Es war ihr letzter Kuss bevor sie einschlief. Bergluft macht schwanger. Der Schatten der Churfirsten deckten das kleine Häuschen zu. Wie die Zähne Gottes schienen die Berge da zustehen um die letzten Sonnenstrahlen ab zu beissen um diese in einem riesigen Schlund zu verschlingen. Die Erinnerungen an den Vortag waren wage. Sie wusste eigentlich gar nicht wie er zu ihr gekommen war. Der Wind hatte sie zusammengebracht. Im Bushäuschen hatten sie beide gewartet. Vom Wind hatten sie Schutz genommen. Wie der Blütenstaub wirbelten die Hormone in ihnen und so waren sie dann halt zu ihr nach Hause gekommen. Darauf war er abgehauen.
Im Büro ist es wieder einmal hecktisch. Ständig klingelt das Telefon, der Drucker rattert und die Aufträge stapeln sich. Immer wieder gehen Leute ein und aus, verschwinden in den Sitzungszimmer und erscheinen nach einer Weile wieder im Büroraum. Ein freundlicher Herr erscheint und weist mich mit angenehmer Stimme in ein solches Sitzungszimmer. Hellblaue Tapeten, praktische Einrichtung , nicht allzu neue Möbel. Eine Schwiegermutterzunge neben dem Fenster im Regal, die wieder einmal umgetopft werden müsste. Hinter dem Pult ein riesiges Bild von einem alten rot-weiss geringelten Leuchtturm. Eine zischende Wellengischt um sprudelt das rohe Fundament des Leuchtturms in wilder Art und Weise. Das Meer im Hintergrund ist tief türckis-blau. Das Bild eher kitschig. Wie ich mir meine künftige Arbeit vorstelle, die ich am liebsten hätte. Was für einen Beruf ich gelernt hätte, wo ich in die Schule ging. Er fragt mich auch nach meinem Vater. „ Beruf des Vaters?“ es gehöre zu den Formalitäten im Personaldienst ein Formular für den Temporäreinsatz auszufüllen. Sind das wirklich einfach Formalitäten?
Ich kenne meinen Vater gar nicht. Der ist nach einem Seitensprung abgehauen. Irgendwo im Glarnerland war das. Soll ich ihm die Wahrheit sagen. Nein das ginge nicht. Das würde zu sehr den Opferstatus einbringen und das will ich nicht. „ Diplomat“ sage ich trocken. „Viel im Ausland tätig gewesen, seit drei Jahren im Ruhestand, wohnhaft im Zürcher Seefeld. Herr Egli vom Personalvermittlungsbüro schaut mich verwundert über seinen Brillenrand an und notiert.
Ob ich nicht durch meinen Vater einen Job in der Verwaltungsmaschinerie erhalten habe, fragt mich Herr Egli, das sei doch gang und gäbe. Ich erkläre ihm, dass mein Vater nichts vom Verwaltungsfilz gehalten hat und dass er ein starker Verfechter der freien Marktwirtschaft sei. Er wollte nicht Wasser predigen und Wein trinken und hat mir so eine ganz normale KV-Lehre empfohlen. Der Kämpfergeist entstehe nicht in den prestigeträchtigen Herrensöhnchen-Schulen. Er habe immer das Wahre als das Richtige gesehen. Der Aufstieg mache nur Spass, wenn man den Weg selbst gegangen sei, Durststrecken erlebt habe. Wenn man dann einmal oben sei, könne man den Erfolg geniessen weil man den Rucksack voller Erfahrungen einzusetzen wisse.
„ Das tönt gut“, so Herr Egli. Er habe genau für mein Profil eine Stelle in einer Bank. Festanstellung. Kommunikationsberater einer Grossbank. Ob mir so etwas zusagen würde. Ich bejahe. Das Geld kann ich gut gebrauchen und etwas kommunizieren werde ich sicherlich auch können, denke ich.
Mein Französisch muss ich noch etwas aufbessern. Ansonsten bin ich gewappnet. Der erste Tag ist anstrengend. Alles ist neu. Der Personalassistent der Bank stellt mich dem CEO vor. Zum Glück habe ich den Bankenknigge vorher nachgelesen. Krawatte mit dezentem Muster, der dunkle Anzug sitzt perfekt. Die dunkelgrauen Socken mit den nicht allzu eleganten , aber teuren Balli-Schuhe sehen seriös aus. Ich will ja nicht den Sunyboy markieren. Die Aktentasche habe ich in der richtigen Grösse gewählt. Banane, Sandwich und Tageszeitung passen gut hinein.(Mit etwas Spatzung damit die Banane nie zerdrückt werden kann)
So stehe ich also vor dem CEO dieser Bank. „Sie Hund sind also unser neuer Kommunikationsberater“? Zum Glück habe ich die Aktentasche nicht gleich fallengelassen. Händedruck war in Ordnung, nur die Körperhaltung etwas gebückt. „Sie werden einen Slogan, eine Werbekampagne und ein Marketingprofil erstellen. In dieser Reihenfolge. Das Vertrauen der Kunden soll zurückgewonnen werden, nach all den schlechten Nachrichten rund ums Kreditgeschäft.
Folgende Slogan habe ich mir in meinem neuen, reinlich sauber geputzten, nach Computertechnik riechenden Bürozimmer ausgedacht.( Die Atmosphäre hätte unkreativer nicht sein können )
Wir werden Ihr Geld auf Händen tragen. Vertrauen sie uns, es zahlt sich aus. Oder
Planen sie mit uns Ihre Zukunft. Es wird sich lohnen. Oder
Wir investieren in Ihre Zukunft. Lassen Sie sich bei uns Beraten.
Das ist wenigstens schon ein kleines Ergebnis. Der Abfalleimer ist vollgestopft mit Kaffeebecher und Hubler ist sichtlich beruhigt, dass ich nach ein paar Tagen schon so produktiv gewesen bin. Hubler weiss jedoch noch nichts von meinem Drehbuch für den Werbefilm
Das Drehbuch für den Werbefilm habe ich mir wie folgt vorgestellt.
Ein älterer Mann zwischen sechzig und siebzig Jahren sitzt an einem runden Holztisch mit einem baumwollenen Tischtuch abgedeckt. In der Mitte des Tisches steht eine kleine Vase mit rosa Nelken. Eine Frau erscheint. „Wie spät ist es dann Hannibal“? fragt die Frau in rotem Rock. „Zu spät und zu früh“. Sagt Hannibal. „Ich fragte ja nur wie spät es ist. Hast du den keine Uhr an“? Fragt die Frau nach. „Nur weil ich in einer Uhrenfabrik gearbeitet habe heisst das noch lange nicht, dass ich immer eine Uhr auf mir trage. Meine innere Uhr, falls du diese meinst ,ist lange nicht so präzis wie jene die, die wir fabriziert haben, aber ich sage dir: Es ist zu spät und zu früh“. Ich möchte ja nur wissen welche Zeit jetzt ist, wegen dem Kuchen“, hackt Rosmarin nach. „ Es ist zu spät und zu früh. Zu spät unsere Beziehung noch zu retten aber zu früh um sie bereits aufzugeben“. Sagt Hannibal nimmt den Hut und geht.
Dann wird folgendes eingeblendet.
ABS Advanced Banking of Switzerland
Hätte dieses Paar schon früh mit ABS zusammen gearbeitet, hätte Hannibal jetzt selbst eine Rolex. Um den Ruhestand zu geniessen und um den Alltag interessant zu gestalten hätte das Paar genügend finanziellen Rückhalt. Go with ABS.
(Die Doppellbedeutung des Bankennamen zum Bremssystem will Hubler nicht einsehen)
ES IST NIE ZU SPÄT FÜR ABS UND ES IST NIE ZU FRÜH FÜR ABS. ABS IST IMMER FÜR SIE DA.
Der CEO ist begeistert. Herr Hubler gratuliert mir für meine Arbeit. „Genau so ist es. Sie schlauer Hund“! Wann die Aufnahmen beginnen würden, fragte er noch zum Schluss. Die Aufnahmen für den Werbefilm werden nächst Woche starten. Zwischendurch werden auch Aufnahmen für das Fernsehen, für die Tagesschau, stattfinden um die Bank ins richtige Licht zu rücken. „Wie steht es dann mit dem Marketingkonzept“? frage ich den Hubler. „Das lassen wir vorerst. Zuerst muss der Werbefilm her. Je schneller umso besser. Das Konzept kann warten. „Vergessen sie nicht, entweder ist der Napf halbvoll oder er ist halbleer. Sie schlauer Hund! Auf die richtige Perspektive kommt es an. Bei uns ist der Napf immer halbvoll. Immer“. Bei CEO Hubler klingelt das Telefon. Er wird gerade über den schlechten Abschluss der Börse informiert. Aber eben. Komme was wolle der Napf ist bei der ABS immer halb voll.
Im Grunde sind wir doch alle Paranoid. Wir sind Verfolgte und wir verfolgen selbst, lauern anderen nach. Wir Angestellten werden verfolgt von den Fortgesetzten, die Fortgesetzten wiederum werden von uns verfolgt. Regeln werden aufgestellt und jeder Chef soll sich hüten selbst von den Angestellten erwischt zu werden, eine Regel zu brechen. Das alles raubt Kraft, saugt dem Geschäft Saft ab, ohne dem Kunden Nutzen zu bringen. Das ewige Schwindeln, das ewige Vortäuschen, das ewige Keine-Schwäche-Zeigen hinterlässt Spuren. Keiner traut dem Anderen über den Weg. Misstrauen breitet sich aus und verhindert Freundschaften, die das Arbeitsleben bereichern würden. Achteinhalb Stunden sitze ich in einem Büro und kenne meinen Arbeitskollegen nach zehn Jahren immer noch nicht viel besser als am ersten Tag. Das ist die Kehrseite des maximierten Kapitalismus. Der Mensch arbeitet für den Gewinn einer Firma, Tag für Tag. Doch ist die Rendite auch für die Mitarbeiter ein Gewinn? Der Gewinn von diesem Jahr gilt als Vorgabe für den Gewinn vom kommenden Jahr. Es gilt die Rendite Jahr für Jahr zu überbieten. Ein Elefant wird zwar gross, aber er wird nicht grösser als ein Elefant. Das Wachstum hat seine Grenzen.
Der Kunde interessiert sich nicht für den Gewinn einer Firma. Ein Bankkunde will bloss einem Geldinstitut sein Geld anvertrauen, sofern er sein Geld dort sicher glaubt und Zins bekommt. Und da hat die ABS bereits einen grossen Nachteil gegenüber der Konkurrenz. Den die ABS hat Geld verschwendet, falsch investiert, verloren. Und so haben auch einige Kunden Geld verloren die dieser Bank sein Geld anvertraut haben. Horror für jeden Bankkunden. Tragisch für jede Bank.
Es nützt nichts wenn eine Bank wie ein aufgeblasenes Gebilde gross wirkt, aber dann schlussendlich ineffizient und träge vor sich hinvegetiert wie ein riesiger Kuhfladen. Der Kunde will einen Nutzen. Der Kunde will freundlich und kompetent beraten werden. Wenn ein Kunde einer Bank Geld zur Anlage bringt, muss jeder einzelne Mitarbeiter vertrauenswürdig sein und seriös. Nicht nur vorgespielt sondern echt bemüht sein, das Geld so zu behandeln, als ob es das eigene wäre. Das sind Gedanken die mir als Kommunikationsberater durch den Kopf gehen.
Die Zeit geht um, Zeit verstreicht. Ich sollte keine Zeit verlieren. Die Zeit rennt mir davon. Zeit heilt Wunden. Die Zeit kann stehenbleibe. Zeit kann dauern, ablaufen, kommen und gehen. Ich kann Zeit auch gewinnen, aber ich kann sie nicht festhalten, ich kann mich nicht ständig nach ihr richten. Ich gebe der Zeit ihren Lauf, sie vergeht wie im Flug. Erst mit der Zeit wird es höchste Zeit. Ändert die Zeit mit Geschwindigkeit? Ich kann der Zeit nicht davonrennen, ich kann sie nicht festhalten. Die Zeit hinterlässt Spuren, Spuren der Zeit. Jetzt ist Zeit, nichts ist Ewigkeit.
