Alexander Vogt

Auf der Suche nach... (Teil 1)

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Julie begutachtete ihre mattrosanen Fingernägel und prüfte kritisch deren Oberfläche. Sie saß bequem auf dem Beifahrersitz meines silbernen Mercedes S-Klasse, duftete nach Vanille und war wieder so aufreizend angezogen, dass jeder ihre Reize bewundern musste. Sie hatte SEHR viele Reize. Jeder Mann war scharf auf sie und jedes Mädchen wünschte sich ihr Gesicht und ihren Körper. Dabei hatte sie noch diese seidene Stimme, die so geschmeidig, liebkosend und leise jedes Ohr betörte. Jedes Ohr, das nicht auf die Worte, die diese süße Stimme sprach, achtete.
„Warum hast du eigentlich heute Abend keine Zeit für mich? Immer musst du mit deinen Freunden weggehen,“ nörgelte sie ohne rechte Überzeugung.
Sie war mit ihren Nägeln fertig hatte sich die Hände zwischen die Schenkel gelegt und blinzelte mich an. Ich blinkte und fuhr links ab. Darauf hörte ich mich mit gewohnt tiefer und lässig gelangweilter Stimme reden: „Immer? Ich bin doch fast jeden zweiten Abend mit dir weg, Schatz. Vielleicht erkennen mich meine Freunde gar nicht wieder, wenn ich heute mit ihnen etwas feiere.“  
Ich streichelte flüchtig ihre seidige Wange, behielt aber den Verkehr weiter im Auge.
Julie seufzte: „Okay, ich kann dich ja nicht immer bei mir haben, stimmt’s? Dann lade ich heute eben Ines ein und wir machen uns einen schönen Abend.“
„Tu das Schatz. Ines wird sich sicher freuen.“  
Ich tätschelte ihren Schenkel:„Hab´ dich ganz doll lieb.“ Ich wandte den Kopf zur Seite und holte mir ein Küsschen ab, fuhr dann ohne zu blinken in ihre Hauseinfahrt. Julie gab mir noch einen langen Kuss und hüpfte dann aus dem Wagen.
„Bis morgen Andreas, ich vermisse dich,“ sagte sie lächelnd und ein wenig traurig, bevor sie die Tür schloss. Ich warf ihr noch ein Küsschen zu, setzte den Wagen zurück und sah nur noch, wie meine Julie grazil hüpfend in ihrer engen Jeans die Treppe zu der Haustür nahm.
Vermerke: Das waren vier `Ich liebe dich´ über einen halben Tag verteilt, siebzehn Küsschen, zwei Küsse, drei wenig ausgefallene Komplimente über ihr Erscheinen, ihren Duft und ungezählte kleine Streicheleinheiten.
Bald fuhr ich wieder auf der Bundesstraße und hing meinen Gedanken nach. Wir waren jetzt fast schon seit einem halben Jahr zusammen. Ich hatte Julie auf ihrer Abi-Feier kennen gelernt. Sie zu finden war nicht schwer und sie zu überzeugen, dass ich der Richtige war, war eine Sache von wenigen Tagen. Ein reicher Erfahrungsschatz, ein Gespräch mit ihr, das nötige Kleingeld und das entsprechende Auftreten und ich hatte den Schlüssel zu ihrem Herzen.
Groß, gut aussehend, vermögend, gebildet, elegant und einigermaßen charmant, das war der Jackpott für Mädchen ihres Formates. Wenn ich mich jetzt im Nachhinein als ungehobelten Klotz herausstellen sollte, hätte sie das verkraftet, solange die anderen Eigenschaften stimmten. Ich war für sie kein bloßes Prestigeobjekt, kein simpler Schmuck für ihre Schönheit, ich war auch ihr heißgeliebter Freund. Ohne mich würde für sie eine Welt zusammenbrechen: Sie hätte keinen Freund mehr, wäre stehengelassen worden, wäre solo...undenkbar, geradezu irrwitzig. Ein Mädchen mit ihren Reizen und ihrer Intelligenz ( sie hatte immerhin ihr Gymnasialabi ) ohne Freund? Was mussten ihre Freundinnen denken, was die ganze Welt, was musste sie selbst von sich halten?
War sie alt geworden? War es ihr Auftreten? Waren es ihre Brüste?
Das war mir ziemlich egal, jetzt hieß es duschen und das Abendessen für Kezia zu bereiten, ich lag noch gut in der Zeit.

Ich joggte die sechs Treppen von der Tiefgarage in meine Appartement Wohnung im zweiten Stock hinauf.
Ich verriegelte schnell die Tür, entledigte mich der meisten meiner Sachen und versteckte meine verräterische schwarze `Macholederjacke´ und meine `Zuhälterschuhe´, wie meine kleine Schwester meine Garderobe titulierte, im kleinen Spind in der Besenkammer.
Barfuss lief ich auf dem weichen blauen Teppich auf und ab und grübelte vor mich hin. Ich tänzelte dabei um so manchen schlampig herumliegenden Stapel Bücher, Noten, Zeitschriften und um die noch überall verstreuten Ölfarben von meinem letzten Gemälde. Die Staffelei stand immer noch mitten im Raum, direkt über einem Becher mit Pinseln und gleich neben dem offenen Gitarrenkoffer. Die Gitarre lag, so meinte ich mich erinnern zu können, auf einem Wust von Zetteln mit angefangenen Liedern auf meinem breiten Bett, ein Zimmer weiter.
„Vorspeise: Feldsalat, Rote Bete, Croutons und Wachteln, dazu ein trockener Riesling. Dann eine feine Kartoffelschaumsuppe mit Lachstatar und Keta-Kaviar. Zum Hauptgericht: Entenbrust an Herzogin Kartoffeln, Speckböhnchen und kleinem Gemüse mit Cognac-Rosinen-Sauce, dazu ein vollmundiger Auggener Schäf und im Eifer des Gefechtes vergaß ich ganz einen Nachtisch zu bereiten. Fein! Gut! Duschen!“
Zu den dampfenden Strahlen aus dem Duschkopf und dem herb-süßlichen Duft meines Shampoos trällerte ich `The Look´ von Roxette vor mich hin. Noch ein paar narzissische Blicke in den großen Spiegel, derweil ich mich mit dem Badetuch trocken rubbelte und ein paar gängige Gesichtsausdrücke übte, dann schlüpfte ich in meine Unterwäsche.
Ich verstrubbelte noch ein wenig mein Haar, damit Kezia es gleich wieder kämmen konnte und durchsuchte dann meinen Schrank nach den geeigneten Sachen. Eine Jeans und einen hellblauen Pullover, Typ: sehr kuschelig. Vorerst zog ich aber einen anderen Pulli und eine Schürze an, um gleich nicht nach Küche zu riechen.
Meine kleine Schwester hatte wieder pünktlich und sorgfältig meine Jobs erledigt, wie ich mit einem fröhlichen Lächeln in den Kühlschrank quittierte. Sogar die frischen Wachteln lagen direkt in Augenhöhe.

Fröhlich brutzelten die kleinen Schenkelchen im Sud brauner Sauce, als die Türklingel, die ersten Töne zu Vivaldis Frühling, erklangen. Ich machte den Herd aus und ging rasch zur Tür meinen Liebling willkommen heißen.
Kezia sah wieder zum anbeißen aus, um ihre blaugrauen Augen bildeten sich ihre süßen Lachfältchen, als sie mich ansah.
„Hallo Cay.“  
„Hallo...du siehst wieder zu anbeißen aus.“
Sie lachte und drückte mir einen Kuss auf, bevor sie sich an mir vorbei in die Wohnung schob.
„Hier riecht es ja gut, mmh. Die hier hab ich für dich mitgebracht.“ Sie drückte mir ein buntes Päckchen mit rosa Schleife in die Hand. Meine Lieblingspralinen.
„Danke dir Kezia“, ich gab ihr noch ein Küsschen. „Ich muss in die Küche, die Wachteln...aber ich komme gleich...“
Ich verschwand in der Küche und bekam gerade noch mit, wie Kezia auf meine nackten Füße guckte und lächelnd den Kopf schüttelte, als ich um die Ecke verschwand. Sie folgte mir in die Küche und holte Bestecke und Gläser.
„Oh, ja, die Bestecke. Ich war gerade beim Tischdecken, da fiel mir ein, dass ich kaum noch Kartoffeln hatte, da bin ich in die Küche nachsehen und...“
„Du brauchst dich doch nicht zu rechtfertigen.“ Sie lächelte wieder.
„So kann ich dir wenigstens noch ein bißchen helfen. Aber sag mal, hast du keine kalten Füße?“  
„Mmh?“ Ich sah an mir herab: „Oh, ja, natürlich, danke dir Kezia.“
Kezia deckte den Tisch im Wohn- und Esszimmer. Ich hörte sie die Vorhänge zurückziehen und die Bestecke und Gläser auf die Tischdecke platzieren.
Ich bettete die kleinen Wachteln neben den Feldsalat mit den Croutons und entkorkte die Weinflasche aus dem Kühlschrank. Ideal temperiert mit 12°C.
„Sitzt du schon Hasi?“ rief ich über die Schulter.
„Ja, du kannst kommen.“
Feierlich und immer noch barfuss trug ich die zwei Teller ungeschickt in der linken und die Weinflasche in der rechten Hand. Kezia sprang auf, um mir einen Teller abzunehmen. Sie hatte sogar schon die Kerze in der Mitte des Tisches angezündet. Schweigend mit einem glücklichen Lächeln sah sie mir zu, wie ich den Badener Riesling einschenkte.
Dann zog ich mir schnell ein paar Socken und meinen blauen Pulli an, setzte mich ihr gegenüber und wir prosteten uns zu.
„A votre santé, meine Kezia.“
„A la votre, mein Cay.“ Wir stießen an.
Der Wein hatte eine ganz hervorragende Blume. Kezia aß hungrig ihren Salat und machte mir Komplimente zu meinen Kochkünsten. Sie hatte aber auch die Augen auf mir, fast die ganze Zeit, die wir aßen. Die Suppe und das Hauptgericht waren auch sehr fein.
Wir packten die Teller und die Gläser einfach in die Spülmaschine, nahmen uns ein neues Glas und den angebrochenen Wein und setzten uns auf die beige Ledercouch: ich packte einfach die Kochbücher und Notenblätter daneben und schon war Platz.
Kezia setzte sich erst brav neben mich, kuschelte sich dann aber zunehmend an mich, wir hielten Händchen.
„Das war sehr schön, dass du mich zum Essen eingeladen hast. Ich werde mich bald revanchieren.“ Kezia duftete lieblich und war herrlich weich. Sie war mit jedem Zentimeter eine Prinzessin. Sie war zwar auch für ein Mädchen sehr klein, aber das liebste Geschöpf, was ich je kennen gelernt hatte. Dass ich den Nachttisch vergessen hatte, haben wir mit ein paar Lindt Pralinen wieder gut gemacht.
„Kezia, ich muss dir was sagen.“  
Sie sah mich an.  
„Du bist total süß, wenn du so guckst.“
Sie lachte: „Wie kommst du mit deinem Klavierstück voran?“ Sie warf einen Blick auf den Flügel.  
„Das ist irgendwie so schwierig, weißt du, immer wenn ich mich daransetze und etwas Neues schreibe, denke ich, es passt nicht. Du verstehst: es kommt mit dem Stil des Stückes nicht überein. Deshalb gebe ich mich so ungern daran. Es soll ja schließlich gut werden. Mein neuer Comis harmoniert nicht so recht mit dem Anfänglichen.“
Kezia stand auf, hielt meine Hand aber weiterhin fest und zog mich hoch.
„Zeig es mir!“
Ich setzte mich auf den Klavierhocker und Kezia holte sich einen Stuhl um sich neben mich zu setzten. Ich suchte kurz nach den Noten.
„Die Fuge habe ich zuletzt gemacht, den Anfang von dem Stück kennst du ja schon.“
Meine Kleine nickte und spielte aus dem Gedächtnis mein Stück an. Ihre schlanken Finger huschten dabei über die weißen Tasten, das es eine Freude war ihr dabei zuzusehen. Sie machte ein ganz konzentriertes Gesicht, und hatte unbewusst die Lippen ein wenig gespitzt.
Ein herrliches Bild. Ich spielte die gleiche Fuge nur eine Oktave tiefer, das Klavier klang jetzt noch voller. Wir sahen uns an. Ich spielte dann noch meine neuen Noten und sie lauschte kritisch.
„Doch, ganz fein, das Motiv hast du ja weiterhin beibehalten und dieses verspielte Trällern lockert die ernsten Passagen wieder ein wenig auf.“
„Dir gefällt es also?“  
„Ja, es ist wirklich schön.“  
„Danke, Kezia.“ Ich mochte sie sehr.
Jetzt stand sie auf und fuhr mir mit ihrer Hand durch die verstrubbelten halblangen Haare.
„Du hast dich wieder nicht gekämmt nach dem Duschen, warte, ich bring` das gleich in Ordnung.“ Sie verschwand im Bad und tauchte mit meiner Haarbürste wieder auf.
Liebevoll und sorgfältig, wie ein kleines Mädchen ihre liebste Puppe kämmt, so strich sie mir durch mein Haar und summte dabei. Ich genoss es sehr.
Als sie gerade absetzte und mit einem `So...´ ihren Satz beginnen wollte, sprang ich auf und nahm sie auf die Arme. Sie quiekte überrascht und ich legte sie rasch auf die Couch, kniete mich daneben und küsste sie auf den Mund. Sie hielt sich an meinem frisch gekämmten Hinterkopf fest und drückte mich. Sie schmeckte noch besser als das beste Menü.
Noch ein paar Zärtlichkeiten und ein paar Küsschen später saßen wir da, tranken den kleinen Rest Wein, unterhielten uns über alte Bekannte, über Musik, Kunst und Gott und seine Welt.
Ich war sehr glücklich mit ihr und doch wusste ich nicht, ob das Gefühl für sie, was ich ganz offensichtlich hatte, Liebe war!
Wir kannten uns jetzt schon fast unser halbes Leben und eine gewisse Zuneigung zu diesem süßen, frommen, talentierten Mädchen hatte ich schon immer verspürt, aber Liebe? War das nicht noch etwas mehr...? Oder anders...?
Ich brauchte noch Zeit.
Kezia hatte gerade meine Gitarre aus dem Schlafzimmer geholt, sich meinen Klavierhocker geholt und spielte mir nun ein altes Lied aus unserer späten Jugend, aus den `Wiedenester Jugendliedern´ vor. Sie hatte eine sehr schöne Stimme. Aber wenn sie sang, klang sie, als wenn Engel träumen! So verzaubernd, dass ich kaum atmete! Sie sang für mich. In diesen Momenten wusste ich, dass ich sie liebe, ich spürte es so sehr, wie ich Gänsehaut vor wohligem Schauer bekam.
Das geschah nicht immer, aber wenn sie traurige Melodien spielte und ihre zarte Stimme voller Elan die Traurigkeit zu einem Bild, zu einem Himmelsglühen brachte, schmolz ich dahin und entflammte zugleich!
Wenn man ihre Stimme, ihre Seele küssen könnte, hätte ich dies getan, aber ihre Lippen konnte ich küssen, und das tat ich auch immer großzügig! Kezia war wundervoll!

Als die Nacht herein brach, brachte ich sie mit dem kleinen roten Corsa meiner Schwester nach Hause.
Sie sollte nicht wissen, dass ich ein deutlich teureres Auto fuhr. Meine Kezia war nicht besonders gut auf Reichtum, oder Typen mit `protzigen Karren´ zu sprechen. Sie war nach dem Unterricht und ein paar freiwilligen Musikstunden an der Musik FH Köln gleich mit der Bahn zu mir gekommen, jetzt blickte sie verträumt aus dem kleinen Autofenster in die Nacht.
Bei ihr daheim sprang ich aus dem Wagen, lief zur Beifahrerseite und machte ihre Türe auf. Diese überlegte Aufmerksamkeit von ihrem schusseligen Freund honorierte sie mit einem ganz süßen Abschiedskuss. Für den hätte ich noch ganz andere Dinge in Kauf genommen.
Müde aber zufrieden fuhr ich Heim. Jetzt ein Gebet, eine Mütze Schlaf, und dann konnte der Freitag beginnen. Natascha erwartete mich ausgeschlafen.


                        2
Ich wurde wach, als ich das Klopfzeichen meiner Schwester an der Tür vernahm. Schlaftrunken trottete ich zur Tür, durch die Vorhänge drang schon warmes Sonnenlicht in meine erste Wohnung.
„Uahh, Morgen Cecile. Hab wohl verschlafen.“  
Meine Schwester stieß mich unsanft in die Wohnung: „Cay, rein da, sonst sieht dich noch einer im Schlafanzug.“  
Sie schloss die Tür. Cecile hatte sich schon wieder schick für die Uni gemacht, hatte ihre blonden Löckchen zu einem Zopf zusammengezwungen und guckte mich ganz unschuldig an: Typischer `Liebe-kleine-Schwester-will-dich-um-was-bitten Blick´
„Was möchtest du? Geht es um die Wohnung oder deinen Freund.“
Sie grinste „Du bist ein echter Hellseher. Ich brauche heute deine erste Wohnung, wollte heute Abend eine kleine Party machen. Nichts Großes...“
„Wie viele Gäste?“
„Och, zehn, fünfzehn oder so...“  
„Und mein Schlafzimmer?“  
„Kannst du natürlich abschließen, ich räume auch vorher alles in die Schränke und schließe ab und stelle nachher deine konditionierte Unordnung wieder her. Versprochen!“
Ich überlegte einen Augenblick, während meine Schwester mich gespannt ansah. Heute brauchte ich nur meine zweite Wohnung.
„Abgemacht.“
„Oh, danke dir!“ Meine Schwester zwickte mich in die Rippen.
„Es wird auch nicht zu laut. Meinen Wagen brauchst du heute nicht, oder?“  
„Nein, alles klar.“  
„Dann lass uns tauschen.“ Cecile öffnete wieder meine Tür, spähte in den Gang und flüsterte:
„Der Gang ist sauber, du kannst.“  
Ich seufzte und ging mit einem großen Schritt in den Gang, stieß die gegenüberliegende Tür auf und schloss synchron mit meiner Schwester die Tür hinter mir.
Hier, in meiner Zweitwohnung, war es wesentlich heller, denn die Fenster zeigten Richtung Osten. Das kalte Parkett fühlte sich unangenehm für einen Barfüßigen an. Ich schleppte mich an dem runden Glastisch und den Designermöbeln vorbei in meine Dusche.
Das heiße Wasser machte brachte meinen Kreislauf wieder in Schwung. Ich sang wieder ein Liedchen `Like a prayer´ von Madonna vor mich hin.
Zähne putzen, Frühstücken und die FAZ durchforsten nach ein paar geeigneten Gesprächsthemen. Natascha war vor der Arbeit immer sehr gesprächsfreudig. Am liebsten diskutierte sie über brisante innenpolitische Themen und die schwächelnde Wirtschaftspolitik, also nahm ich mir den Wirtschaftsteil vor.
Unser Treffpunkt für den Freitagmorgen war wie immer das Bronze-Light Café.
Ich parkte im nahen Garagenkomplex, ein Blick auf meine Omega verriet mir, das ich wieder einmal fünf Minuten zu früh war, als ich durch die schmucke Glastür das Café betrat.
Natascha saß schon an unserem Stammtisch, hatte ihre Beine übereinander geschlagen und las die FAZ.
Auf dem Tisch standen zwei Tassen Kaffee, eine Zuckerdose mit Greifer und ein geschlossenes Notebook.
Ich hängte meinen Ledermantel in die Garderobe und begab mich zu ihr. Ich setzte schon mal das Businessman-Gesicht auf und stimmte mich so schon auf meine veränderte, self-made-man, Sprechweise in der kommenden Stunde ein.
Als ich mich setzte, nahm sie die Zeitung herunter und lächelte mich freundlich an.
„Morgen, Manuel.“  
„Einen wunderschönen guten Morgen, Natascha.“
Ihr Lächeln wurde noch ein wenig herzlicher, sie blickte noch kurz in die Zeitung, um ihren Satz zu Ende zu lesen und faltete sie dann weg. Sie nahm ihren Kaffee, nippte daran und widmete sich dann wieder mir: „Gut siehst du aus, hast du gut geschlafen?“  
„Danke dir, Tascha, du siehst auch wieder blendend aus, neue Frisur?“
Ich grinste. Sie trug ihr blondes Haar schon immer hochgebunden und mit Pariser chic. Natascha grinste zurück.
„Hast du schon über die Fortschritte in der Haushaltspolitik gelesen? Für mich sieht das eher aus wie ein absolutes Armutszeugnis in Sachen Wirtschaftswissenschaft aus. Eine Regierung, die keine Ahnung von sparsamer Wirtschaftung hat, sollte sich zumindest ein paar Ratschläge aus kompetenten Mündern geben lassen, dass nicht später der gebildete Bürger die Verhohnepipelung der Lohn-Preis-Spirale schwarz auf weiß in jeder Zeitung zu lesen bekommt: Als wenn deficit-spending gerade in dieser Situation noch was ausrichten könnte!“
Ich nickte bestätigend. „Vielleicht sollte jede Regierung vor Amtsantritt an einen zweitägigen Kurs für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften teilnehmen, bevor sie dann vier Jahre das BSP in den Keller reißen und auch gegen Ende ihrer Amtsperiode dazu weiter unschuldig lächeln können.“ Natascha grinste grimmig und griff wieder nach ihrer Tasse.
Ich nahm auch einen Schluck Kaffee, aber ich nahm im Gegensatz zu Natascha zwei Würfel Zucker. Natascha war fast drei Jahre älter als ich, fünfundzwanzig also. Sie war groß, schön, sehr schlank und schon jetzt selbständig als Steuerberaterin. Abi mit achtzehn, drei Jahre im Staatsdienst, zwei beim Finanzamt und bereits seit fast zwei Jahren mit Finanzspritze von ihrem Daddy Steuerberaterin. Ihr kleines Büro florierte, denn Natascha war nicht nur clever, ehrgeizig und hart, sie sah auch sehr gut aus. Das machte sie bei ihren reichen Auftraggebern  besonders beliebt, als Vorzeigesteuerberaterin.
Ihr klangvoller Nachnahme, beziehungsweise der Einfluss ihres Vaters hatte ihr die ersten Aufträge verschafft, die folgenden Aufträge waren ihrer Kompetenz zuzuschreiben.
Sie trug meist einfache Hosen und dazu Blusen oder Pullover, aber in gut informierten Kreisen wusste man, dass allein ihr Pullover oft mehr kostete als eine komplette Abendgarderobe.
Wir hatten uns auch in diesem Café kennen gelernt, als ich mich aus Mangel an freien Plätzen an sie wandte. Natürlich sei dort noch frei. Ein Wort führte zu anderen und unser unverhohlenes Interesse am anderen sprach nicht nur aus unseren Blicken. Das war jetzt vor gut vier Monaten gewesen.
Ich stand auf. „Ich hole mir mal mein Brunch.“
„Ich komme gleich nach, will nur noch den Artikel zu Ende lesen.“    
Ich legte mir reichlich Rührei, drei Rostbratwürstchen und etwas Speck auf den Teller, nahm mir dazu noch ein Croissant, ein Laugenbrötchen Honig und Butter. Bevor ich fertig war, stand auch schon Natascha am Buffet. Ich ließ es mir schmecken.
Als sie wiederkam, stellte sie ihr Tablett ab und beugte sich zu mir herunter: „Ich vergaß dir richtig guten Morgen zu sagen...“ Wir küssten uns kurz auf den Mund.
Nach den ersten paar Bissen von ihrem Vollkorntoast schien sie schon hinreichend gesättigt, um mit mir wieder ein Gespräch anzufangen. Sie hatte einen bescheidenen Appetit.
„Wie sieht denn heute deine Tagesplanung aus? Viel Stress?“  
Ich als unabhängiger Finanzberater hatte oft den ganzen Tag voller Termine mit meinen Aktionären, wohlsituierten Firmenchefs und diversen kleineren Kunden.
„Heute habe ich nur einen Termin, gegen zwei und ein Geschäftsessen in der Hanse Stube.“
„Da bist du zu beneiden. Ich gondle heute zwischen Köln und Frankfurt umher, manchmal glaube ich, ich tue schon zuviel für meine Kunden. Eigentlich sollten sie ihre Papiere zu mir schicken, und nicht mich zu ihren Papieren kommen lassen!“
„Du bist doch so bienenfleißig, dass dir das gar nichts ausmacht. Wie ich dich kenne überfliegst du die Akten schon vor der Rückfahrt nach Köln und hast schon ein Drittel des Steuerbescheides fertig im Kopf, bevor du wieder hier ankommst.“
„Du denkst zu gut von mir,“ lächelte sie dankbar für das Kompliment.
Mit vollem Bauch saßen wir noch ein Weilchen an den gemütlichen Ecktisch. Nach einer halben Stunde schlug Natascha ihr Notebook auf, um meine Meinung zu ihrem neusten Steuerbescheid einzuholen. Diese geheimen Informationen durfte ich eigentlich gar nicht einsehen, aber Natascha vertraute mir. Zu Recht, denn was kümmerten mich die Finanzen des Kaufhofs? Da sie mir die meisten Schachzüge selber erklärte und mit einem `mmh´ und `fein´ zufrieden war, setzte ich nur selten meinen Denkapparat in Gang, um ihre Überlegung kritisch zu prüfen. Sie war mir sehr dankbar.
„So Schatz, ich muss los. Wir sehen uns ja dann morgen Abend. Das Essen und der Wein gehen auf mich. Ich glaub, ich bestelle wieder ein Dreigang Menü oder so.“ Sie erhob sich.
Ich stand auch auf, um sie zu verabschieden. Ich half ihr in die beige Sommerjacke.
Wir standen uns noch kurz gegenüber, hielten uns die Hände. Natascha sah mich fröhlich an:
„Bis morgen dann.“  
„Vermisse mich.“  
„Tue ich schon jetzt, Schatz.“
Wir gaben uns noch einen Abschiedskuss. Dann verschwand sie auf ihren noblen hochhackigen Schuhen, die ihre Beine noch länger machten, in einer Seitenstraße.
Gemütlich ging ich zur Kasse, bezahlte den leckeren Brunch und verließ die Lokalität ein Liedchen pfeifend. Ein wirklich schöner Sommertag. Der Himmel war blau, es war angenehm warm und ein leichter Wind ging, dass man tagträumend bummeln konnte.
Es waren erst kurz vor zwei, um halb fünf wollte Julie mich besuchen. Sie studierte Französisch und Spanisch, erstes Semester. Direkt nach ihrer Vorlesung würde sie zu mir kommen und heute Abend gab Ines, ihre beste Freundin eine Party, da mussten wir natürlich hin. War mir ganz recht, so bekamen wir zumindest nicht mit, wie meine Schwester Cecile und ihr einfältiger Freund Achim eine Party in meiner Bude schmissen.
Wie Cecile an Achim geraten war, ist mir heute noch schleierhaft. Er war so sympathisch, wie er simpel war. Naja, wo die Liebe hinfällt... meine kleine Schwester war jedenfalls völlig vernarrt in ihn.
Mein Handy klingelte. Es war meine Kezia.
„Hallo, mein Hasi, das ist aber lieb von dir, das du dich bei mir meldest. Hätte nicht gerade mein Handy geklingelt, hätte ich bestimmt gerade an dich gedacht!“
„Hallo, Cay. Ich wollte dich fragen, ob du am Sonntag vielleicht Lust hast mit mir im Park spazieren zu gehen.“ Ich lächelte beglückt.
„Das ist eine feine Idee. Wie wäre es um zwölf?“
„Ja, die Zeit schwebte mir auch etwa vor. Ich freue mich schon!“
„Dann mach`s gut, Kezi und vergiss mich nicht. Küsschen.“ Ich küsste mein Handy.
„Bye, Cay.“ Sie war so lieb.

