Der Mann stellte einen kleinen silbernen Metallkasten mitten auf Oma Carstens Küchentisch.
„Sie können mir glauben, gerade im Alter ist frische Luft das Ein und Alles.“ –
„Deshalb gehe ich doch auch noch jeden Tag spazieren, mindestens eine Stunde, bei jedem Wetter, auch wenn es mir immer schwerer fällt.“
Der Mann runzelte die Stirn und schaute Oma Carstens verwundert an, als könne sie nicht bis drei zählen.
„Aber gnädige Frau, das ist doch das Übel. Je mehr Sie von dieser verpesteten Luft da draußen einatmen, desto schlechter für Ihre Gesundheit. Die Lungen, das Blut, die Nerven – der gesamte Organismus leidet darunter. Darum wurde ja der Frischluftspender „Äroquick“ erfunden. Eine wahre Wohltat für die Menschheit.“
„Und wie soll der funktionieren?“, fragte Oma Carstens voller Skepsis.
„Denkbar einfach. Ohne auf technische Details eingehen zu wollen: In dem Kasten befindet sich ein hoch komprimiertes Sauerstoffgemisch. Das reicht bei durchschnittlichem Verbrauch in einer Wohnung von 40 m² für mindestens ein Jahr. Sehen Sie, hier rechts ist ein Ventil. Sie stellen das Dosierungsknöpfen auf ¼, ½ oder 1, und schon beginnt der Luftaustausch in ihrer Wohnung. Sobald der abgeschlossen ist, schaltet das rote Lämpchen von rot auf grün. Während des Luftaustausches müssen selbstverständlich alle Fenster zu und alle Türen geöffnet sein.“
„Verstehe ich trotzdem nicht“, brummelte Oma Carstens.
„Wie soll ich Ihnen das erklären? Die guten Moleküle fressen sozusagen die bösen auf. Das geht blitzschnell.“
„Und wie weiß ich, wann ich die Luft austauschen muss?“
Wieder schaute der Kästchenanbieter die begriffsstutzige Oma Carstens lange an.
„Das sagt Ihnen dann schon Ihr eigener Körper. Wenn Sie sich unwohl, schlapp oder abgespannt fühlen, gar Kopf- oder Gliederschmerzen kriegen. Der Apparat schafft schnelle Abhilfe.“
Oma Carstens hatte endlich angebissen. „Und was kostet der Kasten?“, fragte Oma Carstens.
„Qualität hat seinen Preis. 300 € bei fünfjähriger Garantie.“ –
„Vielleicht reicht eine zweijährige“, wandte Oma Carstens sein. „Wird es dann billiger?“
„Eine gestaffelte Garantie gibt es bei uns nicht, aber ich könnte Ihnen mit einem 20%-igen Seniorenrabatt entgegenkommen. Das wären dann … Warten Sie eine Sekunde …“ Er tippte die Zahlen in einen winzigen Taschenrechner ein. „260 €“. – „Hehe,“ protestierte Oma Carstens. „240 €. Das rechne ich Ihnen ja noch im Kopf aus.“ –
„Damit Sie sehen, wie wichtig mir Ihre Gesundheit und auch die Ihres Portemonnaies sind, sagen wir 200 €. Einverstanden?“
Oma Carstens war einverstanden und blätterte dem Mann ein Viertel ihrer Rente hin. Achtlos, als handele es sich um eine unbedeutende Summe, stopfte der Mann die Scheine in eine Brieftasche aus feinem schwarzen Leder und ließ sie schnell wieder in seiner Manteltasche verschwinden.
Wie wenn Sie dem Mann ihr gewonnenes Zutrauen beweisen wollte, rückte Oma Carstens scheu und verschämt wie ein junges Mädchen ganz nah an ihn heran und fragte: „Soll ich Ihnen vielleicht einen Pfefferminztee kochen? Der ist gesund für Magen und Nerven.“
„Nein, nein, vielen Dank“, wehrte der Mann ab. „Ich muss heute noch viele Bestellungen erledigen. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie mir das neue Gerät aus den Händen gerissen wird.“
Als gegen Mittag wie jeden Tag Oma Carstens beste Freundin reinschaute, um ein kleines Schwätzchen zu halten, sah sie den silbernen Kasten misstrauisch an. „Was hast du dir denn da wieder andrehen lassen?“
„Eine Neuheit auf dem Weltmarkt. Ein Luftaustauscher.“
Die Freundin hob ihn hoch, schüttelte ihn und sagte abfällig: „Wohl eher ein Geldaustauscher Marke Eigenbau. In der Kiste ist doch gar nichts drin. Wie viel haben die dir denn dafür aus der Tasche gezogen?“
„Mir zieht niemand Geld aus der Tasche. Im Gegenteil.“
Oma Carstens kramte eine Brieftasche aus feinem schwarzem Leder aus ihrer Schürzentasche hervor. „Der Mann hat sogar ein großzügiges Pfand hinterlegt. Für den Fall, dass mir die Maschine doch nicht gefällt. Ich habe nachgezählt, mehr als 500 € sind drin, ohne meine 200 natürlich. Da ich mir nicht vorstellen kann, dass der Kerl wiederkommt oder mich gar bei der Polizei anzeigt, könnten wir uns so manchen schönen Tag davon machen.“
„Und die Silberkiste?“
„Die lass man stehen. Die werde ich der Frau Neubert verkaufen. Die kann mit ihren 96 jede Menge Sauerstoff gebrauchen. Für Geld hat sie eh keine Verwendung mehr.“
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.03.2011.
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