Kurt Herchenbach

Großstadt - (München)

Kurt Herchenbach
 
 
Großstadt
 
 
Eigentlich wollte ich An- und Abreise gar nicht erwähnen. Ist doch das Reisen mit dem ICE -  zumal auf dessen Schnellfahrtrassen - ähnlich eintönig wie das Fliegen über den Wolken: Tunnel, Böschung, Lärmschutzwand. Doch ich fühle mich hier be-müßigt, der vielgeschmähten Bahn ein Kompliment zu machen; zumindest jedoch deren Fahrplangestaltern.
Frühmorgens lassen die einen Triebzug in Darmstadt starten, ihn die Rheinschiene hinab über Köln durch das Ruhrgebiet fahren, dann über Paderborn und Kassel bis Würzburg. Dort trifft zeitgleich ein Zug ein, den sie gegenläufig ab Dortmund auch bis Würzburg fahren lassen. Dann werden beide Teile zu einem wahren Lindwurm zusammengekoppelt, der über Nürnberg bis München führt. Kaum hat sich der Zug geleert, wird er durch Servicekräfte geentert, und schon eine knappe Stunde später macht sich diese Schlange wieder auf den Weg gen Norden.
Die Rückfahrt war gleich intelligent geplant. Für beide Törns braucht dieser jeweils gut besetzte Zug nur etwas über 4 Stunden. Da hat das Auto keine Chance mehr. Und obendrein ist Paderborn auch nun endlich wieder über das ICE-Netz direkt an eine Weltstadt angeschlossen.  
Tja - Provinz bleiben, ohne Provinz zu werden!
 
Mein wirklich erstklassiger Reisebüro- und Literaturmensch in Personalunion, mit dem ich bisher noch nicht ein einziges Wort gesprochen habe (aber das ist schon wieder ein ganz anderes Thema), hatte den Auftrag, für uns ein feines Hotel mit Lokalkolorit auszubaldowern. Auf keinen Fall jedoch eines der internationalen Betten-burgenbunkerkonzerne. Mit dem Prinzregent, fast im Rücken des Friedensengels, neben dem Klinikum Rechts der Isar, am Rande von Bogenhausen, hatte der Jörg diese Aufgabe bestens gelöst. Einschließlich Zirbelstube, barocken Bettgestellen, schriftlichem Willkommensgruß und Tramhalte zur Innenstadt vor der Tür.
Die paar Sachen sind schnell verstaut, und wir denken, daß uns nach der Bahnfahrt ein Spaziergang zum Englischen Garten hinunter ganz gut tun wird. Tut er auch.
 
Aber nun signalisieren unsere Mägen, die Abendbrotzeit sei nahe. Doch wegen der Nobelstube im Nationalmuseum - mit wenig Leckerem auf großen Tellern -, deshalb sind wir nicht nach München gereist. Da ist uns doch das mehr zufällig gefundene Augustiner im Lehel eine ganz andere Adresse.
„Können wir uns setzen wo wir wollen?“ - „Hoams dann bestellt?“ – „Nein.“ – „Da muaß i amoal nachschaun gehn..“ – „Paßts ehna hier?“ – „Ja,  bestens!“ – „Dann nehmens doch Platz! Diea Bedienung kummt allweil.“  
Und wie die kam! In diesem Lokal kennt scheints jeder jeden – außer uns beiden. Und als die Inge mich im Hinausgehen unterhakt, meint sie: „Wenn an den anderen drei Tagen alles so klappt wie heute, dann hat sich die Reise allemal gelohnt.“ Um es vorweg zu nehmen; sie wird sich gelohnt haben!
Der golden leuchtende Engel weist uns den Weg zurück aufs Isarufer. Von dessen Sockel stehend, schauen wir weit in die Maximilianstraße, deren Verkehrströme stadtein- und auswärts sie wie einen rot-weiß schillernden Lindwurm erscheinen lassen.
 
Großstadtgewusel in der gesamten Innenstadt. Um die Mariensäule haben sich um 11 Uhr die üblichen Touristen zum alltäglichen Glockenspiel versammelt, und vor dem Fischbrunnen wartet verabredungsgemäß der niederrheinische Aussiedler Jupp auf uns, der sich von seinen mittlerweile zahlreichen hiesigen Spezis gern Jo nennen läßt. Zusammen ziehen wir hinüber auf den Viktualienmarkt und lassen uns bei herrlichem Sonnenschein in einem Biergarten nieder. Meine leichte Sorge erweist sich als völlig unbegründet; Inge und Jupp können es sofort miteinander.
Die Schilderungen unserer wechselseitigen Wehwehchen interessiert Inge natürlich weit weniger als die Möglichkeiten des Shoppens in ungemein anregendem Revier. So läßt sie uns Kerls gern ein halbes Stündchen, um Jupps geplante OP mit einer ebenfalls geplanten Flußkreuzfahrt in Übereinstimmung zu bringen.
Als wir miteinander aufbrechen, macht sich an unserem Tisch ein Berufsbayer breit, der uns Wegziehende und Neuankömmlinge angrantelt. In dem entstehenden Gewusel kann ich diesen Komiker leider nicht mehr fragen, ob er vom hiesigen Verkehrsverein für seine Auftritte gesponsort wird.
 
