Rüdiger Nazar

Ich muß wohl damit leben

Meine Schritte werden immer langsamer...je näher ich meinem Zielort komme.
Es war ein schwerer Angang und eine unsagbare Überwindung die mich dazu veranlasste diesen Mann zu konsultieren. Ja...vielleicht sollte ich es mir noch mal überlegen und einfach umdrehen und gehen.
Irgendwo hin...vielleicht in unseren Stadtpark...die Bäume tragen die ersten Knospen...die Magnolien blühen wunderschön...die Amseln singen und die Raben krächzen.
Aber das würde mir nicht weiter helfen. Kaum diesen Gedanken verworfen...hatte ich auch schon den kalten Messingtürknauf in der Hand...auf dem Schild...Psychiater.
Eine verbissen wirkende Arzthelferin die sehr gespielt freundlich war...ja bitte ?
Ich bin angemeldet für zehn Uhr. Ihr Name ? Ich reichte ihr meine Plastikkarte von der Krankenkasse.
Setzen sie sich bitte in`s Wartezimmer und füllen sie währenddessen diesen Fragebogen aus.
Das Wartezimmer war leer. Ich überflog die Fragen auf den unendlichen Seiten. Ich glaubte es nicht was ich dort als Fragen vorfand. Ich fand es einfach lachhaft und sah keinen Sinn darin solche Fragen zu beantworten.  So saß ich da und dachte einfach nach während ich aus dem Fenster sah. Plötzlich stand Peter wieder im Raum...sah mich an und schüttelte den Kopf. Was willst du schon wieder fragte ich ihn.
Er grinste mich an...aber schwieg. Laß mich doch endlich in Ruhe.
Nach einer geraumen Zeit öffnete sich eine Türe und ein verhältnismäßig junger Mann stand im Türrahmen. Kommen sie bitte sagte er.
Meine Schritte waren schleppend und ich hatte irgendwie das Gefühl Blei in den Schuhen zu haben.
Er streckte mir die Hand entgegen um den Fragebogen zu bekommen. Er blätterte diesen durch und sah mich erstaunt an...hob und senkte die Schultern.  Und ? Wie ? und sagte ich ! Ist alles leer.
Genau sagte ich...der Fragebogen ist Blödsinn.  Er lächelte...nun gut...und legte ihn zur Seite.
Peter stand direkt hinter ihm. Wo sehen sie hin...fragte er. Schon gut sagte ich.
Darf ich sie Rüdiger nennen ? Äh...ich sah ihn verwundert an...ja egal...machen sie mal !
Was führt sie zu mir...Rüdiger. Ich zögerte. Tja...hm...ich habe da so ein Problem mit dem ich eigentlich nicht fertig werde...doch eigentlich schon...ich brauche nur Rat und vielleicht etwas Tat.
Durch gewisse Lebensumstände und Vorfälle bin ich psychisch in letzter Zeit etwas daneben.
Wodurch denn ? Die Frage kam mir einfach zu schnell.
Durch eine Trennung von meiner Freundin vor einem halben Jahr...war auch schon deswegen in therapeutischer Behandlung. Hat es was gebracht fragte er mit einer Stimme die mich an einen lauernden Luchs erinnerte.
Nein...meine Therapeutin meinte ich müsse zu einem Psychiater oder zu einem Tiefenpsychiologen.
Warum ? Nur wegen der Trennung ? Nein flüsterte ich kaum hörbar zurück...nein...deswegen nicht.
Manchmal habe ich Besuch...obwohl ich es garnicht möchte. Er sieht mich verdutzt an. Wo ist das Problem...sagen sie den Besuch doch einfach ab.
Er geht einfach nicht ! Der Arzt sieht mich verständnislos an und ich rede einfach weiter...ohne erkennbaren Übergang. Mein Freund Peter ist 2008 gestorben...er war ein bekannter und beknadeter Künstler aus Mönchengladbach...den leider viele verkannten.
Der Psychiater kneift die Augen zusammen...und ? Tja...gerade der kommt mich öfters besuchen.
Der Arzt runzelt die Stirn und sieht mich durchdringend an. Oh Gott denke ich...was hast du da nur gesagt. Jetzt denkt er bestimmt ich bin reif für die Klapse.
Aha sagt er teilnahmslos...also Peter kommt des öfteren ? Ich nicke. Was macht er denn...was will er denn ?
Er gibt mir gute Ratschläge...manchmal tadelt er oder tröstet mich wegen Renate.
Jetzt muß er wohl denken das ich völlig durchgeknallt bin...so sieht der Arzt mich jedenfalls an.
