Alexander Vogt

Ein unmöglicher Kerl

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Die Frühlingsonne lag auf ihrem aufgeräumten Schreibtisch und ließ ihr kleines Büro warm und gemütlich erscheinen. Gestern noch hatten die freundlichen Sonnenstrahlen eher beengend gewirkt, aber nicht heute. Heute war Freitag und sie hatte in wenigen Minuten Feierabend. Mit einem zufriedenen Seufzen fuhr Jennifer ihren PC herunter und nahm noch einen Schluck süßen Kaffee. Sie blickte ein paar Sekunden gedankenverloren aus ihrem Fenster auf das Rheinufer, das im hellsten Sonnenlicht lag. Dann ergriff sie den Telefonhörer und drückte die Kurzwahltaste.
„Hallo?“
„Hi, Christina, ich bin’s.“
„Oh, hallo Jenny. Du hast jetzt Schluss, nicht war?“
„Ja, ich wollte dich nur noch rasch angerufen haben, dann bin ich weg.“
„Du, mit heute abend, das wird nichts, tut mir Leid! Ich muss für meine Cousine ganz dringend Babysitten. Sie hat vor mir schon etliche andere Leute gefragt aber keiner hatte Zeit. Sie muss dringend nach Düsseldorf fahren, was geschäftliches...“
„Ist schon in Ordnung,“ meinte Jennifer und verzog selbstmitleidig die Lippen, der Tag war auch schon zu schön gewesen, als dass auch noch der Abend hätte gut werden können, dachte sie grimmig. Dann würde sie eben das Buch weiterlesen, dass sie gestern begonnen hatte.
Vielleicht würde es doch noch ein schöner Abend werden!
„Ich werde eben mein Buch weiter lesen. Das musst du danach unbedingt auch lesen, Christina! Ich habe dir doch gestern schon davon erzählt. Tulpensommer heißt es,“ Jennifer lachte, als sie daran dachte, und ihre Mundwinkel schossen wieder nach oben. „Du, du wirst dich krank lachen! Der Kerl, der es geschrieben hat, scheint mich echt besser zu kennen, als ich selbst! Du wirst dich auch direkt wiedererkennen: er deckt alle unsere Schwächen auf und beschreibt sie so unglaublich komisch, dass man sich selbst wieder sympathischer wird!
Das Buch sollte eigentlich unter Verschluss stehen, bevor noch ein Mann es liest. Wenn die alle diese Schwächen und Vorlieben, die in dem Buch beschrieben sind, kennen würden, könnten sie gnadenlos mit uns spielen!“ Jennifer strahlte über das ganze Gesicht und setzte sich aufrechter hin, drückte den Hörer im glücklichen Ärger über ihre aufwallenden Gefühle: „Du kommst dir so richtig an der Nasegeführt vor, wenn du es liest. Das Pärchen, um das es geht, nimmt sich ständig aufs Korn wobei er immer genau weiß, wie er sie von einer Panne in die nächste locken kann. Gerade, wenn sie denkt, ihm einen Schritt voraus zu sein, stellt sich heraus, dass sie damit nur genau dass tut, was er bereits für sie geplant hat!“ Jennifer fasste sich an den Hals: „Das Buch ist spitze, denn du weißt genau, dass du kein Stück anders hättest handeln können, du...“
„Wie heißt der Autor?“
„Julius Stein, meine ich.“
„Habe ich noch nie gehört.“
„Ich auch bisher noch nicht. Wie dem auch sei, es ist super. Zuletzt hat er sie ganz fein zur Versöhnung in ein Luxusrestaurant eingeladen, steht dann aber um die verabredete Zeit nicht vor dem Lokal, sondern hat sich von ihrer Nachbarin ihre Wohnungsschlüssel geborgt und empfängt sie in ihrer Wohnung mit einem mehrgängigen Abendessen, weil er nie davon ausgegangen ist, dass sie seiner Einladung folgt.“ Jennifer kicherte, als sie an diese Stelle dachte.
„Klingt wirklich lustig, dein Buch,“ schmunzelte Christina am anderen Ende. „Ich bin schon mal gespannt. Ich bekomme es doch gleich, wenn du es durch hast?“
„Natürlich,“ strahlte Jennifer. „Ich freue mich schon, es gleich weiter zu lesen, bis morgen abend habe ich es durch!“
„Wie wär’s, wenn wir morgen in ein Brauhaus gehen, und uns die anderen Gäste ansehen?“
„Klingt lustig, dann können wir uns wieder nach Herzenslust moquieren. Vielleicht kommen auch wieder ein paar Typen an unseren Tisch um in ihrer Bierlaune ein bisschen unbeholfen zu baggern. Au ja, das wird lustig! Gehen wir ins Früh. Ich hole dich dann ab.“
„Prima. Wann wollen wir los?“
„Sind dir acht Uhr recht?“
„Natürlich. Ich freue mich schon!“
Jennifer blickte auf ihre Armbanduhr. „Uuups, ich muss jetzt los, sonst verpasse ich noch meine Straßenbahn. Also, viel Spass beim Babysitten dann und bis morgen!“
„Okay. Echt, so ein kurzes Telefongespräch haben wir noch nie geführt. Tschüs.“ Jennifer hörte noch das Lachen ihrer Freundin und dann klickte es im Hörer. Sie nahm den letzte Schluck Kaffee und sprang auf. Es war höchste Eisenbahn endlich loszukommen.

Das Wetter war herrlich draußen. Es war noch früher Nachmittag, keine Wolke war am Himmel und die Maisonne wärmte wunderbar. Ein leichter Wind ging und blies Jennifer in ihr schönes Gesicht. Sie schloss die Augen und hielt ihr Gesicht in Richtung Sonne.
Es war wunderschön diese Wärme so genießen zu können, der Winter war dieses Jahr unerträglich lang, kalt und nass gewesen.
Sie löste ihr Haargummi und ließ den Wind in ihrem langen goldblonden Haar spielen, dann seufzte sie noch einmal verträumt und stieg zur U-Bahn hinunter um ans Westufer des Rheins zu gelangen, das sie von ihrem Büro im Lufthansagebäude schon die ganze Zeit beobachtet hatte.
Die Bahn war angenehm leer und Jennifer schlug auch gleich die Beine übereinander und entnahm ihrer Handtasche ihr Buch.
Lächelnd schaute sie auf das Cover, das nichts als eine Wiese aus Tulpen zeigte. Sie fragte sich ein paar Sekunden, was der Titel des Buches mit dem Inhalt zu tun hatte, dann schlug sie es wieder auf.
Diesem Jochen konnte man nicht wirklich böse sein! Auch wenn Jennifer sich fürchterlich über ihn aufregte, weil es nichts ausließ, seine Freundin Marianne bloßzustellen und zu verulken! Er schaffte es immer wieder sich so in ihr Herz zu stehlen, dass sie sich als die Schuldige fühlte, weil sie so schroff  über diesen lieben, sensiblen Mann gedacht hatte. Sie war sich nie ganz klar, wann Jochen er selbst war und wann er nur etwas spielte. Vermutlich wusste Jochen das selber nicht, dachte Jennifer schmunzelnd.
„Was lesen sie denn da schönes? Tulpensommer? Das habe ich auch schon gelesen!“
Aus ihren Tagträumen gerissen blickte Jennifer verdutzt auf. Ihr gegenüber hatte ein junger Mann Platz genommen und schaute sie fröhlich an.
„Wie? Ja, genau! Tulpensommer! Sie kennen es auch?“
„Genau das sagte ich,“ lächelte der Mann.
Jennifer blickte ihn genauer an und stellte fest, dass sie ihn attraktiv fand. Sie lächelte zurück: „Ich finde das Buch sehr schön und witzig. Ich hätte nicht gedacht, dass auch Männer es lesen.“
„Wir sind manchmal auch für Überraschungen gut. Ich fand das Buch nur ziemlich unglaubwürdig! Besonders die Stellen, wo Marianne beschrieben wird.“
„Was?“ Jennifer war einen Augenblick verwirrt. „Nein, ganz und gar nicht! Ich finde, dass das Buch Marianne sehr treffend beschreibt!“
„Ach, kommen, sie: Diese ganzen Wortgefechte, diese überzogenen Reaktion von Marianne, dieses ständige Beleidigtsein...ich finde, das ist ziemlich weit hergeholt.“
„Aber das stimmt doch gar nicht! Sie hat doch immer den besten Grund, um beleidigt zu sein.“
„Und dann diese pathetische Schreibweise, schnulzig ist dafür gar kein Ausdruck mehr!“
Allmählich spürte Jennifer Ärger in sich aufkeimen. Wer meinte dieser dahergelaufene Kerl eigentlich zu sein, dass er sich über ihr Buch lustig machte? Sie hatte lange nichts mehr so witziges gelesen und auch, wenn dieser Kerl keine Ahnung von Romantik hatte, sie würde sich ihr Buch nicht mies machen lassen!
„Sie verstehen vielleicht einfach etwas weniger von romantischen Erzählungen,“ sagte sie so freundlich, wie sie es hinbekam.
Dieser Typ schien jetzt geradezu zu grinsen. Vielleicht war ihr Ton doch ein bisschen zu feindselig gewesen, aber dass dieser Typ darüber grinsen musste, machte ihn noch abstossender.
„Wie sie meinen. Aber ihnen ist doch aufgefallen, dass diese Beziehung zwischen den Beiden total konstruiert wirkt. Eine solche Frau kann es gar nicht geben, die einen Jochen dauerhaft als Freund haben könnte.“
„Was ist denn daran so konstruiert? Ich kann mir durchaus eine Frau vorstellen, die hinter all dem Scherzen und Streichen den wahren Jochen erkennt!“
„Ach, und sie kennen diesen wahren Jochen?“
Jennifer spürte, dass sie langsam rot wurde. Dieser Kerl grinste sie so unverschämt breit an, dass sie fast seine Weisheitszähne sehen konnte.
„Ich denke, sie konnten das Buch gar nicht verstehen! Vielleicht mangelt es ihnen einfach an dem Verständnis für Frauen!“
„Oh, bitte, ich wollte sie nicht verärgern! Ich wollte lediglich andeuten, dass der Autor von Frauen keine Ahnung zu haben scheint! Keine Frau würde jemals verstehen, warum Jochen sich so unmöglich benimmt! Frauen hätten niemals den Humor, seine Eskapaden einfach wegzustecken und kämen sich permanent angegriffen vor.“
„Sie meinen also, Frauen können nicht unterscheiden, ob sich jemand über sie lustig macht oder ob jemand so nur seine Zuneigung zu der Frau ausdrückt?“
„Sie haben meinen Gedanken ganz treffend wiederholt, bravo! Ich denke, der Autor ist einfach nur eine tragische Figur, die aus ihrem Unvermögen glaubwürdige Charaktere zu erschaffen noch Kapital schlägt, dadurch, dass so hoffnungslos romantisierende Menschen wie sie seine Schmonzetten kaufen!“
Jennifer war sprachlos vor Wut! Dieser Kerl lächelte sie so offen und freundlich an, als hätte er ihr gerade ein Kompliment gemacht!
Sie spürte, dass ihr alles Blut zu Kopf gestiegen war. Sie wollte ihm etwas Böses ins Gesicht sagen, bekam aber zunächst kein Wort heraus. So ein dummer Macho!
„Wissen sie was? Ich scheiße auf ihre Meinung! Das Buch ist spitze und die Charaktere sind echter, als ihr Lächeln jemals sein wird! Der Autor ist meiner Meinung nach brillant und versteht eine Menge von Menschen!“
Der Kerl grinste sie wieder an und blickte dabei so herzlich und freundlich, dass Jennifer für diese Dreistigkeit beinahe die Hand ausgerutscht wäre.
„Es war ein Gewinn für mich, ihre Meinung zu hören, ich bedanke mich. Jetzt muss ich leider aussteigen: das ist meine Station.“ Er nickte ihr liebevoll zu und sah ihr in die Augen, dann erhob er sich und war wenige Sekunden später ausgestiegen.
Jennifer kochte immer noch und hielt verkrampft ihr Buch fest. Was war das nur für ein arroganter Macho! Bildete sich wer weiß was ein, dabei sah er gar nicht so toll aus und Ahnung von Frauen hatte er überhaupt kein Stück! Platzt einfach in ihren Lesefluss hinein, beleidigt dann sie und ihr Buch und tut dabei so arschfreundlich, als ob er wirklich einfach nur nett wäre! Sie holte einmal tief Luft.
Es konnten eben nicht alle Männer so sein, wie der Autor ihres Buches. Der wusste, was Romantik bedeutete und wie Frauen denken. Jennifer schlug ihr Buch ganz hinten auf und hoffte dort etwas über diesen Julius Stein zu erfahren.
Ihr Herz machte plötzlich einen Satz und sie hielt die Luft an! Da lächelte sie aus dem Buch wieder dieser Kerl an! Er war er!
Sie brauchte einen Augenblick, bevor ihre Gedanken wieder klarer wurden, sie ließ die Luft entweichen. Dieser unmögliche Kerl war Julius Stein und hatte sie die ganze Zeit aufgezogen! Dieser fürchterliche...Jennifer bekam wieder rote Wangen, aber sie lächelte dabei. Ihr Bauch kribbelte beleidigt und doch erfreut! Er hatte mit ihr gespielt und sie hatte ihn und sein Buch gegenüber ihm selbst verteidigt...
Sie strahlte über beide Ohren! Er hatte sie tatsächlich lieb angelächelt und sie hatte sich so zum Trottel gemacht!
Sie war wütend auf ihn und auf sich selbst, aber eine besonders angenehme Form von wütend. Oh, wie sie sich jetzt wünschte, diesen Typ wiederzusehen und ihm ihre Meinung knallhart an den Kopf zu werfen! Jennifer packte sein Buch weg und schmollte den Rest der Straßenbahnfahrt. Das dezente Lächeln konnte sie sich aber nicht ganz verkneifen.

