Jürgen Berndt-Lüders

Black Velvet

Uta wollte sich endlich einen Flachbildschirm-Fernseher kaufen, und weil sie keine Ahnung hatte, heftete sie sich an einen Verkäufer im Elektronik-Markt, der eben ein anderes Beratungsgespräch führte.
 
Ein Mann sprach sie an. „Ich habe mir gerade selber einen LCD-Fernseher gekauft. Vielleicht kann ich Ihnen ja ein wenig helfen.“
 
Uta zweifelte. „Die sehen alle so gleich aus. Wie haben Sie...“
 
„Nun, ich habe mich vorher informiert. Soll ich nun oder soll ich nicht?“
 
Was hat der vor, fragte sich Uta. Der Mann schien ihre Gedanken zu erraten. „Der  Verkäufer muss noch einen Vertrag schreiben, mit dem ich zur Kasse gehe. Wollen Sie die Kiste sehen, die ich gekauft habe?“
 
Vielleicht ist er ja wirklich so, wie er aussieht. Nett und hilfsbereit, dachte Uta. Abwarten...
 
„Und den nehme ich gleich mit nach Hause und schließe ihn direkt an, wenn ich bezahlt habe“, sagte er, als sie vor dem Produkt seiner Wahl standen. „Schauen Sie, der ist  hervorragend in der Technik und dabei preiswert.“ Es folgte eine Reihe von Angaben, die Uta nicht verstand.
 
Uta schaute zum Verkäufer. Der gestikulierte mit Händen und Füßen und konnte seinen Interessenten wohl immer noch nicht überzeugen.
 
„Und wenn ich denselben nehme?“, fragte sich Uta laut.
 
„Dann laden wir beide in meinen Van und ich zeige Ihnen bei mir, wie man den anschließt.“
 
Der Mann lächelte so lieb und seine Augen blitzten.
 
„Und das machen Sie alles für umsonst?“, fragte Uta misstrauisch.
 
Er lachte. „Nein, ich brauche jemanden, der meinen mit nach oben trägt. Das Gewicht schaffe ich zwar allein, aber wenn der mir abrutscht...“
 
Gesicht und Hände deuteten die totale Katastrophe an.
 
Richtig, Ich muss ja auch jemanden für den Transport haben, und angeschlossen werden muss die Glotze auch, dachte Uta. Und wenn er niemanden hat, der den Karton mit nach oben trägt, ist er vielleicht Single.
 
Die beiden kauften also zwei identische Geräte beim Verkäufer, der endlich frei geworden war und luden die an der Warenausgabe gemeinsam in den Van.
 
„Wo wohnen Sie eigentlich, Schwänli?“, fragte er Uta im Auto.
 
Uta hatte Hemmungen, ihre Adresse so frühzeitig anzugeben. Erst so spät wie möglich, dachte sie, obwohl es auch nicht gerade ungefährlich war, in die Wohnung eines fremden Mannes zu gehen. Aber er sah so lieb aus...
 
„Wie kommen Sie auf Schwänli?“, fragte Uta und lachte.
 
„Gucken Sie doch mal in den Kosmetikspiegel“, rief er und klappte die Sonnenblende auf ihrer Seite herunter. „So hellblond natur, so helle Haut, hellblaue Augen, ein paar entzückende Sommersprossen. Fast wie ein Albino, wenn ich Sie damit nicht beleidige.“
 
Den Vergleich hatte sie schon öfter gehört. „Ach, dann sind Sie der Geisenpeter“, vermutete sie lachend.
 
Er lachte zurück. „Nein, der hatte ja viele Geisen, ich will nur eine einzige.“
 
Also ist er Single, dachte sie. „Dann sind Sie Bärli. Aus dem Buch von Heidi.“
 
„Ich bin dumm, ich kenne nur den Film“, sagte Bärli und schlug das Lenkrad ein. Sie waren angekommen.
 
Sie trugen sein Gerät die Treppe nach oben, und während sie sich umsah, packte er aus.
 
Warum habe ich nur seinen Namen nicht vom Klingelschild abgelesen, fragte sich Uta. Aber auf dem Tisch lag ja der Kaufvertrag. Sie linste auf das Papier und prägte sich den Namen ein.
 
