Helmut Wurm

Sokrates und seine Reflexionen zum Halb-Alphabetismus

 


Sokrates ist ein interessierter Zeitungsleser von anspruchsvollen, überregionalen Zeitungen. Davon gibt es in Deutschland eine Reihe. Sie haben zwar unterschiedliche politische oder soziologische Grundeinstellungen, aber sie sind alle wert, gelesen und ernst genommen zu werden. Wenn man mehrere gleichzeitig liest und ihre Berichterstattung verfolgt, hat man bestimmt ein rundes bild von wichtigen Ereignissen und Ergebnissen – ganz im Sinne des Sokrates, der gerne die Dinge von verschiedenen Seiten beleuchten möchte.

 

Nun hat Sokrates wieder mehrere Zeitungen vor sich liegen und blättert sie durch. Dabei achtet er natürlich besonders auf den Themen-Bereich „Bildung und Schule“. Und da fällt ihm ein Artikel auf, der ihn nachdenklich macht. Der Artikel, das Ergebnis einer wissenschaftlichen Studie, berichtet, dass die Anzahl von Analphabeten, besser von Halb-Analphabeten, in Deutschland zunimmt. Wie kann das sein und was sind die Gründe dafür?

 

Der Artikel lautet:

 

Jeder siebte Hamburger ist Analphabet


 
........  


(Hamburger Abendblatt, 1. 3. 011, verfasst von Christian Unger) 

 

Sokrates liest diesen Artikel, der einige Tage später auch in anderen großen Zeitungen veröffentlicht werden wird, mit großem Interesse. Er murmelt nachdenklich vor sich hin:

 

Sokrates: Das habe ich schon seit langem erwartet. Bei den Formen der derzeitigen medialen Berieselungen und bei den derzeitigen Lernformen und geringen sprachlichen Gewichtung in den Schulen konnte das gar nicht anders kommen. Natürlich ist der Ausdruck „Analphabeten“ etwas überzogen, um die Aufmerksamkeit mehr zu wecken. Man sollte besser von „Halb-Alphaben“ oder „Gravierenden mündlichen und schriftlichen Ausdrucksmängeln“ sprechen. Aber das ist immer noch schlimm genug. Und das in einem Land, welches die Schulpflicht ernst nimmt!

 

Anfangs könnte man ja denken, es handele sich hauptsächlich um die vielen Migranten, die nicht bereit wären, ein gutes Deutsch zu lernen und zu schreiben. Deren Anteil ist tatsächlich hoch. Aber es handelt sich bei diesen Halb-Alphabeten doch in der Mehrzahl um Personen, die Deutsch als ihre Muttersprache bezeichnen. Das macht nachdenklich. Was könnten die Gründe dafür sein?

 

Zuerst kommt natürlich der Übergang von den Text-Medien zu den Bild-Medien in den letzten Jahrzehnten als Begründung in Frage. Seit der Einführung des Fernsehens und der immer  bebilderteren Zeitungen hat die Wertschätzung von Sprach- und Schreibkompetenz schritt-weise abgenommen. Jede junge Generation hat ihre Sprache etwas mehr vereinfacht und gekürzt.

 

Die heutigen SMS’s und e-Mails sind häufig nur noch eine Aneinanderreihung von Satzbrocken und Worten. Man muss nur verstanden werden – das genügt. Es handelt sich gewissermaßen um einen allgemein verbreiteten Telegramm-Stil. Aber nicht nur die Schreibfaulheit, auch die Sprechfaulheit nimmt deutlich zu. Wie hörte ich neulich zwei ältere Schüler eines Gymnasiums sich auf der Straße begrüßen: 

 

Der Eine: Und wie?... Der Andere: Muss eben... Und Du? Der Erste: Auch so... Dann tippten sie an ihre Kappen und schlurften weiter.

