Christina Dittwald

Goldene Lilien - Füße in High Heels

 





Sie kennen das Gebet eines Impotenten : Lieber Gott, du hast mir das Können genommen, so nimm mir doch auch das Wollen !

So geht es mir mit Schuhen mit hohen Absätzen. Ich kann nicht darauf laufen,und wie gern würde ich darauf laufen. Nein, so stimmt das auch nicht,
ich hätte sie gern an. Sie sind schön, sie tun weh, sie sind unpraktisch.

Sie sind frauenfeindlich. Versuchen sie mal, damit eine Treppe schnell runterzugehen oder dem Bus hinterherzurennen.

Schauen Sie sich die Fotos vom Opernball an und stellen Sie sich vor, jeder Mann  dort würde rumstöckeln - lächerlich ? Ja !!!
Vielleicht denken Männer, der weibliche Fuss wäre anders gebaut als der männliche, und könnte es besser aushalten , stundenlang auf den Zehenspitzen zu balancieren.

Einige Frauen können es. Meine Schwiegermutter zum Beispiel. Sie erzählt stolz, in ihrer Jugend hätte sie sogar Wanderungen in High Heels gemacht.
Berg runter wäre sie dann rückwärts gegangen, um nicht vorüber zu kippen. Ihre Füße sehen heute so aus, als wären sie für einen spitzen Schuh ideal vorgeformt.Ein spitz zulaufendes Dreieck, mit einem rotleuchtenden schmerzendem Ballen. Neue Schuhe bringt sie zu einem orthopädischen Schuster, der die Schuhe an der Seite ausbeult.

Wir schütteln den Kopf über die "goldenen Lilien", die gebundenen Füße der Frauen im alten China. Was heute ein tiefer Ausschnitt oder eine enge Jeans
für die Männerwelt auslöst, war damals das Schnüffeln an dem modrig riechenden gequälten Fuß, wenn er aus den winzigen Schühchen herausgeschält wurde.
Die Frauen konnten sich nur unter Qualen bewegen. Den vierjährigen Mädchen wurden die Zehengelenke gebrochen, und die Zehen mit festen Binden unter die Fußsohle gezogen, immer fester, bis das Ideal der "goldenen Lilie" erreicht war, ein Fuß, der, verformt wie er war, in ein 10 cm langes Seidenschühchen passte.

Damals war es wohl ein Unglück für die Frauen, wenn sie aus begüterten Familien kamen, die arbeitende Bevölkerung hatte ungebundene Füße.

Sind wir wirklich so weit von diesem Horror entfernt ?

Ich erinnere mich daran, wie begeistert und erwachsen ich mich fühlte, als ich zu meiner Konfirmation mein erstes Paar bekam. Aus heutiger Sicht Oma Duck-Schuhe, mit 5 cm hohen Absätzen. Auf den Kirchenstufen knickte ich schmerzhaft um, nicht nur der Knöchel tat weh, sondern das Leder des  Absatzes war hochgeschoben, und musste mühsam wieder runtergerollt werden.

Meine Schlussballschuhe, als ich 15 war, waren weiße Slingpumps mit 4 cm hohen Absätzen, sehr kippelig. Ich trug ein weinrotes Satinkleid, bis zur Wade, was es damals für 80 DM bei C&A gab. 10 Mädchen trugen dieses Kleid, denn unglücklicherweise konnte man es noch in türkis, gelb, tannengrün und rosa kaufen.
Ja, und alle hatten Schuhe mit hohen Absätzen an. Und alle tanzten ab 22.30 barfuß über das Parkett - warum nur ? Die Herren hatten alle Schuhe an.

Zur Hochzeit 1971 trug ich zum langen weißen Kleid ein paar flache Schuhe in Babyform, also mit Riemen über dem Spann. Den Tag habe ich in bester Erinnerung. Hätte Twiggy damals nicht solche Schuhe getragen, hätte ich es mir bestimmt nicht so gemütlich gemacht.

Dann kam eine Zeit der Blockabsätze und Römersandalen und Turnschuhe im Sommer. "Pinne" wie wir damals die dünnen hohen Absätze nannten, waren vepönt, ja, was für unmodische ältere Damen, die den Schuss nicht gehört hatten. In öffentlichen Gebäuden hingen Hinweisschilder : Das Tragen von Pfennigabsätzen ist verboten, weil dadurch der Fußbodenbelag zerstört wird. Na also .

In den Achtziger Jahren fing es wieder an. Kleine keilförmige Absätze, oder ein Absatz, der so weit unter der Ferse lag, dass man jeden Schritt schmerzhaft spürte. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich oft ein Kind in der Rückentrage und eines auf dem Arm , ich verweigerte mich der Mode, ich brauchte festen Stand.

Als ich dann 40 war und niemanden, außer der fetten Katze, tragen musste - oder wollte - machte ich noch manchmal, zu Sylvester, einen halbherzigen Versuch in Richtung High Heels. Aber nur, wenn die Festlichkeiten bei mir zu Hause stattfanden und ich nur von der Küche ins Wohnzimmer gehen musste.

Und jetzt meine Frage : an mich und an alle, die dies hier lesen : Ist das noch normal ? Kann man solche Schuhe schön finden, die man doch eigentlich verachtet? Liegt der Tageszeitung ein neuer Schuhprospekt bei, versinke ich in einen meditativen Zustand bei der Betrachtung. Noch besser, wenn in der Zeitschrift  Vogue die neuen Kunstwerke von Manolo Blahnik vorgestellt werden. Ein Schuh, bei dem der Vorname reicht:  Manolos ...

Für mich habe ich jetzt eine Lösung gefunden, durch Zufall. Auf einem Londoner Flohmarkt fand ich ein Paar Schuhe von Dior für 15 Euro, mit einem steilen Absatz. Wundervolle Schuhe, braunes Leder, schlicht, elegant - sie sahen aus wie neu. Und sie waren 3 Nummern zu klein für meine Füße.
Mein Mann meinte : kauf sie doch, du kannst ja eh nicht darin laufen ! Recht hat er, von nun an betrachte ich ganz ausgefallene Exemplare als Kunstobjekte, die sich sehr gut auf einem Blumenschemel machen.
Und wenn ich rausgehe, ziehe ich meine flachen Stiefel oder Turnschuhe an. Und renne ganz schnell die Treppe runter.

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