Hermann Weigl

Die Drachenreiter von Arctera (Teil 7)

„Er hat dir gefallen“, sagte Unari.
In der Tat hatte der junge Mann das Interesse der Prinzessin geweckt. Sie erinnerte sich an die vielen Gespräche mit ihrer Mutter. Als kleines Mädchen wollte sie immer wissen, wo ihr Vater und all die vielen Männer hin ritten. In den Krieg, hatte ihre Mutter gesagt. Und was tun sie da, wollte sie wissen. Ihre Mutter hatte daraufhin sehr traurig gewirkt. Elisabietha erinnerte sich an ihren lieben Onkel Kunobert. Als kleines Mädchen hatte er sie oft in den Armen gewiegt. Sie zog dann immer an seinem riesigen Schnurrbart, und lachte über die Grimassen, die ihr Onkel dabei schnitt. Eines Tages kehrte er nicht mehr von den Schlachtfeldern zurück, und ihre Tante war viele Wochen lang sehr traurig. Da wurde Elisabietha klar, dass ein Krieg etwas Schreckliches sein musste. Erst als sie viel größer war, verstand sie, was ein Feldzug ist. Was ihr aber niemals klar wurde, das waren die Gründe, die zu den Auseinandersetzungen führten. Ihr Vater stellte die Männer von König Pelias immer als bösartig und kriegerisch dar. Ihm bliebe keine andere Möglichkeit, als sie mit Waffengewalt wieder zurückzutreiben, bevor sie seine Männer töteten, und Land und Burg einnahmen.
Nun hatte sie zum ersten Mal einen feindlichen Mann mit eigenen Augen gesehen. Und sie hatte nichts Bösartiges an ihm erkennen können.
„Ja. Er ist sehr hübsch. Und auch...“
„Was meinst du?“
„Vater meinte immer, alle Männer von König Pelias haben nur im Sinn, uns umzubringen.“
„Es gibt gute und böse Menschen - überall, in jedem Reich. Sicher auch bei dir in der Burg, oder im Dorf.“

Die Prinzessin musste nun an den Bäcker denken, der seine Gesellen häufig schlug - auch wenn sie nur eine Kleinigkeit falsch gemacht hatten. Andererseits gab es so warmherzige Menschen wie die dicke Köchin. Nicht nur ihr gewaltiger Leib war um vieles größer als der anderer Menschen, sondern auch ihr Herz. Schon als kleines Mädchen hatte sie die gutmütige Frau gemocht. Oft hatte sie sich in die Küche geschlichen, und unter der Bank versteckt, um die Leute und ihr emsiges Tun zu beobachten. Wenn die beleibte Frau sie entdeckte, gab es jedes Mal eine kleine Leckerei für sie.
Warum sollte es in einem fremden Königreich nicht auch so gutmütige Menschen geben?
Sie seufzte tief.
Wie gerne wäre sie nun bei dem jungen Prinzen gewesen. Seine dunklen Augen, der offene, ehrliche Blick, das markante Kinn. Es war ein schönes Gesicht. Seine Schultern waren rund und sein Brustkasten breit. Wie gerne hätte sie sich dagegen gelehnt, und seine starken Arme gespürt, die sie festhielten.