Als ich die Hohestraße erreicht hatte, fiel mir wieder ein wie sehr Julie hinter kleinen Aufmerksamkeiten her war. Ein glubschäugiges Plüschtier oder ein paar Blümchen mit Grußkarte. So etwas ließ sich immer gut herum zeigen. Ich besuchte also ein einschlägig für solche Knuddeltierchen bekanntes Geschäft auf.
Eine sehr knuffige Schildkröte mit einem roten Herzchen in den Händen war meine Wahl. Sehr niedlich, in der Tat!
Da ich schon mal hier war, kaufte ich auch für die liebe Kezia gleich ein schnuckeliges Schäfchen mit eingestickten I >Herz< you auf dem Bäuchlein.
Im Kaufrausch musste auch ein rosa Ferkel mit Kleeblatt und Schlüsselanhänger dran glauben.
Auf den fragenden Blick der netten Verkäuferin konnte ich nur unschuldig dreinschauen.
Jetzt wurde es aber Zeit, Julie kam so pünktlich wie die Bahn: fünf Minuten nach der Zeit.

                        3
Als ich wieder wie ein echter Gentleman gewandet war - mit schwarzen Jeans und dunklem, schweineteurem Rolli und schwarzen Lederschuhen - inspizierte ich meine Erscheinung im mannshohen Spiegel: herrlich, ein vorzeigefähiger, hochaufgeschossener Typ, der wusste, wo es lang geht. Und sollte er das vergessen, so würde er es überspielen können ( oder es zumindest nicht zugeben und sich und ihr nicht die Blöße geben ). Julie, dein großer Beschützer wartet auf dich.
Meine Neugierde auf Ceciles Partyvorbereitungen wollte gerade überhand nehmen, als meine Julie klingelte. Entzückend.
Sie sah wieder wie ein Model aus und duftete wieder verführerisch nach Vanille. Diesmal hatte sie ihre gesamte Kosmetikkunst zur Anwendung gebracht, was mich an die Party am Abend erinnerte. Ihr schwarzes Haar fiel ihr offen über die schlanken Schultern. Seit ich einmal bemerkt hatte, dass ich es so am schönsten fände, trug sie es in meiner Gegenwart nie anders.
Sie trat gleich auf mich zu, drückte mich und entrang mir einen Kuss. Bei diesem erotischen Gebaren und dieser herzlichen Zuneigung wusste auch mein elfter Finger nichts anders zu tun als sich empor zu recken.
„Hallo, Andreas.“ flüsterte sie mehr als sie sprach und sah mir ganz verschmitzt von unten in die Augen.
„Hallo, mein Schatz, du siehst mal wieder ganz verführerisch aus. Komm schnell rein, bevor dich noch einer mitnimmt.“ Ich legte den Arm um ihre Wespentaille und Julie folgte willig.
Die Tür fiel in Schloss.
Für ein hirnloses Stück Fleisch wusste der kleine Schwellkörper in meiner Hose erstaunlich genau, was er wollte. Zum Glück stand er in der Rangordnung noch unter meinem Willen.
„Weißt du, was wir bald mal machen sollten?“ Julie lehnte sich an mich, während wir zur Sitzecke gingen.
„Nein, mein Schatz. Aber ich bin schon ganz gespannt darauf, was du dir ausgedacht hast, es ist bestimmt wieder etwas sehr gewitztes, kluges und einfallsreiches, wenn es von dir kommt.“
Sie lachte: „Nee, ich dachte nur, wir könnten bald mal wieder in Kino gehen. In so einen Film, den kaum einer sieht, wo wir in der letzten Reihe ein bißchen Kuscheln können.“
Sie setzte sich rittlings auf meinen Schoß und faltete ihre Hände hinter meinem Rücken zusammen. Ich gab mich möglichst unbeteiligt und lächelte dominant.
„Kuscheln...mein Schatz will kuscheln...das können wir doch auch hier machen.“
Ich küsste sie auf den Mund und ließ dann meine Lippen über ihren zarten Hals und ihre rosa Schultern wandern.
Julie seufzte ein paar Sekunden wonnevoll, dann entzog sie sich mir und sah mich bemüht ernst an.
„Du veralberst mich. Du bist immer ganz zärtlich zu mir, aber wenn...“
„Wenn du ein bißchen mehr willst, als nur kuscheln...“
„...genau, dann...“  
„...dann...?“
„...dann...“ Julie setzte zu einem Satz an und rang nach den passenden Worten suchend die Hände.
„...na?“ Ich gab ihr noch einen Kuss, dann platze es aus ihr heraus.
„Warum haben wir noch nicht miteinander geschlafen, Andi?“ Unterstützend zu ihren Worten legte sie mir ihre kleinen Hände auf die Hüften.
„Willst du denn mit mir schlafen?“ Ich sah sie durchdringend an.
Julie wurde rot. „Naja...ja! Natürlich will ich, tu nicht so, als ob du das nicht wüsstest!“
„Gleich jetzt? Hier auf der Couch?“  
„Nein, natürlich ni...doch! Warum nicht?“
 „Julie.“ Ich sah sie durchdringend und doch theatralisch an. Eine Zwickmühle, aber ich war vorbereitet. „Was meinst du, wie gerne ich dir diesen Wunsch jetzt erfüllen würde, drei, viermal, gleich hier...“  Sie sah mich fragend an.
„Du hast doch die Nebenhöhlenentzündung mitbekommen, die ich letzten Monat hatte. Das Medikament, das ich gerade nehme, Rheditonpharanisol-melakinchat hat eine ziemlich eigene Nebenwirkung, während man es nimmt...“
„Du kriegst keinen hoch!“  
Ich nickte zerknirscht lächelnd: „Noch zwei Wochen, dann kann ich es absetzen.“
Julie küsste mich: „Das Warten wird mir schwer fallen.“  
„Das hoffe ich doch, ich bin auch schon gespannt, wie du so bist.“
Julie wurde wieder rot. „Lass uns über heute Abend reden.“
Ich stand auf und ließ Julie von meinem Schoß herunter gleiten. Diese Wärme auf den Schenkeln war kaum auszuhalten, zumal Julie irgendwann bemerken musste, dass das unbewegliche dumme Stück in meiner Hose ziemlich lebendig war.
„Lass uns mal schauen, was im Fernsehen kommt, in knapp zwei Stunden müssen wir ja auch schon los.“
Ich holte die Fernbedienung und zappte ein bißchen, bis ich einen ziemlich unromantischen Actionfilm fand, genau das Richtige für diese heikle Angelegenheit. Ich ließ mich neben Julie wieder auf die Couch plumpsen und war ganz mit dem Film beschäftigt.
Ihre gelangweilten Seufzer an meiner Schulter und das einfallslose Drehbuch hielten mich nicht davon ab, gespannt auf der Kante der Couch zu sitzen.
Meine Nebenhöhlenentzündung hatte mich schließlich auch nicht davon abgehalten, kerngesund zu sein. Ebenso wenig wie das fiktive Medikament meine Männlichkeit bändigen konnte. Julie konnte man viel vormachen, wenn man sowieso immer Recht hatte, und wenn nicht, dann gab man es nicht zu. Sie konnte damit leben.

Auf Ines Party kam ich mir wie ein Prinz vor. Die Mädchen waren so jung wie sie auf erfahren machten. Sechzehn, Siebzehnjährige die sich wie Erwachsene schminkten und sich sichtlich alle Mühe gaben, so, wie solche aufzutreten. Die gespielte Selbstsicherheit, die ernste Mimik, die überlegte Überlegenheit... Peinlich, amüsant, unterhaltsam, das war es in der Tat.
Nahezu sämtliche girls waren overdressed. Ihr Lippenstift und ihr aufdringliches Make-up lagen auf ihren Zügen wie Theaterschminke auf Babyhaut.
Es war die Art Party, wo sich Mädchen mit und ohne Freund einen stummen Wettkampf lieferten, den in maßloser Eitelkeit jede gewann. Abschätzende Blicke nach allen Seiten, das stille Vergnügen im Blick, Lücken oder übertriebene Tusche im feindlichen Antlitz zu erkennen.
Wir betraten Ines geräumiges Wohnzimmer. Besser gesagt: das ihrer Eltern. Natürlich Arm um Taille und Arm um Taille. Ein Wahlkampflächeln aufgesetzt suchten wir uns eine kleine Zweisitzercouch nahe am Kuchenbüffet und ließen uns nieder.
Es waren echt hübsche Dinger dabei, aber die bloße Tatsache, dass sie wie Julie geschminkt waren, nur nicht ganz so gut aussahen, machte sie unattraktiv für mich. Unter anderen Umständen vielleicht...ein Theaterstück, ein Hörsaal, eine christliche Aktion, Freizeit...
„So ihr beiden, jetzt komme ich zu euch!“  Ines setzte sich neben Julie auf die Armlehne der Couch. Diesmal brauchte ich nicht einmal den Gelangweilten zu mimen.
Ein Hi von Julie, eines von mir.
Ines hatte leider immer noch keinen Freund. Julie drückte auch oft ihr Bedauern in den offenen Frauengesprächen aus, die sie gewöhnlich von meinem Schoß aus führte...
Wenn nicht, hatte ich brav Hand-in-Hand bei ihr zu sitzen!
Oooch, tust du mir leid...Pech für dich, hähä, schau mal, bei wem ich auf dem Schoß sitze! fiel mir dazu immer ein.
Ines war an einem Bodybuilder mit Modelgesicht interessiert, den sie natürlich auch eingeladen hatte.
Er sah so schön aus, dass er bestimmt auf kleine Jungs stand. Aber aus dem Alter war ich zum Glück schon raus.
Ines, selbst ein auffallend hübsches Mädchen, blickte öfter heimlich zu ihm herüber. Aber wie gesagt: sie war kein kleiner Junge.
„Andi, willst du auch einen Kaffee?“  Ich nickte dankbar.
„Wie immer?“ Ich nickte abermals.
Schwarz. Wie Julie ihn mochte. Schlägt nicht so auf die Hüften. Ich mochte sie.
„Wie gefällt euch meine Party? Ich habe auch ein paar Leute eingeladen, die ihr noch nicht kennt, sind aber alles ganz Nette.“
„Ganz fein hast du alles hergerichtet,“ erwiderte Julie,
„Prima!“ fügte ich einsilbig hinzu. Ein Lächeln huschte über Ines Züge.
„Warum hast du die Silvia denn eingeladen? Die wird doch den ganzen Abend wieder böse Sprüche bringen. Die ist doch wie immer total frustriert und lässt das auch voll durchklingen.“
Julie spendete der dunkelhaarigen einen scheelen Blick.
„Naja, wir sind halt irgendwie Freundinnen, da gehört sich so etwas halt...sonst würde sie wieder den ganzen Abend zu Hause sitzen.“
Ich schmunzelte ein wenig. Julie konnte Silvia nicht mehr so gut leiden, seitdem sie von ihr empfindlichst beleidigt wurde.
Julie hatte in ihrem ansonsten makellosem Gesicht einen kleinen Leberfleck links oben auf der Stirn. Sie gab sich immer alle Mühe ihr Haar so fallen zu lassen, dass man ihn nicht sah.
Silvia hatte in einem sarkastischen Nebensatz Julie gefragt, ob sie ihre dicke braune Warze immer noch so gut überkämmt. Das tat weh.
Silvia traf wirklich immer ins Schwarze, wusste immer welche Mädchen sich zu dick fühlten und fragte gleich, ob sie wieder zugelegt hätten.
Irgendwo mochte ich sie leiden, sie war so herrlich frustriert...
Wo ihre Freundinnen magersüchtig wurden, keine Party ausließen, die Disco nicht vor Schluss verließen, trug sie ihr Problem zur Schau und war dafür selbstredend verhasst. Man sagt ja auch nicht so böse Sachen wie: deine Lippen sehen aber heute wieder wulstig aus oder welchem Wühltisch fehlt denn jetzt sein bestes Stück?
Die Torten waren erste Sahne. Teilweise dreistöckige Kreationen mit verspielt buntem Guss und exquisiter cremiger Füllung. Auch die Kuchen lohnten ein zweites Stück. Neidisch guckte mir Julie beim Essen zu. Aber ich verstand nicht viel von Kuchen und ließ ihn mir deshalb doppelt schmecken: wie konnte ich wissen, wann Ines mich das nächste mal auf eine Party einladen würde?
Wie wir später wieder so da saßen und Julie schon ein Auge auf die kleine Tanzfläche geworfen hatte, schweiften meine Gedanken wieder ab. Gleich würde Ines ihre Gäste zu ein paar lateinamerikanischen Tänzen von den Polstermöbeln holen.
Ich sah mich gerade auf einem solchen Möbel sitzen und mit ein paar Freunden den ganzen Abend herumblödeln und ein-zwei Filme gucken... Diese Vorstellung wirkte momentan um einiges attraktiver auf mich, als mit Julie zu tanzen und den Verliebten zu mimen.
Ich beschloss recht bald wieder etwas mit meinen Freunden zu unternehmen.
Zu meiner Überraschung hatte sich Ines heute was Besonderes einfallen lassen, und durchbrach mit ihrer „Damenwahl“ meinen Tagtraum.
Julie sah zuerst wenig begeistert aus, riss sich dann aber zusammen und im Funkeln in ihren Augen erkannte ich, was sie vorhatte. Ich lächelte verschmitzt, als Ines beim ersten Tanz nicht auf ihren favorisierten Hengst setzte, sondern einen eher unscheinbaren jungen Mann zum Tanze aufforderte, grinsen musste ich, als aber Julie genau diesen Hengst wählte.
„Darf ich bitten?“ Das Mädchen vor mir war höchstens siebzehn und verbarg hinter ihrem schelmischen Lächeln ein wenig ihre Unsicherheit. War ja auch nicht anständig zu versuchen ausgerechnet mit dem Freund des schönsten Mädchens hier anzubandeln. Sie erinnerte mich sehr an Cecile, deren leidgeprüften Tanzpartner ich immer spielen musste, weil sie meinte, sich noch verbessern zu müssen.
Ich glaube, sie hat es mich nur lehren wollen, um der Damenwelt damit einen Gefallen tun. Nun, das hat sie wohl getan.
Ich sprang ohne Überlegung auf, ergriff die Hand von der Kleinen und ging mit ihr zur Tanzfläche. Ines eilte noch rasch zur Stereo Anlage und gab an, sie wolle den Abend  mit einem flotten Wiener Walzer beginnen.
Es ging los. Die Mädchen hatten schon eifrig die anderen Paare begutachtet, wer denn mit wem und überhaupt!
Ich guckte nur die Kleine mir gegenüber an. Es ging los. Vor-seit-ran in ständiger Drehung, wenig abwechslungsreich aber sehr anschmiegsam.
„Wie heißt du eigentlich?“ fragte ich sie mit dem Mund an ihrem Ohr. „Annette,“ gab sie etwas zu schnell zurück.
„Angenehm, ich heiße Andreas.“  
„Ich weiß.“
Natürlich wusste sie es, jeder hier wusste es, aber keiner wusste, dass Andreas mit richtigen Namen Cay hieß!
„Du kennst meinen Namen? Sind wir uns schon einmal begegnet?“  
„Vielleicht...“  spätestens jetzt bekam sie rosige Wangen, und das lag nicht am schnellen Tanz.
„Du musst mir schon ein wenig auf die Sprünge helfen, so ein hübsches Mädchen vergisst man doch nicht so leicht.“  Ich war wieder unanständig nah an ihr Ohr herangekommen.
„Erinnerst du dich an Ines letzte Party?“ Ich sah sie noch einmal eindringlich an, irgendwie kam sie mir bekannt vor. Ja, ich meinte mich an sie erinnern zu können. Sie ähnelte Cecile sehr, war für mich irgendwie wie eine kleine Schwester.
„Vielleicht...,“ sagte ich und blickte ihr dabei tief in die Augen. Sie lächelte.
Wir tanzten den Walzer zu Ende. Als Ines zum Partnerwechsel aufrief, hauchte ich der Kleinen noch einen flüchtigen Kuss auf die Wange und bedankte mich.
Julie und ich kamen uns auf halbem Wege entgegen. Ich kam ihr um einen Sekundenbruchteil zuvor: „Na, wie war Ines Liebling denn so?“  
Julie stockte: „Nett...und wie war die kleine Blonde so?“  
„Lieblich, knuffig und überhaupt zum mit nach Hause nehmen. Was hältst du davon?“ Julie knuffte mich in die Rippen und lachte.
„Es sah eben so aus, als wenn du ihr Ohrläppchen hättest abbeißen wollen.“
„Du weißt doch, ich knabbere nur an deinen Ohrläppchen, die sind sowieso viel schöner, auch ohne diese funkelnden Ohrringe.“  
Wir waren mitten im Jive und jetzt interessierte es mich doch, was Ines und ihr warmer Freund so trieben. Sie schienen sich tatsächlich beide zu amüsieren. Ich lächelte nur mitleidig. Die arme Ines.

