Hermann Weigl

Die Drachenreiter von Arctera (Teil 15)

Am späten Nachmittag erreichten sie das Nebelgebirge. Prinz und Prinzessin wurden vor den König gerufen, und berichteten, was sich bei den Menschen zugetragen hatte.
Eine eigenartige Stimmung überkam die Prinzessin, während Tarrabas mit dem weißen Drachen sprach. Obwohl sie den Prinzen erst seit ein paar Wochen kannte, und nur wenige Tage mit ihm verbracht hatte, spürte sie eine gegenseitige Vertrautheit, als wären sie sich schon seit frühester Kindheit befreundet. Sie fühlte sich in seiner Nähe sicher und geborgen.
Und auch die Drachen erschienen ihr wie eine große Familie, der sie beide angehörten.
„Womöglich haben wir die Prophezeiung falsch gedeutet“, sagte der Drachenkönig soeben. „Vielleicht ist ein anderer Sinn in den Worten zu suchen. Was, wenn der Krieg der Menschen erst dann endet, wenn sie sich alle ausgelöscht haben? Sollen die Worte so ausgelegt werden, dass ihr beide den Stamm eines neuen Menschengeschlechts bildet?“
„Hier, in diesen kalten Höhlen?“, fragte der Prinz. „Auf Dauer könnten wir hier nicht überleben - nicht nur wegen der Kälte. Wir haben hier keine Möglichkeit Getreide, Gemüse oder Obst anzubauen. Die Menschen leben auch von der Viehzucht. Und wie sollen zwei von uns das Erbe einer ganzen Zivilisation antreten?“
„Womöglich muss die alte Menschheit untergehen, und aus deren Asche eine neue entstehen.“
„Nicht alle sind schlecht“, warf Elisabietha ein. „Es gibt auch viel Liebe unter ihnen.“ Sie trat näher an Tarrabas heran, und nahm seine Hand in ihre. „Es darf nicht geschehen, dass all diese guten Menschen wegen ein paar schlechter sterben.“
„Ich gebe Euch Recht, Prinzessin. Aber wie sollen wir Gute und Böse unterscheiden? Wie sollten wir eingreifen? Bis jetzt hat sich unser Volk aus den Auseinadersetzungen der Menschen herausgehalten.“ Der Drachenkönig seufzte tief. „Und die Kälte. Auch uns schadet sie. Fehlende Wärme und die dünne Luft schwächt unsere Jungen. In diesem Jahr hat nur ein einziges überlebt. Und auch das ist schwach und kränklich.“
„Ich habe ein paar Früchte der Mandelbäume gesammelt“, sagte die Prinzessin. „Vielleicht helfen sie dem Jungen. Darf ich es versuchen?“

In einer der am höchsten gelegenen Höhlungen hatte die Drachenmutter ihr Gelege gebaut. Das Junge, das beinahe so groß wie die Prinzessin war, lag neben ihr in einem Nest, in dem wohl eine Handvoll Menschen hätten schlafen können. Die Schuppenhaut des Kleinen war von hellgrüner Farbe, der aber der sonst übliche Glanz vollends fehlte. Die erst im Ansatz erkennbaren Flügel zitterten kaum merkbar. Das Junge hatte sich im Nest ausgestreckt und die Augen geschlossen.
Elisabietha strich liebevoll über den Kopf des Drachenkindes, das daraufhin mühevoll die Lider bis etwa zur Augenmitte hob. Teilnahmslos blickte es die Prinzessin kurz an, dann schloss es die Augen wieder. Die junge Frau holte eine der Mandelfrüchte aus ihrer Tasche und hielt sie dem Jungen hin, aber es zeigte keine Reaktion.
„Es ist eiskalt“, sagte sie.
„Warum wärmt ihre Mutter es nicht?“, fragte Tarrabas.
„Sie sind anders als wir. Ihre Körper geben keine Wärme ab.“
Wie konnte sie dem Kleinen nur helfen? Ein Feuer wäre eine Lösung gewesen, aber die Drachen duldeten keine Flammen in ihrer Nähe.
Aber sie selbst konnte das Junge wärmen.
„Tarrabas, bitte bring mir all unsere Decken.“
„Was hast du vor?“
Sie erklärte es ihm.
Elisabietha breitete eine Decke neben den Drachenkind auf dem Boden des Nestes aus, legte sich darauf, schlang die Arme um das Kleine, und bat Tarrabas ein dickes Wolltuch über sie beide zu legen.
Geduldig beobachtete die Prinzessin den Drachennachwuchs. Der Atem ging nach wie vor flach, aber zumindest gleichmäßig. Reglos lag das Geschöpf da.
Aber es wollte ihr nicht gelingen, das Kleine zu wärmen – im Gegenteil, ihr wurde selbst immer kälter, und sie begann zu zittern.
Tarrabas bemerkte den Zustand der Prinzessin. „Es scheint, dass du das Kleine nicht erwärmst, sondern dass es dich auskühlt.“
Elisabietha nickte schwach. „Aber was können wir sonst tun?“
„Ich werde mich zu dir legen.“
Die Prinzessin riss die Augen auf, und wollte schon zu einem Protest ansetzen.
„Oder weißt du eine andere Möglichkeit? Willst du mit einem Drachenjungen in den Armen erfrieren?“
Tarrabas legte sich neben die Prinzessin, und breitete alle Decken sowie die Mäntel über ihnen und dem Drachenjungen aus.

