Hermann Weigl

Die Drachenreiter von Arctera (Teil 16 - Ende)

Bereits von weitem erkannte Tarrabas die beiden Heereslager. Wie schon über die Jahrhunderte hinweg, standen sie sich erneut gegenüber, um in einem sinnlosen Kräftemessen Menschenleben zu vergeuden.
Die Drachen hatten das genesene Junge als ein Zeichen angesehen, und nach einer nicht enden wollenden Diskussion beschlossen, ihre passive Haltung aufzugeben. Ein Beobachter hatte von einer sich neu anbahnenden Auseinandersetzung zwischen Agostina und Iskandar berichtet. Nun waren sie unterwegs, um in das Geschehen einzugreifen.
Der monotone Klang der Kriegstrommeln drang die Ohren des Prinzen. Rufe aus Tausenden von Kehlen kamen sich nun dazu. Die Menschen hatten wohl die Schar der Drachen bemerkt.
Auf dem blutdurchtränkten Boden gingen die Drachen nieder - der König mit seinen beiden Wächtern, die nicht minder beeindruckend als Zarn wirkten, der Freund des Prinzen, Unari, und noch ein paar andere. Sie stellten sich auf die Hinterbeine, breiteten die Flügel aus, und erhoben ihre Stimmen zu einem gemeinsamen Ruf. Nie zuvor hatte der Prinz etwas derart Beeindruckendes gehört.
Dann falteten sie die Schwingen wieder zusammen, und ließen sich auf alle Viere nieder.
Drei Parteien standen sich nun gegenüber. Tarrabas glitt vom Körper Zarns, und trat vor den weißen Drachen hin. Fragend blickte er ihn an.
Der Prinz ergriff die zierliche Hand der Prinzessin, und sie liefen vor dem weißen Drachen her, in die Mitte der freien Fläche zwischen den beiden Armeen hinein.
Feindliche aber auch neugierige Blicke ruhten auf ihnen.
„Jetzt ruft Eure Eltern herbei“, sagte der Drachenkönig.
Die Prinzessin wandte sich der waffenstarrenden Phalanx aus Kriegern Iskandars zu, und rief. „Vater, ich bitte dich. Wir müssen miteinander reden. Um das Leben all dieser Menschen willen.“
Bewegung entstand dort. Einige der Krieger wichen zur Seite aus und neigten die Häupter. Ihr Vater verließ die schützende Menge der Soldaten und kam in Begleitung einiger Ritter auf sie zu.
„Du kommst sofort mit mir!“, sagte er, und wollte nach ihrem Arm greifen, aber sie wich sofort zurück.
„Nein!“, schrie sie voller Verzweiflung. „Diesmal nicht. Zuerst wird geredet. Und dann wir es eine Entscheidung geben.“
„Ich treffe hier die Entscheidungen.“
„Aber vorher solltest du hören, was der Drachenkönig zu sagen hat.“
Elisabietha eilte über das weite Feld auf den weißen Drachen zu, wo sie auf Tarrabas stieß. Fragend blickte sie ihn an, und er lächelte kurz. „Mein Vater ist bereit, zu sprechen. Er dachte allen Ernstes, Zarn hätte mich gefressen.“
Die Königskinder nahmen sich bei den Händen, traten vor den weißen Drachen hin, der sie kurz ansah. Der Drachenkönig ließ sich auf den Boden nieder, und legte die Pranken mit den scharfen Krallen vor sich hin. Dort, im Schutz dieses mächtigen Wesens, dessen massiger Körper wie ein Felsen hinter ihnen aufragte, verweilten sie, um auf die Ankunft ihrer Väter zu warten.
Von der linken Flanke her näherte sich nun Pelias mit seinem Gefolge, von rechts kam Erkul. Je näher sich die beiden Parteien kamen, umso mehr Speere, Schwerter, und Hellebarden wurden aufeinander gerichtet.
„Senkt Eure Waffen“, sagte der Drachenkönig. „Wir sind hier, um zu sprechen, nicht um zu kämpfen.“
Keine der Parteien kam der Aufforderung nach. Feindselige Blicke wurden ausgetauscht, Fäuste geschwungen, und Beschimpfungen ausgesprochen.
„Tut, was Ihre Majestät sagt“, rief Tarrabas.
„Ja, legt Eure Waffen beiseite“, sagte die Prinzessin.
König Erkul steckte als erster sein Schwert weg. Zögernd folgte das Oberhaupt Agostinas seinem Beispiel. Auf einige gezischte Befehle hin sanken die Spitzen der Waffen allmählich nach unten.
„Können wir nun reden?“, fragte der weiße Drache in die lastende Stille hinein.
„Worüber sollten wir reden?“, wollte Pelias wissen.
„Über die Zukunft Eurer Reiche“, erwiderte der weiße Drache. „Und über das Glück zweier junger Menschen.“

