Christa Astl

Schön ist die Welt


Wanderung zur Rudersburg
 
 

Nach zwei Regentagen kündigt sich ein freundlicher Sonnentag an. Um 9 Uhr stecken die Berggipfel noch in den Wolken, aber ich habe ja Zeit und kein bestimmtes Ziel – nur hinaus, hinauf. Anfahrtswege sind ohne Auto nicht möglich, aber die Berge beginnen gleich hinterm Haus. Fünf Minuten, und das letzte Haus bleibt zurück.
Das weiße, mäßig ansteigende Band einer Sandstraße, gesäumt von dürrem Vorjahrslaub, führt mich rasch aufwärts. Links und rechts begrüßen mich erste Frühjahrsblüher: Leberblümchen, Buschwindröschen, Huflattich, vereinzelte bereits verblühte Schneerosen, erste Himmelschlüssel und Lungenkraut. Geheimnisvolle Stille liegt über allem, erwartungsvolle Vorfrühlingsfreude. Nur das heisere Gekrächze eines Raben verrät Leben.
Auf einer Bank rastet ein Mann mit seinem Sohn, der Seifenblasen in die Luft schickt. – Schön wär’s, so mit zu fliegen, so leicht und bunt – und dann zu zerplatzen? – Lieber nicht.
Ich entscheide mich für den „schwierig begehbaren“ Weiterweg zur Burg, einem herrlichen Aussichtsfelsen. Vorher halte ich kurze Rast bei einem Wasserfall, das Rauschen und Sprudeln im Rücken und im Ohr.  Kühler Wind treibt mich weiter. Gerade von der Grippe genesen, will ich eine neuerliche Erkältung nicht riskieren.
Der „schwierig begehbare Weg“ zeigt sich heuer von seiner guten Seite. Vor 30 Jahren von einigen Idealisten dem steilen Gelände abgerungen, holt ihn sich die Natur bald wieder zurück. Lawinen und Steinschlag zerstörten oft Teile davon. Jedes Jahr machten sich die Männer an die Wegreparatur, doch sie wurden alt, Nachfolger fanden sich keine. Wer hier herauf wollte, konnte die Forststraße benutzen, die Markierung am alten Weg verwitterte und wurde nicht mehr erneuert, so dass es nicht immer leicht ist, die Steigspuren auszumachen.
Der herrliche Aussichtsfelsen ist eine Wanderung wert. Für das eine steile Stück durch den Graben nehme ich die Stöcke zu Hilfe, bald bin ich am Sattel. Noch fünfzig Meter, das Gipfelkreuz mit der Bank ist erreicht. Kurze Jause, ein paar Stücke auf meiner Schwegel (eine einfache Querflöte, wird in der alpenländischen Volksmusik verwendet) – ein Vogel antwortet auf meine Melodie – Tierfreunde haben einen Futterplatz eingerichtet, die Vögel sind nicht scheu.
Vom Gipfel geht es senkrecht 200 – 300 Meter in die Tiefe. Wäre das tief genug für die letzte Reise? Für einen Sprung in die völlige Losgelöstheit, Freiheit, weg von allen Problemen, die manchmal so schwer am Herzen liegen? – Noch nicht, es wäre vielleicht der allerletzte Ausweg.
Um meinen traurigen Gedanken zu entfliehen, breche ich auf. Vorher noch ein kleines Lied, eine Melodie, die sich während des Spielens von selber bildet, die Töne perlend, schwingend, verhaltend, so vieles lässt sich in Klängen sagen, wo keine Worte möglich sind.
Steil geht es abwärts, die Stöcke helfen die Knie zu schonen. Kahler stiller Buchenwald, greifbare Einsamkeit und Freiheit. – Schön ist es hier.
Und irgendwo lädt wieder eine Bank zum Verweilen. Bald bin ich im nächsten Ort, von wo ich auf dem Waldweg zurück nach Hause wandere und dort noch die letzten Sonnenstrahlen des Tages auf der Hausbank genieße.



 20.03.11

Diese RUDERSBURG ist ein Aussichtsfelsen oberhalb von Langkampfen bei Kufstein. Sie war im frühen Mittelalter eine Befestigungsanlage, aber davon ist nichts mehr zu sehen. Christa Astl, Anmerkung zur Geschichte

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Christa Astl).
Der Beitrag wurde von Christa Astl auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.04.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Buch von Christa Astl:

cover

Heimgeschichten - Leben im Altenheim von Christa Astl



32 kurze Geschichten, denen praktische Erfahrungen zugrunde liegen, begleiten eine Frau durch ihr erstes Jahr in einem Seniorenheim.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (5)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Reiseberichte" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Christa Astl

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Johannes (eine Geschichte vom Sterben und Leben) von Christa Astl (Kinder- und Jugendliteratur)
Halb-so-schLimerick von Siegfried Fischer (Reiseberichte)
Sprachlos von Ingrid Drewing (Liebesgeschichten)