Le-Pôéte-Mos

Der alte Mann und die Spieluhr

„Der alte Mann und die Spieluhr“
 
 Es war ein alter Mann, dem das Leben mehr als nur einmal übelst mitgespielt hatte. Sein Verhalten verriet es, auch wenn er in den vergangenen 2 Jahren nie darüber gesprochen hatte, die Er nun in diesem Seniorenstift war. Für Außenstehende war er ein seltsamer Kauz, doch wer Ihn näher kannte, wusste welch Schicksalsschläge Ihn zeichneten.
 Graumeliertes, fast schon weißes Haar, im Nacken den Hals bedeckt und einen ebenso weißen Vollbart. Nur leicht sah man seine Lippen in ihren Konturen hervor schimmern. So saß der alte Mann alltäglich unten im Park auf der Bank, die unter einer Trauerweide ihren Platz gefunden hatte, auf der sich der alte Mann wiederum, wohl zu fühlen schien.
 Oft blickte die Altenpflegerin von ihrem Schwesternzimmer aus dem Fenster, hinunter auf diese Bank, wo der alte Mann etwas zu Ruhe fand. So zumindest schien es Ihr, doch irgendetwas war da, was Sie nicht zur Ruhe finden ließ. So sehr Sie darüber nachdachte, es wollte Ihr nicht einfallen und so ging die Altenpflegerin wieder an ihre Arbeit. Dadurch versäumte die Altenpflegerin, was kurz darauf auf dieser besagten Bank mit dem alten Mann geschah.
 Der Herbst neigte sich dem Ende zu und der Winter stand vor der Tür. Die Adventszeit stand bevor und alles begann nach passenden Geschenken, für die Angehörigen zu suchen. Nur dieser alte Mann, der saß Tag ein, Tag aus, auf dieser Bank. Oft hörte man Ihn reden, als säße neben Ihm jemand auf der Bank. Doch niemand war zu sehen, kein Mensch weit und breit. Schließlich hielten Ihn die meisten in seiner Umgebung, für jenen seltsamen Kauz. Seine Kleidung, die eher einem Penner anheim kommen würden, als diesem alten Mann, taten ihr übriges dazu.
 
 Wie jeden Tag saß der alte Mann auf seiner Bank, die Sonne schien ihm ins Gesicht und der inzwischen, kalt gewordene Wind, trieb manch ein fallendes Blatt von den Bäumen Ihm ins Gesicht.
„Bräunlich rotes Blätterwerk,“
hörte Mann den alten Mann meckern.
„...nicht einmal jetzt, sind die hier im Stande, dass man zu seiner Ruhe finden kann.“
 Dabei war es doch ein kunterbuntes Blätterkleid, welches uns die Natur beschert. Kinder die unweit entfernt, noch einmal ihre Drachen fliegen ließen, störten ihn ebenso. Längst schien es Ihm in Vergessenheit geraden zu sein, dass er selbst einmal ein kleiner Junge gewesen ward. Es kümmerte Ihn nicht, Hauptsache er konnte meckern. Egal was auch immer, ob an den Mahlzeiten, an den Ärzten oder gar an den Schwestern, die seiner Meinung nach stets zur falschen Zeit erschienen, geschweige denn, gerade mal Anwesend waren, wenn man Sie nicht brauchte; er fand immer einen Grund zu meckern. Nur diese eine Altenpflegerin, die gerade durch das Fenster, hinunter auf die Bank sah auf der, der alte Mann saß. Für Sie fand er immer ein Lächeln, um kurz darauf auch Sie in ihre Schranken zu weisen, wie er meinte, tun zu müssen.
 Diese Altenpflegerin schien Ihn an vergangene Tage zu erinnern, an Tage, in denen er einmal glücklich gewesen war. Nie hätte er, dieser alte Mann je daran gedacht, dass dies jäh zu Ende gehen könnte. Er verwarf seine Gedanken, lag es zudem schon Jahre Zurück,
„wer weiß was überhaupt aus Ihr geworden ist?“
dachte der alte Mann, als er einen kleinen Jungen, neben sich auf der Bank Platz nehmen sah.
 Erstaunt sah er diesen kleinen Jungen an. Strohblondes Engelshaar bis hinunter auf die Schultern fallend, mit einem Lächeln im Gesicht, setzte sich dieser Junge neben den alten Mann und fragte diesen alten Mann,
„weshalb bist Du so Kram zu all den Andern, hast Du vergessen, wie Du einst voller Lebensfreude mit den Kindern gesungen und gelacht hast? Ja, ihnen sogar vor gelesen hattest?“
ungläubig sah der alte Mann diesen Jungen an. Woher wusste dieser Junge dies? War er doch gerade mal 7 geschätzte Jahre alt gewesen. Von dem was der kleine Junge da sprach, konnte er doch gar nichts wissen, war dies doch schon mehr als ein halbes Leben zurück gelegen, von dem der Junge da sprach.
„Woher weißt Du das mein Junge?
Begegnete der alte Mann mit zitternder Stimme.
„Besinne Dich alter Mann, deine Zeit nicht zu vergeuden. Was nutzt Dir all die Wut? Ändern kannst Du es nicht mehr,“
der alte Mann erschrak, rieb sich die Augen, doch der Junge saß noch immer da,
„die Adventszeit naht, mach den Kindern und den alten Menschen eine Freude, wie Du es früher einst getan. Es wird sich alles zum Guten wenden.“
Mit diesen Worten stand der kleine Junge auf und wollte gehen, als der alte Mann Ihn fragte,
„was soll ich den tun? Schau mich doch an, wie herunter gekommen ich bin.“
Der kleine Junge, dessen Engelsflügel er nicht sehen konnte, - noch nicht, drehte sich um und antwortete Ihm,
„mit der richtigen Kleidung an deinem Leibe siehst Du aus wie der Weihnachtsmann,“
dabei lächelte der kleine Junge und schritt endgültig von dannen. Es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein, dass Ihm dieser kleine Junge begegnen sollte. Die Begegnung jedoch, änderte etwas in diesem alten Mann.
 
 Als nun die Adventszeit heran gebrochen war, begann der alte Mann Geschichten zu erzählen. Jung und Alt, setzten sich bei Ihm nieder und lauschten seinen Worten. Manchmal auch die Schwestern, die hier im Seniorenstift tätig gewesen sind. Selbst Kinder, die mit ihren Eltern kamen um Ihren Großvater oder Ihre Großmutter zu besuchen, lauschten gespannt seinen Geschichten.
 Es war wie damals, als die Welt noch in Ordnung war für Ihn. Der alte Mann schaute immer wieder in die Runde, um hier und da in die gespannten Augen seiner Zuhörer zu sehen. Sein Blick verharrte für einen kurzen Augenblick an einer Tür, an dessen Türrahmen sich eine Altenpflegerin lehnte. Mit verschränkten Armen vor sich und die Schulter anlehnend am Rahmen der Tür, ein Bein über das andere, auf die Zehenspitze gestellt, neigte Sie Ihren Kopf leicht nach vorn zur linken Seite hin. Er erblickte das Lächeln, in Ihren Mundwinkel und traute seinen Augen nicht. Kurz erschrak er, senkte seinen Kopf um unbemerkt weiter zu lesen. Unbemerkt?
 Der Schwester, die etwa Mitte – Ende 50 gewesen sein muss, war es nicht entgangen, wie sich ihre Blicke trafen und auch Sie durchfuhr ein kurzer Schauer. Als dieser alte Mann wieder sein Haupt dem Buch widmete, ging Sie von dannen.
 Nachdem der alte Mann seine Geschichte zu Ende gelesen hatte, ging er in sein Zimmer, kramte in einer alten Truhe aus Holz, welches seiner ganzer Stolz und einzigster Besitz geblieben ist, in all den Jahren. Endlich fand er, wonach er gesucht hatte. Eine kleine Schachtel, die er vorsichtig heraus nahm, um kurz drauf den Inhalt daraus hervor zu holen. Zum Vorschein kam, eine wunderschöne Spieluhr, welche er einst mit eigenen Händen fertigte. Er stellte die Spieluhr auf den Tisch und beobachte Sie, mit den Gedanken ganz wo anders, an einem anderen Ort. Jäh erschrak er, als hinter ihm eine Stimme erklang,
„Ja, Sie ist es. Ihr habt euch Beide verändert,“
sagte der kleine strohblonde Engel, der Ihm Wochen zuvor das erste Mal an der Bank unter der Trauerweide begegnet war.
„Wie konntest Du all das Wissen?“
wollte der alte Mann wissen. Jetzt sah Er die Engelsflügel des Jungen,
„wer bist Du, und was führt Dich zu mir?“
Der kleine Engel, schaute den alten Mann an,
„Du weißt nicht wer ich bin?“
hob seine Hände dabei dem alten Mann entgegen,
„Nein, Du kannst es nicht wissen, wie denn auch, war ich doch noch viel zu klein, als Du gekränkt von uns gingst.“
„Du? Du bist mein....,“
Hände ringend versuchte er nach Luft zu holen,
„ich bin gekommen um Dich mitzunehmen,“
erwiderte der kleine Engel.
„Es ist Zeit für uns zu gehen.“
Der alte Mann wusste was gemeint und versuchte Zeit zu gewinnen, wollte Er doch noch mit Ihr, der Altenpflegerin reden,
„kann ich denn überhaupt nicht mit Ihr reden?“
Der kleine Engel schaute auf die Spieluhr und deutete mit den Fingern auf diese.
„Sie wird es verstehen, wenn Sie die Spieluhr sehen wird.“
Mit diesen Worten verschwand der kleine Engel wieder und kehrte erst des Nachts zurück um den alten Mann an die Hand zu nehmen.
 Als man des nächsten Morgen in das Zimmer des alten Mannes kam, lag dieser sanft entschlafen auf seinem Bett und auf dem Nachtischlein die Spieluhr mit einem kleinen Brief an jene Altenpflegerin gerichtet, die Ihn des Abends zuvor, vom Türrahmen lächelnd in die Augen sah.
 
„Die Zeit war mir nicht gegeben, doch werden wir uns wiedersehen, wenn die Zeit gekommen ist. Diese Spieluhr wollt ich Dir wieder geben, die Du mir damals zurück geschickt. Lebe wohl meine Liebste, ich werd auf Dich warten so wie im Leben und ich Danke Dir für den kleinen Engel, den Du mir hast gegeben.“
 
 Das lag nun schon Jahre zurück, als Sie noch Altenpflegerin gewesen ist. Nun aber lebte Sie selbst, als Rentnerin in jenem Seniorenstift. Genau in selbigem Zimmer, in dem dieser alte Mann gestorben ist und Ihr die Spieluhr zurück gelassen hatte, mit jenen Zeilen.
 Hatte Sie in Ihrer frühen Vergangenheit nicht ebenso Schicksalsschläge hin nehmen müssen und das Schlimmste dabei, war der Verlust Ihres Kindes. Jahre zuvor ging Ihre Liebe entzwei, wegen einer Nichtigkeit, wie Sie im Laufe der Jahre feststellen musste. Doch da war es schon zu spät, so dachte Sie, bis an jenen Tag, als Sie den alten Mann unter der Trauerweide sitzen sah. Ihn anzusprechen jedoch, traute Sie sich nicht. Stolz und falsche Scham verhinderte dies. Dabei sind es manchmal doch nur Kleinigkeiten, die ein Miteinander bewirken könnten. So aber vergrub sich die Altenpflegerin damals in ihrer Arbeit um zu vergessen. Bis zu jenem Tage wie gesagt, als dieser alte Mann erschien. Gewissheit jedoch, bekam Sie erst an jenem Tage seines Ablebens, als man die Spieluhr auf seinem Nachttischchen fand.
 Lächelnd verliebt hält Sie diese Spieluhr in der Hand, mit dem Wissen...,
„komm Sylke, die Anderen warten schon auf Dich,...“
wird Sie jäh aus ihren Gedanken heraus gerissen,
„...Sie wollen endlich ihre Adventsgeschichte von Dir erzählt bekommen:“
Noch immer Gedanken versunken, stellte Sie die Spieluhr auf ihr Nachttischlein,
„Ja, ich komme gleich,“
gab Sie zu verstehen, neigte den Kopf noch mal zur linken Seite. Berührte mit ihren Fingern ihre Lippen, um gleich darauf lächelnd mit selbigen die Spieluhr sanft zu streicheln. So verließ Sie ihr Zimmer.
 