„König Pelias“, flehte Elisabietha. „Denkt an Eure Frau. Königin Aleksandra hat ein gutes Herz. Glaubt Ihr nicht, es würde sie schmerzen, wenn sie mit ansehen müsste, wie ihr Sohn unglücklich wird?“
„Ich habe mein Wort gegeben. Großherzog Barak ist mir treu ergeben. Er hat es verdient, dass seine Tochter Eleonara einen ehrenwerten Mann zum Gemahl bekommt.“
„Aber gibt es nicht noch andere...?“
„Schluss jetzt. Es war mein Wort. Das Wort eines Königs. Und ich werde es halten.“
Nun mischte sich auch der Vater der Prinzessin ein: „Das ist wahr, meine Tochter. Ein König muss sein Wort halten. Es sei denn, er kauft sich von einem Versprechen frei.“
„Majestät Erkul“, fragte der weiße Drache. „Ist der Mann, dem Ihr Euer Versprechen gabt, anwesend?“
„Ja, das ist er.“
„Dann ruft ihn herbei“, erwiderte der Drachenkönig. „Und König Pelias, auch den Großherzog möchte ich sprechen.“
Zwei Boten wurden ausgeschickt, um die Männer zu holen.
Die Prinzessin rechnete schon mit dem Schlimmsten. Sie hatte noch nie so viele starrköpfige Männer auf einmal getroffen. Über eines war sie sich klar: Sie würde nicht mehr zurückgehen. Sollte ihr Vater weiterhin auf der Vermählung bestehen, würde sie mit Unaris Hilfe fliehen. Sie war sich sicher, dass auch der Prinz ihr folgen würde.
Inzwischen waren die beiden Männer angekommen. Ungläubig starrten sie zum Drachenkönig empor, der mit ruhiger Stimme auf sie einredete.
„Freiheit, Frieden und Gesundheit. Dies sind die höchsten Güter - aber sie haben einen hohen Preis. Ihr habt das Erbe des letzten Drachenreiters gelesen - die Botschaft, die eine Mahnung enthielt, auf dass wir verstehen, was sich vor so langer Zeit ereignet hat. Wir sind es nun. Hier und jetzt wird sich entscheiden, ob Eure Kinder und Enkel sich weiterhin bekriegen werden, ob sie hier auf diesen schwarzen Schlachtfeldern sterben werden, oder Frieden herrschen wird. Hier und jetzt. Majestäten, ich appelliere an Euer Wissen, und die Erfahrung, über die nur Könige verfügen, die seit Jahrzehnten an der Spitze eines Reiches stehen. Oft müssen eigene Gefühle, Vorurteile, beiseite gelegt werden, um Entscheidungen zu treffen, die ein höheres Ziel angehen. Ihr entscheidet über das Wohl eines ganzen Königreiches. Krieg folgt auf Krieg. Gewalt bringt nur sich selbst wieder hervor. Es ist ein Kreislauf der niemals endet. Ihr habt nun die Möglichkeit diesen zu unterbrechen. Der Preis dafür ist, dass Ihr Euren Hass überwindet, dass Ihr Eure Krieger nicht mehr gegeneinander kämpfen lasst. Löst Konflikte nicht mit Waffen, sondern mit Worten. Setzt ein Zeichen für eine neue Zukunft. Und gäbe es kein einprägsameres, als die Vermählung zweier Königskinder aus ehemals verfeindeten Reichen?“ Der Drache schwieg, und seine Worte lasteten schwer auf den Anwesenden. „Und so frage ich Euch nun. Seid Ihr bereit den Preis des Friedens zu bezahlen?“
„Ein König wurde getötet“, rief Pelias. „Von dem Vorfahr dieses Mannes.“ Dabei deutete er anklagend auf  Erkul.
„Wer sagt das? Genauso gut kann es Euer Urahn gewesen sein.“
Schon legten sich die Hände der beiden Streithähne auf die Griffe ihrer Schwerter.
„Majestäten“, sagte der weiße Drache. „Was geschehen ist, war Unrecht. Aber es wird nicht ungeschehen, wenn Ihr Euch bekämpft. Niemandem ist geholfen, wenn Eure Männer sterben. Lasst die Vergangenheit ruhen, und seht nach vorne – in die Zukunft.“
Erkuls Hand löste sich von seinem Schwertgriff, während sein finsterer Blick auf seinem Feind ruhte.