„ Es ist Zeit für einen Aufstieg Herr Hauser“, sagt ihm ein wohlerfreuter Herr Hubler. „Wir sind sehr zufrieden mit ihnen und würden ihnen gerne die wichtigste Marketingstelle in den USA anbieten. Nehmen sie an Herr Hauser“? Ich habe das Angebot angenommen. Wohl aber mit einem mulmigen Gefühl im Bauch. Ich erhoffe mir einfach sehr gute Verdienstmöglichkeiten in den USA.
Ich merke, dass kritische Gedanken zur Vergangenheit, oder Kritik an der rein gewinnorientierten Geschäftsstrategie bei Hubler nicht gut ankommt.
Auch der Ruf der ABS ist nicht Monumental und hat seine Vergänglichkeit. Ich gehe einmal zu Hubler. Ich möchte einmal sehen was er zu meinen Gedanken punkto der Neuausrichtung der Firmenidentität meint. Mehr Kundenbindung, ehrlichere Anlagekonzepte weniger Gewinnorientierte Bonussysteme. Ich offenbare Hubler meine Einstellung zur aktuellen Krise. „ Sie raffinierter Hund kommen wohl nicht von der Bankenecke, sonst hätten sie sich all die schönen Gedanken wohl sicherlich erspart. Ich sagen ihnen nun etwas, dass sie wissen müssen“. Sagt Hubler laut und zornig. „ Ich ertrage keine Philosophen in meiner Bank. Das hier ist eine Bank und keine Kirche. Und falls sie das nicht begreifen mein lieber Hund, müssen sie sich eine neue Stelle suchen. Die wichtigsten Wörter hier sind. Kapital, Rendite und Gewinn. Und sollte in einem Ihrer Sätze eines dieser drei Wörter nicht vorkommen, sollten sie sich den entsprechenden Satz aus dem Kopf schlagen. Nicht umsonst sende ich sie nach Amerika Sie sind ja zuvor auch auf unserer Schiene gefahren“.
Ich denke Hubler macht mit seiner Sturheit einen kapitalen Fehler. Es rentiert nicht mich mit so einem Dickkopf länger zu unterhalten. Mit seiner Geschäftsphilosophie wird er keine neuen Kunden gewinnen können. Die Nutzschwelle von seinem eingeschlagenen Weg ist so gering, dass der Wert seiner Arbeit nicht einmal seinen Bürostuhl amortisiert. Weil dieser Hubler knapp bis zur Pultkante seines Bürotisches sieht, wird seine Bank auch in Zukunft da sein wo sie jetzt hadert. An der allgegenwärtigen Überheblichkeit. Seine Rechnung wird nicht aufgehen.
Es ist nun Zeit meine Koffern zu packen für Amerika. Ein spezielles Gefühl, allen Freunden und Bekannten auf Wiedersehen zu sagen ohne zu wissen wann man genau zurückkehrt. Für mich ist das ein kleines Abenteuer.
Die Reise
Wir kennen uns schon beinahe zehn Jahre, meine Frau und ich. Wir haben inzwischen zwei Kindern das Leben. Elena und Ralf. Elena ist sechs, Ralf vier. Meine Frau und ich, wir lieben uns noch immer. Wir sind zufrieden mit unserem Eheleben, wunschlos.
Ich wollte zuerst mit dem Flugzeug nach Amerika fliegen. Aber die Ölkriese ist schon dermassen fortgeschritten, dass sich die Flugzeuge mehr am Boden aufhalten und es unmöglich ist im Moment ein Ticket zu buchen. Bei den Schiffen ist es momentan etwas besser, weil diese mit einfachem Diesel betrieben werden und nicht mit dem spezialisierten Kerosin. Das ist alles wegen den Fehlinvestitionen der ABS entstanden. Mit der serbelnden ABS ist weltweit der Sockel unserer Wirtschaft ins wackeln geraten. Der Hubler hat ziemlich alles verschlafen, grossflächig Fehler heruntergespielt und sich und seine Bank mitten in die Wüste versetzt. Stur nach dem Motto „Hauptsache es geht vorwärts, die Richtung ist egal. Nach längerer Durststrecke kann sich Hubler noch immer im Paradis wähnen, keine Oase weit und breit in Sicht aber: Der Napf ist eben immer halbvoll bei der ABS.
Ich mache mich bereit um auf das Schiff zu steigen. Ich verlasse meine Familie für einige Zeit um den gute Job in Amerika zu erfüllen. Ich werde wohl Karriere machen, obwohl ich nie richtig daran glaubte. Ich spüre aber auch die Verantwortung die auf mir lastet. Ich komme mir fast vor wie ein James Bond der Wirtschaftswelt. Ich werde gesendet um die Welt vor einem wirtschaftlichen Untergang zu retten. Ich werde mich durchschlagen müssen durch ein Heer verlogener Banker, ich werde den entgleisten Kapitalismus wieder auf die richtigen Schienen heben müssen. Und das alles alleine. Ich gegen den Rest der Welt.
Ein Matrose vom Schiff trägt mein Gepäck über einen langen Steg auf das Schiff. Ich gehe nach und ich winke auf halbem Weg meiner Familie nochmals. Halb oben, halb unten. Das Schiffshorn dröhnt über den Hafenplatz. Langsam gehe ich nach oben meine Beine fühlen sich schwer an. Oben auf dem Deck angekommen winke ich nochmals meiner Frau und den Kindern zu. Sie scheinen winzig klein. Das Schiff scheint wie ein Fels.
Pünktlich legt das Schiff ab und sticht ins Meer. Amerika.
Meine Kajüte liegt im hinteren Teil des Schiffes. Klein aber fein. Schön eingerichtet mit edlen, dunkelbraunen Holzmöbeln, massive schwere Schreinerkunst. Die Stühle sind mit rotem Samt überzogen und stehen auf geschwungenen mit Kerben verzierten Beinen. Ich nehme auf dem Sessel Platz. Mein Blick schweift durch den Raum und huscht an den Oberflächen der Möbel vorbei ohne Details zu erkennen.
Wohin gehe ich? Wohin bewege ich mich? Will ich mich dorthin bewegen wo ich mich hinbewege? Noch lange sitze ich auf dem Sessel , ohne zu merken, dass es bereits zu Nachtessen geläutet hat. Erst wie die Ersten schon wieder vom Speisesaal zurück in die Kajüten kommen und angeregt über das Suflee und den Braten diskutieren, realisiere ich, dass ich mich wohl langsam Richtung Essaal bewegen sollte, wollte ich noch etwas zu Essen kriegen. Ich nehme die Mahlzeit zu mir.
Mein Körper sitzt im Lokal welches sich auf dem Oberdeck des Schiffes befindet. Mein Rücken ist der Bar zugewandt, wo sich bereits die ersten Gäste einrichten. Meine Gedanken schweifen immer um di selbe Frage. Ist es Richtig nach Amerika zu fahren und Frau und Kinder zurückzulassen? Werde ich etwas verändern können, an den festgefahrenen Geschäftspolitik der ABS? Ich habe freien Blick auf den Gang in welchem die Leute hin und her pendeln. (Doch sehe ich sie nicht wirklich). Wie die Wellen des Meeres scheinen die Massen von Menschen vorbei zu rauschen, das Stimmengewirr vermischt sich mit dem Geklapper des Geschirrs von der Küche und das Radio berieselt den Raum. Ich halte noch immer die Gabel in der Hand, obwohl ich schon lange fertig gegessen habe. Ich sitze wie versteinert auf dem gepolsterten Stuhl und starre in die Leere. Ich sauge die Geräuschkulisse auf wie ein Schwamm, ohne sie im Hirn zu filtern oder in einzelne Teile zu Gliedern. Die letzten Monate waren zu stressig. Medientermine reihten sich nur so aneinander und ich musste stets Haltung bewahren, meiner Stimme und meiner Sprache einen positiven Charakter begeben obwohl das Feuer in mir schon längst erlöscht ist. Der Funke muss auf die Empfänger überspringen obwohl ich in mir nur noch Schutt und Asche empfinde, obwohl ich den Glauben an das, was ich erzähle schon längst verloren habe.
„ Könnte ich einkassieren bitte? Ich habe Zimmerstunde.“ Der Kellner steht vor mir mit der Rechnung in der Hand. Die Stimme des Kellners scheint mit reichlicher Verzögerung bei mir anzukommen. Ich nehme mein Portemonnaie aus der Tasche und bezahle. Ich sitze noch mindestens eine Stunde reglos im Lokal. Hinten an der Bar sind die Gäste bereits etwas beschwipst und die Frauen sind bereits mehr entkleidet als es für diese Jahreszeit üblich wäre. Mein Körper bewegt sich durch die Gänge an den Kajüten vorbei an den Bug des Schiffes. Ich habe vergessen wohin mein Weg führt, was mein Ziel ist, welche Entscheidungen ich getroffen habe. Ich weiss nicht wohin ich gehen soll. Jegliche Art von Raster haben mich verlassen. Ich spüre nur, dass ich falsch gehe. Also gehe ich lieber gar nicht. Ich bewundere den Kapitän, wie er in einer so gigantischen Weite den richtigen Weg findet. Der Ozean, der so viele Möglichkeiten, so viele Wege anbietet. Das Meer ist breit, das Meer ist weit, und doch findet das Schiff seinen Weg.
Als ich am nächsten Tag erwache scheint mir bereits die Morgensonne ins Gesicht. Das Plätschern des Wassers erinnert mich daran, dass ich mich auf einem Schiff befinde. Das Schiff, das mich dahin bringen sollte wo ich hin möchte. Nach Amerika. Als Kommunikationsberater einer Schweizer Grossbank Geld verdienen, und ein erfülltes Leben führen? Was heisst schon erfüllt? Wer sagt, dass unser Leben wie ein Behälter ist in den man etwas füllen könnte um erfüllt zu sein? Gibt es auch entleerte Leben? Aber wie CEO Hubler immer gesagt hat: „ Bei uns ist der Napf immer halb voll“. Das will zum einen heissen, dass er keine Jammerer mag. Zum andern ist es Geschäftsdevise, dass immer die Hälfte eines Profites für uns rausspringen sollte aber nach oben immer noch weitere Entwicklungsmöglichkeiten bestehen. Der Gewinn könnte immer noch besser sein, auch wenn er so schon alle Erwartungen übertrifft. Das Schiff bringt mich also dahin wo ich hin will, stetig das Ziel fokussierend, auf dem richtigen Kurs bleibend. Nach oben schauend und immer mit der Erinnerung: You can get it if you realy want. Oder
You are the captain of your boat. You are the captain of your life.
You are the captain of that boat that floats. You are the captain of your life.
You now it’s hard you know the storm, you know that something can go wrong.
But you still have the confidence. Then you know-
That every stormy sky once turns into blue and some of your dreams come true.
Ich stehe auf und ich merke wie schwach sich meine Beine anfühlen, obwohl ich von meinem Alter her in den besten Jahren sein sollte. Ich verbringe eine ganze Weile im Bad und ich vergesse zum Schluss trotzdem mich zu rasieren. Im Saal sind viele Leute eingetroffen. Das Buffet ist reich bedeckt mit Croissants, Brot, Schinken, Käse und Eiern. Ich bleibe lange vor dem Buffet stehen und überlege mir nach was es mir gelüste. Ich entscheide mich zum Schluss für einen Milchkaffee mit einem Croissant dazu. Der Kaffeeduft hat ohnehin schon den ganzen Saal eingelullt und die Gäste in eine gemütliche Morgenstimmung versetzt. Ich habe keine Ahnung was ich mit dem heutigen Tag anfangen soll. Was sollte man auf so einen Schiff den schon tun. Viele Gäste vergnügen sich an der Bar, lernen andere Leute kennen und geniessen die Zeit ohne Pflichten. Ich habe keine Lust mich zu vergnügen. Die Ölkrise hat ein grosses Ausmass angenommen, die Wirtschaft ist weltweit am Boden die ABS Aktien im Sinkflug und ich fühle mich wie auf dem falschen Dampfer. Da hat man einfach keine Lust sich zu amüsieren. Aber jeder kann auch in Krisenzeiten das Beste für sich herausnehmen. Immer wieder gibt es Branchen die vom allgemeinen Wirtschaftseinbruch profitieren. Sofern sich diese möglichen Aufsteiger auf mehr Effizienz eingestellt haben. Eine gute Firma ist wie ein Wolkenkratzer, hat Hubler einmal gesagt. Pure Effizienz. Ein abgeschlaktes, hageres aber tragfähiges Gerüst, gepaart mit gelenkiger Leistung. Nach oben sollte alles offen sein. Ausbaubar, bis das oberste Geschoss den Himmel berührt und auch dann noch ausbaubar. Alles Überflüssige wird weggelassen, solider Grundbau ohne Schnörkel .