Schloß Nymphenburg, Stammsitz der Wittelsbacher,  beeindruckt sowohl mit seiner Größe, seiner baulichen, wie auch gartenarchitektonischen Gestaltung. Absolutes Ebenmaß in XXL.
.Wie waren wir alten Knacker froh, als uns Inge in einem versteckt liegenden Gartenkaffee parkte, um ihrerseits die weitläufigen Anlagen zu durchschweifen. Ich weiß nicht, an was es liegen mag. Ist es die schon südlichere Lockerheit? Ist es der gereifte Charme gealterter Männer? Egal wie. Der Jupp und ich avancierten zu fröhlichen Unterhaltern zweier wechselnder  Damengruppen an unserem Tisch.
In der Tram verabschiedeten wir uns. Während der eine in seiner Stammkneipe verabredet war, juckelten wir beide zum Hotel zurück.
A propos Tram. Wer eine Großstadt mit dem Auto erkundet, der hat nicht gelernt, wie beweglich man zu zweit mit einem Dreitagesticket für alle öffentlichen Ver-kehrsmittel wird.
Gleich neben dem Hotel hat sich ein Edelitaliener mit lokalem Einschlag etabliert. Ein Beispiel? In Panarde gerollter fritierter Oabatzter mit dünnen Scheibchen einer Art Pumpernickel an italienischem Salat. Lecker!
Die Zusammenfassung des Nockherberganstichs im TV schafften wir nicht bis zum Ende; uns fallen die Augen zu.
 
 
Die liebe Sonne strahlt noch immer, als wir am Olympiapark aus den Katakomben der U-Bahn gerolltreppt werden. Übrigens: Immer nur einzeln auf einer Stufe und immer ganz rechts! Denn alle jungen Großstädter sind in wahnsinniger Eile!
Inge war noch nie auf dem Olympiagelände, und wann ich zuletzt dort war, das weiß ich gar nicht mehr. Was auch für mich neu war, das ist die BMW-Welt, die ein Museum beinhaltet und eine überaus gelungene Brücke zwischen den BMW-Türmen und den Olympiadächern herstellt. Hier wurde ein architektonisches Gesamtkunst-werk geschaffen, das wir bei unserem Spaziergang aus den verschiedensten Blickwinkeln würdigen konnten.
 
Und weil ich grad so gut zu Fuß bin, Etappe II, der Englische Garten. Aber als wir uns zu einer Brotzeit im Seehaus niederlassen wollten, beginnt es leicht zu nieseln. Zudem erschien uns das Lokal nicht biergartig genug. Gewiß, eingedeckte Tische mit mehr oder weniger draller Bedienung oder blanke Tische ohne, sind gute alte bay-rische Sitte. Doch hier erschien uns das Ganze irgendwie zu raststättenmäßig.
Also wieder mit Bus und Bahn ab zum Marienplatz und rüber auf den Viktu-alienmarkt, und unsere schon traditionelle Städtereisezeremonie kann beginnen. Und wo ginge das wohl besser als gerade hier. Ein wenig Süßes, ein wenig Saures, Wurst und Pasteten, raffinierte Käse und Brot. Ein netter Plausch mit der Bäckers-frau. Doch stopp! Wollen wir hier überwintern?
 
Als wir aus der Tram steigen regnets richtig. Kurz unsere Tüten abgelegt und wieder raus aus dem Hotel. Denn es ist noch früh und nah genug für einen Besuch der Villa Stuck. Die beherbergt - keine 50 Meter vom Hotel weg - unter Anderem eine Ausstellung eines Meisters der im Doppelsinn spitzen Zeichenfeder, Heinrich Kley. Das ist einer aus der Hochzeit des Simplizissimus in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Hier beweist sich wieder einmal meine Behauptung, erstklassig zeichnen zu können, ist eine unabdingbare Voraussetzung für gutes Malen.
Doch Kunst füllt nicht die Mägen der Betrachter. So breiten wir auf unserem Zimmer unsere Schätze aus und machen uns traditionsgemäß darüber her. Aber wie erwartet – es bleibt noch genug für eine Erinnerungsmalzeit daheim.
Auch das Spiel unserer Fußballnationalmannschaft bis zum Ende zu sehen, sind wir nicht mehr in der Lage. Und das hat nicht nur mit der Leistung der Spieler zu tun.
 
 
Zwei Tage später sitze ich vor dem Blechkaffee auf dem Paderborner Domplatz und harre des Anrufs, daß meine Inge ohne ihren zerrissenen Meniskus wieder aus der Narkose erwacht ist.
Einige wenige Menschen schlendern unter der strahlenden Sonne über den Platz. Als die Schulen ausgehen, werden es etliche mehr.
Auf den Rolltreppen der Liborigalerie hatte mich keiner zur Seite gedrängt.
Ein Paderbornticket für Touristen gibt es nicht  Warum auch? In dieser „Groß“stadt ist halt alles fußläufig erreichbar.
Provinz bleiben ohne Provinz zu werden!
 
 
 
03/11   
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.04.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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