H. Peter Wolzenburg

BITTE VERLASS MICH NICHT




Sven unser Sohn war in den 3 Jahren, wo er bei uns war zu einem prächtigen gesunden Kind herangewachsen.
Damals vor 3 Jahren, Sven war 2 und total verstört, da sagte man uns im Waisenhaus das wir uns eine große Last ans Bein hängen würden mit diesem Kind.
Aber gerade das Kind hatte es uns angetan.
Erika meine Frau konnte keine Kinder bekommen, das hatte sie mir noch vor unserer Hochzeit vor 4 Jahren
gesagt. Irgendwelche Verwachsungen an den Eierstöcken verbunden mit Zysten und Eiterbildung hätten dazu geführt das diese Operativ entfernt worden waren.
Ein Problem war das nicht für uns, wenn keine Eigenproduktion, dann eben Adoption.
So kam Sven zu einer neuen Familie und wir zu einem
netten kleinen Sohn.

Erika hatte ich auf einer Autobahnraststätte kennengelernt. Es war Ferienzeit und viel Verkehr auf den Strassen.200 km vor dem Ziel, ich war auf der Rückfahrt aus dem Urlaub, bog ich auf den überfüllten Parkplatz des Rasthauses ab, sah eine Parklücke und fuhr ein wenig daran vorbei um rückwärts einzuparken.
Im Rückspiegel sah ich einen roten Mini der sich frech in die, in meine, Parklücke setzte.
Nach dem üblichen Palaver was in solchen Situationen folgt konnte ich der hübschen jungen Frau nicht mehr böse sein. Hatte sie mich doch mit einem erfrischenden Lächeln um Entschuldigung gebeten und mir eine Tasse Kaffee, in der Raststätte, zur Versöhnung angeboten. Mein Auto stellte ich auf der Wiese ab, obwohl verboten, dann begaben wir uns in den Gastraum.
Es stellte sich heraus das wir das gleiche Ziel hatten.
Wir wohnten beide in der gleichen Stadt, garnicht mal soweit von einander entfernt.
So lernte ich Erika kennen.

Übermorgen hat Erika Geburtstag und wie immer seit unserer Trauung wollte ich Sie mit einem Geschenk überraschen. Mein Tick ist die Geschenke an einem Ort zu verstecken den Erika ständig aufsucht aber ein Geschenk an dieser Stelle nicht vermutet.
Einmal war es der Putzeimer, ein andermal in einer Blumenvase. Letztes Jahr klebte ich das Geschenk in das Körbchen einer ihrer BH´s der zum trocknen auf der Leine hing. Dieses Jahr wollte ich das Geschenk unter ihrer Wäsche im Kleiderschrank verstecken.
Im Schlafzimmer ging ich also zum Schrank und zog die Schublade heraus in der sich Erikas Slips befanden.
Ich wühlte mich nach unten um den Ring den ich gekauft hatte unter den Slips zu deponieren.
Unten angekommen fühlte ich plötzlich eine Folie die mich neugierig machte, ich zog die Folie die Papiere enthielt heraus und fing an die Papiere zu lesen.

Im nachhinein ist mir bewusst geworden das ich diese Papiere besser nie gefunden und gelesen hätte.
Es handelte sich um eine Geburtsurkunde, ausgestellt auf den Namen Erik Wadenstein geb. am 25.07.1973.
Gleicher Name wie Erikas Geburtsname, auch das Geburtsdatum stimmte überein.
Ein Bild das einen etwa 12jährigen Jungen zeigte der Erika hätte sein können lag hinter der Geburtsurkunde.
Hatte Erika einen Zwillingsbruder, den sie aus irgendwelchen Gründen verheimlichen wollte?
Dann waren da noch Kopien von Urkunden Erikas Eltern betreffend und ein Bild dieser Leute.
Die Frau hielt einen etwa 6jährigen Jungen auf dem Arm. Erik vermutlich.

Warum hatte Erika ihren Bruder nie erwähnt?
Warum hatte Erika mir gesagt das sie direkt nach der Geburt von ihren Eltern getrennt wurde und nicht wüsste wie die aussehen?
Hatte Erikas Mutter ein Kind weggegeben und nur den Jungen behalten?
Empfand Erika Scham wegen dieser Sache und wollte mit keinem darüber reden?
Einmal in der Woche nahm sich Erika ihren “Privattag“
An diesem Tag besuche sie immer eine Freundin, zwecks Frauengespräche u.s.w. So erklärte Erika mir ihren Privattag, den sie auf gar keinen Fall missen wollte. Die Freundin durfte ich bisher nicht kennenlernen. “Ist mein kleines Geheimnis“, sagte Erika zu mir.
Ich fand das zwar irgendwie ziemlich blöd aber da ich mir Erikas Liebe hundertprozentig sicher war, hatte ich keinen Grund eifersüchtig zu sein und an einen eventuellen Liebhaber denken zu müssen.
Besuchte Erika ihren Bruder von dem sie nie sprach, war es gar keine Freundin?
Mit diesen Gedanken stand ich am Fenster, betrachtete unseren Sohn Sven und wartete auf Erikas Rückkehr.