Zwei Tage später standen der Prinz und sein Diener am vereinbarten Treffpunkt. Die Kälte der Nacht hing noch in der frischen, vom Morgentau feuchten Luft.
Immer wieder hatte der Königssohn in Gedanken die Worte der Prophezeiung wiederholt und darüber nachgedacht.
Und über allen Überlegungen schwebte das engelhafte Antlitz der Prinzessin.
„Majestät!“
Die Stimme seines Dieners riss ihn aus seinen Gedanken. Er zeigte mit dem Arm nach Osten. Zwei Punkte waren dort in großer Höhe auszumachen. Als sie näher kamen, wurden sie als Drachen erkennbar. Sie flogen über das Areal hinweg - so tief, dass er auf einem Rücken die Prinzessin ausmachen konnte, die herunterwirkte. Dann wendeten sie in einer Schleife und setzen auf dem Boden auf.
„Zwei Drachen?“, sagte er zu sich selbst, und betrachtete voller Faszination das karmesinrote Wesen, das neben demjenigen der Prinzessin saß, und soeben seine Flügel zusammenfaltete.
Die Prinzessin kletterte vom Rücken Unaris und lief auf ihn zu. Ihre Wangen waren vor Aufregung gerötet.
„Ich grüße Euch, Prinz Tarrabas.“
„Nehmt auch meine Grüße, Prinzessin Elisabietha.“
„Ich habe mit dem Drachenkönig gesprochen. Prinz, er will uns beide sehen. Und er sagt, es sei von höchster Wichtigkeit.“
„Der König der Drachen?“
„Bitte glaubt mir. Deswegen müssen wir eine Reise antreten. Es geht nach Norden - weit nach Norden, noch hinter die Zahnberge. Ich habe alles eingepackt, was wir brauchen. Proviant, warme Kleidung, Decken.“
Tarrabas wies auf das rote Fabelwesen. „Verzeiht mir, Prinzessin. Soll das heißen, dass ich auf den Rücken dieses Drachen steigen soll?“
„Ja. Deswegen hat er den langen Weg zurückgelegt - um Euch abzuholen. Bitte kommt mit mir.“
„Majestät“, warf Max ein. „Das ist viel zu gefährlich. Wenn Euer Vater das erfährt, lässt er Euch einsperren.“
Tarrabas betrachtete den Drachen, der aus goldenen Augen zu ihm herübersah. Sein Herz schlug schneller bei dem Gedanken, sich mit dieser majestätischen Kreatur in die Lüfte zu erheben. Und auch der verlockende Gedanke mit der hübschen Prinzessin zusammen zu sein, ließ ihn schnell eine Entscheidung fällen.
„Nach Norden sagtet Ihr“, meinte der Prinz, und seine Augen wandten sich dort hin - zu den schneebedeckten Gipfeln der fernen Berge.
„Prinz, die Drachen werden auf uns Acht geben. Ich habe ihr Wort. Denkt an unsere Aufgabe.“ Mit flehenden Augen sah Elisabietha ihn an.
Der Prinz riss sich vom Anblick des hübschen Mädchens los, und wandte sich seinem Diener zu. „Max, reite zurück, und richte meinem Vater aus, dass ich auf einer diplomatischen Mission unterwegs bin.“
„Aber, Prinz. Ihre Majestät wird wissen wollen wohin. Und wie sollte das ohne Pferd möglich sein? Ihr wisst, wie misstrauisch Euer Vater sein kann. Er wird meinen Worten nicht glauben, wenn ich erzähle, dass Ihr mit einem Drachen weggeflogen seid.“
Tarrabas sah Elisabietha nachdenklich an.
„Vielleicht hilft dies“, sagte Unari, richtete sich ein Stück auf, und löste eine Schuppe von ihrem Körper. „Nimm das als Beweis, Max. Dann werden sie glauben.“
Der Diener hob die hornige Platte vom Boden auf und betrachtete sie ungläubig. „Eine Drachenschuppe. Es heißt, man kann daraus einen Panzer bauen, den kein Pfeil durchdringt.“
„Nun sieh zu, dass du meinen Vater benachrichtigst“, sagte der Prinz voller Ungeduld.
Mit klopfendem Herzen trat Tarrabas auf den wartenden Drachen zu. Die Prinzessin erklärte ihm, was zu tun ist, und er setzte sich in die Vertiefung zwischen den beiden Hornfortsätzen.
Nachdem Elisabietha auf den Rücken Unaris geklettert war, sahen sich die beiden Fabelwesen kurz an, dann entfalteten sie die Flügel, sprangen in die Luft, und hoben ab.
Niemals hätte Tarrabas gedacht, dass es ein so behebendes Gefühl sein kann, durch die Luft zu fliegen. Im Nu fiel die Ruinenstadt hinter ihnen zurück. Max stand noch immer dort mit den beiden Pferden und winkte zum Abschied.
Dann ging es hinunter zum Fluss. Hier begannen die Drachen zu kreisen, und wurden durch Aufwinde immer höher getragen, bis sie aus den Dunstschleiern herauskamen.
Der Prinz konnte die Schlachtfelder erkennen, Wälder und Wiesen, Getreidefelder und weit dahinter die Burg seines Vaters. Er richtete seine Aufmerksamkeit wieder nach Norden, dorthin wo die Gipfel der Zahnberge so hoch aufragten, dass ihre Spitzen das ganze Jahr über mit Schnee bedeckt blieben.
Nun setzte wieder das langsame Auf und Ab der Flügel ein, und die Drachen nahmen Kurs auf die weit in der Ferne liegenden Berge.
Tarrabas war überrascht, wie rasch sie vorwärts kamen. Auch im gestreckten Galopp konnte kein Pferd konnte jemals so schnell laufen. Er blickte nach unten und sah die Kronen der Bäume, die vereinzelt in den Sümpfen wuschen, die spiegelnden Wasserflächen, und die weiten Felder von Moorgras, Binsen, und anderen Pflanzen. Ein Vogelschwarm flog auf, als ein monströses Tier aus dem Unterholz brach.
Vereinzelt ragten gewaltige Felsformationen aus dem morastigen Wasser hervor. Manche waren so hoch, dass die Drachen um sie herumfliegen mussten. Die Öffnungen zu dunklen Höhlen gähnten den Prinzen an. Welche Tiere mochten sich wohl dort verbergen?
Aber schon war das Hindernis passiert, und Sumpfwälder breiteten sich unberührt vor ihnen aus.
„Ist es nicht herrlich?“, rief die Prinzessin.
In der Aufregung hatte er gar nicht mehr auf seine Begleiterin geachtet. Rechts von ihm flog die goldene Drachin mit ihrer kostbaren Fracht. Die langen Haare des Mädchens wehten im Wind.
Wenn er sie doch nur zur Frau nehmen könnte. Er wäre dann sicherlich der glücklichste Mensch im ganzen Königsreich.

(C) 2011 Hermann Weigl

Fortsetzung folgt.

Weitere Geschichten biete ich auf meiner Homepage an.

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Hermann Weigl).
Der Beitrag wurde von Hermann Weigl auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.02.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  Hermann Weigl als Lieblingsautor markieren

Buch von Hermann Weigl:

cover

Der Preis der Unsterblichkeit. Der Weg zwischen den Sternen 1 von Hermann Weigl



Seit ihrer Geburt war sie vor einer großen Gefahr versteckt worden. Endlich ist die Gefahr beseitigt und ihr Geist wurde geweckt. Sie verwandelt sich in eine wunderschöne Frau und ihre magischen Kräfte erwachen. Wird sie ihre Bestimmung erkennen?

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Fantasy" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Hermann Weigl

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Die Drachenreiter von Arctera (Teil 12) von Hermann Weigl (Fantasy)
Das Abenteuer LEBEN! von Heidemarie Rottermanner (Fantasy)
eine Milch(bubi)rechnung von Egbert Schmitt (Kindheit)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen