sie nachrechnen, wartet dieser Schmerz nun noch neun weitere male auf Sie. Von den Zehen möchte ich noch gar nicht sprechen. Oder wie wär’s gleich mit dem Genick?“

Beim Knacken des zweiten Fingers verriet Petersen die Kombination des Wandsafes, der – natürlich – hinter dem einzigen Bild in der Wohnung versteckt war.

„Ist Ihnen ein Schuss in den Hinterkopf lieber, als ein Schuss ins Herz? Betrachten Sie es als Privileg, dass ich Ihnen die freie Auswahl überlasse. Ist ein bisschen wie ein Losgewinn, oder, Mister Peterson?“

Miles wartete die Antwort des Mannes nicht ab. Ohnehin war Petersen viel zu sehr mit dem Betteln um sein Leben beschäftigt, als ernsthaft darüber nachdenken zu können. Der Schuss traf Petersens Herz.

„War doch gar nicht so schlimm, oder...?“ meinte Miles mit einem letzten Blick auf Petersens Leiche. Er freute sich, den Auftrag perfekt abgeschlossen zu haben. Er verstaute die Unterlagen, die er dem Safe entnommen hatte, im Jackett und versicherte sich beim Verlassen der Wohnung noch einmal, keine Spuren hinterlassen zu haben.

„Hallo, mein Freund...!“

„Ich habe keine Freunde!“ wollte Miles erwidern, doch die Zeit, die er noch zu leben hatte, reichte für diesen kurzen Satz nicht aus. Baker, der vom gleichen Auftraggeber wie Miles bezahlt wurde, ließ Miles’ Kopf wie eine Seifenblase zerplatzen.

„Deine Zeit war einfach um, mein Freund. Typen wie ich, die besser und preiswerter sind, haben Hochkonjunktur.“


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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.01.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Langsam gehe ich auf das sechzigste Lebensjahr zu. Da hinter mir nahezu jede emotionale Erinnerung »verschwindet«, besitze ich keinerlei sichtbare Erinnerung! Vieles von dem, was ich Ihnen aus meinem Leben berichte, beruht auf alten Notizen, Erinnerungen meiner Frau und meiner Mutter oder vielleicht auch auf sogenannten »falschen Erinnerungen«. Ich selbst erinnere mich nicht an meine Kindheit, Jugend, nicht an meine Heirat und auch nicht an andere hochemotionale Ereignisse, die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin.

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