Gegen Mitternacht standen wir noch ein wenig auf Ines Rasenterrasse, einige Mädchen klatschten und tratschten in einer Kleingruppe und die meisten Jungs hatten sich kühle Flüssigstoffe zur Zerstreuung mit nach draußen gebracht. Der Himmel stand voller Sterne, aber es war nicht unangenehm kühl. Ich hatte den Arm um Julie gelegt.
In meiner Jacke befand sich das Schäfchen mit eingestickten `I love you´, die Schildkröte war so niedlich, dass ich sie lieber doch Kezia schenken wollte, warum auch immer.
„Du, Julie, es gibt hier jemanden auf der Party, der möchte dich unbedingt kennen lernen...“
„Wirklich?“
Julie war sofort hellwach und warf aus dem Augenwinkel einen Blick zu den Jungs rüber. Ein Mädchen konnte nicht genug Verehrer haben.
„Sicher. Er hat mir gesagt, ihm gefielen besonders deine blauen Augen.“
„Wer ist es denn, Andi?“  
„Nicht so schnell, er ist ein bißchen schüchtern.“  
Sie stieß mir ihren Ellbogen in die Rippen: „Nun sag schon, wer ist es?“ Noch ein Seitenblick.
„Bist du dir sicher, dass du ihn kennen lernen möchtest? Er ist ziemlich behaart!“
„Torsten?“  
Ich musste lachen: „So soll er heißen. Hiermit überreiche ich dir Torsten.“
„Och duuu.“ Julie lachte und knuffte mich abermals. Sie drückte Torsten und gab ihm einen Kuss auf die breite Schafsnase.
Irgendwie war der Abend ganz nett. Ich fühlte mich wohl mit Julie im Arm. Mich kannte jeder, aber niemand kannte mich. Ich war mittendrin, aber nicht dabei. Eine befreiende Unverbindlichkeit.
Die melancholische Musik berührte mich an diesem Abend überhaupt nicht. Sie ging mir fast schon auf den Geist, weil sich etwas wie mein Gewissen meldete. Ich schärfte diesem Gefühl ein, es hätte die Umstände meiner Verhaltensweise vergessen. Es verstand.
„Julie, ich muss dir was beichten.“
„Mhh?“
„Ich finde dich total schön.“  Das brachte mir einen dicken Schmatzer ein. Es war unmöglich, sie nicht irgendwie zu begehren.
„Ich muss dir auch was beichten.“
Ich lächelte: „Du findest dich auch total schön?“
„Nein!“
„Du solltest da nicht so streng mit dir sein. Weißt du, man kann sich selbst nicht immer...“
Sie stach mir ihren Finger in den Bauch.
„Was denn? Was wolltest du denn beichten?“
„Sag ich dir jetzt nicht mehr.“
„Dooooch.“ Ich legte meine Arme um ihre Taille und zog sie an mich heran. Julie zog einen Schmollmund und das verkniffene Lächeln zauberte Grübchen auf ihre Wangen.
„Was ist es denn? Ich weiß: du stehst eigentlich gar nicht auf Männer und schmust heimlich mit Ines.“  Ich zuckte unter der Wucht ihres Seitenhiebes zusammen.
„Gib mir `nen Tipp!“
„Ich liebe dich.“ Sie drückte mich und sah mir in die Augen.
Mist: JETZT hatte ich ein schlechtes Gewissen! Um nicht lügen zu müssen, fuhr ich ihr durch ihr schönes dunkles Haar und gab ihr einen Kuss.

                        4
„Cecile! Ich spül` dich weich und häng` dich an den Zehen raus zum trocknen. Wo ist der Chateauneuf du Pape?“
Meine kleine Schwester stand völlig schlaftrunken und verdutzt vor mir und versuchte sich irgendwie die zauseligen blonden Locken zu richten.
„Chateau was?“
Wie es schien, war sie vor ein paar Minuten erst aufgestanden und ganz nüchtern war sie auch noch nicht...
„Da! Was ist denn das?“
„Was?“ Sie guckte ganz verdutzt und fasste sich an die, von Rotweinrückständen gefärbte, Unterlippe.
„Ist das etwa mein teurer Chateauneuf?“
„Ach so, den Wein meinst du... Achim meinte, den hätte er schon mal getrunken, und der wäre nicht schlecht.“
„Nicht schlecht!? Ich hoffe Achim erfreut sich noch bester Gesundheit, sonst könnte ich jetzt gar nicht meinen neuen Rippenspreizer ausprobieren und ihm das Herz herausreißen.“
„Wie teuer war denn dein Wein...“
„Vier Flaschen, ihr habt zu zweit vier Flaschen gesoffen!“
„Nicht so laut...bitte!“ Sie rieb sich ihr Gesicht. „Komm, lass uns Frühstücken und nachher darüber reden. Ich muss duschen.“ Cecile stellte sich auf die Zehenspitzen und gab mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange, dann verschwand sie im Bad. Vier Flaschen. Achim.

Resignierend begab ich mich in die Küche und holte Besteck für das Frühstück. Wenn ich ein Alki wäre, würde ich jetzt eine Flasche exen müssen, um den Schock zu verdauen. Heute Abend galt es allerdings Natascha einen möglichst vorteilhaften Eindruck zu vermitteln.
Als ich mit den unangenehm stumpfen Rasierklingen mein Kinn bearbeitete, fielen mir wieder Chris, Bert und Fabian ein. Meine drei besten Freunde würden an diesem  Samstagabend sicher was los machen. Das fiel schon einmal flach, aber mein Bedürfnis, mich auszutauschen über die vertrackte Situation, in die ich mich aus freiem Willen begeben hatte, wurde dadurch nicht gemindert. Man brauchte einfach manchmal einen vernünftigen Gesprächspartner, der einem zuhört und seine Statements gibt, selbst als Mann.
Ich war begierig darauf so etwas zu hören wie: „Du Pansen, jetzt krall` dir die heiße Julie. Die hat Brüste, dass du nachts von Kakao und Milchkaffee träumst.“
Die erschütternde Ehrlichkeit meiner Freunde hat mir schon des öfteren die Augen geöffnet. Ein: „die kannst du dir aus dem Kopf schlagen!“ bedeutet, ich habe einen echten Glücksgriff gemacht.
„Die blonde Bitch ist echt ein rattiges Gerät“ wäre das Zeugnis: ziemlich debil, aber unerhört sexy.
Fabi und Chris hatten sogar zur Zeit Semesterferien. Ich musste einfach den Nachmittag mit meinen Freunden verbringen, die so unsensibel wie weise waren!
Nicht, das man sich mit einer Frau nicht richtig unterhalten könnte, aber ich konnte mich mit einer Frau nicht richtig unterhalten. Falsch: Ich konnte mich mit den Frauen, die ich kannte, nicht richtig unterhalten.
In meiner zweiten Wohnung hätte ich mich jetzt in den warmen Sonnenschein auf dem Teppich niedergelassen und ein bißchen in der Sonne geträumt, hier aber war meine Künstlerwohnung, und die ging nach Westen, zum Sonnenuntergang.
Übellaunig trottete ich zu meinem PC und besuchte den Chatroom. Mein Erstaunen hielt sich in Grenzen, als ich Fabian online fand.
„Sag mal, alter Schrumpfkopf, ist dir eigentlich klar, dass es gleich zehn Uhr morgens ist?“
„Hey, Cay, gibt’s dich auch noch?“
„Grmpf“ tippte ich.
„Wieder mal Stress?“
„Hau dich mal endlich aufs Ohr, ich würde heute Nachmittag gern mit Bert, Chris und dir `n Kaffee oder so trinken gehen!“
„Aber nicht vor 18:00.“
„17:00!“
„LOL! Leck mich!“
„Bin nicht lebensmüde!“
„Mal schauen, wann ich wach bin. Wäre eigentlich ganz lustig im Wachkoma an `nem Kaffee zu nippen...“
„Du kommst also?“ Die Antwort ließ diesmal fast eine Minute auf sich warten.
„Grummel...Ja...will wieder mal ein paar Frauengeschichten hören. Leg mich jetzt hin, bin sterbensmüde. Morituri te salutat!“
„Salve und träum schön von netten Playmates.“
„Zzz“
Ein würziger Duft von Rührei mit Champignons und Worshestershire-Sauce stieg mir in die Nase. Ich setzte mich zu Tisch und als die kleine Cecile wenige Minuten später mit der Pfanne ins Wohnzimmer kam und die Nürnberger und das Rührei verteilte, konnte ich auch wieder lächeln.
Ich hatte Bert und Chris Emails geschickt und konnte sicher sein, dass sie diese früh genug gelesen haben würden, um an unserer kleinen Kaffeesession teilnehmen zu können.
Cecile hatte wohl vor dem Duschen ganz vergessen, das sie in der falschen Wohnung war. Sie hatte sich statt ihrer miefigen Klamotten vom Vortag einfach meiner Garderobe bemächtigt. Eigentlich nur von einem meiner eingelaufenen T-Shirts und von meiner, für mich viel zu eng gewordenen, Pinguin Boxershorts.
Das Ganze wäre nicht so komisch, wenn nicht heute schlimmes Nippelwetter zu sein schien...
Ihre blonden Löckchen hatte sie drakonisch hart zurückgekämmt, aber die zauseligen kleinen Hexen schnupperten schon wieder Morgenluft und kräuselten sich an den Enden. Ceciles Augen waren kaum mehr als Schlitze und sie gähnte herzhaft, als sie das Rührei verteilte.
„Na, was machst du so heute?“ Sie nahm das halbe Würstchen von der Gabel in den Mund und kaute lustlos.
„Mhh. Bin mit meinen Freunden Kaffee trinken, heute Abend kommt Natascha.“
„Puh, die ist doch voll abgehoben!“
Ich stöhnte nur ein wenig genervt und schluckte mein Rührei.
„Lass dir eins sagen,“ meinte sie mit halbvollen Mund, „Die Frau ist nichts für dich! Du bist viel zu emotionsbestimmt und viel zu kreativ. Das würde sie nur verwirren oder nerven. Die Frau will Lebensstil und Ansehen!“
„Was weißt du schon!“
„Mag ja sein, dass sie dich liebt...sie ist trotzdem die Falsche!“
„Iss dein Rührei.“
„Dann nimm doch lieber Julie, die kleine Süße. Wenn du ihr ganz lieb an den Hintern packst und ihr ein `Ich liebe dich´ ins Ohr säuselst, strippt sie sogar für dich oder kauft sich was besonders feines um dich heiß zu machen.“
„Iss dein Rührei!“
„Ja, Papi.“ Cecile pikte wütend ein Würstchen auf und schluckte es. Nach ein paar Sekunden fing sie dann ganz zaghaft an zu kichern. Ihr Kichern ging in ein Gackern und dann ein schallendes Lachen über.
„Was?“
„Nichts!“ Ich hatte ernsthaft den Eindruck, meine kleine Schwester machte sich über mich lustig.
„Ist was?“
Cecile prustete nur vor Lachen. Das war wahrscheinlich der Restalkohol von gestern, aber ich fühlte mich ziemlich angegriffen. Ich aß die letzten Bissen.
„Julie könnte doch für dich anschaffen gehen, Natascha managed dann die Bude und Kezia designed die Reizwäsche und den Backround-Sound, hihihihi.“
Das war zuviel, erst machte Cecile aus meiner Bude einen Sauhaufen, dann haben sie und ihr geistig invalider Freund meinen Rotwein plattgemacht und jetzt machte sie sich über Kezia lustig!
Ich stand ruckartig auf und packte meine Schwester. Diese lachte unaufhörlich weiter, mein harter Griff schien sie sogar noch zu kitzeln.
Erst als ich der Wohnungstüre bedrohlich nahe kam, wich ihre Belustigung urplötzlich dem Entsetzten.
„Nein! Das tust du nicht!“
„Oh doch.“
„Cay, ich erschlag dich!“ Doch es war zu spät. Ich hatte die Tür schon geöffnet. Cecile wurde zu Furie, wand sich wie verrückt in meinem Griff und versuchte mir in den Unterarm zu beißen. Ich war gnadenlos.
Ich stupste das kleine Biest hinaus in den Flur und verriegelte die Tür von innen.
Cecile trat und hämmerte wild gegen die Tür und spie Verwünschungen aus. Sie tobte wie wild.
„Pass auf, ich werde mich noch ganz fürchterlich bei dir rächen. Du Aas, du Schwein. Wenn du mich nicht augenblicklich herein lässt, mach dich auf was gefasst!“
„Ja, ja. Pass nur auf, dass du nicht vor lauter Rumzappeln noch in Schweiß ausbrichst, sonst wird mein T-Shirt noch durchsichtig. Dann hätten unsere Nachbarn was zu gucken!“
„Duuuuuuu Arsch, lass mich sofort rein!“
„Da fällt mir ein, dass die FAZ noch aussteht, der Zeitungsjunge müsste jeden Moment kommen.“
„Caaaay!“ Das klang schon fast flehend.
„Ich gehe nur noch eben duschen.“
„Bitte...Cay.“ Das war unterwürfig und um Vergebung heischend.
„Wie war das mit dem Design und der Backround Musik?“
„Sie ist ein Schatz. Kezia ist ein Schatz, sie ist ein Engel!“
„Ja?“
„Mach auf du, Schwein!“
„Gleich fängt das Frühstücksfernsehen an.“
„Sie ist eine Prinzessin ohne Krone, sie ist engelsgleich, mach auf, du Schwein!“
Ich öffnete. Ein kleiner blonder Blitz schoss an mir vorbei in die Wohnung. Cecile atmete schwer und lehnte sich an die Wand.
Ich schloss die Tür und baute mich vor meiner Schwester auf, ein breites Grinsen aufgesetzt.
Sie warf mir nur einen tödlichen Blick zu.
„Du siehst in meinem T-Shirt doch richtig sexy aus, wie zum mit nach Hause nehmen.“
Darauf war ich nicht vorbereitet: Cecile schlug mir dermaßen fest in den Magen, dass ich fast zu Boden gegangen wäre.
Wutentbrannt raffte sie ihre Sachen zusammen, nahm meinen zweiten Wohnungsschlüssel an sich und verließ meine bescheidene Wohnung.
„Pass auf, mein Großer, ich überleg` mir noch etwas Schönes für dich!“
Ich gab ihr noch einen ganz machomäßigen Großer-Bruder Klaps auf den Hintern, als sie die Wohnung verließ.
Sie zeigte keine Reaktion. Das war beängstigend. Ich hoffte nur, sie würde keine Dummheit machen. Geschafft von dieser frühen Anstrengung räumte ich den Tisch ab und räumte die Spülmaschine ein. Es würde zumindest ein schöner Nachmittag werden.
Chris hatte sogar schon eine Antwort geschickt. Bert war noch auf Montage, aber er würde auch ganz bestimmt kommen, da war ich mir sicher.

                        5
17:23 Uhr. Unser Eiscafe am Rheinufer. Die Abendsonne schien in malerischen Farben und beleuchtete die Schäl-Sick. Chris hatte es tatsächlich geschafft, pünktlich zu kommen.
Bert hing mehr, als das es saß, über seinem Mühlen Kölsch.
Fabian kratze sich am Hinterkopf und nahm einen kräftigen Schluck Bananenweizen:
„Mann! Das hab` ich glaub` echt vermisst mit euch hier `rumzusitzen!“
„Ich bin ziemlich fertig.“
Chris lächelte „Na los, wacht auf. Das ist eines der seltenen Male, an dem wir alle pünktlich waren!“
Ich lächelte verschmitzt. Chris hatte Recht. Er fragte weiter:
„Leg mal los, Fabi, wie war dein Tag heute?“
„Ich hab` Altgriechisch gepaukt und `nen Job für die Semesterferien bekommen.“
„Im Ernst?“
„Habe bis 9 Uhr früh Quake 4 gezockt.“
„Bert?“
„Bin um 6:20 Uhr aufgestanden und hab` bis 16:00 Uhr gearbeitet, geduscht et voilá...“
„Cay?“
„Hab` meine Schwester in Unterwäsche in der Flur gesperrt.“
„Ein normaler Tag also, reden wir mal über was Abwechslungsreiches...“
„Julie zum Beispiel...Bist du immer noch mit ihr zusammen?“ Fabi schaute mich an.
„Jojo.“
„Und?“
„Staus quo.“
„Ich versteh das nicht!“ Chris nippte an seinem Kaffee. „Sieh mich an: Ich bin seit fast zwei Jahren glücklich mir Jaqueline zusammen. Weißt du, warum?“
„Sie findet langweilige Vollblut-Chemiker sexy?“
„Sie liebt mich und ich liebe sie.“
„Das ist ja so...romantisch!“ Fabian nahm einen zünftigen Schluck und starrte auf die runde Tischdecke.
„Jaqueline ist einfach die Richtige für mich, und weißt du, woran ich das erkannt hab`?“
Fabi machte den Mund auf, doch Chris hielt ihm gleich eine beschwichtigende Hand entgegen.
„Sie möchte nur mich! Ja, sie möchte nur mich und keinen anderen heiraten!“
„Romantisch!“
„Sie ist mein Mädchen.“
Ich nahm einen deftigen Zug an meinem Strohhalm. Hier gab es wirklich den besten Irish Coffee am Rhein:
„Weißt du, lass uns über `was anders reden! Ich bin ein Loser und ich möchte unter euch Losern wenigstens ein wenig Anonymität genießen!“
„Du bist kein Loser! Du bist ein potentieller Versager und verrückter Esel.“
Bert war zwar nicht so gebildet, wie Chris und Fabi, aber er war der weiseste unter uns Vieren!
„Einer eine Reval?“ Fabi hielt jedem die Schachtel unter die Nase.
Wir schüttelten nur den Kopf. Es steckte sich seine an: „Jungs, ich sage euch eins. Wir sind verdammt noch mal die besten Loser, die die Welt je gesehen hat.“
„Ich finde, wir sollten das Thema wechseln. Wie wär’s, wenn wir am Wochenende uns noch einmal so richtig abschießen? Sonntag spät am besten?“
Ich war froh, dass mein Einwurf nicht unbemerkt blieb.
„Ist gebongt,“ sagte Bert mit freudigem Glanz in den müden Augen.
„Bei dir?“ fragte Chris.
„Kommen auch Frauen?“ murmelte Fabi missmutig.
„Also Jungs, wenn ich sage, wir schießen uns ab, meine ich das auch wortwörtlich. Zwanzig Uhr bei mir, Wohnung eins, keine Damen erwünscht, blödeln kann man nur unter sich!“
„Ich kenne ein Mädchen, Annette, die steht voll auf dich...“
Mir fiel wieder Ines Party ein und die Kleine.
„Ich kenn sie, Bert, aber die Kleine hat sich letztes Jahr noch Hollywood Barbie zum Geburtstag gewünscht und träumt noch vom Märchenprinz.“
„Und das bist du nicht!“
Ich schmunzelte nur und stützte den Kopf in die Hände:
„Ich bin all das nicht, was Frauen wollen. Ich bin intelligent, durchtrieben, zielstrebig, planlos, melancholisch und verloren. Ich bin Forscher nach einem Geheimnis, dessen Namen ich nicht kenne!“
„Wow!“ Bert trank sein Kölsch aus und stellte es demonstrativ hart auf seinen Deckel: „Wie wär`s damit: Du bist eine arme Sau. Wie wir alle. Aber du hast drei Optionen: schön, Schöngeist, oder schön-reich.“
„Bert, du bist ein Genie.“
Fabian winkte nach der Bedienung. „Jungs, denkt euch nichts dabei, aber ich brauche heute mehr als ein paar Bier: vor mir klafft heute der ganze Abgrund der Beziehungen! Wenn man nicht groß, schön oder ein offensives Arschloch ist, bleibt man Single!“
Ich sah ihn mitleidig an. Mädchen waren schon verrückt: Sie nehmen den Erstbesten, der ihnen sagt, dass er sie liebt, übersehen oder verachten aber denjenigen, der es nicht sagt, dafür aber tut. Fabi liebte Jessica. Eine junge Frau aus unserer alten Stufe am Gymnasium. Er konnte es ihr nicht sagen, aber er liebte sie mehr, als sein eigenes Leben.
Ich seufzte: Jessica hatte schon einen Freund. Ein Arschloch. Ich schlug Fabi freundschaftlich gegen die Schulter.
„Hey, ich hab` dir nichts Aufmunterndes zu sagen, aber...scheiße, denk dir was aus...“
„Das war das Beste, was ich seit acht Monaten gehört habe!“ Er knuffte mich zurück.
„Bert, sag mal etwas Weises, bevor wir ins Päffgen wechseln.“ Chris erhob sich.
„Frauen sind blind und Männer sind taub.“
„Bert, du bist ein Genie.“
                        
