Klaus-D. Heid

Ein bisschen Liebe


Vielleicht war sein Name tatsächlich Pierre? Spielte das irgendeine Rolle? Würde es etwas ändern, wenn ich wüsste, ob Pierre mich wirklich so liebte, wie er es mir immer wieder geschworen hatte?

Jetzt, da Pierre nie wieder zu mir zurückkehren würde, blieb nur die Erinnerung an den Mann, durch den mein Leben eine vollkommen andere Entwicklung nahm. Es blieb die Erinnerung an ‚Pierre’, der mich mit seiner unbekümmerten und ewig fröhlichen Art, zu einer glücklichen Frau machte.

Niemand kann mir diese Erfahrung nehmen. Niemand kann mir die unzähligen Augenblicke nehmen, in denen ich alles um mich herum vergaß. Was kümmert es mich also, ob Pierre nun ‚Pierre’ hieß oder nicht? Es ist ebenso unwichtig, wie die Tatsache, dass ich nicht die einzige Frau in seinem Leben war.

Manchmal denke ich an die Momente, in denen ich mich nach unkomplizierter und liebevoller Zärtlichkeit sehnte. Ich denke daran, wie ich manchmal weinend im Bett lag, weil ich die Einsamkeit nicht mehr ertragen konnte. Und dann, wenn ich mich selbst in diesem Elend aus Frust und Traurigkeit sehe, erinnere ich mich an Pierre. Ich erinnere mich an sein Lachen, seine Fröhlichkeit und an seine art, mit Problemen umzugehen.

„Ein Problem ist nur ein Problem, wenn man ihm gegenübersteht. Dreh Dich einfach um, wenn Du einem Problem über den Weg läufst. Dreh Dich um – und lauf, so schnell Du kannst, zu mir...!“

Genauso war er. Er besaß nicht die Fähigkeit, ein Problem zu lösen. Er besaß aber die unglaubliche Begabung, ein Problem zu verleugnen. Wenn Pierre meinte, einem Problem gegenüber zu stehen, ignorierte er es so intensiv, dass es – für ihn – plötzlich verschwunden war. Er ‚zauberte’ es einfach weg.

Ein bisschen von diesem Zauber hat Pierre zurückgelassen.

Natürlich weiß ich, dass man Probleme nicht ‚wegzaubern’ kann. Durch Pierre weiß ich allerdings, dass kein Problem so groß werden darf, dass man von ihm erschlagen wird.

Dass Pierres Zauber niemals von Dauer sein konnte, war mir klar. Irgendwann musste seine brüchiges Dach aus Selbstbetrug und Ignoranz, zusammenbrechen. So sehr er sich auch selbst betrog, so sehr häuften sich alle Probleme an, bis sie ihn schließlich unter sich begruben.

Und doch...

Und doch habe ich aus seiner Nähe jene Kraft gezogen, die mich heute wieder leben lässt.

Pierre, oder wie auch immer dieser Mann hieß, ist – von einem zum anderen Tag, aus meinem Leben verschwunden. Er hat mir keinen Brief hinterlassen, in dem er mir irgendeine Geschichte auftischte. Er hat nicht zu erklären versucht, warum er ebenso plötzlich verschwand, wie er in mein Leben getreten ist. Pierre ging, nach einer der schönsten Nächte, die ich je erlebt habe, einfach weg. Er sagte nichts, er schrieb nichts – und er begründete nichts.

Ob ich traurig bin, weil er weg ist?

Vielleicht war ich traurig, als ich wusste, dass er nicht zu mir zurück kommen würde. Vielleicht dauerte diese Trauer ein oder zwei Tage. Vielleicht bin ich auch heute noch ab und zu traurig, wenn ich an ihn und an seine Leichtlebigkeit denke.

Doch im Grunde meines Herzens wusste ich, dass er nur eine Episode war, aus der ich ganz viel für mich lernen sollte. Ich wusste im Prinzip von Anfang an, dass Pierre niemals der Mann war, mit dem ich alt und grau werden würde.

Menschen wie Pierre, sind wie der Wind. Sie streicheln mit einer Flüchtigkeit, die man nicht festhalten kann. Sie schenken einem die Luft, die man zum Atmen braucht – und verschwinden, um an irgendeinem anderen Ort dieser Welt, erneut aufzutauchen. Die Pierres dieser Welt können nicht sesshaft sein oder sich auf Dauer binden. Sie produzieren ein Lächeln in den Gesichtern der Menschen, die sie berühren – und sie fliegen einfach weiter...

Mein Lächeln ist noch immer da.

Ich gehe seitdem Problemen nicht aus dem Weg. Im Gegenteil! Ich stelle mich meinen Problemen und sehe ihnen furchtlos ins Gesicht. Ich bin nicht wie Pierre. Aber ich habe ein Teil von ihm in mir bewahrt, das mich niemals glauben lässt, hilflos zu sein.

Vor zwei Jahren ist mein Mann Roger, gestorben, den ich wirklich über alles liebte. Über dreißig Jahre habe ich, glücklich und in Harmonie, mit meinem Mann gelebt.
Morgen, an meinem zweiundachtzigsten Geburtstag, sind’s fünfzig Jahre her, dass mich der ‚Windhauch Pierre’ streifte. Ich werde ihn bis zu meinem Tod in Erinnerung behalten. Ohne ihn wäre meine Ehe vielleicht nicht so verlaufen, wie sie verlief. Ohne Pierre wäre ich bestimmt nicht die Frau geworden, die ich bin. Und – ohne Pierre hätte ich vielleicht meinen Mann niemals so lieben können, wie ich ihn bis zu seinem letzten Tag geliebt habe.

Nun bin ich eine alte Frau. Mein Leben ist fast am Ende angelangt. Es war ein schönes, erfülltes und zufriedenes Leben, das Pierre, oder wie er auch immer hieß, nur kurz berührte.

Ich habe Dich nie wirklich geliebt, Pierre – aber ich liebe Dich noch immer ein bisschen...

Adieu

Anne-Claire

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.02.2003. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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