An diesem Abend gehe ich zum ersten Mal an die Bar. Ich hänge meinen Kittel an den Hacken und bestelle ein Weizenbier. Wie ich so gedankenversunken in mein Bierglas starre, setzt sich eine hübsche jüngere Frau neben mich. Sie fragt mich woher ich komme und was ich beruflich tue. Sie hat ein sehr schönes gleichmässiges Gesicht mit vollen Lippen, funkelnden rehbraunen Augen. Der Ausschnitt ihres Abendkleides ist atemberaubend, die Haut ihres vollen Busen zart, die Rundungen weich. Trotz ihres überwältigenden Auftrittes, bin ich nicht sofort für ein Gespräch bereit. Bleibe zuerst ein wenig reserviert. Doch mit der Zeit kann sie die verhärtete Kruste von meiner Schale durchdringen. Ihr Charme berührt mich, und ihre Stimme dringt tief in mich hinein, ihre Art macht mich gefangen. Sie erzählt viel über ihre Pläne in Amerika und vom Dorf in welchem sie aufgewachsen ist. Ich höre Ihr aber irgendwie gar nicht richtig zu, sondern höre nur ihre Stimme und sehe eine Gestalt vor mir, die nicht schöner hätte sein können. Wie in einem Märchen. Später gehen wir wie in Watte eingepackt, nach Liebe hungernd, in Alkohol getränkt, vom Rauch der Zigarren durchdrungen in meine Kajüte. Ich ziehe ihre Kleider aus. Sie ist wirklich das allerschönste was ich je gesehen habe. Ihr Körper hat perfekte Rundungen und ihre Mimik regt mich an. Sie schmiegt sich an mich und unsere Körper scheinen perfekt zusammenzupassen. Für einen Moment ist Zeit nicht abstrakt, sondern fühlbar, und für einen kleinen Moment scheint sie still zu stehen, während das grosse Passagierschiff weiter in die Nacht hinein fährt.
Am anderen Morgen fühle ich mich zum ersten Mal seit ich auf diesem Kreuzer bin nicht depressiv. Das liegt wohl unter anderem auch daran, dass ich die letzte Nacht mit einer wunderschönen Frau das Bett teilen durfte. Irgendwie höre ich Hublers Stimme in meinem Ohr von wegen halbvollen Näpfen. Was mache ich mir Sorgen wenn es mir ja so gut geht? Ich fühle mich auch gestärkt in meiner Entscheidung nach Amerika zu fahren. Wenn ich zu Hause geblieben wäre hätte ich Anna wohl nie kennengelernt. Ich halte mein Maskottchen noch fest in meinen Armen, bis Anna dann auch vom Sonnenschein geweckt wird. Wir essen zusammen Frühstück und reden miteinander über Gott und die Welt. Anna ist Musikerin, Jazzpianistin und Sängerin. Ich weiss, dass sie an mir auch wegen meiner Arbeit, meinem Geld und meinem Prestige interessiert ist. Sie will in Amerika den Durchbruch schaffen. Was könnte ihr da besseres geschehen als mit einem Kommunikationsberater einer Schweizer Grossbank liiert zu sein der den Kontakt zu den Medien professionell pflegt und eventuell für sie ein gutes Wort einlegen könnte? Wer würde einfacher auf sie eingehen wenn nicht jemand, der sich einsam fühlen würde in einem fremden Land ohne seine Familie? Wem sollte sie sich anvertrauen, wenn nicht jemandem, der genügend Geld verdient um sie locker auch noch durchzubringen, in einem edlen Quartier bequem logierend? Insgesamt ein gutes Geschäft, bei dem es nur Gewinner gibt. Ich staune, wie schnell einige Frauen merken wann ein Mann eine gute Partie ist. Ist das ihr guter Instinkt oder Zufall, oder ihr hundertneuundfüfzigster Versuch? Ich weiss es nicht. Anna hat irgendwie einen Russischen Einschlag, was wohl erklären würde warum sie so schön ist. Manchmal gehen wir aus lauter Langweile in die Kajüte und lassen uns berühren, während im Gang eine riesen Völkerwanderung mit Getrampel und Gerumpel durchgeht. Wir gleiten sanft ineinander und lassen uns vom Schiff einschaukeln. Das Brummen des Dieselmotors übertönt das Quitschen des Bettes und das gebrochene Licht,!
das in
die Kajüte eindringt lässt die Haut ihres Körpers weich erscheinen.
Ich merke, dass ich langsam so etwas wie einen Beschützerinstinkt Anna gegenüber entwickle. Das hat auch damit zu tun, dass Anna auch anderen Männern aufgefallen ist. Anna wird auch gerne von Männern bewundert. Sie braucht das wie die Luft zum Atmen. Bald sind wir in Amerika. Langsam packt mich das schlechte Gewissen meiner Frau gegenüber. Ist es richtig mit Anna so intim zu werden? Bis anhin bin ich Sibylle stehts treu gegblieben. Geht das nicht zu weit? Soll ich mich einfach auf dieser positiven Gefühlswelle nach Amerika tragen lassen und all meine Ethik in Europa zurücklassen? Hatte Hubler etwa doch recht als er sagte für gute Geschäfte brauche es keine Philosophen sondern positiv eingestellte Leute die trotz Verkaufseuphorie das Denken nicht vergessen. Ich könnte es mit Anna besser haben als ich mir das Leben je erträumt hätte. Warum sollte ich diese Gelegenheit nicht packen? Was sollte ich dabei verlieren, ausser meiner ethisch-philosophischen Lebensart die ich bis jetzt pflegte? Meine Familie?
Die Arbeit in New York hat gut angefangen. Mein jetziger Chef ist um einiges angenehmer als Hubler. Die Aufgabe ist in etwa die selbe wie die in der Schweiz. Nur spielt sich natürlich alles in Englisch ab. Auch die Kultur ist entschieden anders. Ich weiss nicht ob sich alle Marketingaussagen so eins zu eins in Amerika kopieren lassen. Der Werbefilm mit Hannibal und Rosmarie kommt hier jedenfalls sehr gut an. Dieser Film ist eigentlich amerikanischer als ich gedacht hätte. Der Umgang mit den Medien ist anstrengender weil die Journalisten in New York viel direkter , kritischer und auch stürmischer vorgehen als in Europa. Aber alles in allem bin ich gut in diesen Job hineingewachsen. Ich nehme oft an Geschäftsessen teil, bei welchen die oberste Liga der Wirtschaftsführer und Leute aus der Politik sich treffen und austauschen. Ich nehme meist Anna mit. Sie macht sich gut an meiner Seite und sie gibt mir den nötigen Charme, den ich alleine nicht hinkriegen würde. Sie wohnt bei mir in einer luxuriösen Wohnung in New York. Den Tag durch geht sie ihrem Musikbusiness nach. Am Abend sind wir meist zusammen. Essen gemeinsam zu Hause oder in einem Restaurant. Wir geniessen die Abende.
Immer wieder telefoniere ich meiner Frau zu Hause in Europa. Irgendwie ist sie mir fern, obwohl wir gute Gespräche führen. Ich kann mit meiner Frau entschieden besser über kompliziertere Themen reden als mit Anna. Anna ist einfach nett. Meine Frau ist mehr als nur nett. Sie hat ihre Meinung zu politischen oder geschäftlichen Dingen. Sie unterstützt mich in meinen persönlichen Belangen. Der gedankliche Austausch mit ihr ist bereichernd und aufbauend. Vielleicht kann ich mit Anna besser über einfache Dinge reden.
Vernunft und überlegtes Handel mögen wohl in vielen Fällen wichtig und richtig sein. Doch manche Dinge kann mit vernünftigen Argumenten nicht erklären. Warum lachen und jauchzen wir ausgelassen wenn wir Freude empfinden. Das ist doch reine Energieverschwendung. Warum gehen wir gerne in die Natur und braten über dem Feuer unsere Wurst. Zu Hause mit Tisch und Besteck wäre doch alles bequemer. Warum begehren wir eine andere Person, auch wenn wir diese gar nicht wirklich kennen? Ist es das Abenteuer. Ist es der Instinkt der uns Antreibt. Ist es das Leben von früher das immer noch tief in uns verwurzelt ist?
Let’s dance to the sound of the rain
Let’s dance to the grumble of a storm
Let’s dance to the voice of the wind
Let’s dance to the rhythm of a hail
Nach etwa zwei Monaten in Amerika hat sich etwas seltsames ereignet. Bei einem dieser Treffen habe ich jemanden kennengelernt, der zur Zeit eine der grössten Immobilienfirmen in den USA führt. Er ist schon gegen siebzig Jahre alt und wird das Geschäft einer jüngeren Generation überlassen müssen. Seltsam ist vor allem, dass er ebenfalls Schweizer ist, und sich erstaunlich gut im Glarnerland auskennt. Er, Joe, sei in Mollis aufgewachsen. Die engen Täler hätten ihm aber nicht gut getan. So sei er aus persönlichen, sowie aus geschäftlichen Gründen nach Amerika geflohen und habe hier mit einem kleinen Immobilienvermittlungsgeschäft angefangen. Aber in seinem Büro hängen noch immer ein Foto der Churfirsten. Nun sei er alt und sein kleines Immobiliengeschäft sei unterdessen ein Immobilienimperium geworden. Das Geschäft sei gewachsen und gewachsen, er habe dem Wachstum immer freie Bahn gegeben, die Voraussetzungen für das geordnete Geschäft auch im Wachstum geschaffen und er sei seiner Firmenphilosophie treu geblieben. „ Der Kunde kommt zuerst, für ihn stellen wir alle unsere Dienstleistungen bereit die sich punkto Qualität und Effizienz von der Konkurrenz entscheidend abheben“. Nur sei im Moment natürlich Flaute nach den Fehlinvestitionen vieler Banken. Mir gefallen seine Worte und seine immense Erfahrung beeindruckt mich. Hat Joe nicht dieselben Gesichtszüge wie ich? Haben seine kleinen Augen nicht auch den tiefen, braunen Glanz einer Kastanie, wie die meinen. Ist Joe etwa mein Vater? Ich kann mir vorstellen, dass er es war, der meine Mutter an jenem stürmischen Abend ins Chalet begleitete und ihren nackten Körper verehrte bis seine Samen in sie hinein flossen und sich daraus ein kräftiger Junge entwickelte. Ich wolle ihm nicht zu nahe treten und ihn nicht mit meiner Geschichte konfrontieren die mit seiner vielleicht gar nichts zu tun hat. Aber immer wenn er von der Schweiz erzählt, insbesondere von den Bergen, den Churfirsten und den Dörfern, werde ich hellhörig und ich versuche die mir vermittelte Vergangen!
heit mit
diesen Erzählungen in Einklang zu bringen. Er könnte mein Vater sein. Wir haben uns öfters getroffen irgendwo in New York. Er ist ruhig und überlegt. Man sieht Joe seine siebzig Jahre nicht auf Anhieb an. Zu wach sind seine kleinen kastanienbraunen Augen, zu viel Vitalität scheint in ihm zu stecken als dass man ihm den längst verdienten (aber noch nicht eingelösten) Ruhestand ansehen würde. Joe’s Ruhe hat mich angesteckt, der Austausch mit ihm und seine Erfahrung aus der Businesswelt tun mir gut. Es ist schon spannend. Erst noch habe ich in Anbetracht meiner heiklen Mission die Wirtschaftswelt retten zu müssen, lähmende Angst und weiche Knie gekriegt. Ich dachte ich sei der globale Krieger der mit seinem Notebook für Gerechtigkeit auf diesem Planeten kämpfen müsse. Und nun bin ich in Amerika angekommen mache meinen Job so gut ich kann und sitze mit meinem potenziellen Vater, der aus den engen Schweizer Bergen nach Amerika geflohen ist, gemütlich bei Kaffee und Kuchen in einer New Yorker Kaffeebar. Das zeigt nur wie klein die Welt ist.