                        2
Jennifer saß auf ihrer Couch und schmunzelte vergnügt über das, was sie las. Oft fiel ihr der gestrige Nachmittag in der Bahn ein, weil die Beschreibungen des Jochen sie immer wieder an ihren Sitznachbarn denken ließ und sie selbst der Marianne sehr ähnlich gewesen war. Es klingelte. Erstaunt sah sie auf die Uhr: es waren erst elf Uhr morgens und sie erwartete niemanden.
„Jens? Was machst du denn hier?“
„Hi Schwesterchen. Unsere Eltern haben mich rausgeworfen.“  
Sie starrte ihn an. Der spindeldürre Riese sah in seinem roten Che Guevara T-Shirt aus, wie eine Vogelscheuche. Er hatte eine Reisetasche geschultert.
„Aber wie...?“
„Habe gestern Nacht ne Party geschmissen und dabei ist ein bisschen was kaputt gegangen, da ist Papa ausgetickt und hat mir heute morgen zehn Minuten zu geben, meine Sachen zu packen und zu verschwinden.“
Jennifer stöhnte. Sie blickte ihren riesigen kleinen Bruder an, der ihr mehr als einmal Schwierigkeiten gemacht hatte.  Jens war zwanzig und studierte Ethnologie. Und er konnte nur eine Sache besser, als hochtrabend daherzureden: er brachte Ärger mit sich, wohin er auch ging und was er auch tat!
„Komm rein,“ murmelte sie resignierend. „Du kannst solange bei mir bleiben, bis Papa sich beruhigt hat.“
„Danke.“
„Du kannst auf der Couch schlafen, aber solange du hier bist, empfängst du hier keinen Besuch, verstanden? Ich will deine Freunde hier nicht sehen.“
„Aber...“
„Jens!“ meinte sie mit einer Strenge, die keine Wiederworte zuließ, und durchbohrte ihn mit ihrem Blick. Ihr Bruder stöhnte genervt, verkniff sich aber eine weitere Bemerkung. Der Samstag fing ja gut an.
„Deine Sachen kannst du hier in den Schrank legen, der steht seit meinem Frühjahrsputz vor zwei Wochen fast leer.“ Ihr Bruder nickte.
Bald darauf saßen die beiden am kleinen Wohnzimmertisch und tranken Ceylon Assam Tee, den Jens in der Küche für sie gebrüht hatte.
„Gut siehst du aus Jenny. Haben uns schon lang nicht mehr gesehen.“
„Danke. Ich hatte viel zu tun und am Wochenende habe ich gerne meine Ruhe. Außerdem bist du fast nie da, wenn ich bei uns zu Hause zu Besuch komme.“
„Jaja, bin so hier und da. Wie sieht es eigentlich bei dir beziehungstechnisch aus? Ist da ein Mann in Sicht oder hängst du immer noch die ganze Zeit mit Christina ab?“
„Du stellst Fragen,“ Jennifer nahm noch einen Schluck Tee. Man konnte von Jens nicht behaupten, dass er je neugierig gewesen wäre und so interpretierte sie seine Frage so, dass sie ihn wohl wirklich beschäftigte. Er machte sich doch keine Gedanken um sie?
„Nein, ich habe immer noch nicht den Richtigen gefunden. Meine Arbeitskollegen sind so langweilig, dass mir immer die Augen schwer werden, wenn ich mich länger mit ihnen unterhalte.“
„Dann geh doch mal auf Singlepartys oder so. Da stehen garantiert ein paar Typen `rum, die dich anquatschen werden.“
„Nein, danke. Angetrunkene Männer, die nach einer netten Partie für die nächsten Nächte suchen...je weniger man anhat, desto öfter wird man angesprochen: zum Kotzen!“
„Was erwartest du,“ lachte ihr Bruder. Jennifer grummelte in sich hinein. Sie hatte nicht vor, ihr Herz vor ihrem kleinen Bruder auszuschütten, der sowieso keine Ahnung hatte! Sie wechselte das Thema.

„Hi Christina. Grüß dich.“
„Hi Jenny.“ Die beiden Freundinnen drückten sich. Der Himmel über ihnen strahlte im schönsten Abendlicht, als Jennifer ihre Freundin bei sich abholte. Sie hatten sich beide gut angezogen aber nicht übertrieben für einen einfachen Besuch in einem Brauhaus. Sie wollten nur ein bisschen Quatschen einen Salat essen und drei-vier Stangen Kölsch trinken. So saßen sie auch eine halbe Stunde später an einem kleinen Tisch im Früh und ließen sich vom Köbes ihr Kölsch bringen.
„Ist das echt wahr, solche Zufälle gibt es doch gar nicht!“
„Doch, wenn ich es dir sage. Ich habe mich so verulkt gefühlt.“ Jennifer freute sich, dass ihre Freundin so begeistert zuhörte. Vom Rausschmiss ihres Bruders hatte sie noch gar nichts erzählt, das Wichtigste kam zuerst.
Schon auf der Autofahrt war es aus ihr herausgeplatzt, auch wenn sie sich vorgenommen hatte, bis zum Brauhaus zu warten. Sie sah ihrer Freundin gerne ins Gesicht, wenn sie ihr etwas erzählte um ihre Reaktion mitzubekommen, aber im Auto war das nicht möglich. So studierte sie nun um so neugieriger, wie Christina ihre Geschichte aufnahm.
„So, jetzt mal zu den wichtigen Dingen,“ flaxte Christina und ihre kleinen Augen funkelten belustigt „Wie hat er denn ausgesehen?“
„Gut. Er ist weder groß noch klein, hat ein markantes Gesicht und schöne Augen. Und viele Zähne,“ fügte sie noch hinzu, als sie an sein Grinsen dachte.
„Hast du das Buch dabei?“
„Natürlich,“ sie suchte in ihrer Handtasche und reichte es ihr. „Hinten ist das Bild drin.“
Christina schlug es lächelnd auf. Als sie das Bild erblickte, meinte Jennifer Verwunderung in der Miene ihrer Freundin zu erkennen.
Christina blickte sie an: „Psst!“
Jennifer rutschte näher an sie heran, was eigentlich Unsinn war, denn es war so laut im Brauhaus, dass ihre Stimmen nicht über ihren Tisch hinaus dringen konnten.
„Du, wenn mich nicht alles täuscht, du weißt, ich habe ein Auge für Gesichter, dann sitzt dein Julius Stein keine vier Tische weiter hinter dir!“ Sie blickte Jennifer vorsichtig über die Schulter und zuckte dann zurück in ihren Stuhl um begeistert zu flüstern: „Kein Zweifel, das ist der Mann.“
Jetzt drehte sich Jennifer unwillkürlich auch um und erkannte ihn tatsächlich: Er saß mit drei Freunden an einem Tisch und schien sich glänzend zu unterhalten.
„Und was willst du jetzt machen?“ fragte Christina begeistert und wippte auf ihrem Stuhl hin und her und steckte mit ihrer Unruhe sogar Jennifer ein bisschen an. Komisch war es schon, dass sie ihn heute wieder traf, aber man sieht bekanntlich nur Leute, die man kennt. Vielleicht war sie schon ein Dutzend mal mit ihm in der gleichen Lokalität gewesen.
„Wie? Was soll ich machen? Nichts werde ich tun.“
„Aber klar doch! Jenny!“ Christina rang ihre Hände. Sie war ihre beste Freundin, schon seit der Grundschule.
Christina hatte nach der Realschule dann direkt eine Ausbildung zur Friseurin gemacht, und Jennifer war danach noch drei Jahre auf dem Gymnasium gewesen um später zur Lufthansa zu gehen. Sie liebte ihre leicht ausgeflippte Freundin, die nicht nur jeden Morgen ihre Horoskope las, obwohl sie nicht wirklich daran glaubte, sondern auch alles an Klatsch und Tratsch aufschnappte, was irgendwo kursierte. „Du musst etwas machen, vielleicht hat es ja jemand so vorgesehen!“
„Ich bitte dich,“ lachte Jennifer, „das ist ein dummer Zufall.“ Sie wollte natürlich noch mehr von Christina diesbezüglich hören, sie fand es ganz spaßig den lustigen Gedanken ihrer Freundin glauben zu schenken.
„Nein, höre mal, wir machen einen Test: Wir tauschen jetzt die Plätze, dann gehe ich zu ihm hin, lasse dein Buch signieren und dann komme ich wieder. Seine Freunde werden mir mit den Blicken folgen und irgendwann wird er auch herüber gucken. Wenn er dich dann sieht und zu uns herüber kommt, habe ich gewonnen.“
Jennifer grinste: „Abgemacht!“
Christina war schon unterwegs. Sie stellte sich zu den Männern an den Tisch und hatte daraufhin ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. Christina war eine sehr attraktive Frau aber sie suchte sich bevorzugt Männer aus, denen sie nach ein paar Monaten wieder nachheulte, weil sie sich unverstanden fühlte. Jennifer hatte in Ihrem Eisschrank eine eigene Schublade mit Sahneeis mit der Aufschrift Chrissis Trostpflaster.
Belustigt stellte sie fest, dass alle Freunde von Julius Stein ihre Augen auf Christina hatten, dieser ihr kurz zulächelte und einige Worte mit ihr wechselte. Dann gab ihm einer seiner Freunde einen Stift und er schrieb. Mit triumphierenden Lächeln kehrte Christina zurück und tatsächlich guckten zwei der drei Freunde ihr nach.
„Und? Guckt er?“  Fragte Christina aufgeregt.
„Nein,“ sagte Jennifer ein wenig sauer. „Er redet nur mit dem Kerl, dem er gegenüber sitzt.“
„Er war aber sehr nett!“ meinte Christina
„Jetzt reden wieder alle vier, der dritte hat auch kurz herüber geschaut, aber er nicht.“
Was für ein Doofmann, dachte sie bei sich. Den interessiert doch niemand außer ihm selbst.
Christina schlug das Buch auf. Dann zwickte sie Jennifer in den Schenkel.
„Au! Spinnst du?“
Christina schob ihr als Antwort nur das aufgeschlagene Buch mit der Widmung herüber.
`Für meine nettes Gegenüber aus der Straßenbahn. Meine aufrichtigste Entschuldigung, Julius Stein. PS: Sie sehen ganz süß aus, wenn sie wütend werden!´
Jennifer wurde rot, Christina klatschte leicht in die Hände: „Er ist süß.“
Jennifer blickte auf den Tisch und wusste nicht, was sie denken sollte. Christina holte sie in die Wirklichkeit zurück: „Was willst du jetzt machen? Sprichst du ihn an?“
„Ich weiß es nicht.“
„Soll ich...“
„Unterstehe dich!“
„Du hast mich nicht ausreden lassen.“
„Verzeihung, ich bin ein bisschen durcheinander.“
Christina strahlte sie wieder an: „Soll ich ihm deine Visitenkarte geben, du könntest hinten etwas darauf schreiben?“
Jennifer überlegte einen Augenblick. „Du bist ein Schatz, Christina!“ Sie langte wieder nach ihrer Handtasche.
`Ich nehme Entschuldigungen nur persönlich entgegen. Wenn sie sich trauen, rufen sie mich an, Jennifer Kleefeld. PS: Mit Sahnetorte bin ich leichter milde zu stimmen´