Elisabietha trat aus dem Schutz des Drachens hervor zu ihrem Vater hin, nahm seine rechte Hand und zog ihn zu König Pelias hin.
„Gib ihm die Hand. Nur ein Handschlag ist erforderlich, und mehr als tausend Jahre Krieg sind vorbei.“
Ihr Vater sah sie mit einer Mischung aus Erstaunen und Stolz an - Erstaunen darüber, dass sie die Initiative ergriff, und Stolz darüber, dass sie vor all diesen Männern den Mut dazu zeigte.
Sein Blick traf den von König Pelias. „Wenn ich Euch meine Tochter verspreche, so ist mein Reich ohne Erbe. Ich kann das nicht tun.“
„Majestäten“, sagte der weiße Drache. „Es ist leicht, immer den gleichen Weg zu beschreiten, auch wenn man längst nicht mehr weiß, wohin er eigentlich führt. Jedoch erfordert es zuweilen großen Mut, eine neue Richtung einzuschlagen.“ Er beugte sich ein Stück weiter zu dem Männern herunter und setzte mit eindringlicher Stimme fort: „Baut die alte Burg wieder auf - oben im Niemandsland. Von dort aus kann die Prinzessin Iskandar regieren, und der Prinz Agostina. So bleibt kein Reich ohne Erbe.“
Pelias sah den Drachen mit maßlosem Erstaunen an. Dann blickte er in König Erkuls Gesicht, presste die Lippen aufeinander, atmete tief durch, hob die rechte Hand, und hielt sie dem Mann hin, den er sein ganzes Leben lang bekämpft hatte. „Darauf, dass zwei junge Menschen glücklich werden, und zwei Reiche in eine neue Zukunft führen.“
Erkul sah erst lange die Hand an, die ihm entgegengestreckt wurde. Ihm war bewusst, dass dies ein Moment war, der in die Geschichte eingehen würde. Pelias hatte den ersten Schritt getan. Nun lag es an ihm, den Krieg zu beenden. Er hob den Kopf, und sah seinem Gegenüber ins Gesicht - ein altes Antlitz, in dem unzählige Schlachten und zahlreiche Verluste ihre Spuren hinterlassen hatten. Mit einem leichten Nicken griff er nach der Hand und schüttelte sie. „Wohlan. Eine große Aufgabe steht vor uns. Wir müssen eine Burg wieder aufbauen, - oder besser noch - eine ganze Stadt.“
Tarrabas trat auf König Erkul zu, und kniete vor ihm nieder: „Majestät, ich bitte Euch um die Hand Eurer Tochter.“
„Elisabietha, komm zu mir“, sagte der Monarch. Er hielt seine Tochter an den Schultern, sah sie lange an, und drückte sie dann an seine Brust. „Mögen die Götter über dich wachen, mein Kind.“ Er nahm sie bei der linken Hand und wandte sich an den knienden Prinzen. „Erhebt Euch, Prinz Tarrabas von Agostina.“ Finster sah er den jungen Mann an, in seinem Gesicht arbeitete es. „Gebt mir Eure rechte Hand.“ Der Prinz tat, wie ihm befohlen. Erkul griff nach dem Handgelenk des Prinzen, hielt es mit eisernem Griff, und legte ihm die rechte Hand seiner Tochter hinein. „Mein Segen über Euch.“ Flüsternd fügte er hinzu. „Und wehe ihr tut Ihr ein Leid an. Ich würde Euch...“ Er ließ die Drohung unausgesprochen, aber sein Blick verhieß nichts Gutes.
Elisabietha fiel in die Arme des Prinzen, wo dann ein nicht enden wollender Strom von Glückstränen über ihre Wangen lief.
Der Drachenkönig legte den Kopf zurück, und stimmte einen Gesang an, in den die anderen Fabelwesen einfielen.
Die beiden Könige schritten gemeinsam aufs Schlachtfeld hinaus und gingen dann auf die Reihen ihrer Krieger zu.
Erkul blickte in die ausgemergelten Gesichter der Krieger. Einige stützten sich schwer auf ihre Waffen. Erwartungsvoll sahen sie ihn an.
„Geht nach Hause zu euren Familien. Der Krieg ist vorbei.“
„Haben wir gesiegt?“, wagte ein Veteran zu fragen.
„In einem Krieg gibt es nur Verlierer.“