Immer wieder gehe ich mit Anna tanzen. Es lässt sich so wunderbar ausgehen in New York. Einmal sind wir bei strömendem Regen nach Hause getanzt.
The streets are wet but we are high, so nobody knows the reason why
We step in every single puddle we both would like to have a cadle.
Je länger es dauert umso wichtiger wird Joe für mich. Wir gehen miteinander aus, trinken nach Feierabend noch ein Bier oder wir gehen angeln. Anna hat sich unterdessen auch an Joe gewöhnt. Warum Joe für mich so wichtig ist habe ich ihr nicht erklärt. Solche Dinge versuche ich ihr erst gar nicht verständlich zu machen. Das mit meinem Vater das ist meine Geschichte.
Meine Frau erzählt mir nicht viel von den Kindern. Aber alles in allem ist es doch schwierig ohne ihren Vater. Ich habe viel mit ihnen gespielt. Legoklötze aufeinandergetürmt, Fussball gespielt oder bei den Hausaufgaben geholfen. Ich fehle ihnen.
Heute kommt Hubler in New York zu Besuch. Er will sich ein Bild über die Lage in Amerika machen. Der Werbefilm mit Hannibal und Rosmarin ist ein Erfolg. Auch wenn der Slogan etwas zynisch klingt, „ Es ist nie zu spät für ABS“, kann man das von zwei Seiten sehen. Es ist nie zu spät zu ABS zu wechseln, aber auch es ist nie zu spät für ABS um wieder an die Spitze zu kommen. Der Slogan besagt, dass die Schlacht für ABS noch lange nicht verloren ist. Und dieser Kampfgeist gefällt offenbar laut Umfragen den Amerikanern. Trotzdem ist Hubler nicht allzu begeistert. Meine unterdessen braungebrannte Haut, mein lockeres Auftreten und meine innere Gelassenheit machen Hubler misstrauisch. „ Sie waren auch schon fleissiger, sie fauler Hund. Irgendwo fehlt ihnen der Adapter zur amerikanischen Steckdose. Sie laufen ja nur noch auf Halbstrom“. Der Hubler hat offenbar gemerkt oder mitgeteilt bekommen, dass mich neben der Arbeit noch anderes beschäftigt. Die Beziehung mit Anna und die Treffen mit meinem Vielleicht-Vater nehmen viel Zeit in Anspruch. Trotzdem versuche ich meine Arbeit bei der ABS seriös zu erledigen. Aber es gibt für mich nicht nur die Arbeit hier. Nicht nur das Marketing der ABS. Obwohl die Bekanntschaft mit Joe vielleicht nützlicher ist für das Image der ABS als es manche Überstunde im Büro sein könnte. Die Treffen mit anderen Wirtschaftsgrössen geben der ABS eine Art Mund zu Mund Propaganda im positiven Sinn. Das imageschädliche, destruktive Virus das die Bank befallen hat, muss im Kreis der etablierten Geschäftsherren eliminiert werden. Nur so kann eine positive Welle des Erfolgs über die ABS rollen. Die Welle des Erfolgs muss ihren Ursprung vom Nabel des Wirtschaftsgeschehens haben und das Feld flächendeckend überfluten. Und so den ausgebrachten Samen der umgeben ist von rissiger, trockener Erde befeuchten und spriessen lassen, bis aus dem Samen wieder eine stattliche Pflanze wird und selbst wieder Wind und Wetter trotzen kann. Ich habe durch Joe begriffen, dass nicht ich allein alle für das Unter!
nehmen ü
berzeugen muss (denn das wäre mit so vielen Amerikanern schwierig), sondern dass der Samen den ich gesät habe einmal stark genug wird um sich selbst zu behaupten. Das Gedankengut müsse sich selbst weiterverbreiten. So, dass vielleicht eine einzige Blüte genügt um sich zu vermehren. Dass sich die Sympathie zur ABS wie eine Ansammlung blühender Obstbäume vermehren und Rund um den Globus sich verbreiten. Dass die Welt von oben betrachtet umgeben ist von einem Saum blühender Obstbäume. Diese werden ihre Früchte abwerfen und selbst wieder Samen ausbringen. Aber wie soll ich das dem Hubler erklären? Ich habe Hubler mit meinem Jaguar beim Hauptsitz der amerikanischen ABS abgeholt. Um unser Vorgehen in Ruhe bei einem Spaziergang durch den Central Park zu besprechen. Hubler sitzt ein wenig verloren auf dem Beifahrersitz. Ich habe meine Sonnenbrille auf und konzentriere mich auf den Verkehr. „ Sie raffinierter Hund. Sie arbeiten wohl nur noch in den Pausen. Wann sind sie eigentlich noch im Büro?“ Wenn er nur wüsste wie ausgelaugt und niedergeschlagen ich bin, wegen dieses Jobs. Etwas Lob hätte mir gut getan aber ich kann sein Lob nicht erzwingen. Seine dauernde Kritik und seine Vorstellung wie einfach es doch sei noch etwas mehr zu geben macht mich krank.
Ich habe es diesen Abend als wir gerade bei Sonnenuntergang unter einer alten Linde durch geschlendert sind. Aber nichts hat genützt. „Diese esoterischen Ansätze gefallen mir gar nicht, Hauser. Mit diesem Schöngerede kommen sie höchstens in den Himmel, aber nicht in die Top five des weltweiten Bankentreibens. Wenn sie sich hier so wohl fühlen mag das für sie gut sein, für die ABS ist es das nicht. Entweder sie strengen sich etwas mehr an oder sie kommen zurück in die Schweiz“. Ich habe ihm erklärt, dass der Kontakt zu amerikanischen Wirtschaftsleuten wichtig sei und dass diese Kontakte bereits anfangen Früchte zu tragen. „Ich hoffe nur, dass sie hier nicht Früchte in Form von menschlichem Nachwuchs meinen. Nein, Herr Hauser, das geht mir entschieden zu weit. Ich dachte ich hätte mit ihnen einen integeren, fleissigen Geschäftsmann nach Amerika gesendet, der möglichst schnell wieder zurück zu Frau und Kind kehren möchte und seine Arbeit sauber und schnell erledigt, damit es hier in Amerika wieder aufwärts geht. Das mit Ihren Kontakten können sie sich aus dem Kopf schlagen. Wir brauchen sie hier im Büro und nicht auf dem roten Teppich. Seien sie unseren Geschäftsprinzipien und ihrer Familie treu. Wir haben da verschiedenes gehört vom New Yorker Zentralbüro“. Ich habe ihm erklärt, dass ich nicht von private Kontakten geredet habe, sondern von geschäftlichen. Aber das ist Hubler egal gewesen. Das ist nun eine Woche her. Es scheint sich eine regelrechte Front gegen mich zu bilden. Ich habe mit meinem besten Wissen und Gewissen gehandelt. Sie sollten mich wirken lassen sonst wird mir dieser Job auf die Länge zu bunt.
Hubler weiss nicht wie sehr ich mich für die ABS einsetze, wie sehr ich mich anstrenge, auf was ich alles verzichte. Ich sehe Anna nur noch an den Wochenenden. Ich arbeite von morgens um sieben bis tief in die Nacht. Natürlich bin ich nicht immer in meinem Büro. Das ist ja auch nicht möglich mit all den Terminen in den verschiedenen ABS Filialen. Den teilweise elementaren Kundenkontakten und persönlichen Beratungen. Immer wieder scheine ich mich zu vergessen. Immer wieder kommt der Zustand zurück von damals zurück, als ich verloren auf den noblen Stühlen des Kreuzschiffes gesessen bin. Ich habe mich ungefähr so lebendig gefühlt wie der Stuhl auf dem ich gesessen bin. Das Leben kann einen verlassen. Es ist nicht so, dass in einem das prickelnde Leben so einfach entgegen zischt, als würde man mit einer simplen Drehbewegung eine Mineralwasserflasche öffnen. Ich denke ich hinterfrage manches eingehender, als das ein stahlender Glückspilz tut. Ich fühle mich oft schuldig für etwas, dass schiefgeht, kann aber nach Erfolgen kein Stolz empfinden. Ich sehe alles irgendwie von aussen, verliere das Ich-Gefühl. Mein eigenes empfinden versteckt sich irgendwo unter dem kleinen Fingernagel. Ich funktioniere im Beruf sehr gut so. Kann meine eigenen Bedürfnisse zurückstecken und ich erbringe meine Leistung. Ich kann aber alles nur sehr schwer fühlen und empfinden. So wie ein blinder nicht sehen kann oder ein Tauber nichts hört, so ist bei mir eine Fallmasche von meiner Stricknadel gefallen. Sie fällt in mir nun tiefer und tiefer, bis mein Nervengewand sich zu einem geraden Faden zurückbildet und nichts mehr darstellt. Für mich ist das normal. Ich weiss aber, dass andere Menschen anders funktionieren können. Anna zum Beispiel hat diesen steten Drang nach einem aufregenden Leben voll und ganz in sich. Sie hegt sich einen Plan aus wie sie sich amüsieren könnte und verfolgt dann zielstrebig ihre Idee bis sie zum Ziel kommt. Erstens hat sie sich ein aufregendes inspirierendes Ziel ausgedacht und zweitens ist das Ziel eine A!
rt Beloh
nung für die Anstrengungen es zu erreichen. Und sie bestätigt sich selbst, wieder etwas erreicht zu haben. Solche Personen funktionieren wie ein Perpetummobile, dass sich immer wieder selbst antreibt und dann selbst bestätigt. Und das immer wieder. Das gibt einem vielleicht dann eben dieses Gefühl der Erfüllung. Sie selbst kann sich so erfüllen, sie selbst kann sich aufziehen wie eine Mechanische Uhr aufgezogen wird. Bei mir ist, dass anders. Ich hole meine Ziele von aussen. Ich sehe, dass es um mich einen Auftrag gibt den ich zu erfüllen habe. Ich bekomme den Auftrag aufgetragen. Nicht ich selbst gebe mir den entsprechenden Impuls sondern meine Aussenwelt. (Was nicht heisst, dass ich den Auftrag weniger zielgerichtet verfolge). Ich habe nur zwischen mir und meinem Tun nicht immer mein Ich als Resonanzkörper sondern einfach die abstrakte Aufgabe. Dafür bin ich fähig Ziele zu erreiche die mit meinem inneren nichts gemeinsam haben und mein Bestätigungsbedürfnis nicht ständig zu füttern brauch, da es das gar nicht gibt. Ich brauche Bewegung um die festgefahrenen Nerfenzellen wieder zu erlösen. Ich brauche die Natur, Bäume oder einen Bach der mein Inneres wiederauflädt. Ich muss das alles aufsaugen wie ein Schwamm damit ich wieder bei Null anfangen kann. Anna kann nur von sich aus gehen. Sie wächst mit sich selbst und bezieht Erfolge eng auf sich. Sie kann sich bei einem Misserfolg immer auf sich selbst stützen da die vergangenen Erfolge sie aufbaut und sie sich auf ihre, im Laufe der Jahre gewachsene Selbstsicherheit, aufbauen kann. Oder ist das ein Klischee?