                        3
Jennifer hatte überraschend gut geschlafen! Auch ihr Bruder hatte sie am Morgen wenig gestört, als er aus seinem Duschgang eine Orgie zu machen schien. Sie hatte blendende Laune und sass über ihrem Frühstück von zwei Scheiben frischen Toast mit Quark, Erdbeer- und Aprikosenmarmelade und einem gekochten Ei.
Er würde sie anrufen, da war sie ganz sicher. Und wenn nicht, dann hätte sie ihn ganz schnell vergessen. Aber er würde anrufen.
Sie ertappte sich sogar dabei, wie sie beim Spülen eine kleine Melodie vor sich hin summte, die sie nicht recht zuordnen konnte. Christina und sie waren gestern nicht mehr lang geblieben, hatten aber noch viel albernes Zeug geredet und nicht zuletzt deshalb versprach sie sich viel von diesem Sonntag.
Das Telefon klingelte, als sie sich gerade die Hände am Geschirrhandtuch trocknete. Es waren fast zwölf Uhr.
„Hier bei Jennifer Kleefeld, wer stört?“
„Jens!“ Fauchte sie ihren Bruder an, der mit einem Badetuch bekleidet gerade ins Wohnzimmer getreten war. Sie stürzte auf ihn zu, um ihm den Hörer zu entreißen. Dieser drehte sich nur mit der Seite zu ihr und hielt sie mit dem Arm auf Distanz.
„Natürlich können sie sie sprechen. Geht es um ein Date? Meine Schwester hatte nämlich schon lange keines mehr!“
„Ich bringe dich um. Gib mir den Hörer!“
„...oh, nein, keinesfalls, sie ist nicht schüchtern, sie ist eben nur sehr wählerisch.“
„Du fliegst raus, wenn du mir nicht den Hörer gibst.“ Sie versuchte verzweifelt ihn zu erreichen.
„...ja, genau, das war sie gerade. Sie ist böse auf mich und versucht mir den Hörer zu entreißen.“
Jennifer ließ verzweifelt die Arme sinken, sie kochte vor Wut. Eben war sie noch so gut gelaunt gewesen.
„...ich reiche sie dann mal weiter, tschau.“ Jens hielt ihr den Hörer vor die Nase und war so gelassen, als hätte er ihr gerade nicht den letzten Funken Selbstachtung geraubt. Er würde fliegen, und wenn ihr Vater sich immer noch nicht beruhigt hätte, Jens war draußen! Sie holte ein paarmal tief Luft, dann zwang sie sich wieder fröhlich zu sein und nahm den Hörer.
„Hier ist Jennifer, hallo?“
„Guten Morgen, ich fürchte, ich bin nicht der Einzige, der sich bei ihnen entschuldigen muss.“
Als sie seine Stimme wiedererkannte, konnte sie wieder Lächeln. „Ach, dass ist gar nicht so schlimm. Mein Bruder ist eben ein bisschen schwierig.“
„Ich rufe an, um sie auf einen Kaffee und soviel Sahnetorte, wie sie wollen einzuladen und mein dreistes Schauspiel von vorgestern wieder gut zu machen. Wären ihnen zwei Uhr im Garten vor dem Löwenbrau am Rheinufer recht?“
Jennifer ließ sich bewusst ein paar Sekunden Zeit, bevor sie antwortete. Es sollte nicht so aussehen, als hätte dieses Treffen für sie tatsächlich erste Priorität: „Mja, das ist in Ordnung, denke ich.“
„Wunderbar, ich freue mich schon. Bis gleich dann.“
„Bis gleich.“ Sie drückte auf Auflegen.
„Wer war das?“ fragte ihr Bruder, der gerade mit dem Inhalt ihres gesamten Kühlschrankes auf seinem Teller wieder ins Wohnzimmer spazierte.
„Du bist ganz still! Sei froh, dass alles gut gelaufen ist, aber wenn das Treffen gleich schief geht, fliegst du!“
„Sei mal ganz ruhig, wenn der Typ dich schon anruft, dann ist er auch interessiert an dir. Hast du eigentlich nur so eine `du darfst´ Scheiße im Haus? Halbfett Margarine und fettarme Wurst und Magermilch?“
„Wenn es dir nicht passt, kannst du ja wieder ausziehen! Du musst auch Morgen für mich einkaufen gehen, sonst haben wir bald nichts mehr zu essen. Ich schreibe dir eine Liste.“

Jennifer schaute auf ihre Armbanduhr. Das silberne Zifferblatt blendete sie, denn die Sonne war so grell, dass sie alle polierten Flächen in Spiegel verwandelte. Es waren vierzehn Uhr sieben. So hatte sie ihn nicht eingeschätzt: Pünktlichkeit stand bei ihr hoch im Kurs! Noch drei Minuten, und sie würde gehen! Vielleicht war er ja aufgehalten worden, aber er hatte ja ihre Handynummer und hätte sie anrufen können. Sie trat von einem Fuß auf den anderen und beobachtete die ganzen Menschen, die es an diesem Sonnen Sonntag ins Freie und an die Rheinuferpromenade getrieben hatte: Alle Altersgruppen gingen spazieren, hielten Händchen auf dem Rasen oder schleckten Eis in den zahlreichen Restaurants und Cafés.
Als dann fast dreizehn Minuten vorüber waren, ging sie einfach, das war ihr dann doch zu dumm!
„Halt, warten sie. Bitte um Pardon.“
Julius lief an ihr vorbei und bat mit den Händen, sie möge stoppen. Seine Stirn war feucht, er schwitzte.
„Es tut mir schrecklich leid, dass sie so lange warten mussten, aber mein Wagen sprang nicht an, dabei habe ich ihn vor einer Woche erst durchgesehen. Kommen sie, ihre Torte wartet schon sehnsüchtig auf sie.“
Jennifer entschied, dass er noch eine Chance verdiente. Sogar gelaufen war er, wenn er sie auch nicht angerufen hatte. Er war sehr freundlich, reichte ihr die Karte und meinte sogar zum Kellner, er möge sich noch einen Moment gedulden, als sie sich noch nicht entscheiden konnte, welche Torte sie versuchen wollte.
Nun galt es, die Interessierte zu mimen, wenn er sich später für sie interessieren sollte. Sie würde auf jedes Thema einsteigen, das er ansprach und nach Möglichkeit auch noch Fragen dazu stellen!
Von sich würde sie wenig erzählen, um sich interessanter zu machen. Er müsste ja nicht gleich zu viel von ihr erfahren, da ließ sie ihn lieber ein bisschen zappeln, bis er endlich wirklich aufnahmebereit und sehr neugierig darauf sein würde, mit wem er es schon die ganze Zeit zu tun hatte! Sie würde heute nur ganz wage Andeutungen zu vielen Themen machen und sich dafür um so mehr für seine Interessen interessieren.
„Wissen sie, mein Wagen lässt mich sonst nicht im Stich, es ist ein alter Crysler Viper, aber seit dem ich ihn höher gelegt und breitere Reifen aufgezogen habe, macht er öfter Probleme.“
Autos also. Autos waren in ihren Augen nur Maschinen, die man brachte um von A nach B zu kommen, was in Köln schon nicht ganz einfach war. Sie seufzte leise in sich hinein und lächelte ihn an. Das fing ja gut an.
„Sie verstehen also etwas von Autos?“
„Das will ich meinen, getunt habe ich mit siebzehn schon meinen Roller, ein schneidiges Gerät für die paar PS.“
Der Kellner brachte ihr zum Glück bald den Kuchen und den Kaffee, so ließ sich dieser nervenzehrende Dialog, der doch sehr einseitig war, überhaupt erst ertragen. Sie stellte auch tatsächlich hin und wieder Fragen, war sich aber sicher, dass ihr Gegenüber gar keine gebraucht hätte, um einfach weiterzureden!
Nur über Fußball, Handball oder ähnliches zu sprechen, wäre noch langweiliger gewesen, vor der Formel 1 verschonte er sie jedoch nicht.
Sollte sie sich so in ihm getäuscht haben? Er erzählte ihr von Pleuelstangen, Zilinderkopfdichtungen und Auspuffkrümmern, Drehmomenten von Aerodynamik und von Heckspoilern. Dieser Mann war ein Autofetischist und es schien ihn wenig zu kümmern, dass er die ganze Zeit redete. Schade eigentlich, denn er sah gut aus und hatte offensichtlich Humor und von Romantik schien er auch etwas zu verstehen. Leider wohl nur auf dem Papier, wie sie sich im Stillen notierte. So ging das Gespräch fast eine halbe Stunde.
Als der Kellner ihnen dann einen zweiten Kaffee brachte, lehnte sich Julius plötzlich in seinem Gartenstuhl zurück und stöhnte: „Puuh, war das langweilig! Wie konnten sie das nur die ganze Zeit ertragen?“
Die Begeisterung, die er eben noch für seine eigenen Worte empfunden hatte, war jener vertrauten, relaxten Fröhlichkeit gewichen, die er schon bei ihrer ersten  Begegnung in der Straßenbahn gezeigt hatte! Er lächelte sie glücklich an. Jennifer blickte entsetzt zurück: was sollte das jetzt, war dieser Mann ein Spinner?
„Sie haben die ganze Zeit irgendwelchen Schmarren erzählt um mich zu langweilen? Sind sie krank im Kopf?“
„Nun, Schmarren war es nicht. Den ganzen Mist habe ich mir heute morgen erst angelesen! Habe extra dafür eine Autozeitung am Bahnhof besorgt. Ich wollte sehen, wie sie reagieren.“ Er nahm in aller Gemütsruhe einen Schluck Kaffee.
Jennifer wurde stinksauer: „Wie groß ist ihr Ego eigentlich? Ich bin nicht hergekommen, um mit ihnen irgendwelche kranken Spielchen zu spielen, nur damit sie ihren Spass haben!“
„Oh bitte,“ er lehnte sich über den Tisch und sah ihr in die Augen: „glauben sie nicht, dass mir das Spass gemacht hat! Es war auch nicht leicht für mich gewesen, geschlagene dreizehn Minuten darauf zu warten, dass sie endlich enttäuscht abziehen!“
„Ich gehe jetzt, sie sind ja krank!“
„Bitte tun sie das nicht, sonst werde ich ihnen nie erklären können, warum ich diese Scharade inszeniert habe!“
Sie stand bereits, war sauer und schockiert über diesen eigenartigen Mann und doch gewann gerade wieder ihre Neugierde Macht über sie. Was mochte in seinem Kopf wohl vorgehen?
„Sie haben fünf Minuten,“ sagte sie ernst und setzte sich wieder.
Er lachte sie fröhlich an: „So habe ich mir sie gewünscht, jetzt können wir offen miteinander reden!“
„Ich verstehe sie nicht.“
„Zunächst einmal habe ich über dich Folgendes erfahren: Du bist pünktlich, aber hast deinen Stolz: wenn man dich versetzt, weißt du schnell, was du dir Wert bist und gehst. Du verzeihst aber auch gerne, wenn man sich entschuldigt, auch wenn die Entschuldigung schlecht ist. Du ziehst die alte Nummer ab, einen Mann für dich zu gewinnen, in dem du dich für seine Hobbys zu interessieren scheinst. Du bist eine gute Schauspielerin und hältst diesen Kurs bei, auch wenn es dir schwer fällt. Daran, dass ich sehe, das du bei mir eine halbe Stunde durchgehalten hast, ohne zu jammern oder das Thema zu wechseln, weiß ich, dass ich keine Zeit mit dir verschwende: du bist wirklich an mir interessiert und spielst nicht nur ein Spiel. Du hast wiederum ein starkes Ehrgefühl bewiesen, dass du - als ich meine Tarnung aufgab - mit mir nichts mehr zu tun haben wolltest und darauf wieder, dass du neugierig und rationalen Argumenten zugänglich bist, wenn sie dir helfen zu verstehen und zu verzeihen.“
Jennifer war wieder einmal sprachlos, ihr Mund stand ihr leicht offen und sie schüttelte den Kopf: „Sie sind der merkwürdigste Mann, dem ich je begegnet bin.“
„Bleiben wir doch beim DU. Ich wollte dich wirklich nicht vergraulen, aber ich hatte auch keine Lust, dein Spiel mitzuspielen und von mir und meinen Hobbys zu erzählen, ohne erfahren zu können, wie du wirklich darüber denkst. Du hättest ja überall ja und amen zu gesagt und vielleicht über das ein oder andere nur still geschmunzelt und dich insgeheim darüber lustig gemacht! Überdies bin ich daran interessiert, über dich etwas zu erfahren. Das hättest du wohl kaum zugelassen, wenn alles den geregelten Gang genommen hätte. Du hättest dich sehr bedeckt gehalten, um nicht gleich das Bild von der gläsernen Frau für mich abzugeben, damit ich erst später, wenn ich aus wirklichem Interesse nachhorche und meine Neugier nicht mehr zügeln will, an die heißbegehrten Informationen komme! Nun, das ist jetzt schon so, denn ich finde dich sehr attraktiv und damit meine ich nicht nur dein Äußeres!“
Jetzt begann ganz zaghaft wieder ihr Herz lauter zu klopfen. Jennifer blickte den liebevoll lächelnden Julius genau in die Augen: er meinte es ernst. Und jetzt erschien er ihr gar nicht mehr so verrückt! Sein Schauspiel hatte System und er wollte mehr über sie erfahren und nicht ein Stück Kuchen mit der netten, schönen Unbekannten essen. Er wollte sich nicht später den Kopf zermartern, wie das Date nun tatsächlich gelaufen war, weil sie nichts über ihre wahren Gedanken und Gefühle erkennen ließ.
Jennifer ließ all diese Gedanken auf sich einwirken, sie fühlte sich ganz eigenartig. Sie nahm einen Schluck Kaffee.
Nach einer langen Pause reichte sie ihm die Hand und lächelte ihn breit an: „Angenehm! Ich bin Jenny, fünfundzwanzig Jahre alt, liebe Rockballaden und klassische Musik, Stracciatella Eiscreme und endlose Spaziergänge bei Mondschein.“
Er ergriff ihre Hand und strahlte zurück: „Und ich bin Julius und hochbegeistert eine solch humorvolle und schöne Frau kennenlernen zu dürfen.“