König Erkul entrollte das Schriftstück, das ein Bote ihm überbracht hatte, überflog die Zeilen und schüttelte den Kopf.
„Majestät, eine schlechte Nachricht?“, fragte sein Berater.
„Sie ist von Pelias. Er behauptet, Elisabietha hätte in meinem Auftrag einen Drachen geschickt, der seinen Sohn aufgefressen hat. Was für ein Unsinn.“
„Ungewöhnliche Dinge haben sich in den letzten Wochen ereignet“, gab der königliche Berater zu bedenken.
„Na gut. Ich werde Elisabietha zumindest fragen. Wo ist sie?“
„Sie ist nirgends zu finden. Wir haben die ganze Burg durchsucht.“
„Sie sollte doch in ihr Zimmer eingesperrt werden?“
„Dort fanden wird nur ihre Zofe - in den Kleidern der Prinzessin.“
Erkul schlug eine Hand vors Gesicht. „Haben sich denn alle gegen mich verschworen?“
„Majestät, wir sollten die Drohung ernst nehmen, und die Truppen in Stellung gehen lassen.“
„Gut. Ruft nach dem General. Wir ziehen wieder in den Krieg.“

Tarrabas erwachte, als sich die Prinzessin neben ihm bewegte. Im Schlaf hatte sie sich umgedreht, und die Arme um ihn gelegt. Er genoss den entzückenden Anblick und das Gefühl ihres schlanken Körpers an seinem, und wagte nicht sich zu bewegen, um die Schlafende nicht zu wecken.
Es dämmerte bereits. Die Luft war schneidend kalt, und der Atem stand dampfend in der Luft.
Irgendwann seufzte Elisabietha und schlug die Augen auf.
„Guten Morgen, Prinzessin“, sagte Tarrabas mit einem Lächeln.
„Guten...“, setzte Elisabietha an, und erfasste die Situation, in der sie sich befand. Sie wollte die Umarmung lösen, und von ihm wegrutschen, aber er hielt sie mit seinen Armen fest, und ließ nicht los.
„Die ganze Nacht haben wir so gelegen. Warum können wir nicht noch ein paar Augenblicke so bleiben?“, sagte der Prinz.
Soeben kroch der erste Sonnenstrahl über die oberste Höhlenwand, und tauchte das Gelege in goldenes Licht.
„Welcher Tag ist heute?“, fragte Elisabietha.
„Sonnwende.“
„Unser beider Geburtstag.“
Eine der Decken neben der Prinzessin bewegte sich. Der Kopf des Drachenjungen kam zum Vorschein. Es schüttelte die Zudecke ab, und sah die Beiden neugierig an.
„Es lebt!“, sagte die Prinzessin voller Freude.
Das Junge sog prüfend die Luft ein, und steckte den Kopf unter den Mantel der Prinzessin.
„Es scheint etwas zu suchen“, meinte Tarrabas.
„Ich weiß auch was“, erwiderte die Prinzessin.
Elisabietha holte eine Mandelfrucht hervor und hielt sie dem Kleinen hin.
Es berührte die Frucht mit der Schnauze, schnupperte mehrmals daran, und schlang den Leckerbissen hinunter. Eine kleine Zunge fuhr über die Lippen, dann blickte es die Prinzessin an.
„Der Blick soll wohl heißen: Ich will noch mehr“, sagte Tarrabas lachend.
Der Schädel der Drachenmutter erschien über dem Gelege. Sie musterte die Szene, und stieß ihr Junges liebevoll mit dem Kopf an. Das Kleine richtete sich auf und schlug mit den Stummelflügeln.

(C) 2011 Hermann Weigl

Fortsetzung folgt.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 18.04.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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