Heute ein paar Tage später stand ich wieder am Fenster und sah wieder auf Sven der im Garten spielte.
Erika war zum Einkaufen gefahren und würde gleich zurückkommen.
Freute ich mich auf meine Frau oder ließ ich mich scheiden, was würde aus Sven werden.
Seit Tagen wanderten diese Gedanken durch meinen Kopf, denn ich hatte Erika wegen der Papiere zur Rede gestellt und sie gestand mir was womit ich nie gerechnet hätte. Seit Tagen herrschte ein sehr angespanntes Verhältnis zwischen uns.
Ein Verhältnis das uns beide durch die Hölle gehen ließ. Erika liebte mich nach wie vor, aber liebte ich Erika noch? Verdammte Scheisse, verdammt, verdammt!

Dann kam Erika, klasse aussehend wie immer.
Der traurige Gesichtsausdruck allerdings passte nicht zu ihr, aber mir ging es ja nicht besser.
Sven rannte auf seine Mutter zu und schlang seine Arme um ihre Schenkel, Erika mühte sich ein lächeln ab.
Als Erika die Taschen ausgepackt und wir Tüten und Konserven in den Schrank eingeräumt hatten schaute mich Erika mit Tränen in den Augen an und sagte mit trauriger Stimme: “Hast du dir überlegt was du machen willst, entscheide dich bitte endlich und ich hoffe das du mich nicht allein lässt“. Dicke Tränen liefen über ihre Wangen und ich war nicht fähig sie in meine Arme zu nehmen.
“Gut Erika, hör zu, ich werde jetzt eine Stunde spazieren gehen und dann sag ich dir wie ich mich entschieden habe“.

Es war ein trüber Abend, trüb wie meine Gedanken, ich musste eine Entscheidung treffen.
Noch einmal ließ ich mir Erikas Worte durch den Kopf gehen.
An ihrem Privattag besuchte sie keine Geheimnisvolle Freundin, auch einen Bruder hatte sie nicht.
Ihre Eltern, die sie angeblich direkt nach ihrer Geburt abgegeben hatten und die sie nicht kannte, die besuchte sie.
Die Eltern, beide um die 50, seien eigentlich verständnisvolle und liebe Menschen, nur eins hatten die beiden nicht richtig verkraften können.
Ihr über alles geliebter Sohn Erik wurde zur Erika.
Erika hatte nie einen Ehemann und ein Kind ihren Eltern gegenüber erwähnt.
Das die Eltern mich kennenlernen und mir Erikas Geheimnis erzählen könnten, wollte sie auf jeden Fall verhindern.

Leichter Nieselregen hatte eingesetzt und durchdrang langsam meine Kleidung, was mir in dem Moment völlig egal war. Hätte sie doch vor der Hochzeit was gesagt, hätte ich sie nicht geheiratet und wir hätten heute kein Problem. Hätte, Hätte, Hätte.
Vier Jahre hatten wir eine wunderschöne Eheliche Beziehung, vier Jahre war ich stolz auf meine schöne Frau. Wir haben uns geliebt, geküsst, gestreichelt.
Doch wenn ich jetzt daran denke eine Wange gestreichelt zu haben auf der einmal ein Bart wuchs dann kam es mir hoch. Lippen hatte ich geküsst die einmal Männerlippen waren, der Gedanke ließ ein schütteln durch meinen Körper gehen.
War Erika nun ein Mann mit einer weiblichen Hülle, oder war sie eine Frau ohne weiblichen Inhalt?
Hatte ich denn nur den schönen Körper geliebt, oder auch den Menschen, den Kumpel.
Wenn ich zwei Schwule sehe die sich küssen so lässt mich das vollkommen kalt, bloß ich, ich könnte nie mit einem Mann.
War ich mit einem Mann im Bett der sich Erika nannte?
Erika musste immer noch Tabletten schlucken, Hormonpräparate hatte sie gesagt, wegen der entfernten Eierstöcke.
Ha-belogen hat er/sie mich, entfernte Eierstöcke, es waren ja nie welche da.
Wie sah sie eigentlich von innen aus? Ok man hatte ihr eine Vagina geformt und Brüste wachsen lassen.
Der Bart war weg und die Stimme heller, aber reicht das aus um eine Frau zu sein?
Meine Gedanken überschlugen sich, ich musste zu einer Entscheidung kommen denn die Stunde war fast rum.
Dann war da auch noch Sven unser Sohn, den wir beide liebten. Wieder kamen Horrorvorstellungen in mir hoch. Was passiert wenn sie ihre Hormonpillen aus irgend einem Grund absetzen muss?
Wachsen Haare auf der Brust?
oder Erika mit Vollbart, bei dem Gedanken musste ich sogar grinsen, und dafür hasste ich mich im gleichen Moment.
Erika war mir bis jetzt immer eine gute und liebe, verständnisvolle Frau gewesen.
Warum verdammt noch mal sollte es so nicht bleiben?

Kaum war ich wieder zu Hause kam Erika und schaute mich mit verheulten Augen, hoffnungsvoll an.
Herrgott noch mal tat mir dieser Mensch leid.
“Erika“, sagte ich, “Mir sind eine Menge Gedanken durch den Kopf gegangen aber du musst mich auch verstehen. Ich werde bei dir und Sven bleiben aber Berührungen jeglicher Art wird es nicht mehr geben.
Kann sein das sich das im laufe der nächsten Jahre wieder ändert, aber im Moment kann ich nicht anders.“

ENDE

H. Peter Wolzenburg ( Geschrieben im Mai 2002 )

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.02.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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