                        3
Jennifer saß an ihrem Arbeitscomputer und tippte beschwingt die eintönigen Berichte für den Vorstand. Montag Mittag und die Welt war schön. Heute Abend schon würde sie Julius bei einem Restaurantbesuch wiedersehen und zwischen all den Gedanken an die Arbeit mischten sich immer wieder Gedanken an den vergangenen Nachmittag und an den Abend. Sie wusste schon genau, was sie anziehen würde. Julius war ein Schatz und längst nicht so schwierig wie sein Protagonist Jochen. Und schöne Augen hatte er. Sie ertappte sich dabei, dass sie schon die ganze Zeit lächelte, aber das störte sie nicht im Geringsten.
„Frau Kleefeld, hier sind die Dokumente über die Flughafengebühren Köln/Bonn. Herr Kaiser erwartet sie bis heute um drei zurück.“
Jennifer sah auf. Schon wieder diese Ziege. Frau Fischer arbeitete schon von Beginn an in ihrem Nachbarbüro. Als Jennifer nach der Ausbildung dieses Büro bezogen hatte, war diese Fischer gleich eifersüchtig gewesen, weil es größer und moderner eingerichtet war, als ihr eigenes. Sie war überhaupt fast immer eifersüchtig, wenn sie, Jennifer, für ihre Arbeit vom Vorstand gelobt wurde.
Anfänglich hatte sie diese Eifersucht nicht besonders gestört, Frau Fischer arbeitete schon ein paar Jahre länger bei der Lufthansa und bekam das selbe Gehalt und wenn sie meinte, eifersüchtig sein zu müssen, dann sollte sie doch. Es war eine persönliche Abneigung, die sie ihr gegenüber an den Tag legte: wenn Jennifer ein Mann oder einfach nur genauso unattraktiv wie diese olle Ziege wäre, hätten die beiden wohl nie Probleme gehabt.
Mit dieser Eifersucht ihrer Arbeitskollegin ließ es sich normalerweise ganz gut leben, manchmal genoss sie sogar die giftigen Blicke, wenn sie einmal mit eleganter neuen Bluse, neuen Hosen und Schuhen zur Arbeit kam.
Auch konnte sie es nicht lassen über Komplimente ihrer männlichen Kollegen und Vorgesetzten ein wenig kokett zu lachen, wenn Frau Fischer auch zugegen war.
In den letzten paar Wochen jedoch war diese Eifersucht beinahe unerträglich geworden. Fast glaubte sie, diese Ziege wolle sie bespitzeln! Ständig kam sie unter durchsichtigen Vorwänden in ihr Büro und musterte interessiert ihre Regale und besonders ihren Schreibtisch. Vielleicht durchsuchte sie sogar nach der Arbeit noch ihren Papierkorb, dachte Jennifer grimmig. Frau Fischer musste irgend etwas wissen, was sie nicht wusste und Jennifer wüsste nur zu gerne, was diese Sache war.
„In Ordnung, ich werde mich beeilen.“
„Es ist nicht wirklich dringend, sie haben ja bestimmt noch wichtigere Sachen zu erledigen. Lassen sie sich soviel Zeit, wie sie brauchen,“ lächelte diese Ziege falsch.
„Das geht schon in Ordnung, ich schaffe das schon.“
„Schönes Wetter heute, nicht? Da wird man gleich unternehmungslustiger. Sie haben doch heute Abend bestimmt schon etwas vor?“
Jennifer überlegte einen Augenblick, was sie antworten sollte. Am liebsten würde sie dieser verschlagenen Fischer kein Wort erzählen, das ging sie überhaupt nichts an, aber eigentlich könnte sie sie an diesem Tag damit ein bisschen aufziehen!
„Oh, ja, natürlich. Ein sehr interessanter Mann hat mich heute Abend zum Essen eingeladen.“
„So? Na dann viel Vergnügen.“
„Das werde ich haben, danke,“ sie erlaubte sich ein süffisantes Lächeln, als ihre Kollegin den Raum verließ. Diese Gewitterziege hatte bestimmt seit Jahren keine Verabredung mehr gehabt. Wenn sie lächelte, wirkte das eher abschreckend auf ihr Gegenüber, als alles andere! Kein Wunder, dass sich kein Mann für sie interessierte. Vor allem niemand wie ihr Julius. Sie freute sich jetzt wieder richtig, ihn den ganzen Abend für sich allein zu haben!
Das Telefon klingelte. An der Nummer erkannte sie, dass es Christina war: „Hi, Christina! Na, wie geht es dir?“
„Oh Jenny, ich hab` was ganz Dummes gemacht und brauche ganz, ganz nötig deine Hilfe!“ hörte sie ihre Freundin mit ganz verzweifelter, um Mitleid heischender Stimme sagen. Jennifer lächelte: was hatte Christina bloß wieder angestellt?
„Um was geht es denn?“
„Oh, ich wusste, du würdest mir helfen!“
„Moment mal, willst du mir nicht erst einmal erzählen, was passiert ist?“
„Also, in unserem Salon, also, das war heute morgen, ich meine, dass liegt schon länger zurück, dass dieser Mann zu uns das erste Mal gekommen ist. Er ist Tätowierer, lustig, nicht? Also, er war eben wieder da und hat sich eine ganz ausgefallene Frisur gewünscht, richtig kreativ ist er. Und schön ist er auch, finde ich. Er hat ganz dunkle Haare und ganz helle Augen.“
„Christina.“
„Also, du hast doch erzählt, dass das Eisessen mit deinem Julius sehr schön war, und dass er dich sehr nett findet. Ach, ich wäre so gern dabei gewesen, er schien ja wirklich ein witziger Mann zu sein! Die Geschichte mit den Autoteilen fand ich zum Schießen...“
„Christina!“
„Könnt ihr beide heute abend nicht mit uns zusammen essen gehen?“
„Wie bitte?“
„Ich habe Martin, das ist der Tätowierer, erzählt, dass ich heute ganz allein mit euch beiden essen gehe, und noch überhaupt nicht wüsste, wo ich einen Begleiter herbekommen sollte, weil mein Begleiter ganz frech kurzfristig abgesprungen ist. Martin ist etwas schüchtern, und ich wollte ihm eine Brücke bauen. Bittebittebitte!“
Jennifer hielt die Hand vor die Stirn. Ihre Freundin! Sie konnte das blaue vom Himmel herunter lügen und erfand die komischsten Geschichten, wenn sie sich davon etwas versprach. Das war es dann also mit der trauten Zweisamkeit! Sie seufzte leise. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, so konnte sie schon einmal sehen, wie Julius sich in Gesellschaft verhielt.
„Ja, ihr könnt mitkommen,“ hörte sie sich sagen.
„Oh danke! Du bist ein Schatz! Tausend Küsse, dass du mich gerettet hast! Du wirst sehen, Martin ist ein prima Mann, wir werden euch auch nicht groß stören.“
„Natürlich,“ lachte sie und fragte sich, wieviel Eis noch in Chrissis Trostpflaster Schublade war.
„Wo sollen wir euch treffen?“
„Wir sehen uns um acht vor dem Maredo am Heumarkt. Das zum Rhein gelegene. Seid bloss pünktlich!“
„Au fein! Danke dir, Jenny!“
„Ich muss jetzt auflegen, ich habe noch einen Berg von Arbeit vor mir.“
„Okay, bis heute Abend und danke. Tschö.“
    