Vielleicht liegt es daran...haben sie Stress...körperlich alles in Ordnung ?
Sehen sie ihn erst nach der Trennung von Renate ?  Ja...aber er war schon kurz nach seinem Tode da...hat sich durch Geräusche bemerkbar gemacht. Einmal drehte sich bei mir im Schlafzimmer eine schwere schmiedeeiserne Lampe ohne ersichtlichen Grund und Anlass schwingend im Kreise...verhielt dann Augenblicklich um sich dann anders herum zu drehen.
Der Arzt fragte mich ob ich ein Glas Wasser haben möchte...sie schwitzen sehr stark sagte er und sie haben Schweißperlen auf der Stirn. Ich gab keine Antwort...bejahte aber das Wasserangebot.
Hatten sie vorher schon solche Erlebnisse Rüdiger ?  Ja...einige seit meiner Kindheit und Jugend.
Wollen sie darüber sprechen Rüdiger ? Wie er Rüdiger aussprach zerrte  an meinen Nerven.
Aber langsam...es folgen noch etliche Sitzungen ! Ich erzählte ihn von der Begebenheit...wie ich zu meinem Namen kam...Rudevicus...und das ich darüber bei e-stories eine Kurzgeschichte verfasst hatte.
Ich erzählte ihm...daß ich manchesmal Vorahnungen hatte...daß ich manchesmal fühlte wenn jemand in Not war oder Schmerzen hatte. Ja sagte ich...einmal ging ich im Wald spazieren...als mich ein seltsames Gefühl beschlich. Jemand war in Not und hatte Schmerzen. Der Arzt sah mich an...und ?
Ich lief durch den Wald...ohne zu wissen in welche Richtung ich laufen sollte.
Was geschah fragte er neugierig und seine Augen waren nur noch schmale Schlitze.
Ich druckste mit der Antwort herum. Ich fand einen kleinen Fuchs in einem Fangeisen der furchtbar schrie. Ich befreite ihn...ohne das er mich biss. Er humpelte davon...sah sich aus einer gewissen Ferne noch mal um...und ich verspürte ein Gefühl des Dankes.
Jetzt war ich wirklich reif für die Anstalt...wie sollte der Arzt auch anders denken ?
Er sah mich lächelnd an...so etwas gibt es wirklich...so etwas geschieht...Telepathie zwischen Tier und Mensch. Haben sie jamanden davon erzählt...Rüdiger. Ich wollte ihm schon das Rüdiger verbieten.
Eigentlich nicht...doch...bei e-stories ein Gedicht oder Kurzgeschichte über Telepathie. Wie war die Raktion der Leser ? Ich weiß es nicht mehr.
Ist Peter jetzt hier ? Ja sagte ich. Was macht oder sagt er ? Er zeigt ihnen einen Vogel. Ehrlich fragt der Arzt. Nein...war nur ein Scherz...er steht nur da und hört zu.
In England...fange ich ohne eine Frage abzuwarten an...haben wir in London gewohnt...in der Nähe vom Finsbury Park. Es war ein sehr altes Haus. Wir wohnten oben...unten wohnte eine schwarze Familie mit Namen Mason oder Nason...ich weiß  nicht mehr . In diesem Haus hatte ich furchtbare Alpträume... so vom Teufel und so. Wir hatten im Schlafzimmer einen zugemauerten Kamin. Nachts öffnete er sich und der Teufel stand lachend darin und winkte mir zu...ich solle doch zu ihm kommen.
Glauben sie an den Teufel Rüdiger. Noch einmal Rüdiger in diesem Ton strömte es mir durch´s Gehirn...und ich gehe ihm an die Kehle.          Er bemerkte meinen Unmut.
Nein...den Teufel gibt es nicht...genau so wenig wie Gott...wir haben nur diese Ausdrücke erfunden...wir Menschen für ...Gut und Böse... ! Aber da ist etwas höheres das gut ist und alles erschaffen hat...und etwas böses...sehr böses sogar...der Widersacher...so nenne ich ihn.
Hatten sie  schon etwas mit dem Bösen zu tun gehabt....zischte er mir entgegen ?Mir trat der Schweiß auf die Stirn...sollte ich wirklich darauf antworten. Nein...ich nicht persönlich. Kannte aber mal eine alte Frau...eine weiße Hexe...die mir zeigte...das es auch noch andere Sachen zwischen Himmel und Erde gibt. Wie hieß sie ? Keine Ahnung...ich nannte sie nur Mama Lupus...sie lebte in Italien...habe auch darüber bei e-stories geschrieben.
