Klaus-D. Heid

Lieblingsessen

Was für ein Berg köstlicher Nudeln! Dazu leckere Soße mit Gehacktem. Reichlich Parmesankäse. Ein riesiges Glas eiskalte Cola – und dann an nichts anderes denken, als alles in meinem Bauch verschwinden zu lassen! Der Geruch der Tomatensoße steigt mir in die Nase. Ungeduldig drehe ich den ersten Nudelhaufen auf meine Gabel, als plötzlich eine Stimme aus dem randvollen Teller zu hören ist:

„Nicht! Lass das!“

Blödsinn. Aus einem Teller mit Nudeln kann unmöglich eine Stimme kommen! Wahrscheinlich habe ich so einen Heißhunger, dass mir mein Verstand schon Streiche spielt.

„Bitte, bitte! Tu das nicht!“

Das beste Mittel, nichts mehr zu hören, besteht bestimmt darin, reichlich Nudel zu schaufeln! Die Gabel mit den tomatensafttropfenden Nudeln nähert sich meinem weit geöffneten Mund.

„Hab doch Mitleid mit uns! Sie nur, wie wir uns fürchten...!“

Das gibt’s doch nicht! Tatsächlich baumelt eine Nudel an meiner Gabel und zittert und bibbert wie Espenlaub im Herbstwind.

„Wir Nudel haben schließlich auch Gefühle! Wir haben Angst, wenn wir zwischen Deinen Zähnen verschwinden und von Dir verschluckt werden sollen.“

Eine Nudel unterhält sich mit mir über ihre Gefühle? Bin ich jetzt vollkommen verrückt geworden? Wo gibt’s denn so was? Nudeln sind doch dazu da, gegessen zu werden. Sie leben nicht! Sie können gar nicht leben!

Oder?

Mit knurrendem Magen und erwartungsfrohem Appetit antworte ich der Nudel also:

„Du bist eine Nudel. Du bist da, damit Dich kleine Jungs wie ich, aufessen können. Nudeln sind keine Schweinchen, Mäuse oder Kaninchen. Nudel sind eben nur... Nudel! Also seid gefälligst ruhig und lasst mich endlich essen! Ich habe nämlich einen Mordshunger!“

In dem Moment, als ich wieder die Gabel zu meinem Mund führte, geschah das Unglaubliche.

Alle Nudeln auf meiner Gabel schienen lebendig zu werden. Sie wackelten, taumelten und schlängelten so intensiv, dass eine nach der anderen Nudel von meiner Gabel rutschte. Ehe ich mich versah, hielt ich nur noch eine nackte Gabel in der Hand.

„Wenn Du uns nicht isst, hast Du einen Wunsch frei, lieber kleiner Junge! Wir sind nämlich Zaubernudeln, die Wünsche erfüllen können. Bitte sei so gut und lass uns am leben, ja? Was auch immer Du Dir wünschst, wird in Erfüllung gehen. Großes Nudelehrenwort!“

Ist ja irre. Ein Teller voller Nudeln will mich bestechen? Sprechende Nudeln, die in Tomatensoße schwimmen, wollen mir einen Wunsch erfüllen? Wenn ich nicht genau wüsste, dass ich bei klarem verstand bin, würde ich jetzt lauthals um Hilfe brüllen! Andererseits soll es ja Dinge zwischen Himmel und Erde geben, die wirklich unglaublich - aber wahr sind. Was kann’s also schaden, wenn ich mich erst mal zum Schein auf den Handel einließ?