                        4
„Hallo, Jenny. Schön dich wiederzusehen!“ Julius lächelte sie fröhlich an.
Als sie sein freundliches Gesicht sah und die ehrliche Freude in seinen Augen, konnte sie auch wieder lächeln: Nachdem sie von der Arbeit nach Hause gekommen war, hatte sie sich wieder fürchterlich über ihren Bruder aufgeregt: Er hatte ihre Einkäufe erledigt, hatte ihr Geld ausgegeben aber ihre Einkaufsliste lag noch unangetastet in ihrer Küche! Statt dessen hatte er einen Kasten Bier und Knabbereien gekauft, fetten Käse und drei Sorten Salami, Steaks, Speck und ein Kilo Hackfleisch. Dazu hätte sie ihn am liebsten auch gleich verarbeitet, vor allem, als sie daraufhin ihren Vater angerufen hatte und dieser nichts davon wissen wollte! Ihre Mutter versprach ihr, ihr Bestes zu tun, um ihn wieder milde zu stimmen, aber Jennifer hatte keine Lust, solange zu warten. Ihr Bruder musste raus, und wenn er sich bei seinen Freunden dauerhaft einquartieren musste! Sie war selber noch eilig einkaufen gegangen und hatte es gerade noch geschafft, sich zu duschen, bevor sie zum Maredo aufgebrochen war. Doch jetzt gehörte der Abend ihr! Sie war so froh, Julius zu sehen, dass sie ihn sogar zur Begrüßung kurz in den Arm nahm. Er war kräftig gebaut, das gefiel ihr.
„Hallo, Julius.“
„Du siehst so angespannt aus. Hattest du einen anstrengenden Tag?“
„Frag mich nicht,“ lächelte sie, „danke, dass du einverstanden warst, dass Christina und ihr Neuer heute mitkommen können. Das bedeutet ihr sehr viel.“
„Keine Ursache.“
„Die beiden müssten auch jeden Moment hier eintreffen.“
Dem war tatsächlich so. Jennifer schaute gerade auf die Uhr, da hörte sie schon die Stimme ihrer Freundin, die auf sie zugeeilt kam. An der Hand zog sie einen, nicht unattraktiven, jungen Mann in schwarzen Klamotten mit einer Frisur, die sie an ein schwarzes, kurzgeschorenes Pelztierchen erinnerte, hinter sich her. Kreativ war diese Frisur allerdings.
„Hi Jenny, da sind wir.“ Sie schaute die beiden dankbar an und stellte ihnen dann ihren Begleiter vor, dabei achtete sie ganz genau darauf, wie Jenny reagierte.
„Das ist Martin, er ist Körperkünstler.“
„Hallo,“ meinte dieser vorsichtig und man reichte sich die Hände. Jennifer gab den beiden eine Woche.
Drinnen suchten sie sich einen gemütlichen Vierertisch in einer Sitzecke und schlugen die Speisekarten auf. Die Frauen sassen nebeneinander den Männern gegenüber, wo sich im Schutz der Speisekarten ein Moment zum kurzen Tuscheln ergab: „Danke noch einmal für heute Abend. Er ist wirklich ziemlich schüchtern!“ flüsterte Christina ihr zu.
„Ihr werdet das schon hinbekommen,“ entgegenete Jenny.
Als sie die Getränke vor sich stehen hatten und die obligatorischen Höflichkeitsfloskeln gewechselt waren, war sie sich dessen aber schon nicht mehr so sicher! Martin war sehr wortkarg und erwiderte auch auf Fragen hin nur so wenig, wie er eben musste. Es war ihm anzusehen, dass er etwas für Christina übrig hatte, er wagte sich aber nicht, frei mit ihr zu reden. Auch wenn Christina hilfesuchend zu ihr herüber blickte, sie konnte trotzdem nur wenig mehr aus ihm herauskitzeln.
Julius hingegen schien sich prächtig zu amüsieren. Er plauderte mit Martin, mit Christina und mit ihr gleichermaßen angeregt, ohne sich beirren zu lassen. Jetzt wünschte sich Jennifer immer öfter, sie hätte Christinas Bitte ausgeschlagen: dann hätten wenigstens zwei von ihnen vier einen schönen Abend.
Martin zog sich mehr und mehr zurück, auch wenn das kaum noch möglich schien.
Als sie ihr Essen bekamen - sie hatte Nachos und einen Maiskolben bestellt - stand Christina auf, um sich ihren Salat am Salatbuffet zu holen.
Die drei waren allein am Tisch. Julius nahm einen Bissen von seinem Grillteller, legte dann aber das Besteck zur Seite und blickte sie an. „Mein Essen ist noch sehr heiß, ich werde mich kurz empfehlen, wenn du nichts dagegen hast.“
Jennifer nickte lächelnd. Jetzt ließ er sie auch noch allein! Als Julius aufgestanden war, sprach sie Martin noch einmal höflich an: „Und, wie ist ihr Rib Eye Steak?“
Er schluckte mit sichtlicher Mühe einen Bissen hinunter. „Gut, und ihre Nachos?“
„Auch gut.“
Martin ass schnell weiter, um nicht in Gefahr zu kommen, weitere Fragen beantworten zu müssen.
'Hilfe' dachte Jenny nur.
Christina kam wieder und Jenny spendete ihr einen mitleidigen Blick, den Christina mit einem Mundwinkelzucken quittierte. Als Julius wiederkam, schien er nach wie vor blendend gelaunt. Er ließ es sich schmecken.
„Sagen sie, Christina, sie sind also Friseurin?“ meinte er zwischen zwei Bissen.
„Ja,“ gab sie fröhlich zurück, glücklich darüber, dass sich einer mit ihr unterhielt.
„Meine Tante ist auch Friseurin, als Kind habe ich oft bei ihr im Salon gespielt, wenn sie auf mich aufpassen musste. Es war ein reiner Herrensalon.“
„Oh, das ist unserer auch,“ lachte sie fröhlich. „Nur bei Bekannten von mir mache ich eine Ausnahme.“
„Ich habe als Kind immer wahnsinnig gerne mit dem Rasierschaum gespielt und meine Tante erlaubte mir sogar, mir mit einem stumpfgeschliffenen Rasiermesser meinen imaginären Bart zu rasieren.“
„Wie drollig!“ Christina strahlte ihn an. „Rasiermesser brauchen wir fast gar keine mehr, aber wir haben eine Vitrine mit welchen ausgestellt, die schauen sich die kleinen Jungs auch immer an, wenn sie zum Haarschneiden kommen!“
Jennifer ass ihre Nachos und verfolgte das Gespräch der beiden zuerst mit Neugierde und dann zunehmend mit Argwohn: Mit wem war Julius denn hier? Es war zwar nett von ihm, dass er Christina wieder ein bisschen aufmunterte, aber er übertrieb es allmählich, entschied sie! Martin war eben ein Schuss in den Ofen, dafür musste Julius ja nicht ihr gleich den Abend verderben! Überhaupt fand sie, dass ihre Freundin viel zu nett zu Julius war: es war bald so, als ob sie mit ihm flirtete!
„Diesen Film habe ich auch gesehen, ich fand ihn echt klasse!“ Warf sie in das Gespräch der beiden ein.
„Ja?“ fragte Julius sie. „Ich musste auch die ganze Zeit lachen. Eine von Jim Carries besten Rollen, finde ich.“
„Und was ist mit Bruce Almighty?“ fragte Christina.
„Oh, ja, den hatte ich ganz vergessen!“ Julius wandte sich wieder ihr zu. Martin war inzwischen ganz klein auf seinem Stuhl geworden und trug sich wohl mit dem Gedanken, wie er sich am besten aus dem Staub machen könnte. Jennifer wurde derweil ernsthaft ungehalten. Dieser Abend gefiel ihr ganz und gar nicht!
„Ich gehe mal eben auf Toilette, kommst du mit, Christina?“
Ihre Freundin blickte sie erstaunt an. „Nein, ich muss gerade nicht, geh du nur allein.“
Jennifer wurde rot, ging aber ohne ein weiteres Wort an der Salatbar vorbei durch einen Gang zur Toilette.
Was erlaubte Christina sich eigentlich? Was war in Julius gefahren? War sie gerade Zeuge davon, wie die beste Freundin mit ihrem Freund anbandelt?
Als sie wiederkam, setzte sie sich kühl neben Christina und verzog keine Miene. Martin blickte sie an: Er war genauso verwirrt. Dieser Flirt zwischen den beiden anderen ging nun schon fast eine Viertelstunde. Sie beiden duzten sich längst. Jennifer war stocksauer!
„Sag mal, Christina, ich muss mir bald auch wieder die Haare schneiden lassen. Kannst du mich Morgen vielleicht irgendwo dazwischen schieben?“
„Aber klar,“ lachte sie „das ist überhaupt kein Problem! Das mache ich gerne für dich! Du hast auch sehr schöne Haare, ich weiß das zu beurteilen! Die schneide ich gerne!“
Jennifer sah die beiden giftig an. Sie war entsetzt über das, was sie hier mitanhören musste. Christina hatte Julius ja von Anfang an nett gefunden und dieser miese Kerl schien nur noch Augen für sie zu haben! Jennifer saß mit hochrotem Kopf da und nur Martin blickte sie voller Mitleid an.
„Sag mal, Christina, hast du morgen Abend eigentlich schon etwas vor?“
„Wie bitte?“
Jennifer verschlug es den Atem. Christina wirkte verwirrt.
„Naja, wenn du nichts vorhättest, würde ich dich gerne auf eine Pizza zu mir einladen!“
„Was denken sie von mir? Sind sie von Sinnen? Ich bin mit Martin hier und Jennifer ist meine beste Freundin! Dachten sie etwa, ich flirte mit ihnen? Oh nein, was sind sie nur für ein Widerling?! Martin, hast du das gehört?“
Christina blickte ihre Begleitung wütend und hilfesuchend an. Irgendwo in Jennifers Hirn machte es gerade ganz leise und fast unmerklich `Klick´.
Martin räusperte sich und fing mit unsicherer Stimme an zu sprechen, wurde dann aber immer sicherer, als Christina ihm ermutigend und aufgebracht zunickte: „Ja, Christina ist mit mir hier... wir sind zusammen hierher gekommen. Sie beleidigen sie, wenn sie von ihr denken, sie können sie so einfach haben!“
„Sag ihm die Meinung!“ meinte Christina grimmig.
„Sie sind ein Arschloch,“ sagte Martin. Julius sah richtig fassungslos und betroffen aus.
„Jenny, wir beide gehen jetzt! Kannst du das Essen vorstrecken? Du bekommst morgen alles wieder, ich ertrage es nicht länger mit diesem Kretin in einem Raum!“
„Ja, wir gehen!“ Martin zückte sein Portemonnaie und legte Jennifer sogar noch einen Fünfzigeuroschein auf den Tisch. „Das müsste für uns genügen,“ meinte er voller wiedergefunden Stolzes: „Es tut mir leid, dass der Abend so enttäuschend für sie war, ich finde sie sehr nett.“
Er und Christina verließen das Lokal mit strammen Schritt, aber ihre beste Freundin blickte sich noch einmal um und zwinkerte ihr fröhlich zu. Diese miese kleine Zicke.

Julius stand auf uns rutschte ganz dicht neben sie. Wenn er sie jetzt noch dreist und triumphierend angelächelt hätte, wäre sie auch gegangen! Sie hatte das Spiel zwar längst durchschaut, aber jetzt auch noch gute Miene dazu zu machen, dazu fühlte sie sich nicht im Stande! So eine Sauerei! Julius musste Christina an der Salatbar abgefangen haben, als er angeblich zur Toilette wollte. Und ihre ausgeflippte Freundin hatte natürlich gleich mitspielen müssen!
Nur sie selbst hatte man nicht eingeweiht, dann hätte sie ja nie so empört dreinschauen können! Sie kam sich so verulkt vor! Ihre Wangen waren immer noch hochrot und sie schien förmlich zu glühen! Mit gesenktem Haupt und versöhnlicher Stimme sprach Julius leise zu ihr: „Du bist mir jetzt böse, ich weiß. Und du hast auch das Recht dazu.“
Er nahm ihre Hand, sie entzog sie ihm wieder trotzig.
„Hast du mich jetzt nicht mehr lieb?“ Er kuschelte sich jetzt plötzlich wie ein Kind an ihre Schulter. Ihr war plötzlich ganz komisch zumute: wie würden die beiden so nur aussehen?
„Lass das!“ Sagte sie und spürte wie ein Lächeln versuchte sich auf ihr erbostes Gesicht zu schleichen. Ihr Bauch kribbelte.
„Nur, wenn du mir verzeihst!“
„Das ist peinlich!“ Sagte sie jetzt und biss sich auf die Lippen, denn sie musste lächeln und das wollte sie nicht.
„Verzeihst du mir?“
„Nein!“
„Verzeihst du mir?“
„Nein.“
„Verzeihst du mir?“
„Was bekomme ich dafür, wenn ich ja sage?“
Julius setzte sich jetzt wieder aufrecht neben sie und blickte sie an. Sie blickte unter größter Kraftanstrengung ernst nach vorn. Ihr Herz klopfte, als sie seinen Kopf näher kommen sah und dann spürte sie seine Lippen ganz sanft ihre Wange berühren. Ihr Bauch kribbelte und sie musste schlucken. Jetzt blickte sie ihn an. Er hatte selbst hochrote Wangen und wirkte unbeweglich. Verunsichert wie ein kleiner Junge schaute er sie an. Er war so süß.
Sie rutschte ganz dich zu ihm hin und gab ihm einen richtigen Kuss. Und dann noch einen. Und noch einen.
Er schien wie Wachs in ihren Händen und jetzt erkannte sie wieder, das hinter seiner prächtigen Schale der Selbstsicherheit ein einfühlsames Herz schlug, das sehr weich und verletzlich war. Sie spürte es klopfen.
„Ich habe dich ganz doll lieb!“ flüsterte sie ihm in Ohr.
„Und ich bin wahrscheinlich längst in dich verliebt.“
„Das stört mich gar nicht!“ sagte Jennifer strahlend und sie küssten sich wieder.

