Hermann Weigl

Die Drachenreiter von Arctera (Teil 14)

Die Nacht war schon weit fortgeschritten, aber trotz der späten Stunde konnte der Prinz keine Ruhe finden. Unruhig lief er in dem Turmzimmer auf und ab. Seine Gedanken kreisten um die bevorstehende Vermählung, kehrten aber immer wieder zu der Frau zurück, mit der er sein restliches Leben verbringen wollte - Prinzessin Elisabietha.
Er sollte das Erbe seines Vaters antreten, die kindhafte Eleonara heiraten, und - wie all seine Ahnen - Krieg gegen den verhassten König Erkul führen.
Ernsthafte Zweifel überkamen den jungen Mann. Wenn ein Mensch von Grund auf böse, kriegerisch, mordlustig, und was sonst noch war, wie konnte er ein so liebreizendes, friedliebendes Geschöpf wie die Prinzessin heranziehen? Was, wenn sein eigener Vater die treibende Kraft in den immerwährenden kriegerischen Handlungen war?
„Prinz Tarrabas!“
Eine Stimme in seinen Gedanken, hatte ihn in seinem  Dauerlauf innehalten lassen.
„Prinz Tarrabas! Hört Ihr mich?“
„Zarn!“
„Ja, mein Prinz. Ich bin ganz in der Nähe Eurer Burg. Wo seid Ihr?“
„Was habt Ihr vor?“
„Später. Zuerst werde ich Euch dort herausholen. Wo seid Ihr?“
„Im höchsten Turm.“
„Der mit dem spitz zulaufenden Dach, und den beiden Fahnen?“
„Ja.“
„Gibt es dort ein Fenster.“
„Ja. Aber es ist vergittert.“
„Das ist nicht wichtig. Tretet ans Fenster heran.“

Tarrabas eilte vor das massive Gitter, und schaute hinaus. Aber so sehr er seine Augen auch anstrengte. Er konnte in der mondlosen Nacht nur undeutlich die Umrisse der obersten Zinnen gegen den Himmel ausmachen.
„Ich sehe Euch. Tretet nun zurück. Ich werde gleich da sein.“
Tarrabas hörte noch das näher kommende Rauschen lederner Schwingen. Dann ging eine Erschütterung durch den ganzen Turm. Ein Becher fiel um, und rollte über den Tisch. Staub rieselte von den uralten Dachbalken. Die Tauben, die auf ihnen nisteten, flogen erschreckt auf. Irgendetwas Gewaltiges schabte und kratzte draußen an den Steinquadern.
Tarrabas richtete den Blick auf das finstere Rechteck des Fensters, und wich noch einen Schritt zurück. Was geschah dort nur?
Armdicke spitz zulaufende Krallen stachen zwischen den Gitterstäben hervor, glitten daran entlang, krallten sich fest und rissen das Gitter mitsamt einigen Steinquadern in die Nacht hinaus. Staub wirbelte auf und lose Bruchstücke fielen durch die Lücke nach außen. Die titanische Pranke des Drachen erschien in der so geschaffenen Öffnung, und legte sich um den Querbalken über der Fensteröffnung. Mehrmals tastete sie nach Halt. Dann zeichneten sich dicke Sehnen unter der Schuppenhaut ab. Krachend barsten massive Deckenbalken, und ein Stück des Dachs verschwand.
Hinter der Tür zum Turmzimmer wurden nun die Stimmen der Wächter laut. Ein Schlüssel knirschte im Schloss, und der Riegel wurde zu Seite geschoben.
Tarrabas achtete nicht darauf, sondern starrte wie gebannt durch das Loch nach oben. Aus der Dunkelheit der Nacht erschien dort der riesige Schädel des Drachen, und füllte die Öffnung, die er geschaffen hatte, beinahe zur Gänze aus.
„Vertraut mir, Prinz. Euch wird nichts geschehen.“
Die massive Türe seines Gefängnisses wurde aufgerissen, und die Wachen stürmten in den Raum. Ihre Blicke wanderten sofort nach oben, zu dem schuppenbewehrten Kopf, und sie blieben stehen, als wären sie gegen ein Hindernis gerannt. Zarn wandte sich den Männern zu, und riss sein Maul auf, wobei er ein Furcht einflössendes Gebiss entblößte. Der Drache holte tief Luft, und brüllte die Männer an, mit einer Stimmgewalt, die das Zwerchfell des Prinzen zum Erschüttern brachte. Dann sah der Prinz noch das Maul des Drachen auf sich zukommen, und spürte den Druck der Zähne, die sich um seinen Oberkörper schlossen. Instinktiv versuchte er sich gegen die Kraft des zuschnappenden Gebisses zu wehren. Er wurde hochgehoben, und mit in die Nacht hinausgezogen. Tarrabas fühlte die feuchtkalte Luft auf seiner Haut. Er sah weit unten die Fackeln der Männer, welche die Wehrgänge entlangliefen, und hörte deren aufgeregte Stimmen. Ein Horn blies immer wieder Alarm. Der riesige Körper des Drachen hing außen am Turm und krallte sich dort fest. In den schwarzen Schuppen bildeten die zahllosen Fackeln unzählige flackernde Muster. Zarn entfaltete seine Flügel und schwang sich in die Luft. Der Turm mit dem aufgerissenen Dach fiel nach unten, er sah noch die erschreckten Gesichter der Männer, die im nachblickten. Dann fiel das Bauwerk zurück. Die hohen Mauern, und dann die ganze Burg wurden erkennbar und verschwanden in der Dunkelheit.
Nun bemerkte der Prinz, dass er sich mit beiden Händen an den Zähnen des Drachen festhielt. Die Lage war mehr als unbequem. Fast zur Gänze steckte er im Maul des Drachen. Nur Kopf und Beine ragten hervor. Einige der spitzen Beißwerkzeuge drückten ihm unangenehm in die Seite. Der Wind peitschte sein Haar.
Zarn flog über einen Wald hinweg, überquerte eine Wiese und ging dann auf einem flachen Hügel nieder, wo er seine kostbare Fracht vorsichtig im Gras ablegte.
Tarrabas setzte sich schwer atmend auf. Dann erhob er sich und sah seinen Retter an.
„Ich danke Euch, Zarn.“
„Geht es Euch gut?“

