Manfred Bieschke-Behm

Mit Romeo & Julia fing alles an



Schon lange beobachtete ich den Mann am Nebentisch. Er sitzt gedankenverloren, blickt in seine halb leere Kaffeetasse und beißt ab und zu von seinem Keks ab. Ich glaube, dass er sein Umfeld nicht wahrnimmt, vielleicht auch nicht wahrnehmen möchte. Möglicherweise ist er hier, weil er Nähe sucht, merkt aber, dass er die Nähe der anderen Kaffeehausbesucher nur schwer ertragen kann. Seine Augen sehen trübe aus. Auf mich wirken sie traurig. Meine Fantasie lässt mich glauben, dass für ihn gerade eine Liebesgeschichte zu Ende ging. Es gab ein letztet Zusammentreffen, von dem er sich so viel versprach. Er erinnert sich, wie alles so vielversprechend anfing. Schon, als er sie sah, spürte er Schmetterlinge im Bauch. Parallel dazu flatterten tatsächlich Schmetterlinge tänzelnd um sie herum. Der Frühling zeigte sich von seiner besten Seite. Er war dabei, einen Spaziergang zu machen. Nachdem er den Wald durchstreift hatte, näherte er sich der Frühlingswiese, an deren Rand sie es sich bequem gemacht hatte. Sie hatte ihn nicht bemerkt. Ihre ganze Konzentration hatte sie auf den Inhalt eines Buches gerichtet. Nachdem er ihr nahe genug war, konnte er erkennen, dass Sie Shakespeares Romeo und Julia las. Neben ihr lag ein weiteres Buch. Hierbei handelte es sich um ein Gedichtsband von Hermann Hesse. Durch ein zaghaftes Räuspern machte er auf sich aufmerksam. Sie war überhaupt nicht erschrocken. Im Gegenteil, sie war offensichtlich erfreut, denn sie lächelnd den ihr unbekannten Mann freundlich an. Sofort war sie bereit, ein Gespräch zu beginnen, in dem sie sagte: "Ist es nicht schön so unbeschwert die Natur genießen zu können?" Dem Mann gefiel es, wie sie ihn so unbekümmert ansprach. Schnell merkte er, dass ihr seine Anwesenheit angenehm war. Er fühlte sich durch ihr Verhalten animiert zu fragen, ob es sich zu ihr setzten, dürfe. Ihr "Ja" nutze er aus, und merkte unmittelbar, wie gut es ihm tat.  Die Frau hielt noch immer ihr Romeo & Julia Buch in den Händen. Das war für den Mann Grund genug zu sagen: "Nur gut, dass nicht alle Begegnungen so dramatisch wie bei Romeo & Julia enden." Sie schaute ihn etwas verwundert an, sagte aber nichts. Letztendlich sprachen sie über Beziehungen im Allgemeinen und versuchten immer wieder den Buchinhalt als roten Faden für ihr Gespräch zu benutzen. Schell war beiden klar, dass es nicht nur bei der einen Begegnung bleiben würde. Die Stunden vergingen wie im Fluge. Schon längst war die wärmende Frühlingssonne einem leicht kühlenden Wind gewichen. Gemeinsam verließen sie die Wiese der Begegnung und verabschiedeten sich, nicht ohne einen neuen Termin für eine Begegnung zu vereinbaren. Was folgte, waren viele Verabredungen. Jedes Treffen machte deutlicher, wie viele Gemeinsamkeiten sie hatten. Sie sprachen über Glück und Sehnsüchte. Ja sogar vom Gemeinsamen alt werden. Das er etliche Jahre älter war als, schien niemanden zu stören. Sie genossen die jeweiligen Vorzüge und fanden, dass sich bestens ergänzten.
Wieder einmal waren sie in Harmonie zusammen, als er spürte, dass sich bei ihm ein Gefühl von Eifersucht breitmachte. Er spürte, wie sich seine Geliebte ihm gegenüber unkonzentriert verhielt. Schuld war ein junger Mann, der er verstand ganz ihre Aufmerksamkeit zu erlangen.
 Zunächst hielt der Mann, der noch immer an seinem Keks herumknapperte, das Erlebnis für einen harmlosen Flirt. Doch als seine Geliebte Ausreden für künftige Verabredungen hatte, wurde ihm klar, dass ihr Feuer ihm gegenüber am Erlöschen war. Er versuchte, eine Eifersucht im Alkohol zu ertränken. Er merkte nicht, dass sich seine Gesamtsituation immer mehr verschlechterte. Gut, das er sich wieder in den Griff bekam und er fähig war mit ihr Kontakt aufzunehmen. Er glaubt noch immer an eine gemeinsame Zukunft und bat deshalb telefonisch um ein Treffen. Das ist jetzt zehn Tage her. Es gab kein Treffen.
 
 Nun sitzt er an meinem Nebentisch. Er trinkt den letzen Schluck des mittlerweile kalt gewordenen Kaffees und versucht gedankenverloren die Kekskrümel mit dem Zeigefinger aufzupicken, um sie anschließend dem Munde zuzuführen. Er nimmt seinen Mantel und Hut und verlässt ohne sich umzusehen das Café.
Sein Platz bleibt nicht lange unbesetzt. Eine junge, attraktive Frau nimmt Platz und bestellt sich einen Kaffee. Sie blickt um sich und es treffen sich unsere Augen. Sie öffnete ihre Handtasche und entnimmt ihr ein Buch, das sie neben sich auf den Tisch ablegt. Bis das ihr der Kaffee serviert wird, nutzt die die junge Frau die Zeit und liest in ihrem Buch. Sie ließt Shakespeares Romeo & Julia.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.04.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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