                        5
Jennifer stand vor dem Süßigkeiten Automaten des Lufthansagebäudes und überlegte, welchen Schokoladenriegel sie ziehen sollte. Zum Frühstück hatte sie fast nichts essen können, sie hatte einfach keinen Appetit gehabt und nur mit Mühe geschafft, sich zu einem Apfel zu überreden. Jetzt aber war ihr sehr nach Schokolade gewesen und es war auch beinahe schon Mittag. Der Rest des gestrigen Abends war so schön gewesen! Sie dachte an Julius. Heute war sie zu ihm eingeladen, bei dem Gedanken daran begannen die Schmetterlinge in ihrem Magen wieder zu tanzen.
Sie nahm gerade ein Bounty aus dem Automaten, als sie zwei ihrer Arbeitskollegen nahen hörte. Sie bemerkten sie: „Oh, guten Morgen Frau Kleefeld.“
„Guten Morgen.“
„Sie strahlen ja so. Liegt das am Wetter?“ fragte ihr Kollege lachend.
„Vielleicht,“ lächelte sie zurück.
„Und, wie haben sie sich entschieden? Wollen sie sich für die Stelle bewerben?“
Jennifer zog die Brauen hoch. Wovon sprach der Mann?
„Von welcher Stelle sprechen sie?“
Jetzt blickte ihr Kollege verdutzt: „Sagen sie bloß, sie wissen das noch gar nicht! Dr. Strube geht übernächsten Monat in Rente und jetzt stellt sich die Frage der Nachfolge. Da gibt es ja nur Herrn Peters, doch der ist ständig krank, Frau Fischer und natürlich sie!“
Jennifer war aufgebracht! Deshalb diese Bespitzelungsaktionen ihrer Kollegin. Sie musste einen Teil ihrer Post unterschlagen haben und wollte auch weiterhin verhindern, dass sie etwas davon erfuhr. Diese erbärmliche Hexe! Ganz nebenbei sammelte sie sicher auch noch Informationen über sie, um sie dann als Waffen gegen sie einsetzten zu können, wenn es in die letzte Runde ging! Sie musste sofort etwas unternehmen.
„Das ist mir völlig neu! Ich bin ihnen sehr dankbar, Herr Meyer, dass sie mir Bescheid gegeben haben!“
„Keine Ursache,“ meinte dieser verwirrt. „Ich wünsche ihnen viel Erfolg. Nicht, dass diese giftige Fischer die Stelle noch bekommt.“
Jennifer war schon auf dem Weg in ihr Büro um ihre Chancen auf die Nachfolge noch zu retten. Später hatte sie noch genug Zeit um wütend zu sein und ihrer intriganten Kollegin alle Krankheiten der Welt an den Hals zu wünschen. Sie würde ihr die Stelle vor der Nase wegschnappen und sie darauf auf die Party zur Feier ihrer neuen Stelle einladen, das sollte ihre Rache sein. Diese Fischer hatte ihr den Fehdehandschuh hingeworfen und sie hatte ihn gerade aufgenommen. Die würde sich noch wundern, das schwor sich Jennifer!

Als es Abend wurde, ging es ihr allmählich wieder besser. Sie hatte zum Ende ihres Arbeitstages hin noch richtig Magenschmerzen vor Wut bekommen, weil sie so schmählich hintergangen worden war. Welch böse Menschen es doch gibt! Diesmal war sie zum ersten mal dankbar gewesen, ihren kleinen Bruder zu Hause zu haben. Sie hatte Jens alles erzählt, allein das hatte sie wieder ein wenig beruhigt: Jens hatte ihnen Tee gemacht, Jennifer in ihren Sessel gedrückt und sie alles genau berichten lassen, was vorgefallen war.
Die Abendsonne stand am Himmel und bemalte den Horizont in den schönsten Frühlingsfarben. Sie atmete tief durch, als sie aus dem Fenster schaute. Ein leichter Wind ging, wie fast immer so nahe am Rhein. Sie versuchte ihren Groll zu verdrängen und nur noch an den Abend zu denken! Ob Julius wohl für sie kochen würde? Ob er überhaupt kochen konnte? Sie lächelte in sich hinein: wahrscheinlich war er ein miserabler Koch, er konnte ja schließlich nicht überall glänzen. Sie würde seine verwürzten Speisen und angebrannten Soßen aber trotzdem essen und nachher bei Christina herrlich darüber ablästern und dazu auch noch übertreiben! Jetzt grinste sie wieder! Sie konnte einfach nicht an Julius denken, ohne gleich albern zu werden. Sie war schon so gespannt darauf, wie seine Wohnung aussah! Jennifer seufzte verträumt. Sie schloss das Fenster und suchte ihre Sachen für die Dusche zurecht.

„Hi, Jenny. Du siehst entzückend aus! Komm doch herein!“
Julius war ganz dunkel angezogen, trug ein schwarzes Hemd mit verzierten Knöpfen und sie bemerkte ein dezentes Eau de Toilette, als sie ihn zur Begrüssung umarmte. Sie hatte sich auch fein gemacht und ihr hellblaues Sommerkleid angezogen, das Julius auch gleich schon eine Bemerkung wert gewesen war! So war das gedacht.
„Hallo, Julius. Danke, für deine Einladung, ich habe dir auch etwas mitgebracht.“
Sie bückte sich und nahm eine, mit Schleife versehene, Flasche Weißwein auf.
„Das wäre doch nicht nötig gewesen, du hast doch dich mitgebracht!“ lächelte er. „Aber jetzt komm doch herein, sonst laufen wieder meine ganzen Mäuse in den Flur!“
Sie schaute ihn einen Moment lang an. Er scherzte nur, aber allein, dass sie für einen Sekundenbruchteil nachgedacht hatte, ließ sie schon wieder albern lächeln.
„Eine schöne Wohnung hast du, und so ordentlich.“
„Wenn ich schon so hohen Besuch bekomme. Ich stelle deinen Wein gleich kalt, den können wir dann gleich zum Essen schon trinken. So, das ist mein Wohnzimmer.“
Sie setzte sich auf seine Couch. Ein Deckenfluter tauchte das Zimmer in ein gemütliches Licht und auf den zwei Tischen und auf der Kommode standen Kerzenhalter mit weißen Kerzen, die Julius jetzt entzündete.
Es war eine kleine Wohnung aber sehr geschmackvoll eingerichtet. Sogar einige Topfpflanzen hatte er. Im Hintergrund lief leise klassische Musik, sie fühlte sich gleich richtig geborgen.
„Darf ich dir etwas zu trinken anbieten?“
„Was hast du denn da?“
„Absinth, Strohrum, Doppelkorn, alles, was das Herz begehrt.“
„Dann hätte ich gerne einen Eistee.“
Julius kam mit einem Eistee und einem Wasser wieder. Er stellte sie auf den Couchtisch. Jennifer war aufgestanden und trat vor ihn hin: „Hi.“
„Hi.“
Sie legte die Hand an seine Wange und sie küssten sich. Wieder die Schmetterlinge. Es dauerte etwas länger, aber dann setzten sie sich gemeinsam auf die Couch.
„Was guckst du mich so an?“ kicherte sie.
„Du bist sehr schön, weißt du?“
„Natürlich.“
„Und so bescheiden.“
Sie schlug ihm auf den Schenkel. „Eigentlich mag ich dich gar nicht,“ meinte sie grinsend „dauernd ärgerst du mich. Du hast mit deinem dreisten Protagonist Jochen doch viel mehr gemein, als ich dachte.“
„Eigentlich bin ich nur zu dir so,“ grinste er wieder herausfordernd breit.
„Und warum?“ grinste sie zurück.
„Hast du das noch nicht herausgefunden?“
Ihr Herz klopfte. Statt zu antworten, nahm sie ihr Glas und einen Schluck Eistee. Als Julius auch nichts weiter sagte und sie nur anlächelte, rang sie sich doch eine Antwort ab: „Warum sagst du es mir nicht einfach?“
„Tja, besonders pfiffig bist du wohl nicht, schade eigentlich.“
Sie pikte ihn zur Rache mit dem Finger. Julius zuckte ein wenig.
„Nervös bist du ja gar nicht,“ lachte sie.
„Wenn du wüsstest! Ich war so nervös, dass ich mir eben nach dem Duschen die Boxershorts falsch herum angezogen habe. Das letzte mal, als mir das passiert ist, musste ich danach die halbe Nacht im Kleiderschrank verbringen!“
Sie biss sich wieder auf die Unterlippe um nicht ganz so breit grinsen zu müssen: „Ich glaube dir kein Wort.“
„Das hätte mich auch schwer enttäuscht. Über gewisse Dinge scherzt man einfach nicht. Das sagt meine französische Mitbewohnerin auch immer.“
Sie schlug ihm wieder auf den Schenkel.
„Was denn, was denn? Mach dir deswegen keine Gedanken, wir hatten nichts miteinander. Zumindest nicht seit gestern abend.“
„Du bist unmöglich!“ meinte sie.
Julius nahm ihre Hand und sein albernes Grinsen wich einem ernstem Blick. Er sah ihr in die Augen.
„Seit du mir deine Visitenkarte mit der Botschaft darauf zukommen lassen hast, habe ich andere Frauen gar nicht mehr angeguckt!“
Jennifer wurde rot. Sie drückte seine Hand und lächelte ihn wieder an. Darauf zog er ihre Hand zu sich heran und gab ihr einen sanften Handkuss: „Ich will dich ja nicht weiter darben lassen und hole uns einen Happen zu Essen!“
Verliebt blickte sie ihm nach. Er konnte sich auch von hinten sehen lassen, schmunzelte sie bei sich.

