Hermann Weigl

Die Drachenreiter von Arctera (Teil 11)

Als die Prinzessin wieder aufwachte, kitzelte sie ein Sonnenstrahl an der Nase, und sie musste heftig niesen. Sie öffnete die Augen und blinzelte gegen die Helligkeit an. Verschwommen sah sie ein Gesicht über sich. Nach ein paar Augenblicken klärte sich ihre Sicht, und sie erkannte, wer sie anlächelte.
„Tarrabas“, rief sie voll Freunde, sprang auf und fiel ihm um den Hals.
Der Prinz merkte, wie sie sich an ihn drückte. Sprachlos vor Überraschung legte er seine Arme um sie, spürte ihren zerbrechlichen Körper und die Wärme ihrer Nähe.
Und in diesem Augenblick fasste er den Entschluss die Prinzessin zur Frau zu nehmen, koste es, was es wolle.
„Wo warst du denn?“, fragte die Prinzessin, ohne daran zu denken, dass sie die vertrauliche Anrede verwendete.
„Das Schneetreiben wurde immer dichter. Wir verloren euch, und Zarn meinte, es wäre besser, in einer Höhle das schlimmste Unwetter abzuwarten. Dann sind wir weitergeflogen. Und ich habe dich hier schlafend vorgefunden.“
„Unari“, rief Elisabietha und löste sich aus den Armen des Prinzen.
Sie lief zu ihrer Freundin hinüber, die das ganze Geschehen beobachtet hatte. Die Decken und Tücher waren abgefallen, und ihre Augen hatten beinahe den alten Glanz wieder gefunden.
„Elisabietha“, sagte die Drachin. „Wir sollten heute nicht mehr weiterfliegen. Sieh nur, wie tief die Sonne schon steht.“
„Wir haben zuviel Zeit verloren“, stimmte auch Tarrabas zu, der neben sie getreten war.
Unari richtete sich auf. „Ich werde jetzt jagen. Zarn wird mit mir kommen.“
Das Königskinderpaar sah zu, wie die majestätischen Wesen in der Ferne verschwanden. Dann setzten sie sich nieder, um ebenfalls zu essen.
Nach dem Mahl nahm die Prinzessin das rätselhafte Bündel aus ihrem Gepäck und musterte es nachdenklich. „Was mag das nur sein?“
„Wenn sich jemand die Mühe gemacht hat, es unter einer schweren Steinplatte zu verstecken, dann muss es sehr wichtig sein.“
„Oder wertvoll.“
„Oder das“, bestätigte Tarrabas.
Die Prinzessin versuchte, die Schnüre zu lösen, die das Bündel zusammenhielten, aber sie zerfielen unter ihren Händen zu Fasern.
„Prinzessin, darf ich?“
Er nahm den Packen, legte ihn auf den Boden und faltete vorsichtig das umhüllende Leder auf. Darunter kam eine weitere Schicht aus dem gleichen Material zum Vorschein.
„Wer das versteckt hat, der hat sich die größte Mühe gegeben, damit es Jahrhunderte überdauert“, meinte Tarrabas mit ehrfurchtsvoller Stimme.
Noch drei Lagen von gewachstem Papier schützten den geheimnisvollen Inhalt, dann hielt er endlich in Händen, was vor so langer Zeit dort oben im Nebelgebirge abgelegt worden war.
„Ein Buch“, stellte er voller Erstauen fest.
Es war in feines Leder eingebunden. Die Ecken hatte man mit kleinen Metallkappen geschützt.
Aus einem Grund, der ihnen selbst nicht klar war, zögerten sie, den Einband aufzuschlagen.
Der Prinz schlug den Buchdeckel auf, und überblätterte die erste Seite, die leer war.
„Ein Bild“, meinte Elisabietha mit leiser Stimme.
Die Seite zeigte eine Frau, die ein Kind in den Armen hielt, ein langer Zopf hing über ihre Schulter. Die Zeichnung war mit vielen Details versehen, und wirkte so lebensecht, dass Elisabietha vor Ehrfurcht den Atem anhielt. Der Zeichner musste ein wahrer Künstler gewesen sein.
„Wer sie wohl gewesen ist?“, fragte Tarrabas.
„Sie muss ihm viel bedeutet haben, wenn er sie als erste gezeichnet hat.“
Tarrabas nickte und blätterte um. Es folgte ein Ritter in einer Rüstung, dessen Brust die Zeichnung eines Drachens zierte, ein Mann mit vom Alter zerfurchtem Gesicht, noch viele andere Menschen, dann eine Burg, bei deren Anblick die Prinzessin einen überraschten Laut von sich gab.
„Der Turm. Ich erkenne seine Form. Es ist der aus der Ruinenstadt.“
Tarrabas betrachtete mit Kennerblick das Abbild der Festungsanlage. Die Mauern waren massiver, als die der Burg seines Vaters. Die ganze Anlage wirkte stolz, zeigte vom Können ihres Baumeisters, und schien für die Ewigkeit gebaut.
„Ich wünschte, ich könnte von so einer Burg aus regieren. Kein Feind würde es wagen, gegen diese starken Mauern anzurennen. Und auf den obersten Zinnen würde Zarn sitzen, und seine gewaltigen Flügel ausbreiten.“
Es folgten noch viele Seiten, die Einzelheiten der Burg und der alten Stadt zeigten.
Die letzte Zeichnung war nicht fertig gestellt worden, und die nächsten Seiten überzogen lange Zeilen, die in großer Eile hingeschrieben schienen.
„Was steht dort?“, fragte die Prinzessin.
„Ich kann es nicht lesen. Solche Schriftzeichen habe ich noch nie gesehen. Vielleicht ist es auch eine Art von Geheimschrift.“
Der Prinz schlug das Buch wieder zu, und legte voll Ehrfurcht eine Handfläche auf den Einband.
„Gaius könnte es vielleicht übersetzen“, sagte Elisabietha.
„Gaius?“
„Unser Gelehrter. Er ist der klügste Mann, den ich kenne. Er wusste sogar, dass es Drachen gibt.“
„Wir haben auch einen Gelehrten. Giorgio ist sein Name.“