6
An diesem Abend reizte mich mein Treffen mit Natascha denkbar wenig. Meine drei Freunde saßen im Päffgen und Fabi brauchte unübersehbar ein paar aufbauende Worte.
Emotionslos fuhr ich Heim, parkte und ging in gramgebeugter Haltung die Treppe zu meiner zweiten Wohnung hinauf.
Natascha würde kommen. Ich gab mir selbst eine Ohrfeige und instruierte mich, ich möge mich darauf freuen. Erfolglos. Die Melancholie meiner Freunde Fabi und Bert hatte zu sehr auf mich eingewirkt. Chris konnte sich mit seiner Jaqueline glücklich schätzen!
Ich schlüpfte aus den verrauchten Klamotten in eine adrette, als auch sehr bequeme Abendgarderobe. Als ich das schwarze Hemd ein wenig zurechtzupfte und mir mein wildes Haar richtete, fühlte ich mich gleich wieder ein bißchen wohler in meiner Haut.
Inzwischen war es draußen fast völlig schwarz und ich machte fast sämtliche Lichter in meinem Appartement an, dimmte die LED`s aber auf einen warmen, anheimelnden orangen Farbton. Ich setzte mich noch ein wenig auf den Rand der weißen Ledercouch und ließ den Kopf hängen. „Jesus, ich kann gerade nicht zu dir sprechen, ich verachte mich gerade zu sehr. Verzeih mir bitte und weise mir bald den rechten Weg. Bitte. Amen.“
Kaum hatte ich Vivaldis Corelli in den Player gelegt, klingelte es auch schon an meiner Tür.
Ich seufzte einmal tief, fuhr mir mit der Hand über mein Gesicht und schob mir mit Daumen und Zeigefinger meine Mundwinkel nach oben, um mich daran zu erinnern, dass ich jetzt keine Trauer zu schieben hatte.
Als ich die Tür öffnete und ich Nataschas erwartungsvollen, fröhlich erregten Blick bemerkte, machte ich aus dem halben Lächeln ein ganzes.
Ihr Lächeln verlieh ihrer sonst so unnahbaren Erscheinung etwas natürliches und herzliches und sie wirkte auf einmal wieder, wie ein junges Mädchen. Sie war nicht mehr die fünfundzwanzig Jahre junge, knallharte Geschäftsfrau, sondern einfach eine junge Frau, die sich sehr viel von diesem Abend versprach!
Ich straffte meine Haltung und bat sie mit tiefer, aber sehr vertrauter Stimme herein.
Sie drückte mir ein kleines, süß verpacktes Geschenk zur Begrüßung in die Hand. Vermutlich ein exklusives, reichlich teures Parfum.
Ganz ohne Begrüßungskuss wollte sie aber meine Wohnung nicht betreten, sie blieb einfach  in der Tür stehen und sah mich mit strahlenden Augen an. Ein wenig überrascht beugte ich mich zu ihr hinab und hieß sie noch einmal willkommen.
Natascha zu küssen, war etwas völlig anderes, wie zum Beispiel Julie zu küssen.
Julie zu küssen war so selbstverständlich, wie sein zweijähriges Geschwisterchen zu herzen und zu küssen, weil es einfach zu niedlich war, um es zu lassen. Und weil es einfach dazugehörte. Natascha zu küssen war etwas Besonderes. Etwas, dass sie fast nur in vertrauter und privater Umgebung geschehen ließ und keinesfalls unterbewusst oder aus einer plötzlichen Gefühlsregung hinaus tat. Letzteres vielleicht schon manchmal, aber sie war doch meist zu überlegt dazu.
„Komm doch herein, Natascha. Ich entkorke nur rasch den Wein. Oder möchtest du heute statt Kir lieber einen Kir Royal?“
„Einen Kir Royal bitte und ein bißchen mehr Cassis als sonst, Schatz.“
Mir stieg das Blut wieder zu Kopf, doch ich hatte mich schon zum Gehen gewendet.
„Jetzt hast du das Malheur, sie plant das Selbe wie Julie gestern,“ murmelte ich im Flüsterton in der Küche vor mich hin. Süßen Kir Royal und Schatz. Arme Natascha.
Der Sekt sprudelte munter, als ich wieder ins Wohnzimmer kam. Natascha hatte ihren feinen beigen Ledermantel in die Garderobe gehängt und auf der Couch Platz genommen.
Ich reichte ihr ein Glas, nahm neben ihr Platz und wir stießen an.
„Lecker! Du Manuel, ich habe das Essen für halb neun bestellt. Ist dir das recht?“
„Selbstverständlich. Auf was darf ich mich denn freuen?“
„Heute gab es ein besonderes Angebot: Zur Vorspeise sautierte Flusskrebse auf Mousseline von Blumenkohl mit Brunnenkresse und gefüllten Croustillion. Steinbuttschnitte in Seeigelsauce auf Mandel-Radicchio und Schalottenravioli als Hauptspeise und Creme Brûleé als Nachspeise.“
„Fein, ein Weißwein also zum Essen,“ Ich nahm noch mal einen kleinen Schluck und stellte dann das Glas auf den kleinen Glastisch zu meiner linken.
„Wie war dein Tag heute? Wieder viel mobil, oder hat dich die Schreibtischarbeit an Ort und Stelle gefesselt?“ Natascha stellte auch ihr Glas weg, bevor sie antwortete.
„Ich habe fast den ganzen Tag an der gleichen Steuererklärung gesessen. Es war fürchterlich, dieser Mensch hat sich meine Empfehlungen so zu Herzen genommen, dass er fast sämtliche Beträge abschreiben lassen kann. Ein Berg Arbeit, aber wem sage ich das...Wie war es bei dir?“  
Ich langweilte Natascha auch nicht lange mit meinen diffizilen Geschäften, ließ nur durchklingen, dass es ziemlich nervenaufreibend war. Vor allem der Geschäftsabschluss im Irish-Pub.
„Ach deshalb!“ stellte sie erkennend fest. „Du riechst nämlich dezent nach Qualm.“  
„Ich hatte leider keine Zeit mehr für eine Dusche, sonst hätte ich dich im Bademantel herein beten müssen.“ Ich lächelte
„Ich könnte mir Schlimmeres vorstellen,“ gab Natascha keck zurück. Wenn sie so lächelte, sah sie wirklich viel jünger aus. Wie eine frisch gebackene Abiturientin.
„Weist du, ich glaube, wir sollten jetzt nicht über unsere Arbeit reden. Ich bin froh, den heutigen Tag hinter mir zu haben, und jetzt hier bei dir sein zu können...hier sind wir ja unter uns,“ meinte sie und zog sich im Zuge dessen ihre Nadel aus dem blonden Haar.
Mit ihrem offenem hellem Haar und dem niedlichen weißen Lächeln, sah sie völlig verändert aus.
Ich konnte verstehen, warum sie so bieder und ernst während der Arbeitszeit auftrat:
So wie sie jetzt vor mir saß, hatte ich das Gefühl einem Mädchen gegenüber zu sitzen.
„Du bist wunderschön so, weißt du das?“
Natascha sagte nichts, nur ihr Lächeln leuchtete noch etwas heller. Sie wartete still.
Ich neigte mich ihr zu und strich ihr die Haare ein wenig beiseite, dass ich ihr hübsches Gesicht zu mir heranziehen konnte.
Natascha konnte sehr gut küssen, sie war so vorsichtig und bedacht. Ich hatte das Gefühl, ihr Kunstwerk zu sein, das sie nur sacht mit den Lippen berührte, als Zeichen einer besonderen, tiefen Zuneigung.
Nach nur wenigen Sekunden wurden wir rüde von einem Klopfen unterbrochen. Unwillig und langsam löste ich mich von Natascha. Zu meinem Erstaunen stand kein Kellner im Livree mit Rolltisch und der Vorspeise im Flur, sondern Achim.
„Achim?“ Hörte ich meine eigene Stimme ungläubig fragen.
„Hi, Cay. Kann ich reinkommen?“ sagte er und stand schon in der Wohnung.
Ich war so entsetzt, dass ich ihn nicht einmal davon abhalten konnte!
„Oh, hallo. Du hast Besuch? Ich bin gleich wieder weg. Ich wollte nur Ceciles gelbes Abendkleid holen. Die Schlafzimmertür ist doch offen?“
Ich schluckte mit einem Mal mein panisches Entsetzten, die Fassungslosigkeit und meine aufkeimende Wut hinunter. Mit einer Handbewegung deutete ich Achim, dass der Weg frei sei.
„Das ist Achim, der Freund meiner Schwester Cecile. Sie ist Studentin und für zwei Tage bei mir zu Besuch. Ich schätze, sie und Achim wollen heute fein Essen gehen.“
Natascha war immer noch ziemlich verblüfft, schien aber nicht misstrauisch zu sein.
„Warum schläft sie dann nicht bei ihm?“
„Weißt du,“ ich räusperte mich „Achim wohnt bei seinen Großeltern, um sich keine Studentenwohnung leisten zu müssen und die alten Herrschaften haben noch einen ziemlich strengen Moralbegriff.“
Achim kam wieder mit dem gelben Kleid über dem Arm und recht ausdrucksloser Miene.
„Ihr beide geht heut Abend essen?“  
„Jepp! Cecile bestand darauf, dass ich `rüberkomme, um das Gelbe zu holen, dabei sah sie eben in dem Blauen viel besser aus! Ich wollte euch beide wirklich nicht stören. Also dann, schönen Abend euch beiden noch.“  
„Dito.“
„Oh, Dito? Cecile sagte mir, sie hießen Natascha. Angenehm.“ Er neigte grüßend den Kopf in Nataschas Richtung. Ich legte meinen Arm um Achims Schultern und schob ihn unmissverständlich zur Tür hin.
„Mach’s gut, Achim, ich wünsche euch noch einen schönen Abend.“ Und einen äußerst schmerzhaften, juckenden Ausschlag, fügte ich im Geiste hinzu.
Ich drückte die Tür sofort ins Schloss, damit Natascha nicht sehen konnte, dass Achim gleich in das Zimmer gegenüber ging.
„Er ist ein bißchen blöd, wie du gemerkt haben wirst.“  Natascha lächelte mich wieder fröhlich an und eine große Last fiel mir vom Herzen.
„Er war aber nett. Wieso nennt er dich eigentlich Cay?“
Darauf war ich vorbereitet: „Mein erster Name. Ich heiße Cay Manuel, aber finde Cay dumm. Meine Schwester nennt mich nur immer so, weil sie weiß, dass ich den Namen nicht mag.“
„Manuel klingt auch schöner. Wie alt ist Cecile eigentlich?“  
„Sie wird bald einundzwanzig.“
Damit war für Natascha alles Wichtige gefragt und ich setzte mich wieder an ihre Seite auf die Couch.
Keine fünf Minuten später, wir hatten gerade noch einmal auf uns angestoßen, kam auch schon das Essen. Es war ganz vorzüglich. Ein vier Sterne Hotel im gleichen Gebäudekomplex zu haben, war schon eine feine Sache.
Es war sehr schön mit Natascha so zu plaudern und ich musste feststellen, dass sie viel vielseitiger war, als ich es von ihr geglaubt hatte.
Doch obwohl mir meine Brust manchmal zu eng wurde, mein Magen bisweilen kribbelte und mein Blut mir munter zu Kopf stieg, blieb ich meinen Prinzipien treu.
Ich konnte mich nicht mit Natascha einlassen, bevor ich mich nicht entschieden hatte! Ich wollte mir endlich wieder als ehrlicher Mann im Spiegel in die Augen sehen können.
Ich packte mir also schon während des Essens mehrfach an die Stirn, ohne eine Bemerkung. Erst als Natascha danach fragte und sich mit einem „es ist nichts“ nicht zufrieden stellen lassen wollte, sagte ich ihr, dass ich üble Kopfschmerzen hätte. Mit dem Arbeitsstress des heutigen Tages und meinem roten Kopf ließen sich ein zu hoher Blutdruck und der Kopfschmerz leicht erklären.
Natascha war besorgt und enttäuscht. Morgen war Sonntag und wenn sie meine Freundin gewesen wäre, wäre ich gerne morgens neben ihr aufgewacht. Hätte ihr einen Kaffee gebracht...
Ich schenkte ihr so nur noch ihr plüschiges Glücksschweinchen. Das tröstete sie.
Beim Abschied sah sie mir in die Augen, das Glücksschweinchen in der Hand und gab mir einen Kuss.
„Vielleicht habe ich das nächste Mal ja tatsächlich Glück.“ Ich lächelte zurück. Ohne einen weiteren Kuss wollte ich sie aber nicht gehen lassen. Sie hatte mir an diesem Abend eine noch liebenswürdigere Seite ihrer Persönlichkeit gezeigt. Mir war elend.

                        7
„Wenn du mich nicht sofort reinlässt, dann...dann gieße ich gleich deinen Rotwein in deinen Kleiderschrank.“
Ich leckte mir genüsslich die Erdbeermarmelade von den Fingern und griff nach dem nächsten Brötchen. Es war ein wirklich schöner Morgen. Der Sonnenaufgang war malerisch und spiegelte sich in der schönen gläsernen Tischplatte.
Was mich ein wenig störte, waren die schmerzhaften Bißspuren auf meinem linken Unterarm und die Kratzer am Hals von Ceciles spitzen Fingernägeln.
Zugegeben war es nicht nett von mir sie schlafend, nur in Dessous, aus dem Bett zu klauben und in den Flur zu sperren. Aber gestern Abend war ich wegen ihrer Aktion mit Achim in drei Minuten um drei Jahre gealtert.
Um es mir aber nicht vollends mit meiner Schwester zu verderben, ließ ich mich dann aber doch erweichen und ließ sie wieder in meine erste Wohnung.
Auf Achim hatte sie auch einen Hals! Er hätte ihr schließlich helfen können, aber dieser hatte noch nicht einmal bemerkt, dass ich Cecile aus ihrem gemeinsamen Bett gestohlen hatte. Er schlief gemütlich schnarchend seinen Rausch aus.
Um genau zu sein verlagerte sich Ceciles Zorn in wenigen Sekunden von meiner Wenigkeit vollends auf Achim. Als sie ihn friedlich mit einem Lächeln im schlafenden Gesicht im Bett liegen sah, lief sie zu ihrer Handtasche.
Ich wollte mir das Späßchen nicht entgehen lassen und sah zu, wie sie ihre Hilferuf Sirene hervorzog.
Mir kam schnell noch ein Geistesblitz!
Meine Schwester wollte sie schon auslösen, als ich ihr auf die Schulter tippte: Cecile sah mich zunächst entgeistert an, nahm mir dann aber grimmig das Klebeband aus der Hand. Sie riss einen Streifen ab und klebte ihrem schlafenden Freund die Runde Sirenenscheibe an die Stirn und drückte drauf.

Derweil ich in schallendes Gelächter ausbrach, guckte Cecile nur mit sichtbarer Genugtuung zu bei dem was jetzt passierte.
Achim erwachte, immer noch im Vollsuff. Kerzengerade, mit vor Entsetzen geweiteten Augen saß er im Bett. Er war total entsetzt über den schrecklichen Lärm und sprang wie bekloppt – darin schien er Übung zu haben - aus dem Bett und rannte hin und her.
Als er Cecile bemerkte, fackelte er nicht lange: Er ergriff die Bettdecke und stürzte sich auf meine Schwester.
Er riss sie zu Boden und bedeckte sie mit der Decke und seinem Körper.
Ich ging in die Knie vor Lachen!
Auf allen Vieren kroch ich zu den beiden. Ceciles Flüche wurden übertönt von dem furchtbaren Jaulen der Sirene.
Ich packte Achims Kopf und riss mit der anderen das Klebeband ab. Drei Mal drücken und das schreckliche Ding war endlich wieder still.
Cecile kämpfte sich frei. Ich wischte mir eine Träne aus dem Auge.
Ich wurde nun Zeuge eines beeindruckenden Beispiels der weiblichen Psyche: Cecile - mit noch völlig verstrubbelten Haar und im ganzen Gesicht rot vor Wut - blickte Achim an. Achim sah sie nur verstört und planlos an.
Jetzt wurde Ceciles Miene weicher, sie fing plötzlich an zu lachen. Sie umarmte Achim heftig und küsste ihn auf den Mund.
Achim war blöd und Cecile ein Mädchen, die beiden waren ein tolles Team!
Lachend schleppte ich mich in die Küche und briet mir ein Ei. Ich schnippte mir noch eine Lachträne aus dem Auge. Das war ein perfekter Sonntagmorgen.

Ich freute mich besonders auf heute nachmittag, deshalb vernachlässigte ich wieder meine schriftstellerische Arbeit.
Es war ein Sonntag, wie man ihn sich schöner nicht wünschen konnte. Die Sonne schien herrlich leuchtend in einem azurblauen Himmel, die Vögel zwitscherten ihre unanständigen Angebote, der Wind ging sacht und umschmeichelte das hellgrüne Laub in den lauschigen Alleen und am Ufer des Rheins. Und ich hatte ein Date mit dem liebsten Mädchen der Welt.

Es war heute so warm, dass ich nur meine weiße Weste über meinen dunklen, anschmiegsamen Pullover zog. Ich schlüpfte sogar in schwarze Lederslipper, weil ich heute neben Kezia besonders fein aussehen wollte. Dunkelblaue Jeans und eine frische Nassrasur und ein weich-würziges Eau de Toilette und ich fühlte mich richtig wohl. Ich gönnte mir sogar ein paar gedankenverlorene Minuten auf dem Weg zum Park.
Da das Wetter so schön war und ich das Verhältnis zu meiner Schwester an diesem amüsanten Morgen nicht weiter mit der Bitte um ihren Wagen belasten wollte, nahm ich meinen Benz. Auf dem Weg hielt ich noch bei einem Floristen und erwarb schlicht eine einzige hellrote Rose. Diese, dachte ich, passte am schönsten zu diesem vortrefflichen Frühlingstag. Ich war wesentlich früher da, als verabredet. Sie sollte mich schließlich nicht unglücklicherweise aus meinem Mercedes steigen sehen. Es war so schön hier, dass ich direkt auf eine leere Bank zusteuerte und mich ich Halbschatten einer jungen Buche niederließ und verträumt in den Himmel blickte. Das sanfte Rascheln des Laubes über mir, die erfrischenden Windböen auf meinem Gesicht...es war wunderschön.
Es war tatsächlich eine Art Liebe, die mich mit ihr verband. Wir liebten uns, aber wir liebten uns rein geistig. Wir waren sehr gern zusammen und ich konnte über fast alles mit ihr reden, sie war meine beste Freundin und das schon - mit kurzen Unterbrechungen - seit Jahren. Wir haben uns immer wieder mal getroffen und Neuigkeiten ausgetauscht. Ich hörte ihr immer interessiert zu und sie mir. Wir nahmen Anteil am Leben des anderen ohne dazu zu gehören.
Irgendwann hatten wir, ich glaube es war in an einem Samstagabend, bei einem Glas Rotwein, sogar mal einen schwachen Moment gehabt. Wir saßen nebeneinander auf einer Couch bei ihr zu Hause. Sie hatte mich eingeladen und wir haben drei Stunden nur geredet, was wir in den letzten fünf Monaten so alles erlebt hatten.
Wir saßen also da und fühlten uns sehr wohl und alles war so vertraut. Wir mochten uns wie gute Freunde sich mögen. Vielleicht war es wieder diese Regel, das Frauen und Männer niemals gute Freunde sein können, die wir bestätigten. Jedenfalls hatten wir gerade gemeinsam über etwas gelacht und unsere Blicke trafen sich in dieser Gesprächspause. Es war still in dem Zimmer und sie lächelte mich an wie einen Freund. Sie war ein tolles Mädchen. Ich hätte sie am liebsten gefragt, ob ich sie küssen dürfte, aber dies wäre genauso komisch gewesen, als hätte ich meinen Vater gefragt, ob ich ihn umarmen dürfte, weil mir gerade so danach war.
Ihre Augen verrieten einen ganz ähnlichen Gedanken bei ihr. Sie nahm das Gespräch einfach nicht wieder auf in den kommenden Sekunden, so rutschte ich ein Stückchen an sie heran.
Sie rutschte auch an mich heran und dann gaben wir uns irgendwie einen Kuss.
Das war mein allererster. Klar bin ich schon vorher geküsst worden, habe auch selber Küsschen verteilt, aber zur Begrüßung auf einer Party, oder weil das Mädchen mir gegenüber zuviel getrunken hatte und einfach Lust hatte, mir einen Kuss zu geben.
Das war mein erster Kuss, den ich freiwillig aus echter Zuneigung gab und empfing.
Die ganze Sache war schon fast zwei Jahre her. Wir waren niemals weitergegangen, als uns gelegentlich zu küssen. Wir gingen zusammen aus tanzen, musizierten an einem Piano, kochten unser Essen. Für einen unbeteiligten mussten wir wie ein Paar wirken, vielleicht glaubte uns auch Kezia in dieser Beziehung...
Ich erblickte Kezia erst, als sie fast vor mir stand, hatte ich doch nur verträumt in die Baumkronen und den Himmel geguckt.
Ich stand auf und trat ihr entgegen, die Rose zwischen Daumen und Zeigefinger.
„Hier, für dich, mein Schatz.“
„Hallo, Cay.“
Kezia nahm die Rose und drückte mich zum Dank. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen gab mir einen Kuss auf die Wange, weiter reichte sie nicht zu meinem Gesicht hinauf.
Ich legte den Arm um ihre Taille und sie den ihren um meine und wir spazierten los.
Ihren Kopf in meiner Schulter und den kühlen Wind um uns her verstand ich wieder, was bei uns so seltsam war. Wir waren zusammen ohne zusammen zu sein. Es lief einfach zu glatt.
Vielleicht lief es auch nur so glatt, weil wir nicht richtig zusammen waren. Ganz sicher sogar. Vielleicht hatte ich Angst sie zu verlieren, in dem ich mich ihr noch mehr näherte?
Ich wollte nicht...
„Cay?“
„Mmh?“
„Liebst du mich?“
„Ja. Ja, ich liebe dich.“ Das war wahr. Ich hatte ehrlich gesprochen. Kezia sagte nichts weiter.
Ich fragte mich, ob sie es bestätigt haben wollte. Oder, ob sie es hören wollte. Oder, ob sie mich durch diese Frage etwas ganz anderes fragte.
Ich glaube, sie wollte alles in einem. Ich gab ihr einen Kuss auf die Stirn und sie drückte mich bestätigend ein wenig fester. Wir gingen lange spazieren und redeten nicht. Ihre Rose hielt sie locker in der freien Hand.
Kezia fing sonst immer sehr rasch ein Gespräch an und ich hörte ihr zu oder stieg mit ein. Diesmal fragte ich mich, ob das ein gutes oder schlechtes Zeichen war, dass sie so still war.
Ihr Gesicht verriet durch ihr Lächeln ihre Zufriedenheit, aber ich konnte nicht sehen, ob ihre Augen melancholisch oder traurig blickten. Ich hatte ein recht beklommenes Gefühl sie so zu sehen.
Ich hätte es nicht ertragen sie traurig zu machen und ich wollte nicht mitten im Gehen die Frage stellen, ob sie etwas auf dem Herzen hätte. So hielt ich an der nächsten Bank an und wir setzten uns.
Ich saß zuerst auf der Bank und setzte Kezia auf meinen Schoß. Sie lächelte immer noch und legte die Blume auf ihren Schoß.
Mein Herz begann schwer zu klopfen, als ich den feuchten Glanz in ihren Augen liegen sah. Meine Arme wurden schwer und meine Finger taub. Kezia weinte!
Sie lächelte mich an und ich war ganz hilflos. Es war meine Schuld, aber was sollte ich sagen.
„Schatz, was...?“
„Cay, was ist das mit uns beiden?“
„Wie?...Ich...“
„Du liebst mich nicht wirklich, oder.“ Jetzt wurde ihre Stimme leicht brüchig und ein winziger Schluchzer brachte ihre Brust zum beben. Sie lächelte und weinte. Ich hatte sie unglücklich gemacht.
„Kezia, ich liebe dich! Ich liebe dich mehr als jeden anderen Menschen!“
„Hast du eine andere?“ schluchzte sie.
Ich küsste sie auf ihre Lippen und schmeckte das Salz ihrer Tränen. Ich nahm sie fest in die Arme und drückte sie an mich. Sie ließ mich gewähren. Meinen Mund an ihrem Ohr sprach ich ruhig und freundlich auf sie ein.
„Kezia, du bist das beste Mädchen, dem ich jemals begegnen durfte. Wenn ich einen Menschen liebe, dann dich.“
„Aber du liebst keinen Menschen,“ weinte sie. Meine Brust schien Tonnen zu wiegen, so schwer lag diese Last auf mir.
„Ich liebe DICH. Ich bin dich gar nicht wert.“
„Ich will aber nur dich haben! Warum bist du mir so fremd? Ich...ich habe das Gefühl, ich kenne dich gar nicht! Du erzählst mir alles, aber ich komme nicht an dich heran!“
Ich drückte sie weiter und sie weinte an meiner Schulter.
Ich streichelte sie, zu mehr war ich nicht in der Lage. Ich konnte noch nicht einmal weinen, so leer fühlte ich mich.
Ich hatte Kezia sehr tief verletzt, ich hatte ihr Herz gewonnen und hielt es fest.
Ich hätte ihr so gerne meines geschenkt, aber ich konnte es nicht finden. Ich liebte sie tatsächlich mehr als mich, aber das war nicht genug.
Ich wollte ihr mein ganzes Herz schenken, nicht nur meine ganze Zuneigung. Ich sprach wieder in ihr Ohr.
„Kezia...gib` mir noch Zeit. Bitte! Glaubst du mir, dass ich dich wirklich liebe? Glaubst du mir das?“
Sie schluchzte und legte ihre Arme um mich, um mich ganz fest zu drücken.
„Ja.“
„Sind wir wieder Freunde?“
Kezia richtete sich auf und nahm mein Gesicht in ihre Hände, sah mir fest in die Augen:
„Verstehst du mich nicht? Ich liebe dich und ich will nicht dein Freund sein, nicht mehr länger! Ich liebe dich viel zu sehr, um dein Freund zu sein. Ich will deine Freundin sein und wenn ich das nicht sein kann, ertrage ich es nicht länger mit dir zusammen!
Es bringt mich um den Verstand, dass ich nicht an dich herankomme! Du bist nicht kalt, aber du bist auch nicht der Cay, den ich glaube zu kennen. Ich weiß nicht, wer du bist und vielleicht weißt du das selbst nicht, aber ich kann nicht weiter bei dir sein!“
Sie rutschte von meinem Schoß hinunter, die Rose fiel zu Boden. Sie stand vor mir. Tränen liefen ihr schönes Gesicht hinab, sie zitterte.
„Ich bin längst in dich verliebt, aber du kannst mir nicht geben, was ich von dir wünsche. Geh bitte!“
Ich wollte so gerne jetzt weinen, aber mein Gehirn hatte seine Tätigkeit längst eingestellt und ich stand neben mir. Wie ein Film, so unwirklich wirkte die Realität auf mich. Andere wurden bei einem zu großem Schrecken als Schutzfunktion ohnmächtig, bei mir klinkte sich einfach mein Geist in den Leerlauf aus.
„Geh, Cay. Ich liebe dich, aber ich kann dich nicht länger ertragen. Verschwinde! Geh!“
Sie wurde von schweren Seufzern geschüttelt und brauchte alle Kraft, um klar zu sprechen.
Ich stand auf. Es war aus. Ich trat einen Schritt auf sie zu und wollte sie noch einmal drücken, aber es ging nicht. Wie mit Tunnelblick und im dichten Nebel öffnete sich der Weg durch den Park vor meinen Augen. Ich ging. Alles war bedeutungslos.