                        6
Jennifer bekam große Augen, als er wieder ins Wohnzimmer trat! Statt einem Kochtopf mit einer breiigen Masse und undefinierbarer Farbe oder zwei Tellern mit panierten Schuhsohlen zu fetttriefenden Pommes Frites brachte er ein großes, silbernes Tablett mit Kanapees. Belegte Baguettescheiben, und belegtes Pumpernickel mit Lachs, Braten und Putenbrust, wahlweise verziert mit Creme freche, Remoulade oder Mayonnaise und einem winzigen, grünen Zweig Dill oder ein paar orangen Kaviar Rogen. Jennifer bekam plötzlich richtig Hunger. Candlelight Dinner mit klassischer Musik und einem leckeren Glas Weißwein.
Nachdem sie fast das ganze Tablett selbst gegessen hatte - sie konnte sich nicht entscheiden, ob der Lachs, oder die Putenbrust ihr am besten schmeckten und ob Remoulade oder Mayonnaise die leckerste Verzierung war - lag sie gesättigt und glücklich lächelnd in Julius Sofa und guckte ihn an. Sie würde ihn nicht wieder freigeben, dass hatte sie gerade beschlossen!
„Einen Cent für deine Gedanken,“ lächelte er.
„Rate,“ gab sie keck zurück.
„Muss ich wieder zu einer List greifen, um etwas von dir über dich zu erfahren?“
„Vielleicht,“ schmunzelte sie.
Julius zuckte schicksalsergeben mit den Schultern und lächelte dann relaxt und überlegen: „Deine Entscheidung.“
Er ging zu seiner Wohnzimmerkommode. „Magst du Spiele?“
„Gesellschaftsspiele?“ fragte sie.
„Brett?“
„Brettspiele?“ fragte sie wieder, seinen Gedanken ergänzend.
„Oder andere?“
„Kartenspiele?“
„Poker?“
„Strip-Poker?“ fragte sie, aber da war es ihr schon herausgerutscht! Julius drehte sich nur von der Kommode weg und ihr wieder zu, er grinste im schelmischen Triumph und verschränkte genüsslich langsam die Arme.
„Nein, nein, nein,“ versuchte sie sich zu retten: „So war das nicht gemeint! Das weißt du! Ich wollte nur wissen, was du von mir wissen wolltest! Ich meine...“
„Strip-Poker?“ fragte Julius und grinste wieder unverschämt breit.
„Du hast mich reingelegt, du weißt das! Das wollte ich gar nicht sagen!“
„Strip-Poker?“
Jennifer verschränkte jetzt auch die Arme und schmollte. Sie guckte böse auf den kleinen Couchtisch vor sich: Julius war ja so gemein!
Er warf sich zu ihr auf die Couch und legte den Arm um sie: „Fangen wir noch mal von vorne an: Einen Cent für deine Gedanken!“
„Du bist gemein zu mir.“        
„Ich will dich und nicht das delphische Orakel bei mir zu Hause haben.“
„Du weißt doch, dass ich dich mag!“
„Vielleicht ist mir das nicht genug. Vielleicht ist es mir nicht genug, weil ich noch mehr für dich empfinde.“
Jennifer sah ihm in die Augen. Ihr Bauch kribbelte und sie spürte, wie sie wieder errötete. Seinem Blick standzuhalten, seinen schönen großen Augen, war kaum möglich ohne schwachzuwerden, irgendetwas zu sagen.
Er selbst hatte glühende Wangen und sie wusste, wieviel für ihn von ihrer Antwort abhing! Schwankend schüttelte sie beinahe unmerklich den Kopf: konnte es sein, war sie einem Engel begegnet? Sie schloss die Augen, ergab sich ihrem Gefühl und küsste ihn einfach.
Bald lagen sie mehr auf der Couch, als sie saßen, und Jennifer spürte den Drang ihn zu berühren und von ihm berührt zu werden mit jeder Minute wachsen. Ein jeder Kuss ließ einen weiteren auf sich folgen. Sie ließ sich einfach treiben ohne über alles nachzudenken, was sie tat: Sie fühlte sich bei ihm so geborgen, dass sie sich einfach fallen lassen konnte. Obwohl sie Julius erst ein paar Tage kannte, war er ihr so vertraut, wie kein Mann zuvor! Es war nicht diese oberflächliche Beziehung, die man beim ersten bisschen Zuneigung zu einem anderen Menschen eingeht, dass hatte Julius nicht zugelassen: er wollte von Anfang an sie, die echte Jennifer, haben und das hatte er jetzt auch geschafft: sie liebte ihn mehr, als jemals einen anderen Mann zuvor. Sie löste ihre Lippen von den seinen und blickte ihm tief in die Augen: „Ich liebe dich,“ flüsterte sie leise. Und dieses eine Mal war er es, dem es die Sprache verschlagen hatte. Sie küsste ihn wieder und die Augen fielen ihr zu.
   Ein Handy klingelte. Ihr Handy klingelte. Nein, warum jetzt? Es musste wichtig sein, nur fünf Menschen auf der Welt hatten diese Nummer. Sie lösten ihre Umarmung: Jennifer griff nach ihrer Handtasche und Julius setzte sich wieder neben sie. Es war ihre Nummer, ihre Wohnung.
„Hallo?“ Sprach sie wütend ins Telefon. Wehe, wenn es nichts Wichtiges war! Sie würde Jens am liebsten dafür aufhängen, dass er sie jetzt gestört hatte!
„Hi, Jenny, ich hoffe, der Anruf kommt nicht ungelegen.“
„Was willst du? Und drehe die Musik leiser!“
„Eben haben mich zwei alte Freunde vom Gymnasium angerufen. Studieren in Jena, weißt du? Die komischen Vögel sind einfach mal nach Köln mich besuchen kommen. Jetzt haben sie mich gefunden. Du hast doch nichts dagegen, wenn sie über Nacht hierbleiben?“
„Wie bitte, bist du verrückt?!“ Sie saß kerzengerade auf der Couch: „Du hast einfach zwei deiner Freunde bei mir einquartiert und ihr macht jetzt Party in meiner Wohnung?“
„Wie gesagt: Sie waren bei uns zu Hause und haben da deine Adresse gekriegt. Dann standen sie einfach hier auf der Matte!“
„Du schmeißt die Beiden augenblicklich raus, sonst kannst du etwas erleben!“ schrie sie ins Telefon.
„Das kann ich doch nicht machen. Wo sollen sie schlafen?“
„Im Auto oder unter der Brücke, das ist mir völlig egal, nur raus mit ihnen!“
„Jenny, lass doch mit dir reden.“
„Ich komme jetzt vorbei und wenn auch nur ein Fleck oder ein Kratzer irgendwo entstanden ist, dann kannst du heute Nacht auch bei ihnen in der Karre übernachten!“
Sie drückte ihn weg. War sie wütend, sie holte tief Luft.
„Soll ich mitkommen?“ bat Julius an und nahm ihre Hand.
„Nein, das werde ich selbst machen, das ist eine Familienangelegenheit. Aber danke.“ Sie stand auf und blickte ihn an. Er verzog nur verständnisvoll und traurig den Mundwinkel und erhob sich auch.
Sie legte die Hand an seine Brust: „Oh Julius, das tut mir so schrecklich leid! Der Abend war wunderschön und ich bin in dich verliebt, aber ich muss jetzt nach Hause, bevor ich es vielleicht nicht mehr wiedererkenne!“           
Jennifer küsste ihn noch einmal und konnte ihn sogar kurz noch anlächeln: „Und vergiss nicht, wo wir aufgehört haben! Das nächste mal kommst du mir nicht so ungeschoren davon!“
„Das werde ich auch nicht versuchen!“ lächelte er. Sie drückte ihn zum Abschied und ihr Bauch kribbelte wieder so wunderschön. Dann flog sie nach Hause, um wie eine Kammerjägerin ihre Wohnung vom Ungezieferbefall zu befreien.

                        7
Auf der Arbeit saß Jennifer unglücklich hinter ihrem Monitor und haderte mit ihrem Schicksal: Es war ihr natürlich gelungen, Jens Freunde auszuquartieren aber der Abend war dahin gewesen! Sie hatte nur noch ein Glas Milch getrunken und sich dann aufgebracht hingelegt. Sie hatte aber fast die ganze Nacht kein Auge zubekommen: Sie hatte unaufhörlich an Julius denken müssen und gegen Morgen auch wieder an ihre Arbeit und das sie sich wieder in das Nebenzimmer zu dieser Schlange setzte müsste und sich mit ihr noch einen harten Kampf liefern würde, wenn sie die Stelle denn haben wollte. Sie wollte die Stelle unbedingt, nicht nur, um dieser Fischer eines auszuwischen: Sie arbeitete effizienter als sie und würde menschlicher in ihren Führungsfunktionen agieren! Das waren zwar vier Arbeitsstunden mehr die Woche, aber auch gut dreißig Prozent mehr Gehalt netto!
   Ein Personalberater würde sich unangemeldet bei ihr vorstellen und ihr Fragen zu ihrer Bewerbung für ihre neue Stelle stellen und ihr hinterher seine Bewertung geben, das hatte sie inzwischen erfahren. So stand sie unter zusätzlichem Druck, denn dieser Mensch konnte jeden Augenblick bei ihr vorbei schauen und ihr auf die Finger gucken. Vermutlich käme er noch diesen Monat, gab ihr Arbeitskollege wage an, als er sie über alles Wichtige in Kenntnis gesetzt hatte.
Zu all ihrem Ärger kam noch hinzu, dass Julius heute keine Zeit für sie hatte: er half einem Freund beim Umzug von Brühl nach Köln und konnte froh sein, wenn er gegen Mitternacht wieder bei sich daheim war.
Auch Christina war natürlich schon mit Martin verabredet und so blieb ihr nichts anderes übrig, als sich jeweils mit einem Telefongespräch mit den beiden zu begnügen! Sie hatte Julius auch alles erzählt, was sie hier auf der Arbeit auf Trab hielt und dieser hatte ein paar trostspendende Worte gefunden. Das sie gestern so überstürzt aufgebrochen war, hatte er ihr auch schon verziehen und ihr so eine große Last abgenommen. In der Nacht war ihr alles viel schlimmer vorgekommen, als es tatsächlich war, doch über eines war sie sich im Bett genauso klar gewesen, wie jetzt in ihrem Büro: Sie war über beide Ohren in Julius Stein verliebt!
„...sag mal, Chrissi, hast du Martin schon erzählt, dass wir ihn nur angeflunkert haben?“
„Wir?“ hörte sie das Lachen ihrer Freundin im Telefonhörer, „wusste gar nicht, dass du eine so gute Schauspielerin bist!“
Jennifer schnaubte belustigt: „Dafür bin ich dir noch etwas schuldig! In ein paar Momenten hätte ich dich in Fetzen reißen können.“
„Ich fand es so süß, wie ich dich eifersüchtig machen konnte! Das wollte ich schon immer mal machen! Du sagst mir doch, wenn er wieder frei ist?“
„Christina!“ sie lachte, „du bist mir vielleicht eine beste Freundin. Aber lenke nicht ab! Wann willst du Martin sagen, dass er nur angeschmiert worden ist? Wir wollen doch in naher Zukunft wieder einmal etwas zu viert unternehmen.“
„Ich weiß,“ flüsterte Christina, und Jennifer hörte, dass ihre Freundin gerade ganz breit lächelte: „Martin taut aber gerade so richtig schön auf, da will ich ihm doch keinen Dämpfer versetzten!“
„Ist schon klar,“ lächelte sie. „Ich wünsche euch beiden einen wirklich tollen Abend und das euch nicht so ein dämlicher Kerl dazwischenfunkt, wenn es gerade anfängt, spannend zu werden!“
„Danke,“ lachte ihre Freundin. „Bis übermorgen oder so. Tschüs Jenny, und richte Julius meinen Dank aus!“
„Geht in Ordnung!“ lachte jetzt auch sie, „Bye.“
Jennifer hatte den Hörer gerade aufgelegt, da klopfte es an der Tür.
„Herein?“
Ein Mann in Sakko und Schlips betrat ihr Büro. Ihr Herz machte einen Satz: war das der angekündigte Personalberater von außerhalb? So schnell?
„Sind sie Frau Kleefeld?“ fragte der Mann sie höflich. Für seine Funktion schien er noch erstaunlich jung zu sein, fand Jennifer. Sie sprang sofort auf und ging ihm entgegen, um ihm die Hand zu schütteln:
„Jennifer Kleefeld, angenehm. Und sie sind...“
„Michael Ackermann,“ meinte er verwundert und gab ihr die Hand.
Hatte sie ihn erschreckt? Sein Händedruck war kaum spürbar.
„Entschuldigen sie,“ meinte er erstaunt lächelnd, „aber so werde ich selten begrüßt.“
„Setzen sie sich doch! Darf ich ihnen einen Kaffee anbieten?“
Er schaute immer verwirrter drein. Machte sie etwas falsch, war sie zu forsch?
Jetzt schüttelte er den Kopf: „Nein, dass ist sehr nett von ihnen, danke. So freundlich ist man selten zu mir, aber ich muss noch arbeiten: ich bin von Fleurop und habe einen Strauß Blumen für sie abzugeben!“
Jennifer schloss die Augen und hielt die Hand vor den Kopf. Sie Trottel. Sie brauchte eine Sekunde, um sich wieder zu sammeln: „Bitte, bringen sie sie herein.“
Der Mann trat kurz wieder in den breiten Flur, wo er sie vermutlich auf den Stühlen dort liegen gelassen hatte und überreichte sie ihr dann. Zwölf langstielige, weiße Rosen mit einer Grußkarte.
„Würden sie hier rasch unterzeichnen?“
Sie strahlte den Blumenboten an, als wenn die Blumen von ihm wären, unterschrieb auf seinem Gerät und gab ihm im Überschwang ihrer Gefühle noch einen Kuss auf die Wange.
„Sagen sie ihrem Freund, er kann ihnen ruhig öfter Blumen schicken, solange ich sie ausliefern darf!“ lachte der Bote sie freundlich an.
„Ich werde es ihm sagen. Tschüs.“ Sie strahlte, als sie den Strauß aus seiner Folie befreite. Das war das erste mal, dass sie Blumen geschickt bekam! Sie nahm eine Nase von dem süßen Rosenduft und schaute dann auf die Karte: `Für meinen Schatz Jenny. Mach dir keine Gedanken, wegen der neuen Arbeitsstelle: Wenn sie die Beste nehmen wollen, nehmen sie dich! Ich freue mich schon auf morgen Abend, an dem ich dich endlich wiedersehen kann! Vergiss mich nicht, dein Julius.´
Sie legte die weißen Rosen auf ihren Schreibtisch und lehnte sich glücklich seufzend zurück. Ob Christina noch in der Nähe ihres Telefons war? Gleich würde sie es wissen.