Ich denke schon. Es ist Wunschdenken. Wie ich letzthin nach Hause gekommen bin, habe ich Anna im Badezimmer angetroffen. Sie schaut sich angeekelt im Spiegel an. Sie sieht abgerackert aus. Auf dem Ablagefläche ist noch der Rest des weissen Pulvers das sie sich soeben reingezogen hat. Jetzt weiss ich warum sie an den Abenden immer so fröhlich gelaunt gewesen ist. Warum sie immer diese fast übertriebene Heiterkeit verbreitet hat. Ich weiss jtzt warum sie, als ich ihr von meinen Sorgen und Nöten erzählt habe, gar nicht richtig folgen konnte. Warum sie immer wieder auf die Toilette gegangen ist, um sich angeblich schön zu machen. Wie sie dann mit einem riesen Lachen wieder zurück gekommen ist und mich sexuell angeregt hat bis wir uns dann jedes Mal überglücklich auf unser Bett fallen gelassen haben. Ich habe gedacht ihre Freude sei echt wie die meine. Sie hat immer so natürlich gewirkt mit diesem Zeug und ich bin darauf reingefallen. Sie versteckt sich hinter den Drogen. Deswegen habe ich sie doch nie richtig durchschauen können. Ich bin enttäuscht. Ich habe das Gefühl, die gemeinsame Zeit sei entwertet worden. Das Glück, das ich gefühlt habe sei eine Mogelpackung. Meine introvertierte Art hat sich von einer Gummipuppe zu einem kontaktfreudigen Menschen entwickelt lassen. Aber Anna ist vielleicht auch schüchtern gewesen und wollte sich dann doch nicht zu stark exponieren. Auffallen, von der Masse sich abheben aber doch nicht zu stark gegen den Strom schwimmen. Sonst wäre man ja als Spinnerin abgestempelt. Jeder will doch irgendwie auffallen, aus der Masse treten. Ich könnte ab morgen nur noch rückwärtsgehen, ich würde auffallen. Aber niemand würde mich mehr ernst nehmen. Auffallen aber trotzdem noch ernstgenommen werden, das muss der Kern vom Lebenssinn sein für viele Menschen. Für diese Kunst nimmt Anna die Drogen, Alkohol inklusive. Das überwinden von Brücken in sich selbst und das Verstecken von Schwächen ist anstrengend. Auffallen dank den Drogen aber gleichzeitig sich zurückziehen in sich selbst u!
nd sich
verstecken hinter der Droge. Andere verstecken sich hinter einer Flasche Rotwein, die einem den Geist erfüllt und soziale Hemmung überwindet. Oder Kurt Cobain von Nirvana singt: Come as you are, as a friend. Als er das schrieb war er bestimmt benebelt . Er meinte wohl eher. Nehmt mich wie ich bin, ich möchte euer Freund sein. So verzerrt sich das Weltbild unter dem Einfluss von Drogen wie Kurt’s Gittare in seinen Crunchsongs, paralell und wenigstens in jenem Moment authentisch. Er ist nach jedem Song gestorben.
Ich erinnere mich wieder an den gelungenen Abend als ich mit Anna im Regen nach Hause getanzt bin. Dies Bilder tun mir gut. Ich höre mich selbst etwas murmeln.
We completely forgot the whole stress then we longed for a little caress
We don’t have to wait for the sun because our love just has begun.
Heute treffe ich Joe wieder. Wie wir gemütlich in einer New Yorker Bar draussen in einem Gartenrestaurant auf unser Bier warten, erzähle ich ihm von meiner Begegnung mit Hubler. Joe schüttelt nur den Kopf. Es sei eher lobenswert, dass ich auch in meiner Freizeit an das geschäftliche denke. Wenn ich keine Lust mehr hätte bei der ABS weiter zu machen, soll ich mich bei ihm melden. Das hat mich natürlich gefreut. Nur muss ich mir dann im klaren sein, dass ich wohl für längere Zeit in Amerika bleiben werde. Die Frage mit meiner Familie ist für mich sehr wesentlich. Will mein Familie nach Amerika ziehen? Haben meine Frau und meine Kinder hier Zukunftsperspektiven?
Je länger ich darüber nachdenke umso einleuchtender wird mir, dass ich meine Familie nach Amerika bringen sollte. Ich will bei Joe einsteigen und diesen Hubler nie mehr sehen. Ich rufe meine Frau Sybille an und erkläre ihr die Situation. Sie scheint begeistert zu sein. Sie fühle sich mit der Familie in der Schweiz so alleine. Wann sie kommen sollen. Wir wollten eine richtige Probezeit von drei Monaten mit Wohnsitz in Amerika abmachen. Ich möchte drei Monate Probezeit mit Joe vereinbaren. In einer Privatschule habe ich ebenfalls probehalber für drei Monate Elena und Ralf angemeldet. Für Sybille habe ich einen Nebenjob, ebenfalls bei Joe’s Immobilienfirma als Assistentin. Nur wie sollte ich mit Anna verbleiben? Sie teilt immerhin seit acht Monaten mit mir diese Wohnung, wir haben eine gute wenn auch oberflächliche Beziehung zueinander. Und die Geschichte mit den Drogen sind mir schon ein Rätsel. Woher nimmt Anna das Geld dafür und muss sie wirklich welche nehmen um lebensfähig zu sein. Wie wäre sie ohne Betäubungsmittel? Die Wohnung hier wäre so oder so zu klein für meine Familie. Ich würde am besten Joe, betreffend eines kleinen Miethauses anfragen. Anna könnte vorerst in der Wohnung bleiben. Irgend wie brauche ich Anna. Ist es einfach ihr überwältigendes Aussehen, ist es ihre Hingabe beim Sex. Ihre Verspieltheit oder ihre Leichtigkeit? Ich weiss es nicht. Sie ist eine Art Maskottchen für mich. Auf der anderen Seite will ich aber auf keinen Fall Sybille verlieren. Sie ist weise wie ein Buch, intelligent und vor allem die Mutter unserer Kinder. An ihrer Seite habe ich bereits die Hälfte meines Lebens verbracht , wir haben zusammen Hoch’s und Tief’s erlebt. Wir ziehen zusammen unsere Kinder auf, geniessen viele schöne Momente und lösen manch so knifflige Lebensaufgabe.
Ich habe es mir gut überlegt. Der Wechsel weg von der ABS hinterlässt eine Leere. Auch wenn ich nicht immer Hublers Meinung bin, so werde ich ihn doch sehr vermissen. Er ist trotz seiner sturen Art doch sehr sympathisch. Seine direkte Kritik kommt irgendwie von Herzen, auch wenn sie etwas gewöhnungsbedürftig ist. Aber durch seine uneinsichtige Haltung hat er mich ziemlich genervt und er hat mir zu wenig Anerkennung entgegengebracht. Wenn jemand etwas anders anpackt wie er, dann hat er dafür kein Verständnis. Das ist wohl sein grösstes Manko.
Ich habe also bei der ABS die Kündigung eingereicht. Ironischer Weise ist an jenem Tag, als ich die Kündigung eingereicht habe erstmals der Aktienkurs der ABS in die Höhe gegangen. Das hat mir gut getan.
Bei Joe’s Immobiliengeschäft ist alles etwas anders als bei der ABS. Niemand geht hier in Schale arbeiten. Alle sind freizeitlich gekleidet. Eine kollegiale Arbeitsatmosphäre lädt zu kleinen Gesprächen ein. Joe stört es nicht wenn einmal zehn Minuten über privates geredet wird. Allerdings erwartet man hier eine hundertprozentige Motivation für die Firma. Lästerer mag man auch hier nicht. Ich bekomme bald sehr viel Verantwortung bei Joe. Ich bin zum Leiter Marketing aufgestiegen, da ich davon auch wirklich etwas verstehe. Der Lohn stimmt und es scheint als ob Joe’s Versprechen nicht nur Lippenbekenntnisse waren. Ich mag Joe. Er ist wie ein Vater. Gutherzig aber ehrlich mit Kritik. Fair aber direkt. So wie die Aktien bei der ABS steigen ist auch Joe’s Immobilienhandel wieder im Aufschwung. Häuser sind wieder zu kaufen gefragt , die Preise steigen wieder und nicht wenige Kaufgesuche kommen von ehemaligen Arbeitskollegen bei der ABS. Die ABS will einen Teil der Frischgeldzufuhr in Immobilien investieren. Da der Häusermarkt längerfristig aufsteigen soll. Oder eben einzelne Angestellte die privat ein Haus kaufen möchten. Ich arbeite viel und bin gelegentlich ziemlich gestresst. Ich hasste von Verkaufsleiter zu Verkaufsleiter um wichtige Erneuerungen anzubringen. Fliege wieder zurück zum Hauptsitz , um weiter ein Konzept zu erarbeiten. Joe lobt mich für meine professionelle Arbeit. Diese Rückmeldungen schätze ich sehr.
Anna sehe ich nun nur noch sehr selten. Ich vermisse aber Sybille und die Kinder bei weitem mehr. Bei Anna bin ich sicher, dass sie nicht ehrlich mit mir ist. Ob sie wirklich Musikerin ist bezweifle ich. Ich glaube sie macht sich einfach ein schönes Leben. Ob Anna in meiner Abwesenheit unser Bett mit anderen Männern teilt weiss ich nicht. Ich gehe dem auch bewusst nicht nach. Vielleicht aus Angst diese idyllische, romantische aber oberflächliche Beziehung würde ihre Leichtigkeit und Sorgenlosigkeit verlieren.
Die Zeit vergeht schnell. Die Woche ist angebrochen in der meine Familie in New York ankommt. Ich habe noch viel vorzubereiten. Das Haus ist schon ordentlich eingerichtet. Das habe ich alles nebenbei , abends noch erledigt. Die Möbel bestellt und aufstellen lassen, alles für das Bad eingekauft, die Küchenkasten mit dem nötigsten aufgefüllt. Es fehlen nur noch die Vorhänge. Das Haus wird wohnlicher sein wenn Vorhänge die Fenster säumen. Das Haus ist grosszügig gestaltet mit grossem Umschwung und Swimming-Pool.
Es ist Freitag. Heute kommt meine Familie im Flughafen an. Die Ölkrise ist zum Glück etwas abgeflaut, so konnte Sybille einen Flug buchen. Ich bin stark übermüdet von den letzten paar Wochen und bin kaum zum Schlafen gekommen. Ich habe bis spät in der Firma gearbeitet und eben dann noch dieses Haus nebenbei eingerichtet. Ich fahre mit meinem Wagen aus der Garage um meine Familie am Flughafen abzuholen. Das Wetter ist schön, die Temperaturen sind an der oberen Grenze des erträglichen. Ich bin dankbar um die klimatisierte Kühle in meinem Auto. Dennoch bin ich mit dem Kopf nicht ganz bei der Sache. Wie ich unten in die Hauptstrasse einbiegen will, erinnere ich mich daran, dass ich vergessen habe das Garagentor zu schliessen. Ich kehre um, finde das Tor aber korrekt verschlossen vor. Ich verstehe mich selbst nicht ganz, mache aber keinen Hehl daraus und fahre zum zweiten Mal Richtung Flughafen. Ich führe meinen Wagen sicher auf die Autobahn, lasse das Fahrzeug über die Piste gleiten. Doch dann passiert es. Ich nicke für einen kurzen Moment ein und ich verliere die Kontrolle über mein Fahrzeug. Der Wagen fährt seitlich gegen das Strassenbord, er stellt sich auf und überschlägt sich mehrere Male, bis er schlussendlich quer zur Fahrbahn auf dem Dach zum Stehen kommt. Mein Ich zerrschmettert in wenigen Sekunden. Es zerrschelt an meinen eigenen Ansprüchen. Meine Persönlichkeit löst sich mit einem Schlage auf und vermischt sich mit der umgebenen Luft. Meine Motivation und meine Ziele in meinem Leben zerrsplittern in tausend Einzelteile die ich niemals gleich wieder zusammensetzten werden kann. Mein logisches Denkvermögen steigt auf wie Rauch. Der Wind trägt den Rauch fort, über die angrenzenden Felder. Schliesslich zerrschmettert eine Explosion meinen Körper und katapultiert diesen auf die Strasse. Mein ich zerschmettert auf der Fahrbahn. Ich liege im Koma.