                        8
Wieder daheim schloss ich mich in meiner ersten Wohnung ein und hockte mich auf den Boden. Ich nahm meine Gitarre als ein Medium, durch das ich meine Gefühle, die festsaßen wie kalte Diamanten im Fels, ausdrücken wollte.
Ich umarmte sie, wie ich Kezia hätte umarmen sollen. Ich liebte mich nicht. War es das? Ich liebte mich nicht und wie sollte ich dann eine Kezia lieben können? Sie war ein Engel und verdiente mehr als ein Wicht wie mich. Ich fing an, eines meiner Liebeslieder zu singen und endlich  kamen meine Tränen.
Erst zögerlich, meine Stimme schwankte und ich traf die Töne nicht mehr.
Dann endlich schluchzte ich, mein Hals zog sich zusammen und meine Kehle schmerzte, heiße Tränen flossen mir die Wangen hinab. Ich nahm die Gitarre in die Arme und drückte sie.
„Gott. Verzeih mir. Lass Kezia mir verzeihen. Zeig mir, was Liebe ist. Bitte, Gott.“

In den kommenden Minuten durchlief ich auch noch die anderen Phasen der Verzweiflung.
Aus der anfänglichen Emotionslosigkeit sind selbstmitleidige Tränen erwachsen. Aus dem Selbstmitleid wurde wilder Zorn über mich und meine Unfähigkeit zu lieben. Aus dem Zorn wurde wieder Trotz, um mich selbst zu schützen. Die Resignation ließ auf sich warten, ich war noch zu stolz. Ich wusch mir mein Gesicht, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Das kalte Wasser machte mich wieder klarer.
Heute hatte ich mit Julie sogar noch ausgemacht ins Kino, die Frühvorstellung zu gehen. Sie musste danach früh schlafen, hatte eine Prüfung am Montag.
Ich vermied es also, an irgendetwas von diesem Nachmittag zu denken, zog mich um und holte sie ab.
„Was ist mit deinen Augen, Andi? Die sind ganz gerötet?“ Ich drückte mir mit Zeigefinger und Daumen  auf die geschlossenen Augen und rieb meine Stirn.
„Ich bin mir nicht sicher. Es kann eine Nebenwirkung des Medikamentes sein. Es könnte auch sein, dass ich gerade langsam eine Allergie bekomme.“
„Bloß nicht!“ Julie gab mir einen Kuss. „Meinst du, du schaffst das mit dem Kino heute?“
„Natürlich, das bißchen Kopfschmerz kann mich davon nicht abhalten, mit dir ins Kino zu gehen,“ hörte ich mich mit gewohnt lässig harter Stimme sprechen.
Ich hatte mir wieder meine Maske aufgezogen, weil mein wahres Gesicht zu abstoßend war.
Julie küsste meine Maske dankbar und wir gingen zum Wagen.
Kezia hätte ich die Beifahrertür aufgehalten, aber Julie musste damit vorlieb nehmen, dass ich ihr die Tür vom Fahrersitz aus entriegelte. Überhaupt war mir momentan alles gleich.
Ich wollte nur ins Kino und hoffte auf einen interessanten Film. Einen Film, der mich davon abhielt selbst zu denken.
Wir parkten im Mediapark Parkhaus und kämpften uns durch die noch unentschlossene Menge im Eingangsbereich bis zu den Schaltern vor.
„Was wollen wir gucken, hast du einen Film im Auge?“  
„Die Komödie mit Adam Sandler.“
„Okay!“  Ich besorgte die Tickets. Das Kino war erstaunlich voll für einen Sonntagabend. Ich holte uns noch Cola und Julie besorgte frisches Popkorn.
In den bequemen Armsesseln im entspannenden Dunkel des Kinosaales nahmen wir Platz.
Der Vorfilm hatte schon begonnen. Mir war schlecht.
Ich fühlte mich so, als müsste ich mich jeden Moment übergeben. Die Cola trank ich nur vorsichtig. Julie war schon ganz im Film. Ich hatte meine Hand auf unseren angrenzenden Sessellehnen liegen und Julie hielt sie fest.
Irgendwie war das tröstend. Mit ihr war alles so einfach. Sie war mir gerade völlig egal, aber ihre Anwesenheit war tröstend. Dankend drückte ich ihre Hand, aber nur so fest, dass es sie nicht weiter aufmerksam machte.
Als die Lichter ganz erloschen und die Musik des Hauptfilmes begann, erlosch auch mein stolzer Trotz. Ich hatte mich des schlimmsten Verbrechens schuldig gemacht, welches ich nur ersinnen konnte! Ich hatte das Herz des Mädchens gebrochen, das mir lieber war als jedes andere!
Ich hatte es gebrochen aus der Laune heraus, dass ihre Liebe mir vielleicht nicht genug sei. Und ich hatte es gebrochen, weil ich mich nicht lieben konnte.
Ich versank in dem Sessel und der Film ging ohne Spuren zu hinterlassen an mir vorbei, denn hinter meinen Augen herrschte Stillstand.
Ich hatte Julie mit wenigen Worten verabschiedet und ihr viel Erfolg für ihre Arbeit an der Uni gewünscht. Meine schlechte Laune hatte ich nicht verborgen. Julie führte sie aber auf meinen Kopfschmerz zurück und machte keinerlei Bemerkungen. Sie wünschte ihrem Lieblingsteddybären noch eine gute Nacht und gute Besserung, gab ihm schmusend noch einen Kuss und ließ ihn dann seiner Wege gehen.
Die Wege trugen ihn in kalter Bosheit in seine Wohnung. Er war zurück beim Selbsthass gelandet, überlegte aber nun, wie er sich ändern könnte. Es musste anders werden.
Es reichte nur noch für ein Gebet mit bitterer Miene und grimmigen Lächeln.
„Gott, schenke mir ein Herz, denn ich brauche eines zum verschenken! Bitte! Amen.“
Die Türklingel spielte die ganz und gar unpassende Melodie von Vivaldis Frühling als Fabian und Bert mit einem Kasten Gaffel Kölsch vor der Tür standen.
„Hey, altes Haus, wie versprochen!“ Bert sah auf die Uhr. „Und  sogar nur eine halbe Stunde zu spät. Was sagst du jetzt?“
„Kommt rein.“
„Hey, ein bißchen mehr Begeisterung, wenn ich bitten darf. Der Kasten war ganz schön teuer für `nen armen Studenten wie mich!“ sagte Fabian trocken, aber doch mit einem leicht freudig-mitleidigem Unterton.
Die beiden kamen herein. Fabian blickte mich an. „Lust, dich zu unterhalten. Ich denke, du hast etwas zu erzählen!“
Ich glaube, wenn man selbst Kummer hat, erkennt man am allerbesten, wenn jemand anders auch leidet.
„Später vielleicht. Kommt Chris noch nach?“
„Der parkt nur den Micra noch, bei euch ist jedes verdammte Parkdeck voll.“
Ich ließ die Tür noch einen Spalt offen und entkorkte einen halbtrockenen Bordeaux. Gewöhnungsbedürftiger Wein, aber meine Freunde mochten keine trockenen Rotweine.
„Hey, vor dem Bier stoßen wir zur Feier des Tages an.“
Im Kühlschrank fand ich noch einen trockenen Rosé. Ein Mateus aus Portugal war für gewöhnlich der Wein, den ich trank, um mich der Inspiration hinzugeben und schriftstellerisch, musikalisch oder an der Leinwand aktiv zu werden. Aber nie brauchte ich wohl mehr Inspiration, als in diesem Augenblick. Ich hatte ein Leben zu kitten.
„So, was liegt an? Kann’s losgehen?“ Chris betrat den Raum, schloss die Tür hinter sich und blickte gleich darauf interessiert zu Bert, der den Rotwein einschenkte.
Als Bert die großen Gläser herumreichte und meine Freunde zufrieden mit sich und der Welt mit mir anstießen, wurde aus schwarz wieder grau und ich konnte mir ein winziges Lächeln abringen.
Ich lauschte ihrem fröhlichen Unfug: „Sagt mal Jungs, wie war euer Tag? Ich bin total vor der Glotze versackt und habe den anderen Teil des Tages damit zugebracht mit meinem Bruder in Kampen für lau zu telefonieren.“
„Naja,“ Chris nahm noch einen kräftigen Schluck und räusperte sich. „Ich war mit meiner Freundin...“
„Also, ich kann mir gar nicht erklären, wie mein Glas so schnell leer wurde. Du kannst mir doch sicher nachschenken, Cay?“
Fabi lächelte Bert dankbar an und Chris verzog nur leicht die Miene.
„Mein Tag war ähnlich dem deinen. Das einzig sinnvolle, das ich heute geleistet habe, ist ein kleiner Computertisch für meine Schwester. Das war ein Haufen Arbeit, sieht aber top aus und ist auch wirklich robust.“
„Tja,“ ich seufzte und trank mein Glas leer. Es war mir schon zu Kopf gestiegen. Nach Tagen wie diesem hat man die Konstitution eines Fünfjährigen. „Ich muss mich grade mal von euch entschuldigen, und `ne Runde vom Balkon springen. Ich komm dann wieder, sobald die Besserung einsetzt.“
„Ich glaube, wir sollten uns recht bald unterhalten.“ murmelte Fabi nüchtern.
„Was war denn? Wo wir schon hier sind und deinen komischen Wein trinken müssen, können wir uns auch gleich anhören, was du so zu erzählen hast,“ meinte Bert interessiert.
„Nein, nein, ich glaube schon Fabi hat Recht. Das ist nix für euch. Nur soviel: schön, dass ihr da seid! Ich mache mal gerade den PC an. Sucht euch einfach die beste Musik `raus. Ich bin mal kurz draußen. Würde mich freuen, Fabi!“
Chris klemmte sich gleich in den kleinen Stuhl vor meinem PC, um die geeignete Metalband zu finden. Bert ließ sich sichtlich gutgelaunt auf meiner Couch nieder und goss sich sein drittes Glas Bordeaux ein. Ich ging gleich auf meinen kleinen Balkon. Fabi folgte mir. Draußen war es kalt und schon fast ganz dunkel. Der Sommer ließ noch auf sich warten.
Fabi zückte eine Schachtel West aus der Hosentasche, entnahm eine Zigarette und illuminierte sie mit einem winzigen Sturmfeuerzeug. Er nahm einen tiefen Zug, lehnte sich an das Geländer und blickte in die Nacht.
„Also. Ich will `was hören!“
Ich nahm einen Schluck Mateus und seufzte. Meine Tränen waren verbraucht und mein Kopf war wieder klar.
„Erzähl mir von dir und Jessica!“
„He, mal langsam mein Freund! So haben wir nicht gewettet. Du wolltest etwas loswerden. Ich habe nicht vor, meine gerade im Heilungsprozess begriffenen Wunden wieder aufzukratzen!“
„Du lügst dir da was vor!“
„Halt die Klappe, ja! Ich bin gerade auf dem Wege der Besserung. Wer braucht schon Jessica.“
„Du!“
Fabi wurde ernsthaft böse. Er stellte sein Glas auf den Boden des Balkons und trat auf mich zu.
„Hör` mal. Wenn du willst, dass ich verschwinde, dann sag` es mir ins Gesicht! Du kannst mich mal, weißt du das! Was willst du eigentlich von mir, du Arschloch!“
Ich spürte meine Augen wieder feucht werden. Nur Fabi konnte mich vielleicht verstehen. Ich schluckte hart.
„Ich glaube, du kannst verstehen, wie ich gerade fühle.“
Die erzürnte Miene meines Freundes wurde gleich wieder weich, als er spürte, warum ich so verletzend war. Er grummelte nur noch leise vor sich hin.
„Also, schieß los. Welche Scheiße ist dir widerfahren? Um welches Mädchen geht es?“
„Kezia!“ Ich nahm einen Schluck um meine brechende Stimme wieder zur Räson zu rufen und klar sprechen zu können.
„Kezia liebt mich.“  
Fabi grunzte nur bösartig. „Na und? Ist das eine Tragödie? Du bist vielleicht ein Wichser. Du hast ein super Mädchen an der Hand und...was wolltest du eigentlich sagen?“
„Sie liebt mich, weiß aber, dass ich sie nicht liebe. Sie hat mit mir Schluss gemacht. Sie will mich nicht mehr sehen.“  Ich fing wieder an zu weinen. Ich befand mich in einem Zustand bar jeder Peinlichkeit. Es war mir egal, wie Fabi über mich denken mochte.
Ich blickte starr über das Balkongeländer und zog die Nase hoch. Ich spürte eine Hand auf meiner Schulter.
„Hör mal...“ Fabi machte eine lange Sprechpause „Du liebst sie doch, nicht wahr?“
„Ja, verdammt noch mal,“ weinte ich.
„Was ist das Problem?“
„Sie weiß, dass ich...ich kann nicht...das Leben ist Scheiße!“
„Und für diese Erkenntnis hast du dreiundzwanzig Jahre gebraucht?“
„Was ist das überhaupt, Liebe? Ich hab` Geld, ich hab` Talent, ich hab` Riesen Glück, aber ich hab keine Ahnung, was Liebe ist.“
„Mann, du klingst wie`n Mädchen, Cay! Wenn ich nicht wüsste, wie du wirklich bist, würde ich dich für `ne Heulsuse halten.“
„Du bist mir eine große Hilfe. Ach, verpiss` dich doch, ich krieg` das schon hin!“
Der Griff um meine Schulter wurde härter.
„Also, wo ist das Problem?“
Ich rappelte mich auf, strich die Hand von meiner Schulter, wischte mir die Tränen aus den Augen und starrte brüsk und standhaft in die Nacht.
„Das Problem ist, das ich nicht weiß, was ich will.“
„Na toll! Soll ich das dir etwa sagen?“
„Wenn du kannst!“
„Ich sage dir einfach, was ich will! Ich will Jessica! Wenn ich sie habe, will ich Kinder von ihr, zwei oder drei. Ich will für meine Frau und meine Kinder ein Haus bauen. Ein Haus mit Hollywoodschaukel und Pool. Sie sollen mit ihren Freunden im Garten herum tollen und den Kuchen essen, den Jessi gebacken hat. Ich will abends nach Hause kommen und mit meiner Frau ein Glas Wein trinken, über Gott und die Welt reden und vielleicht einen netten Spielfilm gucken. Ich will Ehemann und Papa sein, ich will sie alle lieben und für sie sorgen! Jetzt sag du mir, was du willst!“
Meine Augen wurden wieder feucht. Es schien alles so einfach.
„Ja, das will ich auch! Ich will mein Mädchen! Ich will Kinder mit ihr haben und ein kleines Häuschen kaufen. Ich will mit ihr um die Welt reisen.“
„Ja, fein.“
„Ich will alles für ein Lächeln von ihr tun, ich will sie glücklich machen!“
„Aber?“
„Ich kann es nicht.“
„Ich weiß, wo dein Problem liegt, Cay. Du hast Angst.“
„Wieso das?“ Krächzte meine Stimme.
„Weil du gewohnt bist, alles unter Kontrolle zu haben. Weil du Angst hast, diese Kontrolle zu verlieren, wenn du Kezia liebst. Weil du dich davor fürchtest dieser Beziehung vielleicht nicht gewachsen zu sein. Du hast Angst, in dieser Beziehung vielleicht mehr geben zu müssen, als du leisten kannst. Du hast Angst, sie zu verlieren.“
„Nein! Ich kann mich selbst nicht leiden!“
„Du suhlst dich im Selbstmitleid und redest dir ein, du könntest dich nicht leiden, weil du Angst vor Kezia hast. Du hast Angst, diese Beziehung leben zu lassen, weil du es nicht ertragen könntest, zu versagen. Jetzt weiß ich es!“
Mir war sterbenselend, Fabians Worte durchbohrten mich wie ein Schwert:
„Du hast irrsinnige Angst davor, zu versagen! Du streckst die Waffen, weil du Todesangst davor hast, zu versagen!“
„Ich bin ein Arschloch!“
„Du bist kein Arschloch, du bist betrunken, verdammt.“
„Ich will...es tut mir so leid.“
„Du gehst morgen zu Kezia und sagst es ihr, dass du ein Schwein bist. Das du drei Beziehungen gleichzeitig hattest, dass du Angst hast.“
„Nein!“
„Nein?“
„Nein! Ich werde ihr nie wieder unter die Augen treten. Ich habe sie genug verletzt. Ich...“
„Du bist doch betrunken.“
„Vielleicht. Egal! Ich werde weitermachen wie bisher! Vielleicht heirate ich Julie oder Natascha. Sie sind beide super!“
„Weißt du was? Du ekelst mich an! Es tut mir schrecklich Leid, dass du in deinem Selbstmitleid so ertrinkst, aber ICH werde dich NICHT retten! Wenn ich jetzt selbst nicht kreuzunglücklich verliebt wäre und keine Ahnung von solchen Schmerzen und deren Ursachen hätte, würde ich dir etwas aufmunterndes á la `wird schon wieder´ versprechen. Aber ich sage dir: wenn du wirklich so weitermachen willst, wünsche ich Kezia nur, dass sie schnell einen anderen findet!“
Fabi wandte sich um zu Gehen. Er schnippte seine herab gebrannte Kippe über das Geländer und ging wieder ins Warme der Wohnung. Ich blieb noch eine Weile draußen, trank die ganze Flasche Mateus leer, bevor ich mich wieder drinnen sehen ließ.
Ein Anderer. Es würde mich umbringen, Kezia mit einem Anderen zu sehen. Aber was hatte ich getan?
Wieder bei meinen Freunden, war ich jenseits von gut und böse. Ich fühlte mich nur noch wie ein seelenloser Empfänger. Ich konnte Worte und Sätze aufnehmen, aber nicht mehr bearbeiten und bewerten. Ich spürte, dass ich zu keinem rationalen Gedanken mehr fähig war, so ergab ich mich meiner Stimmung. Meine Freunde hatten wieder zu einem heiteren Thema gefunden, und ich hörte einfach zu. Alles drehte sich, ich musste die Augen offen halten.
„Ich hab` neulich die Celine wiedergetroffen.“
„Miss Nase 2002 bis 2005?“
„Jepp. Die Sonne war so drückend, das ich ihm Schatten ihres Riechorgans gut einen halben Kilometer mitgelaufen bin.“
„Und das hat sie nicht verwundert?“ Chris kratze sich an seiner Nase.
„Ne, sie war vollends damit beschäftigt, brav `Einatmen-Ausatmen´ zu denken. Sonst wäre sie womöglich blau angelaufen und mir in die Arme gefallen.“ Fabi schmunzelte.
„Kennt ihr schon die Miss Arsch 2005?“ Bert sah fragend in die Runde.
„Wenn die sich hier im Raum niederlassen würde, müssten wir alle im Flur sitzen. Franzi heißt das gute Stück.“
„Die linke oder die rechte Backe?“
Bert lachte und nippte an seinem Gaffel: „Hey, unser aller Cay kann ja doch noch lachen. Was hältst du davon...du schenkst mir Julie zu Geburtstag und ich bau´ dir ein Schrankbett, damit du mehr Platz in deiner Bude hast?“
„Ist gemacht.“ Ich gab Bert die Hand.
„Sie ist doch stubenrein?“
„Du darfst sie nur nicht gegen den Strich streicheln, dann kratzt sie!“
Ich starrte die Decke an. Wenn ich mich konzentrierte, hörte sie sogar auf sich zu drehen.
„Wisst ihr, was Franzi macht, wenn sie von der zweiten Etage ins Erdgeschoss will?
Sie bleibt länger auf einer Stelle stehen.“ Gelächter. Mein Magen rebellierte. Ich sprang auf und rannte zur Toilette. An mehr kann ich mich nicht mehr erinnern.