„Obwohl ich glaube, dass Ihr nichts als einfache doofe Nudeln seid, möchte ich testen, was von Eurem Angebot zu halten ist. Also gut! Ich lasse Euch solange auf dem Teller liegen, bis Ihr meinen Wunsch erfüllt habt. Ich esse Euch nicht auf. Noch nicht! Aber wehe, Ihr habt gelogen...!“

„Niemals. Niemals. Niemals!“ hörte ich nun von allen Nudeln gleichzeitig. „Du kannst uns ruhig vertrauen, kleiner Junge. Zaubernudeln müssen immer die Wahrheit sagen. Wenn wir nur ein einziges Mal lügen, beginnen wir so gut zu duften, dass niemand mehr wiederstehen kann, uns aufzuessen. Also vertrau uns ruhig. Es wird auch Dein Schaden nicht sein...!“

Kommt auf den Versuch an. Was kann ich schon verlieren? Wenn die Nudeln die Unwahrheit gesagt haben, esse ich sie auf. Haben Sie die Wahrheit gesagt, wird mir ein Wunsch erfüllt. Es kann also nichts schief gehen.

„Na gut. Ihr werdet verschont. Obwohl es mir sehr, sehr schwer fällt. Nudeln sind nun mal mein absolutes Leibgericht, wenn ihr versteht, was ich meine. Ich sage Euch also jetzt meinen Wunsch und Ihr erfüllt ihn?“

Wieder sprachen alle Nudeln gleichzeitig:

„So ist es. So ist es. So ist es.“

Na, dann mal los!

„Völlig egal, was ich mir wünsche? Ihr erfüllt Alles?“

„Egal, was. Egal, was. Egal, was.”

Denk gut nach. Sagen sie die Wahrheit, ist das die Chance Deines Lebens. Wann findet man schon mal Zaubernudeln, die einem Wünsche erfüllen? Also? Was wünsche ich mir? Lebenslang kostenlos ins Kino? Hundert Tüten Gummibärchen? Ein Fass Cola, das nie leer wird? Eine Jahreskarte für alle Bayern-Spiele? Echt schwierig. Da hat man mal die Möglichkeit, sich was zu wünschen – und dann kann man sich nicht entscheiden. Verdammt!

„Egal, was. Egal, was. Egal, was.”

Ist ja gut! Ich hab’s doch gehört. Einen Moment noch. Immerhin muss eine wichtige Entscheidung getroffen werden, Ihr doofen Nudeln!

Egal was?

„Hört Ihr? Ich habe mich entschieden. Und Ihr garantiert, dass ich bekomme, was ich mir wünsche?“

„Natürlich. Sonst isst Du uns ja wohl auf, oder?“

„Stimmt. Also dann! Ich wünsche mir, dass Ihr Euch sofort in ganz stinknormale Nudeln verwandelt, die nichts mehr dagegen haben, wenn sie von mir aufgegessen werden!“

Plötzlich gab es in meinem Teller ein aufgeregtes Durcheinander. Die Nudeln tobten, jammerten und klagten, was das Zeug hielt. Sie schluchzten so jämmerlich, dass ich mir einen Moment die Ohren zuhalten musste. Aber dann kehrte eine himmlische Ruhe ein. Still und unbeweglich lagen die Nudeln in der Tomatensoße, ohne mir weiterhin den Appetit zu stehlen.

Manchmal sind es eben die ganz kleinen Wünsche, auf die man einfach nicht verzichten kann. Und gerade bei Nudeln mit Tomatensoße...

...kann ich einfach kein Mitleid haben. Geht’s Euch genauso wie mir?

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.10.2001. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Kein Leben hinter mir: Trauma oder Irrsinn von Klaus-D. Heid



Langsam gehe ich auf das sechzigste Lebensjahr zu. Da hinter mir nahezu jede emotionale Erinnerung »verschwindet«, besitze ich keinerlei sichtbare Erinnerung! Vieles von dem, was ich Ihnen aus meinem Leben berichte, beruht auf alten Notizen, Erinnerungen meiner Frau und meiner Mutter oder vielleicht auch auf sogenannten »falschen Erinnerungen«. Ich selbst erinnere mich nicht an meine Kindheit, Jugend, nicht an meine Heirat und auch nicht an andere hochemotionale Ereignisse, die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin.

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