Rüdiger Nazar

Frankreich sollte ein neuer Anfang sein...7...

Die ganze Nacht hindurch konnte ich diesen Vorfall nicht vergessen...er beschäftigte mich sehr. Gerda schnarchte dahin.
Ja...es war wohl die ganze gereizte Stimmung bei uns...die dafür verantwortlich war...dann der Hunger...das aufeinander hocken...keine Perspektive.
Am nächsten Morgen ging ich alleine nach unten in die Küche...Gerda wollte noch etwas schlafen. Die Freundin von Pierro saß schon da und kaute an den Fingernägeln.
Guten Morgen...sie sah auf.  Bonjour. Und ? Was ist mit Pierro ? Der schläft noch !
Ich sah in die Kaffeedose...hm...vielleicht noch für jeden eine Tasse...aber nur wenn man ihn sehr dünn machte.  Möchtest du auch einen ?  Sie nickte.
Pierro tut es sehr leid...soll ich dir sagen...er schämt sich. Ja...das soll er auch antwortete ich...
das soll er auch...er hat allen Grund dazu. Ja sagte sie.
Mann...jetzt einen Kaffe mit Zucker und Milch...was ein schöner Traum. Beide schlürften wir an unserer Tasse...sie verzog das Gesicht...bah.
Irgendwann kam dann auch Gerda herunter. Morgen. Wo ist denn Pierro ? Der schläft noch !
Ich gehe gleich angeln sagte ich so beiläufig... als ich erneut an dem heißen Naß nippte.
Gehst du mit Gerda? Nein...keine Lust. Ok...dann gehe ich alleine.
Gesagt getan....zog ich meine Jacke an...nahm das provisorische Angelzeug...und ging los.
Den Wagen wollte ich nicht bewegen...wer weiß wofür man den letzten Sprit noch brauchte.
Ich ging Richtung Secourt...einem kleinen Dorf...das von Wäldern umgeben war...dort hatte ich mal kleine unberührte See`n gesehen. Es war bitter kalt...obwohl die Sonne schien und der Himmel blau war...ab und zu ein kleines Wölkchen....am Himmel kreisten Rabenvögel.
Ich war absolut alleine auf weiter Flur...kein Mensch...kein Auto.
Der erste See erschien. Er war sehr schön...das Schilf war noch verwelkt und gelblichgrün...
aber man sah schon die ersten Ansätze von den neuen Blattschwertern.
Etwas weiter entfernt hatten Waldarbeiter kleine Baumstücke liegen lassen...ich holte mir einen...und gebrauchte ihn als Sitz.
Mein Magen schmerzte und ich hatte dauernd saures Aufstoßen. Und dann kam es heraus.
Oh mein Gott...wie tat das weh. Mittlerweile hatte ich nur noch 43 Kilo an Gewicht.
Morgen müßte etwas geschehen...ich wollte einen Arzt aufsuchen...vielleicht würde man mir irgendwie helfen...auch wenn ich nicht versichert war. Uschi hatte ihren Hausarzt in Dieuze...er sollte gut sein.
Ich sammelte einige Regenwürmer...die jetzt sehr tief in der Erde waren bei diesem kalten Klima...und steckte einen an den Angelhaken...so jetzt gehst du schön baden...sagte ich so vor mir her. Ich warf die Schnur in`s Wasser. Natürlich hatte ich vorher einen Stock daran gebunden...den ich am Wegesrand fand.
Die Wasseroberfläche war sehr ruhig...sah aus wie ein silberner Spiegel. Und ich saß und saß...der alte Korken einer Weinflasche...den ich an die Schnur als Schwimmer  gebunden hatte...wollte sich einfach nicht bewegen.
Bitte bitte...ein Paar Fische....vielleicht so für jeden einen...oder einen großen für uns alle.
Nichts geschah. Vor Übermüdung nickte ich ein paar mal ein...schreckte dann immer wieder hoch...weil ich dachte...es hätte was an der Schnur gezogen...nichts.
Eine Stunde...zwei...drei...vier...fünf....ich wollte schon aufgeben und nach Hause gehen...da...der Korken bewegte sich. Ich wartete etwas...bis die Bewegungen häftiger wurden...dann schwamm der Korken in einer Richtung davon. Ich zog an. Ja...ja...es war etwas dran. Nach einem kurzen Kampf zwischen Mensch und Tier...hatte ich ihn an Land.
Er war so cirka 30 Zentimeter lang...ein schönes Exemplar. Tut mir leid sagte ich...und gab ihm eins auf den Kopf.
Jetzt mußte ich wohl langsam den Heimweg antreten...vielleicht würden man sich zuhause
Sorgen machen. Ich verwarf den Gedanken...garantiert nicht schoss es mir durch den Kopf.
Der Rückweg kam mir länger vor als der Hinweg....Abendwind setzte ein und es wurde merklich kälter. Der Himmel hatte eine rotorange Färbung...es sah wunderschön aus. Bin mal gespannt was die zu meinem Fang sagen.
Pierro war noch immer nicht zu sehen. Die Frauen saßen vor dem Fernseher.
Sie bestaunten meinen Fang...super...toll...wir bereiten ihn sofort zu.