Sind sie gläubig Rüdiger ? Ja...aber nicht im Sinne der Kirche...eine Erklärung würde jetzt zu weit gehen.
Ok...nickte er...vielleicht demnächst.
Haben sie eine sehr außergewöhnliche Begebenheit die sie gerne erzählen möchten.
Ja ...es war in England in diesem Hause. Ich war so cirka vier oder fünf Jahre alt und war in so einer Art Vorschule. Da mußten wir eine blaue Schuluniform tragen...so mit kurzer Hose und Wappen auf der Jacke. Wenn ich nach Hause kam waren meine Eltern arbeiten und selten da. Ich saß dann auf dem Treppenabsatz und wartete.
Der Arzt sah mich fragend an.
Eines Tages als ich da so saß...hörte ich ein wimmern und schluchzen von oben aus unserer Wohnung.
Jemand schien oben zu laufen...als sich dann plötzlich eine Türe öffnete und ein Mann dort stand.
Wer war es denn Rüdiger...kannten sie ihn ?
Nein...ein völlig Fremder...der das ganze Gesicht voller Blut hatte...es lief ihm aus Nase und Mund.
Wie sah er denn aus ? Er hatte lange offene Haare und einen Bart.
Ich schrie aus lauter Furcht...bis Dr. Nason oder Mason...unser Nachbar aus der Wohnung eilte und frug was denn los sei. Ich erzählte ihm was ich gesehen hatte.
Er lächelte...da ist keiner...dort kann keiner sein und ging nach oben.
Da war nichts und alle Türen waren verschlossen.
Tja  drückte ich etwas mühsam heraus...es war 1992. Ich wohnte mit einer Freundin im Hause meiner Mutter in Lobberich. Ich hatte seit Monaten ein Magengeschwür und furchtbare Schmerzen...pumpte mir nur Schmerzmittel und Maloxan in den Hals.  Wir wohnten  unten...hatten aber unser Schlafzimmer auf der ersten Etage. Eines Nachts erwachte ich vor so starken Schmerzen...daß ich dachte...das war es wohl. Ich lief aus dem Schlafzimmer und streifte einen Spiegel und sah hinein. Aus Mund und Nase lief Blut in rauhen Mengen. Ich wollte nach unten zum Telephon laufen...und riss die Türe auf...und...erschrak zu Tode.
Wieso stutzte der Arzt...und ich denke das er die Antwort schon vermutete.
Als ich nach unten laufen wollte...stand da ein kleiner Junge...in blauer Schuluniform...so mit kurzen Hosen und Wappen auf der Jacke...und schrie aus leibeskräften.
Ich kam daraufhin zur Notaufnahme in`s Lobbericher Krankenhaus...Magendurchbruch war die Diagnose. Ich stand auf der Kippe so wie die mir bekannte Chefärztin sagte...die mich operierte.
Als ich am nächsten Tag wieder bei Bewußtsein war...stand sie an meinem Bett. Na...dann mal Glück gehabt...sagte sie lächelnd und hielt meine Hand.  Es durchzuckte mich und ich sah sie von einem blaßgrauen Schatten umringt und ihr Gesicht war verzerrt. Aber das waren wohl nur die Nachwirkungen der Narkose. Jahre später flog sie mit ihrem Mann in der Concorde...dem verhängnisvollen Flugzeug das kurz nach dem Start explodierte...keiner überlebte....die Zeitungen waren voll davon.
Der Psychiater schluckte...tja Rüdiger...daß war es für heute...die Sitzung ist zu Ende. Wir sehen uns nächsten Donnerstag wieder...schüss...und machen sie es gut.
Als ich draußen war...stand da Peter und sagte...bist du denn total bescheuert ihm so etwas zu erzählen? Ich zuckte die Schultern und ging !


       Liebe Leser...ich überlege gerade...ob ich diese Kurzgeschichte doch lieber löschen sollte.
                                                               
  Peter meint... nein !


                                                                                               Rüdiger Nazar
                                                                     08.April 2011
                                                                  melvin6@gmx.de






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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.04.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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