Christiane Mielck-Retzdorff

Recht durchschnittlich




 
Es war ein simpler Tippfehler gewesen, der Petra zu diesem otto60 führte. Seit einiger Zeit tummelte sie sich in diesem Portal, wo die große Liebe in allen möglichen und unmöglichen Gestalten winkte. Manchmal fragte sich Petra, ob die Welt der ungebundenen Männer nur noch aus größenwahnsinnigen Idioten bestand. Einer der wenigen, wenn auch nicht gerade vielversprechenden, aber immerhin verhältnismäßig normalen und freundlichen Exemplaren verbarg sich hinter otto06, zu dem sie nun umgehend wechseln wollte.
 
Aber dann las sie, etwas neugierig, doch das Profil ihres Irrtums und stutzte. Sie hatte ja schon allerlei an angeberischen Texten gelesen, aber dieser Mann hatte wohl überhaupt nichts begriffen. Er beschrieb sich doch tatsächlich als durchschnittlich intelligent, durchschnittlich sportlich, mit einem Hang zum Übergewicht und schütter werdendem Haar. Er fühlte sich wohl in seinen vier Wänden und besaß ein eigenes Auto. Wie außergewöhnlich, dachte Petra leicht irritiert, ja sogar zynisch.
 
Doch dann wurde ihr plötzlich bewußt, dass diese Eigenschaften auch auf sie zutrafen. Außerdem gab dieser otto60 auch noch zu, keine feste Anstellung zu haben, wo Petra ebenfalls gerade arbeitslos war und nur deswegen über die Zeit verfügte, sich im Internet über passende Männer zu informieren. Auch sie war geschieden, wie dieses Musterbeispiel an Durchschnittlichkeit und liebte den südlichen Strand und das Meer.
 
Irgendwie machte diesen Kandidaten seine Ehrlichkeit aber auch interessant. Es gehörte Mut dazu, nichts zu beschönigen und sich darauf zu verlassen, dass irgendwo im www eine liebevolles Seele nach einem Mann ohne besondere Eigenschaften, großes Vermögen oder sonstige erwähnenswerte Züge suchte. Eine illusionslose Realistin ohne Ansprüche.
 
War Petra etwa so eine Figur? Hatten sie Enttäuschungen und verpaßte Gelegenheiten so abstumpfen lassen? Nein, sie wollte diesmal mit Verstand den perfekten Mann finden, und mit ihm ihr zukünftiges Leben teilen ohne faule Kompromisse. Und es mußte ihn geben diesen einen Deckel, der auf ihren Topf paßte und sie glücklich machte. Otto60 konnte ihr keinesfalls bieten, was sie sich von einem Mann wünschte.
 
Allerdings wußte Petra gar nicht genau, wie sie sich ihren Zukünftigen vorstellte. Er sollte nicht älter als Mitte 50 sein und etwas größer als sie, damit sie ihren Kopf an seine Schulter lehnen konnte. Diese Voraussetzungen erfüllte otto60 immerhin. Dummheit konnte sie nicht leiden, doch einem allzu klugen Kopf würde ihre Bildung sicher nicht reichen. Zwar kämpfte Petra gelegentlich mit ihrem Gewicht, aber Sport war auch nie wirklich ihr Ding gewesen. Manchmal fürchtete sie beinahe, schon häuslich zu wirken. In ihrem Profil jedoch beschrieb sie sich als schlank, aktiv und vielseitig interessiert.
 
Petra beschloß den Kontakt zu otto60 aufzunehmen, um ihm einige Ratschläge für seine Präsentation in diesem Partnerportal zu geben. Eine so bescheidene Haut hatte es verdient, ein wenig Unterstützung zu bekommen. Aus seinen Antworten war zu erkennen, dass dieser otto60, den sie nun bei seinem richtigen Vornamen Wolfgang nennen durfte, sehr zurückhaltend und äußerst höflich war. Es machte ihr so viel Spaß sich mit ihm über Alltäglichkeiten und Weltgeschehen auszutauschen, dass sie schließlich anregte, dieses am Telefon fortzusetzen.
 
Wolfgangs honorige Stimme, seine freundliche Art und sein Interesse an ihrem Leben machten ihn bald zu einem festen Bestandteil von Petras Tagesablauf. Alles was sie bewegte, teilte sie mit ihm. Sie ertappte sich sogar dabei, dass sie eifersüchtig fragte, ob er auch Kontakt zu anderen Frauen pflegte. Schließlich vereinbarten beide ein Treffen.
 
Erst jetzt erkannte Petra, dass sie viel mehr für Wolfgang empfand, als sie sich bisher eingestanden hatte und begann sich entsetzlich davor zu fürchten, dass mit einer Begegnung jede Illusion zerrinnen und er aus ihrem Leben verschwinden könnte. Unter fadenscheinigen Gründen sagte sie den Termin ab. Wolfgang zeigte zwar Verständnis, aber etwas in seiner Stimme verriet ihr, dass er sie durchschaut hatte.
 
Schon am frühen Abend öffnete Petra eine Flasche Rotwein und wartete auf das Klingeln des Telefons. Sie fühlte sich in einer Falle. Zwar war sie stets ehrlich zu Wolfgang gewesen, aber was würde geschehen, wenn er sie einfach nicht leiden mochte. Sie hatten bisher keine Fotos ausgetauscht. Warum eigentlich nicht? Vielleicht würde ja sie ihren Internet- und Telefonpartner abstoßend finden. Doch wenn sie ihn nun toll fand und er sie nicht oder umgekehrt? Auf jeden Fall würde nichts mehr so sein wie vorher.
 
Unvermittelt klingelte es an ihrer Haustür. Davor stand ein durchschnittlicher Mann mit einer durchschnittlichen Flasche Champagner, dessen Lachen bei dem Anblick von Petra keinen Zweifel daran ließ, dass sie ihm gefiel. Nach einer keineswegs durchschnittlichen Nacht mußte Petra nur noch lernen, dass ein eigenes Auto auch ein Rolls Royce sein kann und die eigenen vier Wohlfühlwände von anderen als Villa bezeichnet werden.    
 
  

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