Wir... war natürlich nur so ein Ausspruch der beiden. Gerda ekelte sich vor dem glitschigen Fisch...und die Freundin von Pierro sagte...ich weiß nicht wie das geht.
Also entschuppte ich den"Kadaver"...schnitt ihn auf...die Innereien heraus...und noch mal gewaschen. Kopf ab...gesalzen und ab in die Pfanne.
Es war noch ein bischen Öl da. Als der Fisch soweit fertig war...goß ich noch etwas Wasser hinein. Die Frauen schauten auf das brodelnde in der gußeisernen  Form.
Hole Pierro herunter...sagte ich zu der Freundin...er soll essen kommen. Sie ging.
Es dauerte lange bis sie wieder da war...Pierro im Schlepptau...der sehr bedröppelt aus der Wäsche schaute. Ich beachtete ihn nicht...legte den Fisch auf einen Teller...und sagte... guten Appetit. Keiner wollte den Anfang machen...Pierro sah verschämt zu Boden...die
Frauen wechselten Blicke. Ich schob Pierro das Messer zu...teile auf.
Langsam schnitt er den Fisch in vier mehr oder weniger gleich große Teile. Er nahm sich zuerst ein Stück...das kleinste. Innerlich mußte ich darüber lachen.
Der Fisch schmeckte...wenn auch etwas nach Sumpf...nicht schlecht...ein Festschmaus.
Danach saßen wir einfach so dumm am Tisch herum. Pierro sah mich an. Er erwartete irgend etwas wegen dem  vorherigen Tage.  Haben wir eigentlich nichts was wir zu Geld machen können...fragte ich ihn. Er zuckte die Schultern. Schmuck...vielleicht Ringe ?
Ich hatte in Dieuze einen Trödelladen gesehen...vielleicht würde er uns etwas abkaufen...
aber was ? Pierro kramte in den Schubladen herum. Er fand ein Kampfmesser seines Vaters von der Fremdenlegion. Genau sagte ich...das ist es doch. Pierro sah mich erschrocken an. Mein Vater würde mich totschlagen wenn ich es verkaufe.
Nichts brauchbares...aber auch garnichts war da...was wir zu Geld machen konnte.
Ah...sagte Pierro...komm`mit. Er lief in den Garten...ich folgte ihn. Mit einem Spaten grub er in der Erde herum. Was hatte er denn jetzt vor ?
Dann sah ich es. Zwei Handgranaten. Hier von meinem Vater...hat er damals von der Legion mitgebracht...sie sind noch scharf....hat er aus Vorsicht vergraben. Ich sah ihn an.
Du kannst doch keinem Trödler scharfe Handgranaten anbieten...hast du sie nicht alle?
Verständnislos sah er mich an. Mir fiel mein Handbuch für Überlebenstechnik  aus der Militärzeit ein. Es war zwar verboten...aber wenn man überleben wollte...war alles erlaubt.
Man zog den Stift der Handgranate und warf diese dann in den See. Nach der Detonation unter Wasser...schwammen dann jede Menge Fische tot an der Oberfläche.
Ja...das wollten wir Morgen ausprobieren...
Wir erzählten den Frauen nichts davon. Hoffentlich würde man uns nicht erwischen.
Lange saßen wir noch an diesem Abend herum und erzählten.
Von dem Vorfall mit dem... Messer ...wurde nie mehr gesprochen...


                                                                                                Rüdiger Nazar
                                                                                                 18.April 2011
                                                                                              melvin6@gmx.de










Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Rüdiger Nazar).
Der Beitrag wurde von Rüdiger Nazar auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.04.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Endstation Zoo Ein Bahnhof sagt Adé (Lyrische Hommage) von Jakob Wienther



Sein offizieller Name lautet Berlin Zoologischer Garten. Bekannt ist der Bahnhof Zoo, wie im Volksmund genannt, weit über die heimatlichen Grenzen hinaus. Er ist Mythos und Legende zugleich und kann auf eine mehr als 100 jährige, bewegende Geschichte zurückblicken.

In der vorliegenden Hommage vereinen sich Gedanken, Hoffnungen und Wehmut über diesen Bahnhof und den nahe gelegenen Kurfürstendamm.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (7)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Autobiografisches" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Rüdiger Nazar

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Gespräch zu Gott... von Rüdiger Nazar (Lebensgeschichten & Schicksale)
HEUTE MACHEN WIR ES UNS SCHÖN von Christine Wolny (Autobiografisches)
… ach, – „NUR” ein alter Klavierstuhl …!? von Egbert Schmitt (Krieg & Frieden)