 

Und dabei sind wir bei der zweiten Ursache angekommen. Die Schüler lernen in der Schule immer weniger selber formulieren und längere Texte schreiben. Und daran sind hauptsächlich die modernen Arbeitsblätter schuld, die immer häufig, in vielen Klassen fast in allen Fächern und Unterrichtsstunden, eingesetzt werden. Im Rahmen der derzeit übertriebenen Methode Gruppenarbeit bereits ab den unteren Klassen bekommt jede Gruppe ihre Arbeitsblätter zum Bearbeiten und Ausfüllen. Diese Arbeitsblätter braucht der Lehrer kaum noch anzufertigen, denn die Schulbuchverlage liefern ganze Ordner davon für jedes Fach und jedes Thema. In diese modernen Arbeitsblätter sind meistens nur noch Worte oder einzelne Sätze einzutragen, manchmal in den unteren Klassen sogar nur einzelne Buchstaben oder Wortteile. Auch die Hausaufgaben bestehen zunehmend im Ausfüllen solcher Arbeitsblätter.

 

Für die Lehrer und den Unterricht hat das kurzsichtig gedacht natürlich Vorteile. Durch solches Arbeitsblätter-Ausfüllen können die Schüler in den Kleingruppen relativ ruhig gehalten werden. Sie sind mit kleinen Denk- und Schreibschritten beschäftigt. Deshalb benutzen viele Lehrer gerne diese Lehr- und Lernmethode. Man macht es sich halt bequem.

 

Aber wann sollen die Schüler denn lernen, längere Sätze zu schreiben oder gar längere Texte zu schreiben? Und das muss regelmäßig der Fall sein, denn „schreiben lernt man nur durch schreiben“.

 

Und mit den Antworten, die im Unterricht gegeben werden, verhält es sich genauso. Die Schüler geben auf Fragen kurze Antworten, oft nur Worte oder Satzstücke. Dabei ist jede Unterrichtsstunde auch eine Deutschstunde, sei es neben Deutsch eben Biologie, Chemie, Physik oder Mathematik. In den Fächern, in denen die Lehrer keinen Wert auf ganze Sätze bei Antworten legen, wird bezüglich der Bemühungen im Fach Deutsch um gute Ausdrucksweise und Schreibfähigkeit kontraproduktiv gearbeitet. Jeder Lehrer, der in seinem Unterricht keine klaren und vollständigen Sätze verlangt, ist an dieser Zunahme von „Halb-Alphabetismus“ mit schuld.

 

Und kurze „Wort-Antworten“ lassen sich auch leichter korrigieren. Man kann sie schneller als richtig abhaken oder als falsch durchstreichen. Es würde für viele Lehrer zu viel Mühe machen, auch in „Nichtdeutsch-Fächern“ neben der Richtigkeit der Antworten auf einen guten Ausdruck zu achten.

 

Ich bin bezüglich einer baldigen Trendwende pessimistisch und glaube nicht, dass dieses bequeme Unterrichten mit Lücken-Arbeitsblättern und Lücken-Fragebögen schnell eine Wende erfährt. Solche Arbeitsblätter ganz abzuschaffen zu wollen wäre auch nicht richtig, denn sie nützen, dosiert und mit Ausgewogenheit eingesetzt, besonders in Vertretungsstunden. Aber es geht um die Priorität von Sprachfähigkeit und Schreibfähigkeit vor dem Von-sich-Geben von Worten oder Satzbrocken, auch wenn diese inhaltlich richtig sind. Im Grunde könnten nur Anweisungen von Seiten der übergeordneten Schulbehören und der Schulleitungen und eine regelmäßige Kontrolle der eingesetzten Unterrichtsmaterialien hier entgegenwirken.

 

Ob das bald erfolgt? In Deutschland haben derzeit die unrealistisch-idealistischen, teilweise sogar die utopischen Reformer die Oberhand. Erst wenn die deutschen Schüler noch mehr in ihrer Sprach- und Schreibfähigkeit nachlassen und bei internationalen Vergleichen noch mehr absinken, dürfte ein Umdenken erfolgen. Aber bis dahin wird es noch eine Weile dauern.

 

Damit legt Sokrates den Zeitungsartikel beiseite – man sieht ihm an, dass er etwas traurig ist.

 

 

   

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.03.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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