Martina Wiemers

Ostern für Osterhasen


Knut, der Hase, sitzt gähnend vor seiner Höhle. Müde ist er, sogar hundemüde. Gemeinsam mit seiner Frau und den sieben Hasenkindern hat er seit Tagen und manchmal sogar nachts, die weißen Eier von Berta und Hildegard, den Legehennen vom Bauern Diethelm, mit blauen Punkten bemalt und mit grünen, gelben und roten Blumen  beklebt und  lackiert.
„Schön sehen  sie aus und wie sie glänzen“, denkt er so bei sich. Vorsichtig legt er Ei für Ei  in den großen Korb. Morgen ist Ostern. Hubert und Linda, die Zwillinge vom Bauernhof, warten sicher schon voller Ungeduld auf das Eiersuchen .
Mama und Papa Hase schauen ihnen seit Jahren, gemeinsam mit den Hasenkindern, hinter dem Gartenzaun dabei zu.
„Ach“, denkt Knut, warum gibt es eigentlich  kein Ostern für Osterhasen?
Traurig und müde macht er die Augen zu, schläft sofort ein und schnarcht ein bisschen.
 Am späten Abend kommt der Bauer zur Hasenhöhle .“Hallo Knut“, ruft  er. Doch alles bleibt still. Schmunzelnd nimmt er den Eierkorb und geht damit zum Auto. Bevor er losfährt, legt er noch eine prallgefüllte Aldi-Tüte neben die Hasenhöhle.
„Frohe Ostern, lieber Knut“ sagt er leise. Dann fährt er los, versteckt im Garten schnell noch die bemalten Eier für die Zwillinge, bevor er ins Haus geht.
 
Am Ostersonntag, gleich nach Sonnenaufgang, wird Knut durch das lautes Rufen der  Hasenkinder wach. „Papa, Papa komm schnell, der Weihnachtsmann war da“, rufen alle durcheinander. “So ein Quatsch“, denkt  er und reibt  sich dann vor Verwunderung die Augen als er die Aldi- Tüte liegen sieht. Vorsichtig schaut er hinein. Vielleicht hat jemand nur wieder mal seinen Müll in den Wald geworfen.
In der Tüte sind neun  Körbchen, gefüllt mit frischem grünen Gras, geschmückt mit Kleeblumen und den gelben Blüten des Löwenzahns. Neun kleine Kohlköpfe, mit Möhrennase, Kartoffelaugen und Mündern aus Sonnenblumenkernen lachen ihn an.
„Ist denn wirklich schon Weihnachten?“, fragt Gustav, das kleinste Hasenkind und sieht seinen Papa naseweis an. „Nein“, sagt Knut. Weihnachten ist im Winter, da ist es kalt und die Wälder sind tief verschneit. Jetzt scheint die Sonne und die Menschen begrüßen mit bunten Zweigen und bemalten Eiern den Frühling. Wir Hasen unterstützen sie dabei nur ein bisschen.
Dann verteilt er die Körbchen mit den Kohlköpfen.
„Wer schenkt denn sonst uns Hasen so was  Schönes ?“, will nun der zappelige kleine Gustav wissen.„Gib endlich  Ruhe, muss den Brief doch erst lesen, der hier unten in der Tüte liegt“,brummelt Knut etwas ärgerlich vor sich hin. Setzt die große Brille auf die Nase, öffnet den Umschlag und liest.
 
Lieber Knut,
Hubert  und ich nehmen am Ostermontag wieder an dem Wettbewerb“ Wer hat das schönste Osterei“ in unserem Dorf teil. Eure bemalten Eier waren im vergangenem Jahr die Schönsten. Vor lauter Stolz haben Hubert und ich sie nicht gegessen, sondern  dem Ostereiermuseum in der Stadt geschenkt. Das stand sogar in der Zeitung und viele Menschen sind extra dorthin gegangen, um die Eier noch einmal anzusehen. Auch alle Kinder unserer Klasse waren dort , haben gestaunt und uns beneidet, denn  so schöne Ostereier hatte noch  niemand von ihnen gesehen.
Sicher hast Du, lieber Knut, auch in diesem Jahr  vor lauter Arbeit vergessen, dass auch für Osterhasen heute Ostern ist.
Hubert und ich möchten Dir eine Freude machen und was schenken.
Gemeinsam mit unserer Mama, haben wir vergangene Woche für Dich und Frau Häsin, sowie für die  niedlichen Hasenkinder, Kohlköpfe ausgesucht und mit einem lustigen Gesicht verziert. Von Mama wissen wir nämlich, dass Osterhasen keine Eier legen wie Berta und Hildegard, sondern gerne Gras, Klee und Kohl fressen und das Herr Frühling immer die Farben für die Eier von seiner langen Reise mitbringt.
Wir haben in der Schule  Eier ausgepustet, bemalt und dann in unseren Kirschbaum gehängt. Das sieht nicht nur sehr schön aus, sondern  hat auch viel Spaß gemacht. Beim Osterspaziergang könnt ihr sie Euch ja mal ansehen.
Hubert und ich würden gern ein bisschen mit Euch feiern, doch Papa sagt , das Hasen sehr sensibel sind und Ruhe brauchen. Das mit der Ruhe verstehe ich,  aber was das Wort "sensibel" bedeutet, weiß ich leider nicht. Hubert und ich hoffen, das es ist nichts Schlimmes ist. Viel Spaß also beim Fressen, Ausruhen und beim Sensibelsein wünschen Hubert und Linda
 
PS
Mit welcher Paste kriegt Ihr eigentlich von euren Pfötchen und Schwänzchen die verkleckerte Eierfarbe wieder ab? Papa und  Mama haben so komisch gelächelt, als Hubert  danach fragte. Er braucht nämlich dringend ein Mittel um  blaue Tinte aus seiner neuen Hose zu reiben. Mama schimpft sonst übermorgen mit ihm, wenn er sie anzieht. Bisher hat sie zwar noch nichts gemerkt ,weil Hubert  sie ganz hinten im Schrank versteckt hat , doch unserer Mama entgeht nichts. Vielleicht könntet ihr eine kleine Tube  hinten an den Gartenzaun legen.
Danke, Deine Linda
 
Knut, der Hase, liest den Brief mehrmals bis zur letzten Zeile.“ Ich und sensibel, was für ein Unsinn“, denkt er, lächelt und leckt sich dann  heimlich zwei salzige Tropfen von der Nasenspitze.
Dann sucht er für sich und seine Familie ein stilles warmes Plätzchen um in Ruhe zu frühstücken. Die Vögel zwitschern leise. Es ist friedlich und still. Nach dem Frühstück zieht Knut  seine Sonntagshose und die Hasenkinder ihre weißen Kniestrümpfe an, denn sie wollen gemeinsam mit  Mama Hase einen Spaziergang zum Kirschbaum im Bauerngarten machen. Die Sonne scheint hell  und warm, alle sind glücklich und zufrieden, nur  Gustav, das kleinste Häschen, stibitzt noch schnell, bevor sie losgehen, die Möhrennase vom Kohlkopfgesicht aus dem  Körbchen seines Papas.
 
     © Martina Wiemers
 

  

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.04.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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