                        
9
Ich erwachte gegen Mittag. Ich lag angezogen auf meinem Bett. Schrilles Piepen irgendwo.
Ich rollte mich zur Seite und richtete mich auf. Es war das Telefon. Ich ging ins Wohnzimmer und nahm den Hörer ab.
„Hallo?“ Wie von einem anderen gesprochen, so rauh und tief war die Stimme.
„Manuel?“
„Natascha?“ Ich ließ mich auf den Teppich sinken und hielt meinen Kopf.
„Geht es dir nicht gut? Hast du getrunken? Ich wollte fragen, ob es bei heute dreizehn Uhr im Maredo bleibt?“
„Oh.“
„Du warst mit deinen Freunden unterwegs, nicht? Sollen wir es verschieben, bis es dir besser geht?“  Ich hörte deutlich den Vorwurf und der Ärger in ihrer Stimme, was ihr nicht zu verdenken war.
„Nein. Ich...“ Ich guckte mich um, bis ich die kleine Designeruhr an der Wand entdeckte.
Elf Uhr dreißig. Ich konnte es noch schaffen. „Ich werde pünktlich kommen. Mein Wecker scheint nur leer zu sein. Ich habe nicht viel getrunken.“
„Sicher.“ Ich hörte, dass sie lächelte, als sie das sagte.
„Ich erwarte dich dann. Bis gleich, mein Schatz.“
„Ja...bis gleich.“
Ich legte auf. Ich hatte tatsächlich nicht viel getrunken. Knapp über eine Flasche Wein. Mein Kopf begann trotzdem zu schmerzen und mir war flau. Ich ging ins Bad, spülte mir den scheußlichen Geschmack aus dem Mund und putze mir die Zähne. Ich vermied es, das Wrack, dass ich war, im Spiegel zu sehen, zog mich nackt aus und stieg unter die Dusche.
Der heiße Strahl aus der Brause und das herbe Duschgel belebten mich wieder. Ich versuchte mich an gestern zu erinnern aber jede der wiederkehrenden Erinnerungen verletzte mich nur sehr. Ich drückte mir die Hände vors Gesicht und murmelte nur: „Gott. Ich bin erbärmlich. Ich kann auch nur schlecht beten. Jesus, ich wäre am liebsten letzte Nacht gestorben. Sei heute bitte bei mir. Amen.“
Ich trocknete mich ab und ging, so wie ich war, in die Küche und aß ein Stück trockenes Graubrot. Bissen für Bissen. Auch dieser Tag würde vorbei gehen. Mit Natascha ins Maredo Essen gehen. Bei dem Gedanken an ein Argentinisches Steak mit Fritten, machte mein Magen keinen Hehl daraus, wie er reagieren würde.
Einen großen Salat. Salat mit geraspelten Möhren, wässrigen Gurken und Tomatenscheiben  und einem winzigen Tropfen Salatdressing. Eisberg und Feldsalat noch zu dem Gewöhnlichen. Diesen Salat zu planen machte mich wieder klarer. Natascha würde sich auf mich freuen. Es war nett mit ihr Essen zu gehen und ihr zuzuhören, wie sie von ihrer Arbeit erzählte. Ich würde Spaß dabei haben. Ich würde ein Wasser trinken und mich wieder besser fühlen. Mein Kopfschmerz würde langsam verfliegen. Ich lächelte.

Ich hatte noch gut eine halbe Stunde Zeit, bevor ich mich anziehen und in die Innenstadt fahren musste. So ging ich aus der Küche gleich zu meinem Flügel und hob ein paar auf dem Boden liegende Bögen von Bachs Brandenburgischen Konzerten auf.
Ich stellte sie hin, setzte mich und griff in die Tasten. Bachs Musik war so erleichternd strukturiert und mathematisch. Es war vielmehr eine Hymne an das Raster, an die Wiederholung, als eine schöne Melodie wie Vivaldi sie zu komponieren pflegte.
Eine Seite aus der Kunst der Fuge hatte sich zwischen die anderen Bögen gemischt. Ich wischte sie fort, um ohne Unterbrechung weiterspielen zu können. Ich ergab mich ganz dem Spiel und bemerkte gerade noch rechtzeitig, dass es spät geworden war.
Als ich in frische Unterwäsche schlüpfte und ein belebendes Herrenparfüm auflegte, stellte ich zu meiner Erleichterung fest, dass auch mein Kopfschmerz beinahe ganz verflogen war.
Das Hemd war frisch gebügelt, die Krawatte saß perfekt, ich konnte gehen.
Die FAZ wurde leider an meine andere Wohnung geliefert und ich wollte Cecile, sollte sie nicht gerade in einer Seminarstunde oder einer Vorlesung sitzen, nicht stören.
Meine Freunde würde ich heute nachmittag oder heute abend anrufen. Jetzt hieß es Beeilung.

„Nur einen Salat? Du musst aber gestern ganz schön zugeschlagen haben!“
„Ich will nur auf Nummer sicher gehen. Außerdem kann ich ruhig mal ein paar Pfund abnehmen.“ Ich griff mir demonstrativ an den nicht vorhandenen Bauchspeck. Natascha lächelte nur und nahm das Stück Tomate von ihrer Gabel.
„Ihr Männer seid irgendwie seltsam. Ihr besauft euch manchmal zusammen wie üble Teenager. Als wenn ihr unter dem erwachsenen Gesicht immer noch so Kindsköpfe geblieben wärt.“
Ich biss mit den Backenzähnen auf die Gabel und blickte finster.
„Sag, Manuel, á propos Kindskopf, was hältst du davon, wenn wir ins Phantasialand fahren würden?“
Ich schaute auf. Das Phantasialand! Als laufender Meter war ich zuletzt dort gewesen. Hatte die Wildwasserbahn gestürmt und die Achterbahnen zusammengebrüllt.
„Das ist eine tolle Idee mein Schatz! An wann hattest du denn gedacht?“
Natascha lachte mich an, sagte aber nichts und nahm noch einen Happen von ihrem Putenschnitzel. Sie wollte mich warten lassen. Ihre blauen Augen funkelten nur verschmitzt.
Sie legte die Gabel ab und zog zwei Karten aus ihrer offenen Handtasche.
„Jetzt?“ Sie lächelte so fröhlich, dass ich nicht anders konnte als auch zu strahlen.
„Du hast mir doch Samstag abend gesagt, dass du heute nachmittag frei hättest und meine Geschäfte kann ich auch verschieben.“
„Super.“ Ich griff ihre Hand und drückte sie. „Nehmen wir meinen Wagen?“

Eine halbe Stunde später waren wir auf der Autobahn Richtung Brühl, Natascha trommelte die Melodie zu Beethovens neunter auf ihren Oberschenkel. Ich lächelte, als sie in ihrer guten Laune auch noch versuchte mitzusummen. Naja, man konnte ja nicht alles können.
„Komm` mal rüber Spatz!“ Natascha neigte sich ein wenig zu mir herüber, um sich ihr Küsschen abzuholen.
„Hast du Kuchen gegessen?“
„Wieso?“ fragte sie lachend.
„Du schmeckst heute so süß.“
„Ach...“ Sie gab mir einen Klaps auf den Oberschenkel und schien sehr glücklich zu sein.
Ich schluckte, blickte dann aber wieder nach vorn. Wenig Betrieb auf der Autobahn und bald kam auch schon das Abfahrtsschild.
Wir bekamen auch rasch einen Parkplatz und gingen Hand in Hand zur Kasse. Das Wetter war nicht warm und nicht zu kühl, der Himmel nur leicht bedeckt und wir konnten schon von hier Kinderstimmen vernehmen.
„Das wird ganz super.“ Ich drückte ihre Hand, als wir auf den Eingangsplatz traten.
„Wo möchtest du zuerst hin, schließlich war es dein Einfall?“
„Mmh, wenn ich dich so ansehe, möchte ich dich am liebsten in die Achterbahn entfüh...“
„Einverstanden!“
„Wirklich?“  Natascha lachte.
„Komm!“ Ich lief los, gab ihre Hand aber nicht frei. Wir liefen mit Kribbeln im Bauch vor Vorfreude und Albernheit zu den Wartegängen aus hüfthohen Eisenrohren. Wir hatten nicht zum letzten Mal Glück. Es war so wenig Betrieb, dass wir nie länger als fünf Minuten warten mussten. Wir quetschten uns in die Bahn und klappten den Sicherheitsbügel hinunter.
Natascha kuschelte sich gleich an mich und ich legte fest meinen Arm um ihre Taille.
Ich fühlte mich wieder so frei und unbeschwert wie als Kind, als die Wagenschlange das hohe Stahlgerüst hinauf kroch.
Frischer Wind wehte uns um die Nase und an beiden Seiten ging es steil hinab. Es fühlte sich sehr schön an, Natascha so nah bei mir zu spüren. Die freudige Aufregung war ihr deutlich in ihrem schönen Gesicht abzulesen: sie strahlte über beide Ohren.
Als wir an der Spitze angekommen waren, konnten wir fast über den ganzen riesigen Park sehen. Wir drückten uns noch fester.
Dann, mit nervenzerreibender Langsamkeit bewegte sich die Bahn vom Scheitelpunkt aus wieder bergab. Sie wurde schneller, schneller und dann...
Wir schossen den Berg hinunter. Der Wind pfiff und wir jauchzten und jubelten vor Freude.
Jede Kurve, jeder Hügel, jeder Schraube und jeder Looping war spitze. Wir hatten einfach Spaß.
Später mussten wir natürlich noch zur Hollywood Tour, ins Galaxy, in den Mystery Tower, die Wildwasserbahn und auch ins Mystery Castle.
Als wir nach zwei Stunden alles Wichtige gesehen hatten, setzten wir uns an ein phantasievoll bepflanztes Rondell und atmeten durch.
Wir strahlten uns an. Sie wägte ihren Gedanken einen Moment ab, dann hüpfte sie auf meinen Schoß.
„Nana, nicht, dass dich einer deiner Kunden so sieht.“
„Ach Quatsch.“ Sie küsste mich „Weißt du, was ich jetzt denke?“
Ich hob eine Augenbraue und gab meiner Stimme einen tiefen, biedern Klang:
„Doch nichts Unanständiges?“
„Ach du!“ Sie lachte und knuffte mich gegen die Schulter, dann sah sie mich schelmisch an:
„Und wenn?“
„Jippie. Fangen wir an.“
Sie knuffte mich wieder. Wir waren ganz ausgelassen und albern und fühlten uns wie Schulkinder. Natascha schaute mich verschwörerisch aus ihren schönen hellen Augen an und machte ihre roten Lippen zu einem ganz kleinen Mund:
„Wollen wir noch in die Geisterbahn, rumknutschen?“  Ich küsste sie. Sie war toll.
Es war, als wenn wir etwas Verbotenes tun wollten. Im dunklen Eingang zur Achterbahn fanden wir auch nur wenige Leute. Wir warteten so lange, bis niemand mehr hinter uns war und wir einen kleinen Wagen für uns allein bekamen. Wir sahen uns an. Im Halbdunkel sah ich nur das Funkeln ihrer Augen.
Wir hielten nur die erste Kurve durch, dann ließen wir die Monster Monster sein.

                        10
„Nein. Du musst doch nicht jetzt schon gehen!“ Wir standen uns in Umarmung gegenüber. Der Klang ihrer Stimme verriet mir, dass sie genau wusste, dass ich jetzt gehen musste. Sie fand nur Gefallen daran, diesen Moment noch etwas hinaus zu zögern. Es war wie ein Spiel.
Ein Spiel, bei dem es eigentlich nur Gewinner gab, aber Julie würde ziemlich zickig werden, wenn ich fast über eine Stunde zu spät bei ihr aufkreuzte.
„Tascha, wenn du mir beim nächsten Mal sagst, dass wir uns so trennen müssen, dann sag ich jedes Meeting ab."
„Wie romantisch.“
Ich zwickte sie in den Hintern.
„Weißt du, eigentlich gehe ich auf gar kein Meeting. Ich betrüge dich mit einer neunzehnjährigen Studentin und muss mich jetzt beeilen, sonst wird sie ungehalten sein.“
„Ach ja?“ Natascha gab mir einen Kuss. „Dann sag ihr, dass dein Hintern schon mir gehört, und dass ich eine verdammt harte Verhandlungspartnerin bin!“
Ich gab ihr noch dankbar einen Kuss und geleitete sie in chevaleresker Manier zur ihrer Tür.
Sie hatte gerade ihre Appartementtüre geschlossen, als ich mich selbst murmeln hörte:
„Weißt du, Tascha, unter anderen Umständen hätte ich mich schwer in dich verlieben können.“
Ich verwarf den Gedanken mit einem lautstarken Ausdruck der Missbilligung, allerdings erst, als ich außer Hörweite war.
Ich fuhr viel zu schnell! Nicht nur, weil ich bereits eine Dreiviertelstunde zu spät war, sondern auch, um meine Konzentration auf der Straße und nicht andernorts zu haben.
Ich hatte mich per Mail schon bei der Kleinen entschuldigt, aber was Verspätungen anbetraf, die aufgrund meiner Freunde - die mit mir herum blödelten - entstanden, war sie sehr eigen.
Ich hatte trotz aller Konzentration immer noch Natascha im Kopf, als ich bei ihr schellte.
Ich hatte wirklich nicht ahnen können, dass in dieser hochintelligenten Geschäftsfrau noch ein alberneres, liebebedürftiges Mädchen steckt, das nur den richtigen Ort und die richtige Zeit braucht um ans Tageslicht zu kommen. Und den richtigen Mann.
Ich quetschte mein Kinn hart mit der Hand zusammen und versuchte Julies Gesicht vor meinem geistigen Auge zu visualisieren.
Der Schlüssel drehte sich und die schwere Ebenholztür schwang auf. Julie sah wieder so süß aus, dass ich ganz vergaß, dass ich jetzt betreten, aber dominant gucken musste.
Sie blieb im Türrahmen stehen, sah mich nur ernst an und wartete. Ich trat einfach einen Schritt auf sie zu, hob sie auf, schloss die Tür und trug sie die Treppen hinauf. Da ich bitterernst dabei guckte und Julie nach dem ersten Schreck gar nicht versuchte ihre Contenance wiederzugewinnen, sah ich aus dem Augenwinkel, wie ihr ärgerlicher Blick einem Lächeln wich. Sie machte es sich bequem in ihrem Sitz und harrte fröhlich der Dinge die da kommen sollten. Ich trug sie in ihr Zimmer, stupste die Tür mit meinem Fuß zu und setzte sie auf ihr Bett. Sie hatte sich inzwischen wieder in der Gewalt und sah mich durchdringend an. Ohne Zwinkern, ohne Gemütsregung.
Ich setzte mich im Schneidersitz vor sie hin und tat es ihr gleich. Ihre tiefblauen Augen wurden etwas schmaler und ihr linker Mundwinkel zuckte einmal kurz. Ich hielt die Luft an. Wir sahen uns noch immer unbeweglich an, als ich ein winziges Schnauben vernahm. Dann prusteten wir beide vor Lachen los.
„Bist du sauer, dass ich zu spät komme?“
„Wenn es soweit ist, ist es mir sogar lieber du kommst zu spät, als zu früh!“
„War das ein Witz? Hat meine kleine Julie gerade einen Witz gemacht?“ Ich hüpfte zu ihr auf das Bett und kitzelte sie.
„Finger weg,“ lachte sie und schlug meine Hände zur Seite.
„Ich lass mich heute nicht betatschen.“
„Soll ich morgen wiederkommen?“
„Kannst du denn nicht heute kommen?“
„So! Das war aber einer!“ Ich kitzelte sie wieder und sie quiekte und fiel fast vom Bett. Ich ließ es aber bei dem kurzen Kitzeln bewenden und bald saßen wir zusammen in der Küche und machten uns einen Strammen Max. Das heißt: Ich saß auf der Arbeitsplatte und spielte mit meinem Wasserglas und Julie briet das Brot, die Spiegeleier und die Schinkenstreifen.
„Weißt du noch, die Party bei Ines?“  Julie wendete gerade die Schinkenstreifen.
Ich antwortete: „Klar.“
„Du erinnerst dich doch bestimmt noch an den Typen, mit dem sie die ganze Zeit geflirtet hat.“
„Ach, sie hat noch mit anderen geflirtet?“
„Ach, du!“
„Erzähl schon!“
„Also. Jetzt halt dich fest! Ines hat herausgefunden, dass der Typ schwul ist!“
„Was du nicht sagst.“ Ich grinste
„Doch, ganz ehrlich. Er hat mit einem anderen Jungen Händchen gehalten.“
„Vielleicht hat er mit dem anderen nur eine platonische Beziehung.“ Ich lachte.
Julie drehte sich mir zu und blickte ernst: „Darüber macht man keine Witze! Die arme Ines ist am Boden zerstört.“
„Das kann ich verstehen, aber eine Chance hat sie noch.“
„Wieso?“ Julie drehte die Pfeffermühle.
„Karneval kann sie sich als Wikinger oder Pirat verkleiden, vielleicht lässt er sich ja verführen!“
„Lach nicht so doof! Hier: nimm lieber deinen Teller, bevor das Ei kalt wird.“

Ich war schnell mit dem Essen fertig und beobachtete Julie, wie sie ganz aristokratisch ihren Strammen Max in winzige, rechteckige Würfelchen schnitt und bedächtig kaute.
„Sag mal, Julie. Hast du Bier im Kühlschrank?“
„Natürlich. Du kannst dich gerne bedienen. Bist du nicht mit dem Auto da?“
„Doch.“
Sie setzte die Gabel ab und prüfte mich mit ihrem Blick: „Du fährst doch nicht, wenn du etwas getrunken hast?“
„Nein.“
„Dann husch! Betrink dich! Und wehe, du willst nachher nicht kuscheln. Medikament hin, Medikament her, kuscheln kannst du doch wohl.“
„Ich glaub` ich nehme ein Taxi.“
Julie warf die Gabel hin. „Nicht im Ernst?!“
„Wenn ich morgen um sieben dem Betriebsrat mit Damenparfüm Duftwolke entgegenkomme, könnte mich das Einiges kosten.“
„Ach, hau schon ab! Hol dir dein Bier. Dann kuschle ich eben morgen mit anderen Studenten.“
Ich hatte keine Lust, diesmal auch das letzte Wort zu haben und holte mir ein Kölsch. Ich wusste genau, dass es nicht bei der einen Flasche bleiben würde. Den Mercedes würde ich morgen wieder abholen. Cecile würde mich wohl herfahren müssen. Wir machten es uns vor dem Fernseher gemütlich und guckten entspannt das Abendprogramm. Julie erzählte mir von der Uni. Hätte den ganzen Tag an ihrer Hausarbeit gesessen und sei immer noch dabei aus dem Netz eifrig Quellentexte zu laden, um ihrer Arbeit die nötige Tiefe zu geben. Fleißig war sie ja, dass musste man ihr lassen.
Es war schön, ihr zuzuhören. Der Fernseher lief, Julie redete, ich nickte gelegentlich und beschäftigte mich gedanklich mit dem Bild auf meiner Staffelei!
Immer, wenn man gerade eine kreative Phase hat, sind die Instrumente außer Reichweite! Ich sah gerade einen kleinen Zweimaster vor mir, der auf einem noch ruhigen Ozean in die Abenddämmerung dümpelt. Der Horizont wirkt aber bedrohlich dunkel und sturmrot um die versinkende Sonne. Die kräftigen Farben spiegeln sich an der Grenze des Meeres zum Himmel hin besonders stark.
„...das war wirklich abstrus! Französisch kann manchmal echt verwickelt sein, sage ich dir.“
„Jaja.“
„Hey! Ich habe das Gefühl, du hörst mir gar nicht richtig zu!“
„Ich war so fasziniert von dem Mimenspiel deiner Lippen, dass ich dir gar nicht folgen konnte.“
„Lügner.“
„Deiner Augen?“
„Ach, halt den Mund. Du veralbert mich ja doch nur.“ Wieder war ich zu lustlos, um das letzte Wort haben zu wollen. Julie kuschelte sich mit dem Rücken an meine Brust und ich nahm noch einen Schluck Bier.
Das Boot würde leicht backbords schaukeln und den Bug naiv Richtung Horizont erhoben haben. Ich würde hauptsächlich zinnoberrot und karmesinrot verwenden, um die harmlos gefährliche Stimmung widerspiegeln zu können. Hatte ich überhaupt noch karmesinrot?
„Wollen wir nicht einen richtigen Film gucken? Heute kommt irgendwie nur Mist.“
„Hast du noch einen Film da?“
Julie rappelte sich auf. Ich musste die Farbe nachkaufen.
„Was hältst du von Blind Date?“  
„Darf ich denn dabei wenigstens die Hände gebrauchen?“
„Ich betrachte das als ein `Ja´.“
Ich trank gemütlich aus der Flasche und beobachtete Julie, wie sie im Regal die DVD suchte. Was stimmte eigentlich nicht mit ihr? Sie war zweifellos das schönste Mädchen, welches mir jemals unter die Augen gekommen war. Ich hätte was darum gegeben, sie in Ölfarben verewigen zu können. Das wäre ein Portrait, dass jedem stumpfen, ordinären Zimmer zu echtem Glanz verholfen hätte. Ich hätte mein Bild von ihr und meine Ruhe! Leider konnte ihr Andi aber nicht malen...
Ich stand auf um eine neue Flasche zu holen.
„Hab` ihn.“  Triumphierend hielt Julie den Film in die Höhe.
„Mach' ihn schon 'mal an.“
„Kommst du denn?“
„Ich hole mir nur noch eine neue Flasche.“
Ich sank in der Couch zusammen und beobachte Kim Basinger und Bruce Willis bei ihrer amüsanten Odyssee. Julie kuschelte sich wieder fest an mich und ich wurde müde.
Wenn ich jetzt hätte sterben können, hätte ich jetzt sterben können. Es war mir alles so egal.
Es war schön, jetzt hier zu sein. Es war schön mit ihr. Ja, es war schön.