Zwei Jahre waren seit jenem denkwürdigen Tag vergangen.
Immer mehr Drachen kamen aus dem Nebelgebirge herab, und bevölkerten die hohen Felskegel der Sümpfe.
König Tarrabas löste den Blick von den majestätischen Wesen, die weit unten über dem Fluss kreisten, und wandte sich der Baustelle zu. Die Ruinenstadt glich einem wimmelnden Ameisenhaufen. Überall wurde gearbeitet, Schutt beiseite geräumt, Mauern wieder aufgerichtet, und uralte Straßenzüge freigelegt. Die Grundmauern der Burg waren wieder zu Tage gekommen, und dort setzten die Steinmetze Reihe um Reihe die Steine aufeinander. So nahm das mächtige Bauwerk langsam wieder an Form an, und ließ allmählich den alten Stolz wieder erkennen.
Soeben landete Unari auf der Wiese unterhalb der Burg. Sie brachte Elisabietha von ihrer Reise aus den Sümpfen zurück. Schon mehr als ein Dutzend Jungtiere waren in diesem Jahr geschlüpft, und die Königin hatte sie mit den für die Drachen so wichtigen Mandelfrüchten versorgt.
Tarrabas atmete auf. Alles schien seinen Weg zu gehen.
Er sah hoch, als ein dunkelblauer Drache über die Baustelle hinwegfegte. In einem waghalsigen Manöver ging er unmittelbar neben der goldenen Drachin nie-der. Der König wusste, wer das Bündnis mit diesem stolzen Wesen geschlossen hatte. Ritter Gregorik war der erste, den die Drachen gewählt hatten.
Nach ein paar Minuten kam der Drachenreiter völlig außer Atem bei Tarrabas an, kniete nieder, und hielt ihm am ausgestreckten Arm eine Schriftrolle hin.
Der König nahm das Pergament entgegen, und for-derte den Mann auf, sich zu erheben. „Seid mir ge-grüßt, Ritter Gregorik. Was habt Ihr zu berichten?“
„Majestät, ich flog Patrouille an der Westgrenze. Dort bemerkte ich eine Gruppe fremder Reiter. Sie blieben auf dem Gebiet Königs Dartanus. Ich landete, sie saßen ab, und verneigten sich in meine Richtung. Einer der Männer legte deutlich sichtbar sein Schwert ab, kam näher, und übergab mir ein Schreiben ihres Königs.“
Tarrabas entrollte das Schriftstück, und überflog die Zeilen. „Er bittet um die Aufnahme von Gesprächen auf diplomatischer Ebene.“

Und warum hat sich diese  Geschichte zugetragen?
Weil eine ungehorsame Prinzessin ihren Begleitern ausgebüchst ist. Hätte sie ihrem Vater gehorcht, würde noch immer Krieg zwischen den beiden Reichen herrschen.

Ende.

(C) 2011 Hermann Weigl

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.04.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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