Noch immer spüre ich deine Berührungen auf meinem ganzen Körper. Deine Lippen scheinen nach all der Zeit noch immer auf meinen zu brennen. Ich schließe meine Augen und sehe dich vor mir. In allen Details. Ich atme ein und habe deinen Geruch in der Nase. Manchmal, wenn ich ganz leise bin, erklingt sogar deine Stimme in meinen Ohren. Als sie noch zu mir sprach, schworen wir uns ewige Liebe. Irgendwann hörte sie auf, mit mir zu sprechen. Irgendwann hörten auch deine Augen auf, mich anzusehen.
"Wie schön du bist. Du darfst mich nicht vergessen. Versprich mir das." Du siehst mich eindringlich an und fährst mit der rechten Hand durch meine Haare. In der letzten Zeit sagst du oft solche Sätze.
"Wieso sollte ich dich vergessen? Spinner", sage ich.
Du nimmst meine Hand und streichst mit deinem Daumen über meine Haut. Nachdenklich siehst du aus. Dein Blick ist traurig, als ob du eine Last zu tragen hättest. Meistens bist du mit deinen Gedanken auch ganz weit weg. Du bist dann irgendwo und ich kann dir dahin nicht folgen.
"Du machst mir manchmal Angst, Vince."
"Ich weiß. Das tut mir leid."
"Ich liebe dich."
"Ich dich auch."
Ich nicke leicht und lege dann meine Lippen auf deine. Auch unsere Küsse haben sich verändert. Sie sind tiefer und versprechen alles. Ich weiß nicht, was „alles“ ist. Vielleicht weiß ich es irgendwann.
"Ich gehe ins Bett. Kommst du mit?" Wie jeden Abend seit ein paar Monaten stelle ich diese Frage, obwohl ich die Antwort weiß. Ich warte nicht darauf, dass du etwas sagst, sondern drehe mich um und drücke die Klinke der Schlafzimmertür runter.
"Ja." Deine Stimme klingt gebrochen und eigentlich ist es auch nur ein Flüstern, aber ich habe es genau verstanden. Ich drehe mich zu dir um und sehe wie du aufstehst und mir entgegen kommst. Du tust, als wäre nichts. Als wäre ich die letzten Monate nicht allein ins Bett gegangen, als hätte ich mich nicht jeden Abend in den Schlaf geweint, weil ich mich nach dir sehnte. Du bist immer da. Du sagst mir, dass du mich liebst und doch bist du ganz weit weg. Du nimmst einfach meine Hand und führst mich in unser Schlafzimmer.
Ich spüre deinen Arm auf meinem Bauch, deinen warmen Atem ganz nah an meinem Gesicht. Du bist schon lange eingeschlafen. Ich liege wach und denke. Ich denke nach. Über uns. Über dich und dein Verhalten. Über mich und meine Liebe zu dir. Meine Gedanken lassen sich nicht ordnen. Immer wieder tanzen sie herum, als ob sie nicht wollen, dass ich einen Überblick über sie habe. Irgendwann habe ich das Tanzen satt und falle in einen tiefen, ruhigen Schlaf. Ohne tanzende Gedanken.
Tageslicht erhellt den Raum und ich muss mir erstmal die Hand vor die Augen halten. Ich zwinkere zweimal, ehe ich in der Lage bin, die Augen offen zu lassen. Du liegst nicht mehr neben mir und ich gehe davon aus, dass du wohl schon unter der Dusche stehst oder am Frühstückstisch sitzt. Ich seufze leise, bevor ich mich aus dem Bett erhebe.
In der Wohnung ist es leise und ich spüre auch deine Anwesenheit nicht. In der Küche liegt ein Zettel auf dem "Ich liebe dich" steht. Ich weiß nicht, was das soll, suche in der ganzen Wohnung nach dir. Nichts. Ich kann dich nicht finden.
Irgendwann sind ganz viele Leute bei uns zu Hause. Unsere Freunde. Deine Familie. Meine Familie. Alle fragen mich, wie es mir geht und ob ich damit zurecht komme.
"Gut, dass du nicht mitbekommen hast, wie es passiert ist."
Ich verstehe nicht ganz, nehme es aber hin. Ein paar von ihnen weinen. Natürlich ist es traurig, dass du nun nicht mehr hier bist, aber du kommst ja bald wieder.
Sie lassen mich ein paar Sachen zusammenpacken. "Das, was wichtig ist", haben sie gesagt. Ich weiß nicht, wo es hin geht, also stopfe ich einfach ein paar Klamotten in meine Tasche. Dann nehme ich noch den 'Ich liebe dich' - Zettel von der Pinnwand und laufe in den Flur, wo sie auf mich warten. Es ist Julian und noch 2 Männer, die ich nicht kenne. Vielleicht sind es ja Freunde von ihm.
"Moment", sage ich und gehe noch einmal in die Küche. Ich suche ein Blatt Papier und einen Kugelschreiber und schreibe dir noch schnell eine Notiz. Vielleicht kommst du ja in der Zeit wieder, in der ich weg bin. Du wüsstest dann gar nicht wo ich bin. Das will ich nicht.
Julian und diese zwei Männer haben mich an einen komischen Ort gebracht. Alles ist ganz ordentlich und es riecht ein bisschen nach Krankenhaus.
Die sagen mir, dass du krank warst. Die sagen mir, dass du das gewusst hast und die sagen mir, dass die Krankheit dich umgebracht hat. Dann sagen sie noch, dass ich das doch gewusst habe. Manchmal höre ich ihnen genau zu und verstehe sogar was sie sagen. Ich weiß, dass du nicht mehr bei mir bist. Aber die sagen, dass du nie mehr zurückkommst. Wenn sie das sagen, schüttle ich immer den Kopf. Manchmal lache ich sie auch aus.
Meine Vorhänge sind zugezogen. Das ist schon lange so. Seit dem Tag, an dem ich hier angekommen bin. Wenn die Sonne untergeht, wird es in meinem Zimmer immer ganz Orange. Du hättest das gemocht, ich mag es nicht. Ich mag das ganze Zimmer nicht. Ich weiß auch immer noch nicht, wieso ich hier hin musste. Ich wollte in unserer Wohnung bleiben. Dort, wo alles nach dir roch. Wo die Erinnerung an dich am stärksten war. Ich wollte dort bleiben und auf dich warten. Ich hatte keine Wahl. Sie haben mich einfach mitgenommen und jetzt lebe ich in diesem Zimmer. Ohne dich.
Ich bin nur froh, dass ich dir diesen Zettel geschrieben habe. Ich habe geschrieben, dass ich mit Julian weg bin. Wenn du wieder kommst kannst du ihn anrufen, denn er kommt mich jeden Tag besuchen und irgendwann wird er dich dann mitbringen.
Ich öffne meine Augen und werde von einem Sonnenstrahl, der durch einen kleinen Spalt fällt, geblendet. Das Licht tut in meinen Augen weh. In meinen Augen, die so unendlich müde vom warten sind.
Mein Herz macht einen kleinen Sprung, als es an der Tür klopft. Ich zupfe noch mal meine Sachen zurecht ehe ich "Ja?" rufe.
Die Klinke der Tür senkt sich und kurz darauf steht Julian in meinem Zimmer, allein. Ich bin nicht enttäuscht. Dann warte ich auf morgen.
"Hallo", sage ich und freue mich, Besuch zu haben.
"Hallo Nora."
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.03.2011.
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