„Er hätte vieles anders machen sollen“. Sagt ein sehr objektiver Teil meiner selbst. „ Er hätte in der Schweiz bleiben sollen. Diese Schifffahrt damals hat ihn komplett durcheinandergebracht. Er hat seine Prinzipien über den Haufen geschmissen. Ist sich und seiner Frau untreu geworden. Er hat sich verloren in seinen unüberlegten Entscheidungen. Er hat noch einen neuen Lebensstil anfangen wollen, das Abenteuer gesucht und die grosse Verwirrung gefunden“. „Auf der anderen Seite ist es lobenswert, dass er noch etwas gewagt hat, dass er nach Amerika gefahren ist und dort einmalige Erfahrungen sammeln durfte. Er hätte auch in der Schweiz beim Autofahren einnicken können“. Meint eine andere Fraktion meines Ich’s. „ Also die Affäre mit Anna hättest du dir sparen können. Sie ist nicht ehrlich zu dir gewesen. Für sie hast du viel zu viel riskiert. Dieser innere Stress mit deinem Gewissen hat dich dahin gebracht wo du jetzt bist – am Boden“. Ermahnt der Konservative Teil in mir. Ich werde ins Spital gebracht. Bewusstlos. Ich werde operiert. Die Strasse wird aufgeräumt, für den nächsten Unfall frei gemacht. Mein Schädel wird wiederhergestellt. Mein Rücken begradigt, meine Nerven zusammengenäht. Die Beine wieder auf die Füsse geschraubt. Meine Hände geschüttelt, der letzte Tropfen Lebenssaft ausgepresst und oben wieder eingefüllt. Nur das Leben kann man im Spital nicht einfach wieder einfüllen. Ein erfülltes Leben kann man so oder so nicht einfüllen, das ergibt sich. Das Leben und mein Ich fehlt also noch. Sonst wäre mein Körper für mein Ich bereit, erfüllt zu werden.
Die Ankunft
Ein Junge sitzt bei der Ankunft am Flughafen. Er wartet jetzt schon seit einiger Zeit mit seiner Schwester Elena und seiner Mutter Sybille. Ralf träg ein gelb-blau gestreiftes T-Shirt zu roten Shorts. Seine Schwester im weiss-grünen Jupe sitzt ebenfalls gelangweilt neben Ralf. Sybille geht schon etwas nervös den Gang auf und ab. Auch sie ist elegant und modisch gekleidet. Ihre dunklen Haare trägt sie schulterlang. Sie alle freuen sich auf Paul. Wo ist er bloss? Da taucht auf einmal ein Polizist auf er erzählt ihnen von meinem tragischen Unfall. Die Kinder sind zuerst fast etwas ungläubig, aber als der Polizist ihnen erklärt, dass er ihre Flugnummer und ihre Namen im verunfallten Auto gefunden haben werden sie nachdenklich. Sybille hat es schon gespürt das etwas nicht stimmt. Wo er den nun sei? In welchem Spital? Der Polizist erklärt ihnen, dass Paul im Central Hospital in New York gerade operiert werde. Er habe nebst dem Komma einen Schädelbruch und Brüche am Rücken und an den Beinen.
Der Polizist fährt sie zu mir ins Krankenhaus. Die Fahrt ist beschwerlich. Im Feierabendverkehr stauen sich die Fahrzeuge über Kilometer. Da auf einmal löst sich der Stau auf und der Polizeiwagen fährt in zügigem Tempo weiter. Übers Land braust der Wagen und dann in eine Tunnelröhre. So eine Tunnelfahrt ist wie eine Entzugskur von Reizen. Abstinent von jeglichen Farben und Formen, den Blick kanalisiert nach vorne gerichtet und das Hirn getaktet vom Licht der rhythmisch angeordneten Deckenleuchten. Der Polizist fährt mit gleichmässiger Geschwindigkeit durch den Bauch des Berges.
Im Central Hospital angekommen gehen sie alle Richtung Lift. Im Obersten Stock dieses schwindelerregend hohen Gebäudes liege ich regungslos in einem modernen Spitalbett. Mit mehreren Gipsbandagen um diverse Körperteile. Doch ich bin unansprechbar. Die langen Operationen, die vielen Baustellen an meinem Körper haben mich vollends erledigt. Das Koma als wackliger Zustand zwischen Sein und nicht Sein hat sich hat sich gebeugt und meine Kraft hat dem Leben definitiv den Rücken zugewandt. Ich bin soeben gestorben. Vor zehn Minuten ungefähr hat mein Herz noch geschlagen. Jetzt bin ich nur noch unsichtbare Materie. Ich bin Luft zum atmen. Ich bin nur noch Erinnerung, Vergangenheit. Nur noch in den Köpfen anderer lebendig.
Meine Liebsten stehen ungläubig am Bettrand und können nicht fassen was geschehen ist. Sie können ihren Augen nicht trauen und erst recht nicht begreifen dass ich nicht mehr lebe. Wären sie zwölf Minuten früher gekommen hätte die Herzkreislaufmaschine noch ein regelmässiges wenn auch schwaches Piepsen von sich gegeben. Vermutlich war es, als die Familien mit dem Polizisten den kleinen Tunnel vor dem Spital durchfuhren. Auch Pauls Hirn wurde von rhythmischem Lichtflackern getaktet. Das hat ihn in einen meditativen Zustand versetzt aus dem er nicht mehr herausgekommen ist. Bis das regelmässige Piepsen der Herzmaschine nur noch ein gleichmässiger, langgezoger ununterbrochener Ton gewesen ist. Dieser Ton hat nicht aufgehört zu tönen bis das Pflegepersonal die Kabel und die Schläuche von Paul entfernt haben und die ganze Maschinerie um ihn herum abgestellt haben. Es hat noch getönt, als Pauls Familie durch den Haupteingang des Centre Hospital eingetreten sind und nun nichts mehr zu entscheiden haben über etwas, dass sie so oder so nicht wirklich hätten entscheiden können.
Sie stehen also alle um das Operationsbett, in welchem Kurt liegt und reglos an die Decke starrt. Im Fernseher im Nebenraum läuft ein Beitrag zur ABS. Hublers Rede vor der Generalversammlung wird ausschnittweise gezeigt. Die Aktien der ABS sind wieder auf Erfolgskurs nicht zuletzt wegen Pauls Verhandlungen mit der amerikanischen Wirtschaftsspitze. Hatte Paul doch seinen Stress, seine Strategie und jetzt, im Nachhinein auch seinen Erfolg. Hubler hat nicht einmal wahrgenommen, dass Paul in Amerika die Grundlage geschaffen hat, dass die ABS wieder getrost und zuversichtlich in die Zukunft schauen können.
In einer Ecke des Krankenzimmers sitzt eine jüngere gut aussehende Damen. Geschminkt und gestylt wie immer. Es ist Anna. Traurig schaut sie der Familie zu wie sie Abschied nehmen von Kurt. Als sie Paul zum ersten Mal auf dem Schiff getroffen hat ist er völlig verwirrt gewesen und er hat vor lauter Sorgen die Sonne nicht mehr gesehen. Wie sie sich dann immer wieder getroffen haben, hat sich sein Nebel langsam aufgelöst. Anna hat in ihm die Lebenslust wieder geweckt. Anna geht zu ihm und gibt ihm einen Kuss auf die Backe und geht nach Hause.
Sybille gibt Paul ebenfalls noch einen Kuss zum Abschied. Sie geht ins Stationsbüro und fragt ob sie noch eine Blut- Analyse von Kurt machen könnten. Ihr ist in den Sinn gekommen, was Paul über Joe gesagt hat. Dass Joe ja eventuell Pauls Vater sein könnte. Sybille will Klarheit auch wenn es im Moment fast unmöglich ist klar zu denken. Zu einschneidend sind die Ereignisse der letzten Stunden gewesen. Noch viel zu ungeordnet sind ihre Gedanken, zu subtil ihre Gewissheit, dass das was sich soeben ereignet hat Wirklichkeit ist. Und dennoch fühlt Sibylle eine relativ hohe Sicherheit in etwas, dass unsicherer und subtiler nicht hätte sein können. Dass Joe ihr Schwiegervater sein könnte ist für Sibille nicht nur eine Frage der Beziehung zu Joe, sondern eine ganz existenzielle Frage. Ihre Familie hätte unter den Flügel des Immobilienkönigs wenigstens finanziell nichts mehr befürchten. Nur deshalb ist für Sibille diese Frage an das Spitalpersonal, in dieser Vaterschaftsfrage Klarheit zu bekommen, gut nachvollziehbar und in der Natur jedes Menschen wichtig. Es ist die Existenzfrage. Die Frage ob man Überleben kann. Egal ob als einzelner Mensch oder als Unternehmen: Geld ist wesentlich für das menschliche Überleben. Was Sybille nicht erwartet hätte ist, dass Hubler auf ihr Mobile anruft und nach Kurts Zustand fragt. Er hat von der Polizei die Nachricht des schweren Verkehrsunfall erhalten, da die Polizei noch immer die ABS als Arbeitgeber vermutet hat. Sybille erzählt ihm, dass Kurt soeben gestorben sei. Hubler ist geschockt und erwähnt nochmals, dass Paul wirklich ganz grosse Arbeit geleistet habe und dass die ABS vor allem dank seinem schnell aufgebauten Netzwerk in Amerika wieder gute Geschäfte mache und dass es ihm leid tue wegen den Vorwürfen. Er wünscht Sybille alles Gute und viel Kraft und dass die ABS über eine hervorragende Versicherungen verfüge und dass sie sich finanziell keine Sorgen machen solle.
Plötzlich erwache ich. Der Unfall war nur ein Traum. Ein schlechter Traum. Ich bin etwas ausser Atem. Das von Schweiss durchtränkte Pyjama fühlt sich kalt an. Ich sitzt einen Moment im Bett, die Beine angezogen. Mein Blick versucht Gegenstände im Zimmer zu erspähen. Aber es ist schwierig, denn es ist stockdunkel im Raum. Langsam hält so etwas wie Zuversicht bei mir ein, dass ich in unserem neuen Haus in meinem Bett liege und nicht etwa tot im Krankenhaus. Ich mache das Licht an, stehe auf gehe in die Küche etwas Wasser trinken und gehe mit einem trocken Pyjama wieder zu Bett. So etwas seltsames habe ich noch nie geträumt und vor allem ist der Traum sehr nahe an der Realität. Soll ich ihm Beachtung schenken?
Ich habe vor kurzem beruflich ein altes Fischerhaus besichtigt. Der Fischer, der sein Leben lang in diesem Fischerhaus gewohnt hat, ist alt geworden und musste gesundheitshalber ausziehen. Dieser alte gebrechliche Mann, mit seinen vielen Runzeln in seinem noch lebhaften Gesicht hat mir gesagt: „ Seien sie vorsichtig, wenn sie etwas seltsames Träumen. Zweimal habe ich geträumt ich werde auf See von einem Sturm erfasst. Und jedes Mal hat es kurz darauf am Morgen während dem Fischen fürchterlich zu stürmen begonnen. Einmal habe ich einen Finger verloren, das andere Mal wäre ich fast ertrunken. Beide Male habe ich mein ganzes Hab und Gut, nämlich mein Fischerboot verloren. Ohne Abergläubisch zu werden. Das hat mich geprägt. Und ich bin nachher immer etwas weiser geworden. Vor allem, dass , mir das zweimal widderfahren ist, hat mich gelehrt vorsichtig zu sein. Es ist manchmal schwierig gewesen so durchs Leben zu kommen. Aber ich bin glücklich das ich noch am Leben bin. Das Leben hält nichts auf. Das Leben kann manchmal grausam sein. Es gibt nichts, das die Realität realistischer darstellen könnte als es die Fantasie im Traum kann. Träume können realistisch sein, es gibt Träume, von denen man im wachen Zustand nicht zu träumen wagen würde.“ In Tränen aufgelöst ist er aus dem Fischerhaus gegangen und hat mir zugewinkt wie er mit einer einzigen Tasche in den Kleintransporter eines Altersheimes gestiegen ist. Jetzt hat er auch noch sein Haus verloren.