Der Prinz tastete nach der linken Seite. „Ja, es geht mir gut.“
„Ihr habt Schmerzen.“
„Ein bisschen.“
„Ich wusste nicht, dass die Körper der Menschen so weich sind.“
„Das ist jetzt nicht wichtig.“
„Steigt auf. Es geht weiter.“
„Wie habt Ihr mich gefunden?“
„Unari hat es von Eurem Diener erfahren. Sie traf ihn im Wald. Er war auf der Jagd.“

Sein treuer Diener Max. Es tat ihm ein bisschen weh, den Mann dort zurückzulassen. Seit frühester Kindheit kannte er ihn. Er war ihm mehr als ein Diener geworden - ein Freund fürs Leben. Warum wurde ihm das erst jetzt klar?
Tarrabas trat an Zarn heran, und legte eine Hand an seinen riesigen Schädel. Das Licht der Sterne spiegelte sich in den Augen des Drachen.
„Zarn?“
„Ja.“
„Willst du mein Bruder sein? Mein Bruder im Geiste?“
„Es ist Euch sehr ernst damit.“
„Ja, das ist es. Es ist die größte Ehre, die ein Mann von königlichem Blut einem anderen erweisen kann.“
„Dann will ich gerne Euer Bruder sein.“
„Dann sei es so - bis in den Tod.“
„Bis in den Tod, Prinz.“

Tarrabas glaubte, über die Gedankenstimme den Stolz seines mächtigen Freundes zu verspüren.
„Brüder reden sich mit dem Vornamen an.“
„Danke, Tarrabas.“

Der Prinz stieg auf den Rücken des Drachen und setzte sich nieder. Noch einmal warf er einen Blick zurück. In der Ferne sah er undeutlich die Burg seines Vaters.
Dort war er geboren, aufgewachsen, und zum Mann gereift, hatte Reiten und den Schwertkampf gelernt.
Niemals wieder wollte er dorthin zurückkehren.

Es dämmerte schon, als sie von der Anhöhe abflogen. Tarrabas fragte nicht nach dem Ziel der Reise. Es war ihm egal. Er wollte nur weg von seinem Vater. Um seine Mutter tat es ihm Leid. Sie hatte all dies nicht verdient.  Aber womöglich gab es einen Weg, wieder friedlich zusammenzukommen.
Nun erkannte der Prinz das Ziel der Reise: Die Ruinenstadt mit dem eigenartig geformten Turm.
In den ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages sah er dort unten einen anderen Drachen, dessen Schuppen golden schimmerten. Und daneben stand eine winzige Gestalt mit langem Haar.
„Elisabietha!“ Das Herz des Prinzen machte einen Sprung.


(C) 2011 Hermann Weigl

Fortsetzung folgt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.04.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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