Klaus-D. Heid

Deutschland sucht den Supergau

Bitte verzeihen sie mir die kleine Korrektur des Originaltitels eines Szenarios, das einen Großteil der deutschen Jugend momentan in Aufruhr versetzt. Der Begriff ‚Supergau’ schien mir doch passender als ‚Superstar’ zu sein, da ich mit persönlich unter einem ‚Superstar’ etwas anderes vorstelle, als quiekende, hüpfende und trällernde Teens, deren Talent jede Butterschifffahrt bereichern könnte.

Deutschland sucht also den Superstar...

Klasse! Deutschland braucht nämlich auch ein paar Superstars, da es derzeit – und schon seit ein paar Jahrzehnten – keinen Superstar hat. Oder möchten Sie unseren Sangesveteranen Udo Jürgens, Leidensmimen Herbert Grönemeyer, Röchelbarden Westernhagen und Barbie Biedermann, zur Garde der Superstars zählen?

Ich auch nicht!

Was ist eigentlich ein ‚Superstar’?

In der Musikszene dürfen sich beispielsweise Madonna, die Rolling Stones und Celine Dion zu den Superstars zählen lassen. Es gibt noch ein paar weitere ‚Sternchen’ und ‚Sterne’, die mit ihrer Musik, ihren Stimmen und ihren Texten für dauerhaftes Erinnern sorgen. Die Beatles waren Superstars. ABBA waren Superstars. Selbst Kinderfreund Michael Jackson ist noch immer Superstar, da bekanntermaßen Superstars deshalb Superstars sind, weil sie noch immer super sind, wenn ihre Musik längst Schnee von gestern ist...

Und nun soll also ein hampelndes Zwitterbürschchen Deutschlands Superstar werden? Oder lieber der niedliche kleine Asia-Verschnitt mit dem Babyface? Doch lieber das stimmlose Blondchen mit ohne Sex-Appeal? Oder der Schumacher II-Klon, dessen Stimmleistung fast die Röhre meines Schwagers Markus Reimann erreicht, der ein überaus erfolgreicher Sanitär-Installateur ist?

Superstars wurden einmal zu Superstars, weil sie super waren. Sie hatten eine super Stimme, die einzigartig und unverwechselbar sein musste. Sie machten Musik, die auch in fünfzig Jahren noch gehört wird.

Glauben sie ernsthaft, dass sie die Trällerliedchen der Superstar-Anwärter in fünfzig Jahren noch hören möchten? Glauben sie wirklich, dass ihre Kinder und Kindeskinder sich an irgendwelchen Plattitüden dieser Stümper erinnern werden – oder wollen?

Was sagt uns das?

Die medienwirksame Jagd nach dem deutschen Superstar sagt uns, dass man heutzutage Superstars basteln kann. Mit einer entsprechenden Bastel-Anleitung kann sich jeder Zuschauer einen Superstar produzieren, der dann als Bravo-Poster an der Wand hängt, bis es wieder heißt:

Deutschland sucht den Superstar.

Nächstes Jahr wieder? Und die alten Superstars?

Die werden dann von der Wand gerissen, weil sie nicht mehr up to date sind.

Finden wir uns also damit ab:

Superstars werden nicht geboren – sie werden gezüchtet! Clevere Kerlchen wie Bohlen und Co. züchten kurzlebige Superstars, um sich an ihrem Mega-Scheiss eine goldene Nase zu verdienen. Faszinierend ist nur, dass das Prinzip funktioniert. Millionen Euro aus den Taschengeldkassen der Kids fließen, gut kalkuliert, in ein industrialisiertes Trallala-Spektakel ohne bleibenden kulturellen Wert.

Für mich – und ich weiß, dass ich mir den Zorn der jubelnden Kids einhandele – ist die Suche nach dem deutschen Superstar ein totaler Supergau. Es ist noch nicht einmal eine Supergaudi, weil ich leider nichts Lustiges an dem Umstand finden kann, dass Unfähigkeit derart gut vermarktet werden kann.

Und wer wird nun der neue deutsche Superstar?

Natürlich wird’s der Blödelbarde mit dem Quietsche-Entchen-Stimmchen, da er zumindest auf die Stimmen aller ‚nicht ganz Jungen’ und ‚nicht-ganz Mädchen’ zählen kann. Gönnen wir ihm und seinen Produzenten also den Reichtum, der in diesem Land ja wirklich etwas Bewundernswertes ist.

Die Jugend braucht Vorbilder – und sie bekommt bald eins verpasst.

Bis zum nächsten Jahr, wenn es wieder heißen wird:

Deutschland sucht den Suppenstar. Sponsered by Maggie.

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