Darauf habe ich das Haus noch einmal besichtigt. Alles ist aus Holz. Alles ist alt und abgenutzt. Die Türschwellen sind überall in der Mitte etwa einen Zentimeter tiefer als am Rand. Die Türklinken sind vergriffen. Ich sehe die Spuren die der alte Mann während seinem langen Leben an diesem Haus hinterlassen hat. Die Heizung besteht aus einem alten Holzofen. Auch da Spuren des Gebrauches. Im Brennraum des Ofens sieht man Unterschiede in der Verfärbung der Ofensteine. Der Russ hat sich an gewissen Ecken mehr angesetzt als an anderen Stellen. Das Feuer wird immer Ähnlich aufgebaut worden sein, so dass der Luftstrom immer gleich zirkulierte. Wände und Böden sind nicht gerade, alles ist etwas schief.
Dieses alte Haus geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Und der alte Fischer beeindruckt mich noch immer. Wollte ich nicht selbst einmal Fischer werden? Wollte ich nicht selbst den Wind auf meiner Haut spüren und die Möwen rufen hören. Wollte ich nicht selbst morgens in aller Frühe aufbrechen und erleben wie die Sonne am Morgen aufgeht und den Dunst in der Bucht mit ihren Strahlen durchbricht?
Am nächsten Tag gehe ich zu Joe und erzähle im vom fürchterlichen Traum. Ich erkläre ihm, dass ich mein neues Haus wieder verkaufen möchte und dafür das Fischerhaus am Meer erwerben will. Joe hat für einem Moment kein grosses Verständnis für mein Vorhaben. „Hast du als kleiner Junge nicht auch einmal davon geträumt Fischer zu werden? Hat dich das Meer mit seiner steten Brise und dieser Unberechenbarkeit, die Rufe der Möwen und die Sonnenstrahlen die Morgens durch den Dunst deine Haut erreichen nicht auch fasziniert? Frage ich Joe eindringlich. Joe hat einen Moment nachgedacht. „ Ja, davon habe ich auch schon geträumt“ stimmt er mir nachdenklich zu. „ Deswegen will ich dieses Haus am Meer kaufen. Dieses Haus macht einem glücklich. Nicht der Glanz von Marmor und Silber. Nicht das Prestigegebundene Wettrennen des Reichtums, macht einem glücklich. Die Bescheidene, naturverbundene Lebensart, das Einfache, Naheliegende und körperlich fühlbare Leben ist für mich erstrebenswerter. Ich möchte nur noch drei Tage die Woche Immobilien vermitteln, den Rest meines Lebens möchte ich Fischer sein“. Joe musste gleich nochmals leer schlucken. Ich sei sein bester Mitarbeiter und sein vielversprechender Nachfolger. „Wie willst du deine Arbeit in drei Tagen pro Woche erledigen? Wie soll ich das den anderen Mitarbeiter erklären?“ fragt ein besorgter Joe.“ Ich denke, dass Sybille die restliche Aufgabe übernehmen könnte. Sie ist vom Fach.“ Antworte ich etwas unüberlegt aber überzeugend. Ich freue mich auf das Fischen.
Ich habe den Kauf des altern Fischerhauses mitsamt Fischerkutter noch in derselben Woche über die Bühne gebracht. Ich konnte nicht darauf warten, bis der Umzug unserer Möbel vom modernen Familienhaus ins Fischerhäuschen von statten ging. Ich habe mir einen Schlafsack gekauft und bin gleich mit dem Hauskauf dort eingezogen. Seit dem Hauskauf bin ich jeden Abend draussen gesessen und habe dem Meer gelauscht, den Schaum der Wellen beim verschwinden zugesehen, und die Möwen beobachtet wie sie emsig nach Fischen Ausschau halten. Anna habe ich in dieser Zeit etwas vernachlässigt. Sie hat sich aber ebenfalls nicht aus New York gemeldet. Ich denke, dass ihr dieses Haus so oder so nicht gefallen würde. Es wird wahrscheinlich zu wenig modern sein für Anna und zu ländlich. Ich habe keine Lust mehr sie zu sehen. Ich habe genug von diesen drogensüchtigen, gelifteten Mädchen mit Silikonbusen. Ich glaube das einzige was an ihr echt ist, sind ihre kastanienbraunen Augen. Der Rest ist bei ihr irgendwie getrickst. Ich habe genug von diesen Trickkisten. Die Wohnung kann sie gleich behalten.
Nur noch gut zehn Tage noch bis meine Familie in Amerika ankommen wird. Die Kinder sind an einer guten Schule angemeldet. Nichts steht mehr im Wege für eine gute Zeit mit meiner Familie in Amerika. Da ich jetzt nur noch Teilzeit bei Joe arbeite werde ich auch mehr Zeit für die Kinder haben und natürlich auch für Sybille sowie für mich selbst. Das Leben ist zu kurz um es nur mit Arbeit und Stress auszufüllen.
Dieser Spätherbsttag ist wieder einmal wunderschön am Ausklingen. Ich schaue der Sonne zu wie sie langsam am Horizont verschwindet. Dann ziehen doch noch einige Wolken gegen das Festland und ein Gewitter zieht auf. Die Luft kühlt schnell ab. Es ist schon dunkel und der Regen prasselt auf die Pflastersteine. Ein alter Mann steht, auf dem gepflasterten Platz vor meinem Haus. Die nassen Steine spiegeln seine Siluette in eindrücklicher Art und Weise. Das Spiegelbild bildet den Mann noch älter und gebrechlicher ab als er in Wirklichkeit ist. Sein Körper ist geduckt und sein Abbild auf der Strasse wölbt sich gekrümmt über eine Wasserrinne, gerade in der Nähe eines Schachtdeckels der die gewaltigen Fluten von Wasser kaum zu schlucken vermag. Der alte Mann steht da und scheint nicht recht zu wissen wohin er gehen sollte. Er scheint betrunken zu sein. Unter dem langen schwarzen Mantel, den er vom Kneipenbesitzer ausgeliehen bekommen hat, trägt er nur ein dünnes, kariertes Hemd. Der Regen geht langsam in Schnee über es ist kalt geworden und der alte Mann beginnt zu frieren. Alle Kneipen im Hafen haben schon geschlossen und der alte man wird langsam ungeduldig mit sich selbst und ist verzweifelt, dass er den Heimweg nicht mehr finden kann. Der Regen geht nun wirklich in Schnee über und die Pflastersteine werden rutschig und glatt. Irgendwie ist dem Mann die Stadt fremd geworden in der er sein Leben lang gewohnt hat. Plötzlich erhellen Scheinwerfer die Strasse und ein Motorgeräusch nähert sich. Der Wagen fährt ohne zu verlangsamen am alten Mann vorbei und verschwindet in Richtung Altstadt. Ich merke erst jetzt, dass der alte Mann der Fischer ist, der mir sein Haus verkauft hat. Schnell ziehe ich einen Mantel über schlüpfe in meine grünen Stiefel und gehe zu meinem Wagen. Ich fahre zum alten Mann der immer noch orientierungslos im Kreis seine Runden wackelt. Ich offeriere ihm einzusteigen. Er steigt dankbar ein. Er erkennt mich nicht mehr. Aber er weiss, dass er nicht mehr im Fischerhaus wohnt. Ich fahre den Man zum!
Städtis
chen Altersheim. Einen Moment bleibe ich noch mit dem Wagen stehen bis er sicher von der Nachtwache beim Hauseingang abgeholt wird. Man scheint den alten Mann bereits vermisst zu haben. Der alte Fischermann fällt todmüde in sein Bett und er schlisst sofort die Augen und träumt vom Meer von der Sonne, von den kreisenden Möwen und stetigen Wind der seine Haut streichelt.
Der alte Fischer kommt immer wieder zum Hafen und schaut verwirrt sein ehemaliges Fischerhaus an. Ich gehe auf ihn zu, wie er gerade wieder verloren auf dem Haufenplatz herumsteht. Ich frage ihn ob er noch einmal mit mir auf das Meer hinaus kommen wolle. Er ist begeistert und will auf der Stelle aufbrechen. „Aufbrechen? Wohin Aufbrechen?“ frage ich ihn etwas konfus. „ Auf das Meer fahren und fischen.“ antwortet der alte Fischer. Der alte Fischer vermisst wohl das Fischen. Es kommt nicht so sehr darauf an was man tut, sondern vielmehr mit welchem Gefühl man etwas tut. Das ist entscheidend! Der alte Fischer vermisst seine Aufgabe fischen zu dürfen. Die schweren Netze aus dem Wasser zu ziehen hat er nie als strenge Arbeit oder gar als Abrackerei empfunden. Nein! Das war seine Berufung, seine Aufgabe und seine Verantwortung die Fische im richtigen Moment hochzuziehen. Da ist Spannung und Präzision in der Bewegung gefragt und trotz der langjährigen Routine blieb eine gewisse Aufregung ob alles plangemäss funktionieren würde.
Ich habe also für den nächsten Morgen mit dem alten Fischer vor dem Fischerhaus abgemacht. Wir sind früh aufgestanden noch immer hängte ein leichter Dunst über dem Hafen. Wir steigen in den alten Kutter und kontrollieren die Leinen und die Netze, damit wir nichts im Hafen vergessen. Dann fahren wir mit leisem Brummen los auf das Meer hinaus. „ Hast du schon jemals in deinem Leben erst um acht gefrühstückt, schon um halb Zwölf Mittag gegessen und dann um halb fünf schon wieder Abendbrot eingenommen. Hast du es schon einmal vermisst selbst Kaffe machen zu dürfen oder bei der Gartenarbeit mit zu wirken? Im Altersheim bekommst du solche Wünsche. Alltägliche Dinge werden dort zu unerreichbaren Träumen.“ Sagt der Fischer mit leiser Stimme. Ich schaue in etwas nachdenklich an. „Ich mache das nicht mehr mit“ meint der Fischer „ Ich möchte nicht auf Raten sterben ich möchte mich nicht einer solchen Sinnlosigkeit hingeben.“ Wir haben unterdessen die Netzte ausgeworfen. Die Wellen sind hoch, der Wind zieht schon ziemlich stark über das Meer und der Himmel ist bedrohlich schwarz. Der alte Fischer redet ununterbrochen vom Sinn des Lebens und vom Unsinn des Altersheims und steuert den Kutter weiter auf das Meer hinaus. Die Wellen werden immer stärker und die Sturmwarnung beim Hafen fängt an zu Blinken. Ich frage den alten Fischer ob wir nicht besser umkehren sollten, aber der Schüttelt nur den Kopf und sagt: „ Bei schönem Wetter ist noch nie ein guter Fischer geboren worden.“ Ich akzeptiere seine Meinung und sehe ein das ich wohl als Büromensch doch noch etwas zu ängstlich bin für diesem Job. Langsam wird das starke schaukeln des Kutters lästig und die Seile und auch die Becken welche wir dabei haben rutschen auf dem Schiffsboden hin und her. Ob wir nicht langsam umkehren sollten frage ich den Fischer, aber der scheint mich gar nicht mehr zu hören und er steuert den Kutter weiter gerade aus auf das offene Meer. Kein Wunder, dass er mich nicht mehr versteht, den das Rauschen des Wassers ist nun ohrbetäubend laut u!
nd der F
ischer scheint immer noch in philosophische Gedanken versunken zu sein. „ He, Fischer, wenn wir jetzt nicht sofort umkehren werden wir hier Schiffbruch erleben!“ Schreie ich den Fischer an mich selbst an einer Metallöse haltend um nicht gleich über Bord zu fallen. Doch der alte Fischer steuert immer noch stur geradeaus auf die offene See und scheint mich noch immer nicht zu hören. Das Schiff schaukelt bedrohlich und ich versuche mich mit der anderen Hand einen sicheren Griff zu erlangen um mich langsam zum Fischer vor zu kämpfen ohne dabei ins Meer zu fallen. Langsam gelingt es mir, mich dem Fischer zu nähern. Es Stürmt schon sehr stark und das Meerwasser schwappt öfters in das Bootsinnere. Am Hafen Leuchtet die Sturmwarnung jetzt auf höchster Stufe nur sind wir so weit vom Hafen entfernt , dass ich das Blinklicht fast nicht sehen kann. Was ihm eigentlich einfalle, schreie ich den Fischer an, ob er wohl lebensmüde sei. Ich bin beim Fischer angelangt der mit festem Griff das Steuer umklammert und weiterhin ins Meer hinaus fährt. Ich drücke den Fischer mit meinem Körper beiseite wie mir gerade eine riesen Wasserschwall ins Gesicht peitscht. Der Fischer kippt steif um und landet leblos auf dem Kutterboden. Ich bin schockiert. Der Anblick seines leblosen Körpers schaudert mich. Das Boot schaukelt heftig und ich kann mich nur mit Mühe am Steuer halten. Unterdessen habe ich dermassen die Orientierung verloren, dass ich nicht mehr weiss in welche Richtung ich fahren müsste um zum Hafen zu gelangen. Immer wieder rutscht der tote Arm des Fischers unter meine Füsse welchen ich mit grosser Wut auf die Seite kicke. Warum ist der Fischer eigentlich gerade jetzt gestorben? Für einen Fischer gibt es wohl keine romantischere Art zu sterben, als mit erhobenem Haupt ins Meer zu blicken und die Freiheit zu spüren und die unendliche Weite des Meeres zu verinnerlichen, bis das Herz aufhört zu schlagen. Aber wie ist das für einen Buchhalter?