„Sie können weiterhin Bärli zu mir sagen“, rief er fröhlich. Wieder hatte er bemerkt, was sie bewegte. „Kommen Sie, ich zeige Ihnen, wie man den anschließt.“
 
Er scheint  wirklich Single zu sein, dachte sie. Etwas unaufgeräumt, seine Bude, aber bei mir sieht es auch nicht besser aus.
 
Während er ihr auf der Rückseite des Fernsehers die Anschlüsse erklärte, spürte sie seine Nähe, die Wärme seiner Haut, und augenblicklich wusste sie, dass sie verliebt war. Verliebt und fasziniert und angeturnt, oder alles zusammen.
 
„Und nun zu Ihrem Gerät“, schlug Bärli vor. „Wir haben zwei Möglichkeiten zur Auswahl. Wenn Sie über einen Mann oder einen Bruder oder sonstwen verfügen, der ihre Kiste zu Ihnen bringen könnte, dann rufen Sie den jetzt an, oder...“
 
Ute lachte empört. „Ach, so ist das, jetzt, wo ich Ihnen geholfen habe...“
 
„Nein“, widersprach er ernst. „Ich wollte nicht, dass Sie sich verpflichtet fühlen, mich in Ihre Wohnung zu lassen. Sie kennen mich ja gar nicht, und als Frau...“
 
„Oh, ich kann mich wehren“, rief Uta und zeigte ihren Bizeps.
 
*
Sie hatten Utas Fernseher nach oben gebracht, ausgepackt und angeschlossen. Alles funktionierte fabelhaft, und wieder war es seine Nähe, die sie fast um den Verstand brachte. Und bei alldem schien er cool zu bleiben. Das flöste ihr einerseits Vertrauen ein, nahm ihr aber zunehmend die Hoffnung auf eine neue Liebe...
 
„Ich koche mir eine Tasse Kaffee“, beschloss sie und rieb sich verlegen die Hände. „Wollen Sie auch eine?“
 
Er wollte, und sie legte ihre Lieblings-CD auf. Sie redeten Smalltalk, unverbindliches Zeug, und Bärli mochte nicht gehen und Uta-Schwänli mochte ihn nicht gehen lassen.
 
Inzwischen war es dunkel geworden, und bei Uta waren die letzten Zweifel dahin. Sie würde ihn unbedenklich allein lassen können.
 
„Ich müsste dann mal wohin“, flüsterte sie in einem Tonfall, als müsste sie ihm einen Mord gestehen. „Bis gleich...“
 
„Oh bitte, lassen Sie mich vor“, rief er und sprang auf. „Ich platze bald.“
 
„Ich brauche nicht lange...“
 
„...nein, bitte“, rief er flehentlich. „Meine Ex meinte auch immer, sie bräuchte nicht lange...“
 
Uta lachte. „Na gut, ich verfüge im Gegensatz zu den meisten Männern über eine gehörige Portion Selbstbeherrschung...“
 
Bärli verschwand.
 
Wie steht es mit meiner Selbstbeherrschung wirklich, fragte sich Schwänli-Uta. Der Typ ist so süß, ich bin derartig verknallt, dass ich drei Tage Rotz und Wasser heulen würde, wenn er geht, ohne das wir ein Pärchen geworden sind.
 
Bärli war wieder da und Uta sprang auf.
 
Die Klobrille war unten und im Waschbecken hatte Wasser gestanden. Das Gästetuch war leicht feucht. Vorbildhaft, dachte Uta und setzte sich.
 
Was bin ich nur für ein Luder, kritisierte sie sich, als sie sich nicht nur die Hände wusch. Ein abgekartetes Spiel, das ich mit ihm treibe.
 
Aus dem Wohnzimmer drang laute Musik. Black Velvet, einer ihrer Lieblingstitel. Er stand mit geschlossenen Augen am angekippten Fenster und genoss die Musik.
 
„Viel zu laut“ rief Uta. „Die Nachbarn.“
 
Statt die Musik leiser zu stellen lief sie zu Bärli und versuchte, das angekippte Fenster zu schließen. Ihr Arm wäre lang genug gewesen, aber sie war ihm nicht nahe genug, und so drängte sie  ihn in die Ecke am Fenster.
 
„Uuuh, das halte ich nicht durch“, stöhnte er. Er neigte seinen Oberkörper so weit wie möglich nach hinten. Ihr Kopf folgte seinem.
 
„Ich auch nicht“, rief sie und küsste ihn leidenschaftlich. Black Velvet war zuende und es folgte ein Lovesong.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.04.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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