                        11
Es war selten so schwierig wie heute gewesen, nicht mit Julie im Bett zu landen!
Nicht, weil ich ausgerechnet an diesem Tag einen besonderen Grund gehabt hätte. Es war vielmehr das Fehlen eines Grundes, warum ich es nicht tun sollte!
Ihr Haar duftete frisch nach Shampoo, ihr Pullover war samtweich, sie lag halb auf mir drauf und hatte den Arm um mich gelegt. Ich war angeheitert und fand keinen wirklichen Hinderungsgrund. Vielleicht war ein bißchen Angst mit im Spiel, aber ich glaube, es hatte andere Gründe.
Ich bezahlte das Taxi und trank zu Hause weiter. Ich schrieb mehr schlecht als recht noch drei Seiten an meinem Buch weiter, vertippte mich aber zu häufig und ließ es dann bleiben. Ich hatte auch noch gut zwei Monate Zeit, bevor mir mein Verleger wieder Druck machen würde.
Ich nahm das Weinglas mit auf den Balkon und blickte auf die Straße hinab. Viel Verkehr war nicht mehr. Die bunten Leuchtreklamen blendeten mich und ich blickte auf meine Füße.
Es war alles ganz nett. Ich hatte keine Probleme und machte mir keine Sorgen. Alles ging geruhsam seinen Gang und ich konnte mich wirklich nicht beschweren. Es ging mir prächtig.
Ich war gesund, zufrieden, vermögend und brauchte mir keine Zukunftsängste einzureden.

Eine Stunde später stand ich weinend an einer Hausecke. Ich blickte hinauf zu einem kleinen Fenster, aus dem nur warmes oranges Licht drang. Ein winziges Studentenwohnheim mit Einzelwohnungen. Alle anderen Fenster waren dunkel wie die Nacht.
Ich atmete in schweren Zügen, denn ich war fast die ganze Zeit gelaufen. Mein Hals tat weh und meine Beine fühlten sich an wie Gelee. Meine Brust drückte auch schmerzhaft auf die Lunge.
Ich weinte, als ich die Silhouette hinter dem Fenster sah. Als es plötzlich knarzte, bekam ich einen Riesenschrecken und sprang hinter die Hausecke außer Sicht.
Ich drückte mir die Hand gegen den Brustkorb und spähte vorsichtig, fuhr dann aber zurück.
Kezia stand am Fenster und blickte in die Nacht. Ich setzte mich auf den dreckigen Steinboden, vergrub mein Gesicht in meinen Händen und schluchzte. Ich war zu weit weg, und die Stadt zu laut, als dass sie es hätte hören können. Ich wollte am liebsten hier sitzen bleiben und einschlafen oder sterben. Das spielte keine Rolle mehr. Ich war betrunken, mir tat alles weh und ich hatte nichts, für das ich hätte weiterleben wollen.
„Gott, das ist mein halbes Leben. Du hast den Falschen begabt. Nimm dir ruhig wieder, was du geschenkt hast. Segne meine Kezia und schenke mir nur noch ein rasches Ende. Bitte Gott. Amen.“ Ich konnte mich kaum noch artikulieren.
Als ich eine halbe Stunde so gesessen hatte, stand ich auf und trottete heim. Ich schaute nicht mehr nach, ob das Fenster noch offen war.

„Und du meinst, wir sollten uns heute wieder im Eiscafe treffen? Ich weiß nicht.“
„Komm schon, raff´ dich auf!“ Chris sprach mit Nachdruck. „Außerdem bist du uns noch was schuldig nach dem verhunzten Treffen bei dir zu Hause. Das war echt ziemlich dämlich!“
Ich hatte Kopfschmerzen und meine Augen waren rot von den ganzen Tränen der Nacht. Es ging schon auf zwölf Uhr zu. Die Sonne stand hoch am Himmel.
„Okay, ich werde da sein. Kommen die anderen auch?“
„Fabi kommt auf jeden Fall. Bert weiß noch nicht, ob er früher Schluss bekommt. Hast du eigentlich vergessen, warum wir uns treffen wollten?“
„Wie, warum?“
„Fabi`s Geburtstag!“
„Oh shit, richtig. Was schenken wir ihm?“
„Wie wär’s mit Jessica? Wir brauchen nur noch eine Torte, aus der sie springen kann.“
„Das organisierst du, ich denke, ich lasse ihn heute einfach auf meine Rechnung trinken.“
„Um vier?“
„Vier!“
„Bis gleich.“ Er legte auf. Ich hatte keinen Hunger, obwohl ich seit fast vierundzwanzig Stunden nichts gegessen hatte. Ich schaltete nur den Rechner an und schrieb. Ich schrieb fast zehn Seiten. Mehr, als in den vergangenen zwei Wochen. Die Stunden vergingen wie im Flug und ich wollte nicht aufhören zu schreiben, bis die Zeit wirklich knapp wurde. Eilends rasierte ich mich, ging unter die Dusche, würgte mir eine Scheibe trockenes Brot herunter und fuhr los. Ich ließ die Musik so laut laufen, dass mein Benz zu den Metal Bässen bebte.
Durch unerhörtes Glück schaffte ich es dennoch der Erste zu sein, der die Lokalität erreichte. Durch Glück oder die obligatorischen zwanzig Minuten, die meine Freunde immer zu spät kamen.
Ich suchte mir pingelig den Tisch aus, und rückte mit übertriebener Sorgfalt meinen Stuhl in die Position, von der aus ich mich gleich mit meinen Freunden in eine mehr oder minder gepflegte Konversation stürzen würde. Ich trommelte mit den Fingern meiner Linken auf den Tisch, derweil ich interessiert mit der Rechten in der Getränkekarte blätterte. Es war erstaunlich, was es nicht alles für Drinks gab, deren Namen ausgesprochen für mich so exotisch geklungen hätten, wie es außergewöhnlich für mich war, mich für sie zu interessieren.
Erste Prämisse: Alle Idioten sind unglücklich.
Zweite Prämisse: Ich bin ein Idiot.
Konklusion: Ich bin auf dem besten Wege, mir den Tag zu verderben.
Ich winkte auffällig nach der jungen Kellnerin. Eine attraktive Frau, gerade zwanzig und vermutlich Studentin.
„Hi!“
„Hi. Schon fündig geworden?“ Sie blickte mir über die Schulter auf die Karte und beugte leicht den Rücken, um feststellen zu können, auf welcher Zeile mein Zeigefinger ruhte.
„Ich bin mit mir leider noch gänzlich uneins! Ist es genehm, wenn ich dich duze? Das ist für gewöhnlich nicht ganz mein Stil, aber ich bin recht unbeholfen, wenn ich es mit so charmanten jungen Damen zu tun habe.“
Das war so plump und banal und dabei so direkt, dass es ihr die Höflichkeit gebot, sich zumindest ein Lächeln abzuringen.
„Das ist schon Okay. Wie wär`s mit einem Foggy Dew? Hat die richtige Menge Alkohol, das du in einer Stunde wieder seelenruhig Autofahren kannst.“
„Das klingt vielversprechend. Ich werde hier auf dich warten.“
Jetzt lächelte sie noch etwas großzügiger, schaute sich um nach anderer Kundschaft, und befand das Gasthaus alsdann für so leer, dass sie sich einen Stuhl heranzog, und sich zu mir setzte.
„Hi, noch einmal. Ich glaube, ich habe dich schon einmal hier gesehen. Da warst du mit Freunden hier, nicht?“
Ich freute mich über ihre Geselligkeit und lächelte sie offen an: „Du hast ein gutes Auge.“
„Manche Leute behaupten sogar, ich hätte zwei!“
„Diesen Leuten schließe ich mich bedenkenlos an. Hat das Mädchen mit den zwei guten Augen auch einen Namen?“
„Eben war es noch eine `Dame´, aber das Mädchen heißt Nicole.“
„Oho, ich werde mich befleißigen die `Dame´ zu wahren, betrachte meinen Fauxpas als einen unrühmlichen Ausrutscher in Anbetracht deiner überaus charmanten Gegenwart.“
„Du bist ein Schwätzer, nicht?“
„Wäre es einen Versuch wert, das Offensichtliche zu leugnen.“
Die Kleine lächelte mich an und rückte ihren Stuhl zurecht.
„Wie sieht es aus mit deinen Freunden? Kommen die gleich noch?“
„Natürlich! Ich bin einer von den Jungs, die nur ein bißchen flirten, um dich gleich mit einem hässlichen Freund von ihm zu verkuppeln.“
„Hey! Das ist unsere Masche!“ Sie lachte.
„Willst du uns Männern absprechen, lernfahig zu sein? Ich dachte mir: so ein hübsches Gesicht kann man doch nicht einfach vorübergehen lassen!“
„Soso.“ Sie überlegte kurz ihre Antwort. „Welcher von deinen Freunden darf es denn sein?“
„Moment! Du bringst mein ganzes Konzept ins Wanken! Ich wollte erst noch ein bißchen lobhudeln, wie vortrefflich deine Schlagfertigkeit ist und welche Rückschlüsse das auf deine Intelligenz zulässt, wenn du mir erlaubst, diese ziehen zu dürfen. Ganz zu schweigen von den zahlreichen Anspielungen auf deine liebreizende Erscheinung und...“
„Ich revidiere das mit dem Schwätzer, du bist ein sehr sympathischer, direkter und anziehender Typ.“
„Keine Ironie bitte, ich war noch nicht am Ende.“ Die Kleine lachte noch einmal amüsiert und machte Allüren aufzustehen. Ich legte ganz sanft meine Hände auf ihre Schultern, und sie setzte sich bereitwillig wieder hin.
„Du wirst ihn mögen. Er ist wirklich prima. Du magst doch vollschlanke Männer?“
„Gewiss!“ lachte sie.
„Auch wenn sie einen hohen Haaransatz haben.“
„Natürlich.“
„Und dafür sonst komplett behaart sind.“
„Gerade die!“
„Dann kommt Fabi für dich wohl nicht in Frage. Schade, war nett mit dir geplaudert zu haben.“
Wir waren wohl schon auf einem kumpelhaften Level angelangt, dass sie mich boxte, als ich mich demonstrativ abwandte.
„Au! Ich dachte, Damen boxen nicht.“
„Stimmt. Sie kneifen höchstens!“ Sie versuchte es, doch ich erwischte ihr Handgelenk und zog ihre Hand heran, um ihr ganz gentlemanlike einen Handkuss zu geben.
„Prüfung bestanden! Miss Nicole, es ist mir eine große Ehre und ein vortreffliches Vergnügen, sie in die Zahl der neunzig engeren Bewerberinnen um die Hand meines guten Freundes und vollkommenen Gentlemans Fabian I., aufnehmen zu dürfen.“
Ich sah ihr an, dass sie sich gerade überlegte, ob ihr die ganze Sache nicht inzwischen viel zu komisch anmutete und sie besser gehen sollte. Aber dieses Mädchen war viel zu klever und zu keck, um jetzt die Flagge zu streichen! Sie zog eine theatralisch-skeptische Miene und nahm ihre Hand nach dem Handkuss schauspielerisch zurück, als wäre ihr gerade eine Anmaßung widerfahren.
„Wenn dein Freund nicht halb so grausam ist, wie du ihn schilderst, werde ich ihn auf Händen tragen.“
„Zweihundertzwanzig Pfund?“
„Fabian war der Dunkelblonde mit den traurigen Augen?“
„Nicole, du hast zwei perfekte Augen und ein gutes Gehör!“ Ich war tatsächlich verblüfft. Dieses Mädchen musste uns wirklich gut beobachtet haben! Ich nickte ihr anerkennend zu.
Dann holte mich aber die Realität wieder ein und ich sprach mit ihr in meinem ernsteren Ton.
„Weißt du, du bist echt sehr aufgeweckt, wenn dich diese Äußerung meinerseits nicht herabwürdigt. Denn ich versichere dir, so ist sie wirklich nicht gemeint! Du bist ein echt klasse Mädchen und ich finde es schade, dass wir uns nicht näher kennen. Wenn du wirklich Interesse an Fabi zeigen solltest, lass dir gesagt sein, dass der arme Kerl total im Liebeskummer versumpft! Er wird also unfreundlich und abweisend sein, bis er merkt, dass man ihn nicht nur verarschen will. Wenn du ihn trotzdem ganz sympathisch findest...meinen Segen hast du! Ich fände es sogar echt super, wenn er mit dir, Nicole, etwas anfangen könnte! Ihr habt es verdient!“
Die Kleine scharrte ein wenig mit dem Fuß, fand dann aber wieder in ihre Schlagfertigkeit zurück: „Dann will ich ihn mir einmal angucken! Du bist echt total nett! Wie heißt du eigentlich?“
„Ach weißt du,“ murmelte ich leise, „nenn mich einfach Idiot!“

„Also, astrein Mann. Das Mädchen ist ein echter Glücksgriff. Hast du gesehen, wie sich Fabi´s Miene aufhellte, als sie ihm ganz herzlich gratulierte, und sich kurz zu ihm gesetzt hat?“
Ich nickte.
„Stell dir mal vor, er könnte sie wirklich gut leiden!“
Ich nickte wieder und holte mein Handy aus der Tasche. Das war jetzt schon der zweite kurze Vibrationsalarm innerhalb von zwanzig Minuten. Zwei neue Mails.
„So, jetzt Ruhe. Nicole kommt.“ flüsterte Chris.
„Du bist doch der einzige, der hier redet.“ murmelte ich emotionslos.
„Hi!“ grüßte Nicole uns euphorisch,“ sagt mal, glaubt ihr, euer Freund hat was für mich übrig?“
„Klar: er ist nur auf Toilette gegangen, um sich seinen rauchenden Kopf zu kühlen!“ Ich legte das Handy vor mich auf den Tisch.
„Höre nicht auf ihn. Ich meinte gerade noch zu Cay, dass sich Fabi sehr gefreut hat, als du dich mit ihm unterhalten hast. Das letzte Mal habe ich ihn so erfreut gesehen, als...mal überlegen...das muss schon `ne Weile her sein...“
„Okay, spar dir die Mühe,“ die Kleine lächelte und machte sich zum nächsten Tisch auf: „Mehr wollte ich gar nicht wissen.“
Zwei Mails. Natascha und Julie. Es juckte mich im ganzen Arm das blöde Ding vom Tisch zu fegen, das es auf dem Boden zersprang. Ich legte beruhigend meine andere Hand auf das Handgelenk, um diese Aktion zu vermeiden.
„Zurück zu dir! Du scheinst auch in letzter Zeit keine Clowns mehr zu frühstücken. Höchstens ziemlich frustrierte und sarkastische.“
Ich guckte Chris nur genervt an und zog den linken Mundwinkel kurz hoch. Nachdem ich das mit der netten kleinen Nicole in die Wege geleitet und meine beiden Freunde begrüßt hatte, war meine Stimmung plötzlich wieder unter Null gesunken.
„Fabi hat nichts erzählt, warum du am Sonntag so übel drauf warst. Hat nur angedeutet, das es eine deiner Frauengeschichten war.“
„Ach, Schwachsinn.“ murmelte ich leise.
„Wie wär`s, wenn du mich auch einweihst. Ich kann mir nämlich wesentlich Schöneres vorstellen, als in deine übellaunige Visage zu gucken und mir so auf unangenehmsten Wege die gute Laune zu verderben.“
„Sorry. Ich will nicht so sein.“ Ich schob mir mit zwei Fingern die Mundwinkel nach oben, und behielt das müde Grinsen bei.
„Schon besser. Interessieren tut es mich dennoch. Was du...“ Chris sah über die Schulter, als Fabi wiederkam.
Er sah recht zufrieden aus. Für seine Verhältnisse sogar fast überschwenglich.
„Meint ihr, Nicole kann mich leiden?“ Er setzt sich wieder hinter seinen Cappuccino.
Chris und ich lächelten und sprachen synchron: „Ich weiß nicht!“

                        12
Ich wollte meine Freunde an diesem Nachmittag gar nicht wieder verlassen, aber Chris musste weg und Fabi hatte auch nur noch Augen für die kleine Nicole. Sie würden es bestimmt heute noch schaffen, sich zu verabreden und Fabi würde sich eine derbe Koffeinvergiftung zuziehen, wenn er noch lange hier bleiben würde.
Ich saß im Parkhaus hinter dem Lenker und überlegte, wo ich hinfahren sollte. Vielleicht sollte ich bei Bert vorbeischauen. Er hatte jetzt Feierabend.
Ich blickte auf meine Füße. Es gab jetzt etwas anderes, das mich beschäftigte!
Ich nahm das Handy und schrieb. Vier Worte. Ich starrte gebannt auf den winzigen Satz, wählte die Nummer aus dem Telefonbuch und ließ meinen Daumen über der Sendetaste kreisen wie einen Greif. Einen Greif, der jeden Moment auf sein ahnungsloses Opfer herabstürzt, es mit seinen Klauen zermalmt und mit seinem bösartigen scharfen Schnabel in Stücke reißt.
Mein Gesicht wurde immer grimmiger und ich atmete flacher. Mein Daumen blieb in der Luft stehen.
Ich konnte es nicht tun! Soviel Selbstachtung brachte ich gerade noch auf. So schrecklich könnte ich nie jemanden verletzten. Niemand hatte das verdient, so etwas abartig Widerliches angetan zu bekommen.
Ich löschte die Nachricht und löste die Handbremse. Ich würde es persönlich machen.

Während der Fahrt passierte nicht viel in meinem Kopf. Meine Tränen hatte ich in der Nacht schon verloren und was zum Henker hatte ich mir überhaupt dabei gedacht, als ich mir diesen Strick gedreht hatte? Es schien mein Segen und mein Fluch zu sein, dass ich oft zu viel und oft zu wenig dachte.
Ich wollte es jetzt tun. Ich wollte angebrüllt und verdammt werden, denn ich selbst hatte schon lange die Macht über mich verloren. Ich konnte mich nicht mehr schelten, ich hörte nicht mehr auf mich!---
Bleiern waren meine Beine, als ich die Treppen zu ihrer Wohnungstür nahm. Es war später Nachmittag, als das Abendlicht in meinem Rücken mir über die Schulter fiel und Julie blendete, als sie die Tür aufzog.
„Hi, Schatz, komm `rein.“ Sie gab mir einen Kuss. Er war feucht und kühl an meiner Wange.
Wir gingen in ihr Zimmer.
Wie macht man Schluss? Ich konnte mich nicht erinnern. Ich setzte mich stumm auf ihr Bett und fürchtete mich.
Julie lief zum Fenster und zog die samtgelben Vorhänge zu, dass uns das waagerecht fallende Abendlicht nicht störte. Ich atmete gleichmäßig und das war auch schon alles, was ich tat.
Julie setzte sich wieder neben mich und es schien, wie immer zu sein.
Ich beschloss, ehrlich zu sein. Das schuldete ich ihr! Ich würde ihr auch auf jede Frage antworten.
„Julie,“ ich fasste sie ganz sanft am Arm an und sprach ruhig und weich. „Wir können uns nicht mehr lange sehen.“
Sie erschrak, verstand aber nicht, was ich meinte.
„Was redest du, wieso können wir uns nicht mehr lange sehen.“
Ich schluckte. Vielleicht war es besser so...
„Ich ziehe nach Bolivien. Meine Firma will mich dort haben.“
Schweigen. Ihre blauen Augen regten sich nicht. Sie sah mich wie gebannt an und schwieg.
Sie war so ernst wie absolut erstaunt. Sie fand keine Worte. Ich hörte sie nur Schlucken.
Ich streichelte ganz sanft ihren Oberarm. Wir saßen nebeneinander und es war still im Zimmer. Kein Laut drang an meine Ohren, nicht einmal durch das Fenster.
Ich senkte meinen Blick, aber unterbrach den Kontakt zu ihrem Arm keine Sekunde.
Ich hatte ihr vermutlich gerade das Herz gebrochen und ihren Traum zerstört, wie immer er ausgesehen haben mochte.
Ich hörte uns beide nur atmen, lange Minuten. Ich hörte uns atmen und streichelte ihren Arm.
Dann spürte ich, wie Julie vibrierte. Auf, auf, auf und ab. Ein winziger Schluchzer fuhr wie ein Schauer durch sie. Sie begann ganz leise zu weinen und saß still wie eine Salzsäule auf der Bettkante.
Ich sah eine erste dicke Träne ihre makellos schöne Wange herab rinnen.
Ich legte ganz vorsichtig meinen Arm um sie. Sie wehrte sich nicht, so zog ich sie sanft an meine Brust. Als ich ihr Gesicht an meiner Brust hatte, platzte es aus ihr heraus.
Sie weinte und schluchzte. Es war, wie bei einem Kind, dass von seinem alleinerziehenden Elternteil böse ausgeschimpft wurde und sich dann unter Tränen mit dem mächtigen Bedürfnis nach Wärme und Liebe eben an dieses klammert! Sie hätte mich hassen müssen aber sie hielt sich an mir fest.
Ich drückte sie fest und weinte mit ihr mit, ganz wenig. Es war wie ein Abschied von einer guten Freundin in einem anderen fernen Land, in die man sich leicht hätte verlieben können.
Ich streichelte sie und wartete, bis sie sich beruhigen würde.
Julie war stark.
Sie wurde ruhiger und löste sich aus meinen Armen. Sie schluckte immer wieder heftig und Seufzer ließen sie erzittern. Sie würde nicht klar sprechen können, so heftig hob und senkte sich ihre Brust.
Ich wollte es ihr nicht noch schwerer machen und stand auf. Sie sah mich an, und konnte sehen, dass meine Augen auch nicht trocken geblieben waren. Mehr konnte ich jetzt nicht für sie tun.
Sie saß ganz klein und verschüchtert auf ihrem Bett. Die Augen gerötet und die Wangen rot. Sie war sehr tapfer und stark. Eine kluge kleine junge Frau. Ich behielt dies Bild vor Augen, beugte mich herab und küsste sie ein letztes mal auf ihre schönen Lippen.
„Leb wohl, mein Schatz. Ich werde dich nicht vergessen!“ Ich verließ ihren Raum und ging zur Haustür. Draußen lief ich zu meinem Wagen und fuhr.
Manchmal ist die Wahrheit zu verlogen, um sie verkraften zu können.