 Als Sie in den großen Saal kam, verstummten alle Anwesenden. Ihr Antlitz erhellte den Raum. Trotz ihres, inzwischen hohen Alters, wart Sie eine Schönheit geblieben. Ihr erdfarbenes Kleid fiel knöchellang zu Boden und Ihr inzwischen weiß gewordenes, bis zu den Hüften reichendes Haar, unterstrich den Anblick der sich den Anwesenden bot. In Gedanken noch immer in ihrem Zimmer, wurde Sie Freude strahlend empfangen und ein kleiner Chor setzte ein,
„Happy Birthday to you...,”
wurde Sie empfangen und eine Hand griff nach der Ihren um Sie an einen Gabentisch zu führen. Kleine Aufmerksamkeiten lagen vor Ihr, Ihr Antlitz zu Tränen gerührt,
„auf, blas die Kerzen aus,“
verlangten Ihre Mitbewohner von Ihr. Sie sah auf den Tisch, worauf sich ein Karottenkuchen befand. Wie gefordert blies Sie die Kerzen aus und bedankte sich.
„Auf, lies uns etwas vor,“
verlangte man von Ihr. Die ehemalige Altenpflegerin erwiderte,
„lasst mich erst einmal den Kuchen aufschneiden und verteilen.“
 Sie nahm das Messer, welches neben dem Kuchen lag und teilte den Karottenkuchen, so das es für alle reichte. Hatten Sie doch ein großes Blech gebacken, von Ihrem Lieblingskuchen. Als Sie nun den Karottenkuchen auf die Teller verteilte, sah Sie einen kleinen Engel am Tische sitzen. Kurz erschrak Sie, fing sich aber gleich darauf wieder. Sie nahm das letzte Stück des Kuchens, legte es auf einen Teller und stellte es vor dem Engel auf den Tisch, als Stimmen laut wurden,
„komm Sylke, erzähl uns eine Geschichte, so wie Du es immer zur Adventszeit tust.“
Ihre Augen noch immer auf den Engel haltend, hörte Sie die Stimmen, wie Sie nach ihrer Geschichte verlangten.
„Es ist Zeit,“
sagte der Engel nur und schaute Ihr dabei tief in die Augen,
„Ja, ich weiß,“
begegnete Sie dem kleinen Engel, dessen kleine Flügel im Kerzenschein, wundervoll glänzten.
„nur noch diese eine Geschichte,“
verlangte Sylke mit sanfter Stimme, dabei drehte Sie sich um und setzte sich auf einen Stuhl, der neben ihrem Engel stand. Mit einem Lächeln, wie man es noch nie zuvor in ihrem Gesicht erblickte, fing Sie an,
„Ich möchte euch heute eine besondere Geschichte erzählen, eine Geschichte die ich noch nie zuvor erzählte.“
 Dabei schaute Sie in die Runde und Ihr Blick fiel auch zur Tür. Dort stand jener alte Mann, der vor Jahren von Ihr ging, mit der Spieluhr in der Hand. Vor Ihm stand der kleine Engel, der gerade noch neben Ihr saß,
„erzähl Mutter, wir warten hier auf Dich,“
und so begann Sie mit freudigen Tränen an zu erzählen. Dabei sah Sie dem alten Mann tief in die Augen.
„Es war ein alter Mann, dem das Leben mehr als nur einmal übelst mitgespielt hatte. Sein Verhalten verriet es, auch wenn er in den vergangenen Jahren nie darüber gesprochen hatte, die Er nun in einem Seniorenstift verbrachte. Für Außenstehende war er ein seltsamer Kauz, wer Ihn jedoch näher kannte, wusste welch Schicksalsschläge Ihn zeichneten.....
 
 
geschrieben in Antwerpen, Anno 2010, am 7. Tage im November
 
Verfasser: Le Poete Mos

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.03.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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