H. Peter Wolzenburg

DER ERSTE PREIS


Freudestrahlend, den geöffneten Brief in der Hand überfällt Nicole Burg ihren Mann an der Wohnungstüre. “Dirk, Dirk, wir haben gewonnen“, platzt es aus Nicole heraus. “Der erste Preis, ein Abenteuerurlaub, eine Tauchfahrt“. Während Nicole das sagt springt sie ihren Mann an den Hals und küsst ihn ausgelassen.
Dirk fasst seine Frau bei den Hüften, grinst und sagt: “Hey, nun mal nicht so stürmisch Kleines, lass mich erst mal zur Ruhe kommen, es war ein anstrengender Arbeitstag für mich“.
Während sich Dirk die Schuhe auszieht tritt Nicole nervös von einem Fuß auf den anderen, ihre Freude ist zu groß um ruhig zu bleiben. Sie war mit Dirk jetzt zwei Jahre verheiratet und eine Hochzeitsreise hatten sie sich bis jetzt nicht leisten können, denn kurz nach der Heirat hatte sie ihren Job verloren, das Geld war knapp. Dirk der ruhige Teil der kleinen Familie saß nun auf dem Küchenstuhl, nahm einen Schluck Kaffee zu sich und ließ sich von seiner Frau aufklären, über das, was sie so erregt hatte.
Nicole erzählte von einem Preisausschreiben, einer Karte die sie im Getränkehandel ausgefüllt hatte. Der erste Preis war ein Abenteuerurlaub in Frankreich inklusive einer Tauchfahrt und zwei Wochen Hotel mit Halbpension an der Cote d´Azur.
Dirk umarmte seine Frau, er war nicht der Typ, der seine Emotionen so zu zeigen vermochte wie Nicole, aber auch bei ihm war die Freude groß.
Endlich die Hochzeitsreise, und dann noch nach Frankreich, genau das was Nicole sich sehnlichst gewünscht hatte.

Drei Monate später bestiegen Nicole und Dirk in Düsseldorf ein Flugzeug der Air France und etwa zweieinhalb Stunden später betraten sie Französischen Boden.
Nach einer weiteren Stunde öffnete Nicole die Balkontüre des Hotelzimmers und schaute bei strahlendem Sonnenschein auf das Meer hinaus.
Nicole sog die leicht salzige Luft tief ein und fühlte sich rundum wohl. Nach einigen unbeschwerten Tagen am Strand und einem abendlichen Stadtbummel wurde den beiden durch die Reiseleiterin mitgeteilt das der Höhepunkt, die Tauchfahrt bevorstünde. Eine leichte Spannung, ein kribbeln unter der Haut ließ sich vor allem bei Nicole nicht vermeiden.
Die besondere Überraschung war, das Nicole und Dirk vor dem Hotel die Augen verbunden wurden und erst im Tauchboot die Augenbinde abgenommen werden durfte.
Ein Abenteuer eben. Ein Erlebnis der besonderen Art.

Vier Meter zeigte der Tiefenmesser an, leise summte der Elektromotor. Etwas beengt war es ja schon in dem kleinen Tauchboot, gerade Platz für den Piloten und zwei Fahrgästen.
Über den Köpfen der Insassen eine Sichtkuppel, die den Blick auf eine schmutzige Brühe preisgab.
Schmierige braune Gebilde drifteten an der Kuppel vorbei, manche der Gebilde klatschten gegen die Kuppel und hinterließen eine schmutzig braune Spur.
Nicole sah ihren Mann erstaunt und fragend an, ihr viel es schwer das gesehene einzuordnen, hatte sie doch eher klares Wasser, Fische und Pflanzen erwartet.
Von dieser Gülle jedoch war sie etwas enttäuscht.
“Es wird schon noch was schöneres kommen“. Bemerkte Dirk und beruhigte Nicole vors erste. Ein aufgedunsener schmutzig weiß-roter Wattebausch verfehlte die Kuppel nur knapp. “Fische oder Pflanzen können hier bestimmt nicht leben“, dachte Nicole.
Zerfledderte Papierstreifen umkreisten das Boot und wieder eines der braunen Gebilde. Nicoles Enttäuschung war riesig, sie hatte die Schnauze voll.
Nach einer weiteren Viertelstunde musste sich das Ehepaar die Augen wieder verbinden. Nicole und Dirk wollten das eigentlich nicht, aber in der Hoffnung nun eine wunderbare Unterwasserlandschaft bewundern zu dürfen, wenn sie sich an die Regeln hielten, legten sie die Augenbinde wieder an.
Langsam tauchte das Tauchboot auf, ein Zeichen dafür das der Unterwasserausflug beendet war, wütend rissen sich Nicole und Dirk die Augenbinde vom Kopf. Gerade konnten sie noch sehen wie die Sichtkuppel die Wasseroberfläche erreichte.
Eine runde Mauer, auf der zwei Männer in Gummistiefeln standen wurde sichtbar. Nicole die etwas französisch sprach sah auf das Schild hinter den Männern.
Eigentlich wollte Nicole es nicht glauben was sie da las.
Stand doch da in großen Buchstaben:
-STÄDTISCHE KLÄRANLAGE-

Na, war das ein Abenteuerurlaub!
Das Abenteuer war ganz große Scheiße.
Eine Tauchfahrt im Klärbecken!! Würg.

ENDE

H. Peter Wolzenburg (Geschrieben im März 2002)

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Seinen wohlverdienten Urlaub hat sich Kommissar Heinz Kelchbrunner anders vorgestellt: Erst stößt er beim Graben in seinem Garten auf menschliche Gebeine, dann beschäftigt ihn ein weitaus aktuellerer Todesfall in seiner freien Zeit: Anna Einarsdóttír wird beim Spaziergang von einem Ast erschlagen – und das ist, wie sich herausstellt, nicht dem stürmischen Wetter geschuldet. Kelchbrunner und seine Kollegin Katharina Juvanic nehmen die Ermittlungen auf. Die Spur führt schließlich nach Island, die Heimat der Toten, und zum geplanten Bau eines Staudammes, der eine wertvolle Naturfläche akut gefährdet. Dass Kelchbrunner von oberster Stelle dorthin beordert wird, um weitere Nachforschungen anzustellen, kommt dem umweltbewussten Kommissar gerade recht. Vielleicht gelingt es ihm, nicht nur Licht ins Dunkel zu bringen, sondern gleichzeitig seine eigenen Schlafstörungen und einen schmerzhaften Verlust zu überwinden. Kaum in Island angekommen, muss er sich jedoch gleich mit störrischen Behörden und verstockten bis feindseligen Einheimischen auseinandersetzen. Es scheint, als sei niemandem hier an der Auflösung des Falles gelegen …

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