                        13
Meine Finger flogen über die Tasten und ließen den Flügel erzittern, als ich zu einem Crescendo ausholte und unter den schwarzweißen Zähnen wütete wie ihr Jüngstes Gericht.
Ich schlug die Tasten nieder und quälte sie unaufhörlich mit meiner harten Hand.
Eine Stampede aus Akkorden ließ ich über sie hinwegdonnern und grollend von einem Horizont zum anderen jagen. Ein Sturm aus Hass und Agonie manifestiert in zwei zehnfingrigen Ungeheuern.
Ich hatte sie betrogen. Ich hatte sie unglücklich gemacht. Ich hatte ihr Herz gebrochen. Ich hatte Kezia´s Herz gebrochen.
Es war ein Schmerz tief in meinem Leib und meiner Seele, der gewachsen war wie ein bösartiges Geschwür. Mit allen seinen Verästelungen hatte es mich durchsetzt und marterte mich nun. Er war gewachsen in der Sekunde, als ich in ihren Augen ihren Schmerz gesehen hatte. Obwohl ich versucht hatte, meinen Schmerz zu bekämpfen, ihn verleugnet und ignoriert habe, er war mit jedem Tag, mit jeder Stunde, Minute und Sekunde stärker geworden.
Noch wollte ich es nicht akzeptieren. Noch konnte ich es nicht glauben. Noch sträubte ich mich es zu sehen und anzunehmen.
Meine Tür ging auf und wurde ins Schloss geworfen. Wie eine Sturmböe schoss Cecile heran und packte meine Hände.
„Bist du des Wahnsinns? Wenn du so weitermachst, fliegen wir beide hier raus!“
Ich stieß nur verächtlich die Luft aus und drehte mich vom Klavierhocker von Cecile ab. Mein Herz schlug wie nach einem zweihundert Meter Sprint.
Cecile holte Luft: „Weißt du, für einen erwachsenen großen Bruder, benimmst du dich verdammt kindisch. Bis in Erdgeschoss konnte man dich hören!“
„Habe ich falsch gespielt?“
„Kann ich dich hier alleine lassen, ohne dass du etwas Dummes anstellst?“
„Ich habe ihr Herz gebrochen, weißt du?“ schluchzte ich. Ich sah auf den Teppich und spürte wie eine heiße Träne mir an der Wange entlang bis zum Kinn lief und dann zu Boden fiel.
Zwei kleine Arme schlangen sich um meine Schultern und ihr lockiges Haar und ihr warmer Kopf lehnte sich an meinen. Ich wollte reflexartig aufstehen und Cecile abschütteln, stattdessen schluchzte ich.
„Mein dummer kleiner Bruder!“ sie küsste mich auf die Wange und kuschelte schmusend ihren Kopf an meinen:
„Du hast keine Ahnung von Liebe, weißt du?“
Ich weinte nur. Ich dachte, ich hätte längst keine Tränen mehr. Jetzt weinte ich und wünschte mir nur, dass Cecile nicht fortging!
Sie blieb.
„Weißt du nicht, dass du schon lange, lange Zeit in Kezia verliebt bist?“
„Neiiin!“ klang das bibbernde Jaulen aus meinem Mund.
„Du liebst sie, du Dummkopf! Du hast sie schon immer geliebt!“
Ich versuchte meinen Kopf zu schütteln, aber Cecile drückte mich zu fest.
„Cay, du weißt es und ich weiß es. Du liebst Kezia.“
„Aber warum dann...“ schluchzte ich.
„Ich weiß nicht. Weil Männer dumm sind? Vielleicht hast du geglaubt, dich ihr beweisen zu müssen? Vielleicht wolltest du ihr zeigen, was für ein toller Hecht du bist? Du hast nur immer sie gesehen und sie bewundert, für das, was sie ist. Du glaubst, dass all deine Kunst und all deine Talente nichts sind im Vergleich zu ihr! Und du hast Recht!
Du wolltest dir zeigen, dass du jede Frau haben kannst, dass du gar nicht auf sie angewiesen bist. Du kannst es vielleicht, du kannst vielleicht viele Frauen haben, aber du kannst nicht ohne deine Kezia sein!“
„Cecile, ich...“
„Du verstehst nicht, was wir Mädchen wollen, nicht wahr? Du kannst nicht begreifen, dass wir keinen Supermann wollen, der selbst von sich denkt, wie toll er doch ist. Wir wollen einen Mann, der uns liebt, verstehst du? Wir wollen einen Mann, der alles mit uns teilt.“
„Aber ich...“
„Ich weiß. Das wolltest du alles auch gar nicht: du wolltest ihr und dir nicht zeigen, wie toll du doch bist, aber weißt du was? Du hast es getan! Du hast schreckliche Dummheiten gemacht und alles nur weil du dir selbst zeigen wolltest, dass du stark bist oder es Wert bist, Kezia zu lieben. Du bist weder das eine noch das andere, aber sie schenkt dir ihre Liebe trotzdem! Jetzt hör` endlich auf zu flennen, jetzt muss ich selber auch Weinen, du Doofmann! Warte, ich hole Taschentücher.“
Cecile ließ mich los. Ich zog die Nase hoch!
Meine Schwester kam wieder und drückte mir ein Taschentuch in die Hand. Wir schnäuzten uns beide.
Wir setzten uns auf den Teppich.
„Weißt du, wann ich mich in Achim verliebt habe?“
Ich schüttelte nur den Kopf.
„Als er mich nach einer Geburtstagsfeier gefragt hat, ob ich mit ihm ins Kino gehen würde. Ich habe abgelehnt, weil er das so total beiläufig gefragt hatte, als wäre es ihm eigentlich egal, als täte er mir damit vielleicht einen Gefallen.“
Ich blickte Cecile nur unverständig an.
„Achims Blick war darauf so traurig und schwer, als hätte ich ihm in den Magen geboxt.“
Nach ihren letzten leicht zittrigen Worten schnäuzte sie sich wieder.
Das war so komisch, wie sie über ihre eigenen Worte ins Weinen geriet, dass ich lachen musste. Cecile lachte auch. Wir lachten uns gegenseitig aus und an.
Ich stand bald auf und schnäuzte mich ein letztes Mal, zwang meine Stimme wieder mehr oder weniger erfolgreich ruhig zu werden und sprach:
„Danke! Ich mache jetzt Kräutertee. Willst du auch einen?“
Cecile stand auf und nickte. „Ja, gern. Und jetzt: Ich werde dich im Auge behalten. Blöder Bruder.“
Ich warf ihr ein Handküsschen zu und ging frisch und befreit in die Küche. Genug geweint für die nächsten Jahre. Ich erzählte ihr beim Tee noch, was mit Julie geschehen war. Ich sagte ihr auch, dass ich auch mit Natascha nicht so weitermachen würde. Cecile war zufrieden.
Draußen war es schon Nacht, aber bald würde es wieder Morgen werden.

                        14
Ich stand auf und mein Herz war von tiefer Trauer erfüllt. Cecile und ich hatten nicht mehr viel geplaudert an jenem Abend. Wir hatten fast schweigend unseren Tee getrunken und uns verstehend zugelächelt. Die letzte Nacht war eine Folter. Ich hatte all die Ängste durchlitten, die ich nur zur Schulzeit kannte, wenn eine Klausur am Morgen anstand, für die ich nicht gelernt hatte. Das war fast immer der Fall gewesen, aber die Angst war nie gewichen.
Ich war ein gebrochener Mann und ich war es nicht Wert, Kezia noch einmal unter die Augen zu treten, das wusste ich jetzt! Ich würde damit klarkommen müssen.
Vielleicht hatte ich irgendwann einmal die Chance gehabt, diesen Engel lieben zu dürfen, aber ich hatte sie verschenkt. Verschenkt an die lieblose Gleichgültigkeit mir selbst gegenüber, an meine Feigheit und schlussendlich an meine trotzige Selbstverliebtheit.
Vielleicht war es auch meine Unsicherheit, aber das spielte jetzt keine Rolle mehr! Sie hat mich geliebt und ich hatte nichts Besseres zu tun, als sie zu betrügen. Sie und mich selbst.
Ich lächelte, als ich die kleine Schranktür zu meiner winzigen Hausbar öffnete. Diese Erkenntnis war mir einen Grappa wert.
Um es korrekt wiederzugeben: Ich hatte keine einzige Minute geschlafen. Ich hatte die ganze Nacht auf meinem Bett gesessen und in die Dunkelheit geschaut. Ich hatte mit offenen Augen geträumt von einer Realität, in der ich meine Fehler ungeschehen machen konnte, aber als die Sonne durch mein Fenster schien, war mir bewusst geworden, dass ich in dieser Welt lebte.
Der Grappa schmeckte so schrecklich wie ich mich fühlte. Ich hasste Hochprozentiges so sehr wie körperlichen Schmerz, aber körperlicher Schmerz war mir allemal lieber, als die Torturen, die ich heute Nacht erlitten hatte.
Ich schleppte mich ins Badezimmer und betrachtete mich im Spiegel. Ein lächelndes Bild des Jammers blickte mich unglücklich an. Wer war das, den ich mein Gegenüber nannte? Wer war das, der sich einbildete, leiden zu müssen, obwohl er es war, der es erst geschaffen hatte?
„Cay, krepier du Schwein! Dein Selbstmitleid und deine damit einhergehende Selbstgefälligkeit ekeln mich genau so an, wie deine dreckige Visage. Wenn ich du wäre, würde ich mich aufhängen. Du bist urhässlich, weißt du das? Dein schönes Gesicht ist furchtbar hässlich, aber das kann niemand sehen! Sieh dich an und sage mir, was du jetzt tun willst!“
Ich wandte mich ab und trank mein Glas leer. Das war nicht der richtige Zeitpunkt für diese Entscheidung. Mir wurde schwindelig und ich ging auf die Knie. Schlecht war mir die ganze Nacht schon gewesen, doch jetzt holte mich endlich die Übelkeit ein. Ich robbte zur Schüssel.
Ich wartete, aber ich konnte nicht. Ich schlief ein.
Ich erwachte gegen drei, als das Telefon mich weckte. Ich war todmüde und nahm den Hörer ab.
„Manuel?“
„Natascha?“
„Hi, ich wollte mich bei dir melden, und fragen, ob du heute abend vielleicht Zeit hast. Ich habe heute wenig zu tun.“
Ich schluckte und merkte, dass mein Mund staubtrocken war.
„Ja. Ich muss dir etwas erzählen!“
„Dann bin ich mal gespannt. Wäre dir sieben Uhr recht?“
„Du kommst vorbei?“
„Ja, wenn es dir nichts ausmacht?“
„Gut, bis dann.“
Das Leben war eine irrwitzige Talfahrt ohne Sicherheitsgurte und mit undurchsichtigen Motiven, verloren in einem Wust von Gefühlen und gefesselt mit einem Strick aus Angst.
Ich nahm die Palette vom Boden auf und machte mich an die Arbeit. Es war ein dunkles Bild voller angedeuteter Kontraste, aber blieb ohne Aussage, außer der, dass es keine hatte.
Ich rief bei Kezia an. Meine Hoffnung und meine Furcht wurden erfüllt, als ihr Anrufbeantworter abnahm. Ich lauschte ihrer Stimme und schwieg. Als das Piepsignal ertönte, hängte ich ein.
Ich wartete lange Zeit, dann hob ich den Hörer erneut.
„Hi, ich bin zur Zeit nicht erreichbar, den Rest der Prozedur kennst du, also: Piiiep.“
„Hi Kezi...“ ich schluckte und wartete lange. „Ich bin es. Ich möchte dir nur eins sagen: Ich liebe dich! Ich habe dich schon immer geliebt! Leb wohl!“
Ich lächelte wieder. Ich würde heute meine erste Wohnung abmelden, und umziehen. In Baden-Württemberg würde ich schon ein lauschiges Örtchen finden. Meine Freunde würde ich regelmäßig am Wochenende besuchen und meine Schwester könnte sich ungestört in meiner zweiten Wohnung breit machen. Ich würde ein neues Leben anfangen und nur das Gute aus meinem alten Leben mitnehmen. Kezia ausgenommen.
Ich würde mich vielleicht irgendwann wieder verlieben können. Ich würde vielleicht irgendwann ein Mädchen kennen lernen, das mich so faszinierte, dass ich mich in sie verlieben würde. Ich wollte es glauben, denn der Schmerz und die Übelkeit in meinem Magen würgten mich.
Ich begann zu packen. Die ganzen Zettel der angefangenen Lieder, die Notenblätter und die unvollendeten Gemälde sammelte ich zu einem Haufen. Ich packte sie zusammen zu einem Stapel, wollte sie aber nicht lochen und abheften. Stattdessen ging ich raus auf meinen kleinen Balkon und blickte in die Nachmittagsonne. Wolken zogen von West nach Ost und ein kühler Wind ging. Das eherne Geländer war kühl und wunderbar hart. Ich hielt mich daran fest und beugte mich weit über die Brüstung der Sonne entgegen.
Nach Süden würde ich ziehen! Meine Zeit hier war vorüber. Ich würde Natascha eine ähnliche Geschichte auftischen, wie Julie. Sie würde bestimmt nicht ganz so hart getroffen werden, denn sie hatte ihre Arbeit. Sie würde mir vielleicht einige Tränen nachweinen, aber Natascha war sehr stark. Sie würde nicht lange brauchen, um über mich hinweg zu kommen. Sie hatte etwas, in das sie sich stürzen konnte, um mich zu vergessen, sie hatte ihre Arbeit.
Cecile würde ich auf einen Kaffee einladen, um mit ihr alles Notwendige zu klären. Ich würde sie vor vollendete Tatsachen stellen, wenn ich meine Wohnung bereits aufgegeben hatte und ihr alles Gute wünschen. In Baden würde ich mir ein Hotelzimmer nehmen, bis ich eine geeignete Pension gefunden haben würde.
Ich ging wieder rein. Meine Hände zitterten wie vom kalten Wind, als ich meine Garderobe in die dunklen Koffer faltete. Ich quetschte sie zusammen und drückte den Koffer zu. Das Schloss klickte leise. Es stand noch viel Arbeit bevor, aber vor heute Abend, würde ich alles Wichtige weggepackt haben.
Das Telefon klingelte ab und zu, aber ich nahm nicht ab. Die Möbel würden noch warten müssen, bis ich die neue Bleibe gefunden hatte. Ich wurde über all die Arbeit wieder fröhlicher und fand Gefallen an meinem Entschluss. Ich betete: „Herr, das Leben, das du mir geschenkt hast, geht manchmal eigenartige Wege. Hilf mir nun, den rechten Platz zu finden, an den ich gehöre. Bitte, Amen.“

Ich sortierte und packte fast den ganzen Tag, bis es dämmerte. Ich stolperte auf diesem Weg auch über mein Handy, auf dem ich eine kurze Mail fand. Sie war von Julie. Ich überlegte kurz, ob ich sie ungelesen löschen sollte, entschied mich dann aber doch dagegen.
„Bye, Andi. Ich habe dich geliebt. Ich will dir nicht böse sein, aber ich bin es! Ich wünsche dir dort viel Erfolg, aber nicht, dass du dort glücklich wirst. Du hast mich schwer verletzt. Deine Julie.“
Ich überlegte, was ich ihr zurück schreiben könnte, aber ich hatte genug gelogen. Sollte sie denken, was sie wollte. Ebenso Natascha. Sie konnten dankbar sein, dass ich mit ihnen Schluss machte!
Ich war froh und doch irgendwie enttäuscht, als mich den ganzen Tag niemand von meinen Freunden besuchen kam, um mir meinen Entschluss wieder auszureden. Ich hatte mir so viele Argumente extra für diesen Fall zurechtgelegt!
Um halb sieben klopfte ich bei Cecile. Meine kleine Schwester war zu Hause.
„Hi, Cay, willst du herein kommen? Oder brauchst du irgend etwas aus der Wohnung?“
Ich lächelte sie selbstsicher und fröhlich an: „Nein, danke. Weder das eine, noch das andere. Ich wollte mich nur bei dir bedanken für gestern abend!“
„Keine Ursache.“ Sie lächelte.
„Wie wär`s? Ich lade dich auf einen Cappuccino oder ein Eis ein. Morgen nachmittag drüben im Excelsior, da gibt es die besten Becher!“ Cecile überlegte kurz.
Sie nickte: „Ja, das ist okay! Wäre dir drei Uhr recht? Mein letztes Proseminar ist um zwei `rum, das schaffe ich locker.“
„Fein, drei Uhr also. Ich suche uns dann schon einmal einen Tisch!“
„Geht klar, Cay,“ sie strahlte mich an. „Ich freue mich.“
Ich lächelte herzlich zurück. Ceciles Fröhlichkeit war ansteckend. Ich ging wieder hinüber und sie schloss die Tür.
Mittwoch abend, gleich würde Natascha kommen und es wäre bald gelaufen.

15
Die Nacht war schnell vorüber. Meine Koffer waren schon auf dem Weg ins Baden-Badener Hilton und ich saß entspannt in dem harten aber bequemen Holzmöbel unten im Eiscafe, hatte die Beine ausgestreckt, die Hände in den Schoß gelegt und blickte verzückt aus dem Fenster.
Donnerstag nachmittag und ich fühlte mich den ungewohnten Umständen entsprechend prächtig. Sehr sogar! Ich hatte mein Leben wieder im Griff! Vor mir stand ein heißer Cappuccino mit Zucker und Sahne, mein Anzug saß perfekt, ich war wieder ausgeschlafen und munter. Ich hatte meiner unrühmlichen Vergangenheit Lebewohl gesagt. Ich ging nicht nach Bolivien, aber ich zog fort! Wieder unterwegs. Ich würde in Zukunft überhaupt mehr reisen, denn schreiben konnte ich überall und nichts band mich sonst an einen bestimmten Ort!
Ich lehnte meinen Kopf an die große Glasscheibe und blickte verträumt zu den winzigen Schäfchenwolken am azurblauen Himmel auf. Wie der Himmel wohl dort unten aussehen würde? Nicht gar ebenso blau und freundlich? Dort, in der Wiege des Weißweines?
Ein breites Lächeln überzog meine Züge und ich umarmte mich selbst, weil es mich kurz fröstelte. Warum war es hier unten auch so kalt? Es wurde Zeit, dass es endlich Sommer wurde und dieser kalte Frühling sein Ende nahm!
Ich nahm die hellblaue Cappuccino Tasse und gönnte mir einen kräftigen Schluck von dem heißen Getränk. Das Leben war wieder lebenswert. Nur noch wenige Minuten bis drei Uhr!
Ich legte mir wieder die Hände in den Schoß und blickte zufrieden auf den kleinen Tisch.
„Hallo.“
Ich blickte zur Seite.
Ich fuhr zusammen, mein Herz setzte kurz aus! Kezia? Hatte Cecile erraten, warum ich sie hierher bestellt hatte und deshalb Kezia an ihrer Stelle hierher gesandt?
„Darf ich mich setzen?“
Sie wartete die Antwort nicht ab und setzte sich mir gegenüber.
Sie war so schön, dass ich kaum atmen konnte und meine Kehle war zugeschnürt.
Kezia lächelte mich an. Ihr Lächeln war so ehrlich und so warmherzig und freundlich wie das eines Engels. Sie lächelte mich an, als ob nichts gewesen wäre.
Ihre hellen Augen waren traurig, aber sie lächelte und freute sich, mich zu sehen.
Ich machte den Mund auf, aber es kam nichts heraus. Ich versuchte es noch einmal. Vergeblich. Irgendetwas in mir war zerbrochen! Mein ganzer Körper schien zu brennen, mir wurde heiß und kalt wie im Fieber und ich spürte wie meine Mundwinkel anfingen zu zucken!
Meine Augen wurden feucht. Ich sah sie an. Mein Schatz bekam auch feuchte Augen, aber sie lächelte!
Ich versuchte immer noch zu sprechen, aber es kam nichts.
„Ich liebe dich immer noch, Cay! Willst du mich noch?“
Wie aus Staudämmen brachen meine Tränen hervor, ich sprang auf, warf den Stuhl um und riss Kezia an meine Brust. Ich drückte sie so fest, wie ich nie etwas in meinem Leben gedrückt hatte, und konnte sie nicht loslassen. Ich spürte ihre Arme, die mich auch so hart umschlangen, dass sie mich fast zerdrückten.
„Kezia, ich liebe dich!“ schrie ich mehr, als ich sprach. Ich spürte ihren Druck noch fester werden. Sie flüsterte leise an meine Brust: „Und ich liebe dich, mein Cay. Mein großer dummer Cay, ich liebe dich!“

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An alle bislang hoffnunglos Liebenden: "Da draußen werdet ihr die Richtige für euch finden!" Nicht weniger, noch mehr will ich euch versprechen! Und wenn es viele Jahre dauert! Das leidige Sprichwort "auf jeden Topf passt ein Deckel" ist letztlich wahr!!!Alexander Vogt, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.04.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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