Am nächsten Morgen brachen sie in Richtung Agostina auf. Unari schien wieder völlig genesen zu sein. Sie sagte, sie hätte bei den heißen Quellen ein Sumpfbad genommen, was ihre Leiden hat nahezu verschwinden lassen.
Noch bevor die Sonne ihren höchsten Stand erreichte, sahen sie die Burg in der Ferne auftauchen. Wimpel und Fahnen flatterten im Wind. Auf dem Weg, der zum breiten Haupttor führte, waren Reiter, Wagen und Menschen zu Fuß unterwegs.
In Rufweite von der Burg entfernt gingen die beiden Drachen auf einer blühenden Wiese nieder. Schon bald ertönen aus der Richtung des Bollwerks die ersten Hörner. Man hatte sie bemerkt, und schlug Alarm.
Die Prinzessin hatte davon erzählt, wie die Leute auf den Anblick Unaris reagiert hatten, und sie wollten vermeiden, dass es zu Konflikten kam, bei denen womöglich Menschen verletzt wurden.
Tarrabas und Elisabietha warteten, bis die ersten Reiter näher kamen, und als sie sicher waren, dass die Männer den Prinzen erkannt hatten, stiegen sie von den Rücken ihrer Verbündeten, traten beiseite, und beobachteten, wie sie aufstiegen.
Die Männer zügelten die Pferde und sahen noch, wie die beiden majestätischen Wesen über den Wipfeln der Bäume des nahegelegenen Waldes verschwanden.
Ein Reiter mit reich verzierter Kleidung kam näher, stieg aus dem Sattel und verbeugte sich vor Tarrabas.
„Majestät, ich grüße Euch. Ihr wurdet vermisst.“
„Nehmt ebenfalls meinen Gruß“, erwiderte der Prinz. „Hat mein Diener keine Nachricht überbracht?“
„Doch, das hat er, Prinz Tarrabas. Aber Euer Vater hat seinen Worten keinen Glauben geschenkt, und ihn in den Kerker werfen lassen.“
„Sorgt dafür, dass er sofort frei kommt.“
„Sehr wohl, Majestät.“
„Und wir benötigen zwei Pferde.“
Der Mann warf der Begleiterin des Prinzen einen fragenden Blick zu, rief einen Befehl, worauf zwei andere abstiegen, und ihnen die Zügel ihrer Reittiere reichten.
Wie gerne hätte Tarrabas seinen Vater vom Rücken des Drachen aus begrüßt, aber das durfte wohl erst ein andermal geschehen. Sicherlich hatten von den Wehrgängen aus genügend Menschen ihre Ankunft beobachtet, die seine Worte bestätigen würden.

Im Thronsaal traf Tarrabas auf seinen Vater, der ihn umarmte und an seine Brust drückte.
„Mein Sohn, wo warst du nur? Wir haben uns Sorgen um dich gemacht.“
„Vater, bevor ich berichte, möchte ich dir die edle Dame vorstellen, die mich auf meinem Abenteuer begleitet hat: Prinzessin Elisabietha von Iskandar.“
„Was?“, schrie er. „Du bringst eine Feindin in meine Burg?“ Sein Gesicht verfinsterte sich. Schon wollte die Hand zum Schwert greifen, als der Prinz sich schützend vor sie stellte.

(C) 2011 Hermann Weigl

Fortsetzung folgt.

Weitere Geschichten biete ich auf meiner Homepage an.

Vorheriger TitelNächster Titel
 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Hermann Weigl).
Der Beitrag wurde von Hermann Weigl auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.03.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

Der Autor:

  Hermann Weigl als Lieblingsautor markieren

Buch von Hermann Weigl:

cover

Die Rache der Seth-Anat. Der Weg zwischen den Sternen 2 von Hermann Weigl



Die Mondgöttin wird entführt.
Sie verliert ihr Gedächtnis und findet sich auf einer unbekannten Welt in einer mittelalterlichen Kultur wieder. Der Ritter der Ewigkeit zieht einsam durchs All auf der verzweifelten Suche nach ihr. Wird er sie wieder finden?

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Fantasy" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Hermann Weigl

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Die Mondgöttin - Der Sternenmann von Hermann Weigl (Fantasy)
Wunschtraum von Edelgunde Eidtner (Fantasy)
Geh ins Licht......Geh von Engelbert Blabsreiter (Lebensgeschichten & Schicksale)

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen