Helga Schmiedel

Schiller und meine Urgroßmutter

Gemütlich waren die Abende an den Elbwiesen. Der Strom lag da wie ein breites silbernes Band. Um einen großen Stein kräuselte sich das Wasser. Wir saßen im Gras, und ich bettelte: „Großmutter, bitte erzähle etwas von früher.“ Lachend antwortete sie: „Zwei Fotos habe ich dir mitgebracht und zwar von Auguste. Für alle war sie aber die Gustel. Verständlich, so wie der Schalk in ihren Augen blitzte. Geboren wurde sie 1840. Sie war meine Mutter und damit Deine Urgroßmutter!“
 
Im ersten Bild sitzt Gustel in einem Sessel mit einem Buch in der Hand. Sie hatte mit 30 Jahren ein ebenmäßiges schönes Gesicht, das einen sofort für sie einnimmt. Das volle Haar trägt sie in der Mitte gescheitelt und nach hinten gekämmt, wahrscheinlich zu einem Dutt gesteckt. Ihre Brust ist hoch geschnürt, wie es damals durch die Korsetts üblich war. Und sie hatte eine schmale Taille, trotz ihrer vielen Kinder. Man erkennt auf dem Foto, dass das Kleid gestreift war. Es sieht wie Seide aus, in der Mitte zusammengehalten mit Perlmuttknöpfen. Auf dem Bild ist eine sympathische und auch tatkräftige, resolute Frau zu sehen.
 
Gustel hatte 13 Kinder, darunter zwei Zwillingsgeburten. Mit ihren zehn Töchtern betrieb sie eine Wasch- und Plättanstalt in Blasewitz, einem Stadtteil an der Elbe in der Residenzstadt Dresden. Angefangen hatte sie als Wäscherin, konnte dann als junge Frau einen kleinen Betrieb übernehmen und ausbauen. Viel geholfen hatte dabei ihr Mann.
 
Der technische Aufwand in der Wäscherei war damals nicht sehr groß. Bei diesem Gewerbe war das Wichtigste die Muskelkraft. In einem großen Waschhaus standen Kessel, in denen die Kochwäsche brodelte. Diese kam dann in Holzbottiche und wurde auf Rubbelbrettern gebürstet. Die Wäscherinnen trugen Holzpantinen. Sie standen während der Arbeitszeit im Wasserdampf, gebückt über die Holzzuber. Wie schwer doch die nassen Leinentücher waren!
 
Gustels Söhne mussten sich um das Holzfeuer kümmern und anfangs das Wasser vom Brunnen heranschleppen. Im Sommer wurde die Wäsche auf den Elbwiesen zum Bleichen ausgelegt, begossen mit Wasser aus dem Fluss, der damals noch klar und sauber war. Sie mussten schuften, und wer zu langsam war, bekam schnell mal einen Schwapp Wasser ins Gesicht. Dann war das Gezeter groß! Und trotz der schweren Arbeit soll es unter den „Mädels“ sehr lustig zugegangen sein!
 
Auf dem zweiten Foto ist Gustel mit etwa 50 Jahren zu sehen. Die Hände liegen offen im Schoß. Man empfindet sie als kuschelig und weich. Sie müssen rosa ausgesehen haben – vom vielen Hantieren mit Wasser. Ihre Figur ist etwas vollschlanker, noch immer hat sie ein ebenmäßiges Antlitz. Aber die Lippen sind schmal geworden. Was muss es für sie für Leid und Kraft gekostet haben, ihre ältesten Kinder zu verlieren. Die Großen, vor allem die Söhne, waren nach Amerika ausgewandert. Selten kam Post von ihnen nach Blasewitz. Und unseren Gedankengängen fügt Großmutter hinzu: „Wir kannten einander nicht einmal – die Ältesten und die Jüngsten.“
 
Ihr Mann Janosch „kam, sah und siegte“ bei Gustel, als sie noch sehr jung war, und er aus Ungarn in Dresden Einzug hielt. Joch, wie man ihn nannte, hatte den damals seltenen Beruf des Masseurs. Er arbeitete am Vormittag in den Lahmann-Sanatorien auf dem Weißen Hirsch. Hier machten die Reichen und Schönen ihre Schlankheitskuren. Wie sahen damals die Verordnungen aus? - In einer vorgeschriebenen Zeit musste man die steile Plattleite, etwa zehn Mal rauf und runter laufen. Zur Therapie gehörten damals auch schon Massagen.
 
Die Nachmittage hielt sich Josch für Arbeiten im Familienbetrieb frei. Und an manchen Abenden war er Feuerwehrhauptmann in der Semper Oper. Dadurch bekam er in der Spielzeit immer zwei Freiplätze. Gustel hatte die Devise „alles was sich Gutes bietet, wird wahrgenommen.“ Und so sah man sie oder ihre Kinder in feiner Kleidung, so oft es ging, zu Aufführungen in der Oper – trotz der täglichen Plackerei. Das war liebgewordene Abwechslung.
 
Großmutter sagte mir am Abend an den Elbwiesen mit Nachdruck: „Diese zwei Fotos von Gustel hüte ich wie einen Schatz,“ und steckte sie behutsam in ein ausgedientes Abendtäschchen. Dann gab sie mir ihre Hand. Sie war warm und rosig. Ich fühlte mich darinnen geborgen. Ihre Hände konnten ihre Herkunft nicht verleugnen. Und Großmutter erzählte weiter: „Gustel hat ihren Mann um etliche Jahre überlebt. Sie starb 1925. Zehn meiner Geschwister konnten zu ihrem Abschied kommen.“
 
„Nun müssen wir aber ins Haus gehen. Lassen wir den schönen Abend mit etwas Lustigem ausklingen. Weißt du, was Gustel fuchsteufelswild machte? – Wenn man Schillers Zitat aus Wallensteins Lager auf sie bezog: Potz, Blitz, da ist die Gustel aus Blasewitz!“

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