                         8
Am nächsten morgen war Jennifer bester Laune. Sie hatte gestern genügend Zeit gehabt, alle ihre Einkäufe zu erledigen, dass sie heute Julius mit einem köstlichen Essen verwöhnen konnte! Die Sonne schien hell und warm, es war ein malerischer Frühlingstag und noch etwas ließ sie so glücklich lächeln: Heute Morgen war ihr Bruder ausgezogen, ihr Vater hatte sich endlich beruhigt und sah ein, dass Jens nicht noch länger bei Jennifer bleiben konnte. Sie hatte ihre Wohnung wieder für sich und der Gedanke, heute Abend Julius ganz für sich allein zu haben, ließ ihr Herz höher schlagen.
   Ihre gute Laune hielt sich den ganzen Tag über und auch am Nachmittag, als ihre Kollegin Frau Fischer ohne ein Wort ihr Büro betrat, hatte sie noch ein Lächeln auf den Lippen.
Mit einem Platsch landete der dünne Stapel Akten auf ihrem Schreibtisch und ihre Kollegin verzog keine Miene, als sie ohne ein Wort zu sagen wieder kehrt machte und fort stampfte. Es schien Jennifer, als wäre sie wegen irgendetwas tödlich beleidigt worden, sonst hätte diese fiese Ziege sich zumindest noch ein paar geheuchelte Worte von ihrer gespaltenen Zunge abgerungen! Trotz allem, was diese Ziege auch mitgemacht haben sollte, es war eine Frechheit ihr die Aktenmappen einfach so auf den Schreibtisch zu schmeißen. Sie stand auf und ging in das Büro ihrer Kollegin.
„Darf ich fragen, was das eben bitte sollte,“ fragte sie höflich.
Ihre Kollegin drehte einfach nur den Kopf weg und blickte auf ihren Monitor. Jennifer stieß die Luft aus: war die Frau übergeschnappt? „Habe ich ihnen etwas getan, von dem ich nichts weiß? Haben sie einen Grund auf mich sauer zu sein?“
Sie wurde weiterhin ignoriert. „Ich würde ihnen ja liebend gerne helfen, aber bei allem Respekt: Sie scheinen nicht ganz richtig im Kopf zu sein, hier so eine Show abzuziehen!“
„Verschwinden sie!“
„Wenn ich vielleicht noch erfahren dürfte, warum.“
„Das hier ist mein Büro!“ zischte sie zwischen den Zähnen hindurch.
Jennifer war wütend: „Wie sie meinen! Sie haben doch nicht alle Tassen im Schrank!“
Ihre Kollegin spuckte als Antwort abfällig in ihren Papierkorb. Jennifer schüttelte nur den Kopf und ging.

Nur wenige Minuten später trat ein kleiner, weißhaariger Mann in ihr Büro: Ihr Vorgesetzter Dr. Strube, der bald in Pension gehen würde. Er lächelte sie freundlich an: „Darf ich mich setzten?“
„Aber bitte doch.“
„Es ist zwar etwas voreilig, aber ich möchte ihnen ganz herzlich zu meiner Nachfolge gratulieren!“
Jennifer bekam einen Schreck und blickte ihn skeptisch an.
„Sie scheinen so überrascht. Jetzt sind nur noch Herr Peters und sie in der engeren Wahl, und das Management wird keinen Angestellten zu meinem Nachfolger machen, der die Hälfte seiner Arbeitszeit krank feiert.“
„Frau Fischer?“ hörte sie sich fragen.
„Hat überraschenderweise heute morgen ihre Bewerbung für die Stelle zurückgezogen. Wussten sie das nicht? Also, herzlichen Glückwunsch, Frau Kleefeld. Ich denke, sie werden meine Stelle wunderbar ausfüllen!“
Er reichte ihr die Hand und schüttelte sie kräftig. Jennifer würde befördert werden! Ihr wurde leicht flau im Magen.

„Hi.“ Julius war auf die Minute pünktlich und wieder sehr schick angezogen. In der einen Hand hatte er eine Flasche Rotwein in der anderen eine rote Rose. Er lächelte sie glücklich an.
Jennifer fiel ihm einfach um den Hals und gab ihm einen dicken Kuss. Als sie seine Rose entgegen nahm, grinste er wieder: „Du scheinst ja bester Laune zu sein.“
„Erst jetzt wirklich! Komm herein,“ sie nahm ihn an der Hand und führte ihn in ihre Wohnung.
Im Wohnzimmer drückte sie ihn in einen Sessel, nahm ihm die Weinflasche aus der Hand und setzte sich auf seinen Schoß: „Ich weiß zwar nicht, was du jetzt darüber denkst und das ist mir auch piepegal, aber ich will dich jetzt küssen!“   
„Dann tue dir keinen Zwang an!“
Das tat sie nicht. Das Essen stand auf dem Herd, der Wein im Kühlschrank und jetzt hatte sie einfach nur Lust das zu tun, woran sie schon die vergangenen zwei Tage immer gedacht hatte.
Erst nach Minuten ließ sie von Julius ab und stellte befriedigt fest, das sie ihn gründlich mit Lippenstift beschmiert hatte. Das konnte selbst die beste Farbe nicht durchstehen, ohne abzufärben.
„Du siehst witzig aus,“ lachte sie ihn an.
„Steht mir die Farbe wenigstens?“
„Mmh, ich fürchte, dir würde ein dunkler Farbton besser stehen. Du bist nicht der richtige Typ für so helle Farben.“
Er grinste einfach nur zurück und sie rutschte auf seinem Schoß zurecht, dass sie ihn besser ansehen konnte: „Bevor du mir von dem Umzug gestern erzählst oder irgendetwas anderes, muss ich dir unbedingt erzählen, was mir heute passiert ist!“
„Dann leg mal los.“
Jennifer grinste ihn jetzt auch an und behielt ihn genau im Auge: „Ich habe heute erfahren, dass ich befördert werde!“
„Herzlichen Glückwunsch.“ Er hatte keine Miene verzogen strahlte sie weiterhin unverblümt an.
Sie war irritiert: „Kümmert das dich nicht?“
„Oh doch, sehr! Ich freue mich sehr für dich!“ Sein Lächeln blieb unverändert.
Jennifer kniff die Augen zusammen: „Wieso habe ich den Eindruck, dass du etwas weißt, was ich nicht weiß?“
„Das kann ich dir nicht sagen. Vielleicht, weil ich so belesen bin.“
„Julius,“ sie blickte ihm tief in die Augen, „heraus damit!“
„Die Varus Schlacht im Teutoburger Wald war gar nicht im eigentlichen Teutoburger Wald!“
Sie pikte ihn: „Lass das! Hast du mir etwa nachspioniert?“
„Nein.“ Wieder hatte er keine Miene verzogen, das machte sie ganz kribbelig.
„Verrate mir, was du weißt!“
„Kein Interesse!“
„Bitte!“
„Nicht ohne meinen Anwalt.“
„Hast du etwas angestellt?“
Er blickte nach oben. Sie hatte in einem Krimi einmal gelesen, dass das ein Zeichen dafür war, das man log: „Nein.“
„Du lügst!“
„Und du wirst mich nicht dazu bringen, die Wahrheit zu sagen. Ich habe dich in der Hand.“
„Wenn wir jetzt bei dir zu Hause wären, würde ich dir drohen, wieder zu gehen, wenn du nicht redest,“ sie sah ihn flehend an, „Bitte sag mir was du weißt! Du hast doch nichts Schlimmes getan, oder?“
„So etwas könnte ich gar nicht.“
„Bitte!“ Sie legte ihre Hand an seine Wange.
Julius seufzte: „Na gut, ich erzähle dir was ich weiß: Deine Kollegin Frau Fischer ist ein fürchterlicher Mensch! Sie kann dich nicht ausstehen und hat dich bespitzelt!“
„Wie bitte? Warst du bei mir auf der Arbeit?“ Sie war aufgebracht! Was hatte Julius getan?
„Ganz ruhig. Erinnerst du dich, wie du mir am Telefon erzählt hattest, du hättest den Blumenboten mit dem Personalberater verwechselt?“
„Ja, aber...“
„Das ist deiner Kollegin auch passiert...nur habe ich ihr keine Blumen gebracht! Ich habe ihr nur die üblichen Fragen gestellt: Warum sie meinte, dass gerade sie die Richtige für die Stelle wäre, et cetera, et cetera.
Als mir das alles nicht genug schien, fragte ich sie, was sie denn besser geeignet machte, als ihre Mitbewerber. An diesem Peters hat sie kein heiles Haar gelassen und auch dich hat sie verrissen! Du wärst unzuverlässig, schlampig mit weniger wichtigen Aufgaben, würdest ständig zur Dienstzeit Privatgespräche führen, hättest seit neustem einen Freund und deshalb in Zukunft wohl weniger Zeit für die neue Stelle. Du würdest vielleicht sogar schwanger werden und dann Mutterschaftsurlaub nehmen, und so weiter und so fort.“
   Jennifer stand der Mund offen: so eine bodenlose Frechheit! Sie schüttelte fassungslos den Kopf.
Julius fuhr mit theatralischer Seriosität fort: „Ich habe mir das alles ernst angehört und ihr dann gesagt, dass ich sie für die Stelle für untauglich halte: Wer seine Kollegen schon so bespitzelt und schlecht macht, sollte erst gar keine Untergebenen haben. Ganz locker meinte ich dann zu ihr, dass Teamwork heute großgeschrieben würde und diese Stasi Methoden ein ganz schlechtes Bild auf sie werfen würden! Sie ist ganz blass geworden und in ihrem Stuhl zusammengesunken. Dann meinte ich nur noch, sie möge doch bitte ihre Bewerbung zurückziehen, wenn sie sich weitere Peinlichkeiten ersparen wollte, weil ich sonst nicht umhin käme, dem Aufsichtsrat die Details dieses Gesprächs zu schildern. Dann habe ich mich mit einem Kopfnicken und einem guten Tag verabschiedet.“
Jennifer brauchte einen Augenblick um die Sprache wiederzufinden: „Das war illegal!“
„Keineswegs,“ grinste Julius sie fröhlich an. „Ich bin in ihr Büro gekommen, habe sie begrüßt, mich mit meinem richtigen Namen vorgestellt und gefragt, ob ich mich setzten dürfte. Dann fragte ich, ob sie gerade Zeit hätte, ein paar Fragen zu beantworten, was sie bejahte. Darauf hin fing ich an, ihr Fragen zu stellen! Findest du daran etwas Illegales?“
„Nein.“ Jennifer begann zu grinsen, ihre Hände zitterten leicht vor Aufregung, als sie Julius erzählen hörte.
„Nun, nachdem ich meine Fragen gestellt hatte, was sie mir ja ausdrücklich erlaubt hatte, habe ich ihr nur gesagt, dass sie ihre Bewerbung zurückziehen soll, wenn sie nicht wünscht, dass ich dem Aufsichtsrat von unserem Gespräch erzähle. Das hätte ich auch getan, nur hätte es wahrscheinlich nicht viel genützt. Findest du daran etwas Illegales?“
„Nein,“ sie biss sich wieder grinsend auf die Lippen und hielt eine zittrige Hand in der anderen, ihr Bauch kribbelte vor Aufregung.
„Nun, ich konnte mir schon denken, dass deine Kollegin Frau Fischer ihre Bewerbung zurückzieht, so wird der Personalberater wohl nur zu dir und diesem Herrn Peters kommen. Da Letztgenannter nun ein Hypochonder ist, wird das Los auf dich fallen. Et voilá: Ich war wenig überrascht, dass du mir heute Abend verraten würdest, dass du die Stelle bekommst.“
„Dich möchte ich nicht zum Feind haben!“
„Bekomme ich eine Umarmung?“
Jennifer drückte ihren Liebsten so fest sie konnte! Ihre Hände zitterten immer noch: das alles war so verrückt und spannend, dass sie es kaum glauben konnte: „Erzähl mir noch einmal, wie sie ausgesehen hat, als du mit ihr fertig warst!“ bat sie über beide Ohren grinsend.
„Naja, aschfahl, knitterig, bestürzt, sprachlos, als wenn gerade ihr Auto gepfändet worden wäre!“
„Darf ich dich auf einem silbernen Tablett durch die Straßen tragen oder dir einfach nur die Füße küssen?“
„Auf den Mund ist mir lieber!“ grinste er.
Jennifer ließ sich nicht lange bitten! Das würde eine spannende Beziehung werden, soviel war sicher, und wenn es ein Weibsbild auch nur wagen würde, ihn mit gewissen Blicken zu bedenken, würde sie ihr persönlich die Augen auskratzen! Sie grinste, während sie ihn küsste: Julius gehörte nur ihr und sie gehörte nur ihm!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.03.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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