Andreas Rüdig

Sumo-Ringen

Das Sumoringen ist meine große Leidenschaft. Mit seinem Schieben / Schupsen und Schlagen / Stoßen ist es eine harmlose Kampfsportart, mit der Volk, Kaiser, Vaterland und die Ahnen auf eine gefahrlose und verletzungsfreie Art und Weise gepriesen und verehrt werden sollen.

Seit meiner Kindheit versuche ich schon, Sumo zu betreiben. "Sumo? Sumo?" fragte meine Frau Mama. "Kenne ich nicht. Hat sich bei mir noch nicht vorgestellt. Ich kenne nur Omo. Und das ist ein gutes Waschmittel." Und damit war der Sport erst einmal für mich erledigt. Ich ging Fußball spielen wie alle anderen Jungen auch.

In meiner Pubertät sah ich dann zufällig einen Sportkanal im Fernsehen. Dort lief Sumo. "Was ist das denn?" So fragte meine Mutter. "Das ist Sumo." Lange Zeit dachte sie nach. "Wofür kann man brauchen," wollte sie dann wissen. "Man braucht Sumo, um ein Mädchen zu erobern. Stell dir mal vor, du bist Junge, in ein Mädchen verliebt. Du gehst mit ihr. Und dann stellst du plötzlich fest, daß sie einen anderen Jungen küßt. Was machst du? Jeder andere Junge muß sich kloppen. Der Sumo-Ringer schiebt den lästigen Konkurrenten einfach beiseite." Das hat Mama natürlich eingesehen.

Also durfte ich mir einen Ringverein suchen. Was aber gar nicht so einfach sein sollte. Sumo wurde nämlich bei uns vor Ort gar nicht angeboten, nur in der Nachbarstadt. Mein Vater brachte mich zur einer Übungsstunde. Und dort erwartete mich die nächste unangenehme Überraschung: "Junge, du bis völlig ungeeignet  dafür. Du bis doch viel zu mager dafür," sagte der Trainer. Er zeigte mir ein paar Fotos von berühmten Sumo-Ringern. Es waren tatsächlich sehr stattliche, wenn nicht gar fette Herren. Ich Knochengerüst würde noch viel futtern müssen, wollte ich so aussehen wie sie. "Mit futtern und essen allein ist es nicht getan," behauptete der Trainer. "Sumoringer müssen eine Spezialdiät halten. Viele Kohlenhydrate, viele Kalorien. Kein Zucker, kein Fett. Das heißt: viele Kartoffeln, viele Spaghetti, viele Nudelgerichte und andere italienische Spezialitäten. Keine Schokolade und andere Süßigkeiten. Kein Sport, wenig Bewegung und regelmäßige Gewichtskontrolle."

Meine Mutter ist an dieser Spezialdiät verzweifelt. Morgens gab es jede Menge Brot. Aber nicht mit Marmelade und Nuss-Nougat-Creme, wie es bei anderen Kindern üblich ist. Kräftigende und nährstoffreiche Spezialwurst gab es als Belag. Dieselbe Prozedur fand abends beim Nachtessen statt. Nur mittags war Mutti nicht gestreßt. Da konnte sie sich den Vorgaben des Trainers entsprechend austoben.

Zwei Jahre später war ich froh, daß ich nicht mehr zur Schule mußte. Ich hatte zwar einerseits das Idealgewicht eines Sumoringers erreicht, wurde von meinen Mitschülern aber nur noch gehänselt. "Fettklos" war noch der harmloseste Ausdruck, mit dem sie mich bedachten.

Ich brauchte eine Spezialerlaubnis, um mein Sportstudium starten zu können. Auf die Aufnahmeprüfung wurde in meinem Fall verzichtet - es fand sich einfach kein geeigneter Gegner, gegen den ich (sumo-)ringen konnte. Die allgemeinen sportwissenschaftlichen Grundlagen waren ja auch für mich interessant. Da ich aber der einzige Absolvent der Fachrichtung "Sumo" war, hätte ich zwangsweise an der Fachrichtung "Ringen" teilnehmen müssen. Zum Glück wurden meien Trainingseinheiten im Verein als praktisches Studium anerkannt. Dessen krönender Abschluß war der Gewinn der deuschen Meisterschaft. Stellen Sie sich das mal vor: Die Deutsche Ringer-Union hat nur meinetwegen drei japanische Sumo-Ringer eingebürgert. Nur so konnte ein kleines Meisterschafts-Turnier organisiert werden.

Die Werbeindustrie hat mich inzwischen als lohnenswertes Objekt entdeckt. Aber nicht für die reguläre Konfektionsware von der Stange, sondern als Model für Übergewichtige. Für mich ist das eine angenehme Nebeneinnahmequelle. Schließlich gibt es bei uns in Europa nur wenige Turniere, an denen ich teilnehmen kann.

Daß ich nahe an einem Leberschaden bin, brauche ich wohl nicht extra zu erwähnen. "Sie müssen unbedingt abnehmen," fordert mein Hausarzt. "Und essen Sie doch mal was anderes als Brot und Kartoffeln. Daß Ihnen dsa nicht längst schon zum Halse heraushängt."

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