Ich bin offensichtlich nicht in die richtige Richtung gefahren. Die Zeit ist doch ziemlich schnell vergangen. Wer weiss wie lange sich der Kutter schon in Richtung Horizont bewegt. Es hat aufgehört zu stürmen und die Sonne kämpft sich langsam durch die dicken Wolken. Es wird immer sonniger, das Meer wird immer ruhiger, die Wellen glatter und das Boot hat aufgehört zu schaukel. Paul hat aufgehört zu steuern. Erst einige Tage nach dem Sturm hat man die beiden Leichen im Kutter gefunden. Eng aneinander liegen sie im halb gefüllten Kutter auf dem Boden. Ihnen ist beiden die Kraft ausgegangen. Paul hat der Durchblick gefehlt um den Kutter wieder sicher zum Hafen zurück zu führen. Geschwächt hat er das Steuer aus der Hand gelassen und ist neben den Fischer gelegen um sich etwas von den Strapazen auszuruhen. Er ist eingeschlafen und hat nicht bemerkt wie sich das Boot immer mehr mit Wasser füllt und das Wasser ihn langsam zudeckt, wie eine Decke in einem Bett einem zudeckt. Er war zu schwach um aufzustehen und zu verschlafen und verwirrt um die Situation voll und ganz zu begreifen. Das ist Paul’s Ende.
You know it’s hard you know the storm
You know that something can go wrong
But you still have the confidence then
You know, you know…
That every stormy sky once turns into blue
And some of your dreams come true.
Die Ankunft
Es ist nicht Skurril, Zynisch oder Sarkastisch von mir um zu sagen, dass die ganze Geschichte mit dem Unfall doch noch einmal vorkommt. Nicht weil Paul es sich so gewünscht hätte und auch nicht weil Paul die Unfallgeschichte schon einmal geträumt hat, sondern weil es unter diesen Voraussetzungen mit Paul kein Happy- End geben kann. Er ist weder Fischer noch Nostalgiker er ist nicht einer der sich entspannen kann, wenn er im Fischerboot sitzt und fischt. Vor allem kann er kein Doppelleben führen. Er kann nicht Fischer und Nostalgiker sein und zugleich Finanzexperte, nicht Paul! Er kennt nur die Pflicht. Er kennt keine entspannten Momente. Er tut was er tun muss und er lässt bleiben was er tun müsste um zufrieden zu werden. Er tut nichts freiwillig, hebt nicht gerne von der Masse ab, er ist scheu und hat Schwierigkeiten sich selbst preiszugeben. Er braucht ein Stück Geheimnis, das er in sich selbst trägt, um nicht vollends erkannt zu werden. Das war sein Schicksal.
Die Ankunft heisst „ Die Ankunft“ weil nun eben Pauls Familie in Amerika eingetroffen ist und als erstes Pauls Beerdigung organisieren musste. Sie haben die Schweiz verlassen, mit festem Willen das Leben in Amerika aus zu probieren. Natürlich sind sie vor allem wegen Paul nach Amerika gekommen. Weil er von Amerika geschwärmt hat und weil er einen guten Job bei Joe hatte, von dem Paul immer wieder viel erzählt hatte. Der Tag an dem Paul sich entschlossen hatte nach Amerika zu reisen um dort der ABS aus der Immobilienkrise zu verhelfen, dieser Tag hat keine Stärke an sich. Nicht bei Paul. Er hatte weiche Knie, schwache Beine, Herzflattern, ein mulmiges Gefühl im Bauch und einen schwindligen Kopf. Und trotzdem ist er aufgebrochen. Obwohl er seien Entscheid mehrfach überdachte und immer wieder und wieder dafür und dagegen argumentierte, obwohl er sich nicht gut fühlte bei dieser Entscheidung, ist er aufgebrochen und nach Amerika gereist. Paul hat sich dafür überwunden und es hat sich auch gelohnt. Er hat viele neue Leute kennengelernt und darunter auch seinen leiblichen Vater. Das einzige Mal bei dem er Leichtsinnig war, bei derart schlechtem Wetter mit einem Fischerkutter in die See zu stechen. Paul hat dem alten Fischermann zu viel Vertrauen in dessen Seefahrerkenntnis entgegengebracht. Er hat sich täuschen lassen von seinem alten, weisen Seemannsgesicht. Paul hatte gedacht, dass dieser alte Fischer wisse was er tue, hat ihm das Steuer des Kutters überlassen und niemals an seiner Zurechnungsfähigkeit gezweifelt. Weil der Fischer immer wieder zu seinem Haus zurückgekommen ist, hatte ihn Paul auch bedauert . Deshalb wollte Paul dem Fischer den Gefallen erweisen, auf das Meer hinaus zu fahren , obwohl die Wetteraussichten nicht gut genug gewesen waren. Es ist typisch bei Paul, dass wenn er sich einmal nicht sorgt um etwas, dass dann, genau dann etwas schiefgeht.
Zwanzig Jahre Später
Die Zeit vergeht. Man kann sie nicht aufhalten, die Zeit. Aber man kann anhalten, rasten, und sich Zeit nehmen um das was geschehen ist im Zeitraster nochmals geschehen lassen. Sibylle ist unterdessen Geschäftsführerin von Joes Immobilienimperium. Es hat sich damals bestätigt, dass Joe Pauls Vater war. Sibille ist zwei Wochen nach Pauls Tod mit der Bitte an Joe herangegangen dieselbe Analyse im Central Hospital durchführen zu lassen, wegen der Vaterschaftsfrage. Joe hatte keinen Moment gezögert. Er hatte bereits gemerkt, dass Paul ihm in vielen Belangen ähnlich war. Nur hatte er den Kontakt zu Pauls Mutter durch seinen Wegzug nach Amerika damals vollends verloren. Im Hinterkopf plagte in den Gedanken von dieser möglichen Vaterschaft. Denn er hatte von einem Schweizer Freund von Marthas Schwangerschaft vernommen. Martha ist damals mit mehreren Männer ins Bett gegangen und kurz darauf auch länger mit einem Käser aus Mollis liiert gewesen. Da konnte sich Joe nicht mehr einmischen. Denn Martha hatte damals den Käser als Vater angegeben, wobei sich später herausgestellt hatte, dass der Käser nicht der genetische Vater war. (Das war bei einer Blutspendeaktion in Mollis, als Paul mit zwölf zum ersten Mal mitging, ausgekommen). Das hatte verständlicherweise auch den Käser stark verunsichert und er beendete darauf die Beziehung zur damals noch bildhübschen Martha, welche wiederum bald darauf mit einem Anderen in Mollis gesichtet worden war. Paul hatte damals eine starke pubertäre Kriese. Er hatte immer geglaubt, dass dieser Käser sein leiblicher Vater sei. Er hatte auch selbst schon daran gedacht Käser zu werden. Aber Mathe war Paul eben schon immer näher gewesen als das Handwerk. Er fand es damals schon einfacher eine gültige geomethriesche Formel zu erstellen, als einen dreissig Kilogramm schweren Käselaib zu kehren. Paul und dieser Käser hatten natürlich viel Zeit miteinander verbracht. Sie sind an den heissen Sommerwochenenden viel zum Klönthalersee baden gegangen, haben dort auch öfters gefischt oder sie gin!
gen einf
ach von Mollis aus wandern. Dieser Käser war wohl kein Akademiker aber eine gesunde und praktische Lebenseinstellung konnte er dem Jungen mitgeben. Er war emotionell Pauls Vater. Und als Paul dann eben zwölf war, kam die ganze Sache ziemlich unschön aus. Diese Frau vom Samariterverein hätte doch besser den Mund gehalten als sie bei einem Schnelltest des gespendeten Blutes die Verschiedenheit der Blutgruppe bemerkte, was eine leibliche Vaterschaft ausschloss. Diese Frau wusste nicht was sie tat als sie darauf dem armen Käser mitteilte, dass er genetisch nicht Pauls Vater sein konnte. Sie zerschnitt damit eine Familienidylle, sie bewarf mit dieser Neuigkeit Martha mit Dreck. Ganz Mollis wusste bald Bescheid über diesen Vorfall und brachte den Käser dazu Martha zu verlassen und Paul als Halbwaisen zurückzulassen.
Joes Vaterschaft wurde also vom Central Hospital bestätigt. Joe hatte die junge Familie Hauser schnell in sein Herz geschlossen. Mit seinen Enkeln spielte er oft im Park Ball. Oder er ging mit dem Jungen fischen. Die zwei Kinder hatten ihn bald als Grossvater geschätzt und verehrt. Joe seinerseits genoss die Abwechslung und hatte bald gemerkt, dass Sybille eine sehr begabte Geschäftsfrau und vife Verkäuferin war. Sybille konnte nach einer kurzen Einarbeitungszeit Pauls Arbeit übernehmen und in dessen Fussstapfen treten. Die Zeit nahm seinen Lauf. So ist Sybille nun eben Geschäftsführerin von Joes Firma. Joe selbst ist mit seinen neunzig Jahren in den Hintergrund getreten und geniesst mit seiner Frau seinen Lebensabend. Ralf ist mit seinen vierundzwanzig Jahren immer noch im Studium als Wirtschaftsstudent. Elena, die ältere Tochter von Paul und Sybille, hat das Jurastudium bereits abgeschlossen und ist im zweiten Monat schwanger. Sie ist bei der Abschlusspartie der Universität nicht genügend vorsichtig gewesen. Der Alkoholpegel in ihrem Blut hat das klare Denken, das sonst brillanter nicht hätte sein können, im Augenblick der Hormonschübe schlicht über Bord geworfen. Die Schwangerschaftsverhütung hat Elena schlicht vergessen. Der junge Mexikaner weiss noch nichts von seinem Glück und hat Elena in der Zwischenzeit vielleicht schon vergessen. Er ist kurz nach der Prüfung, die er nicht bestanden hatte, nach Mexiko ausgewiesen worden, weil er keine gültigen Aufenthaltspapiere hat und Zeitweise auch mit leichten Drogen gehandelt hat. Vermutlich hat er sich vor allem wegen Elenas familiärem Hintergrund für sie interessiert. Wie viele Frauen hätte er schwängern können die mehr weibliche Ausstrahlung gehabt hätten als Elena. Wie viele andere Frauen sind nicht ebenfalls an der Uni gewesen, die viel verbissener hinter dem mexikanischen Schönling her waren. Die sich in seinen kräftigen Armen bei romantischen Abendspaziergängen durch den Park führen wollten, um sich auf seinen Knien sitzend seine wunderschönen dun!
klen Aug
en anschauen zu dürfen. Die hohe Kunst der Verführung ist dem Südamerikaner im But gewesen. Sein Herz hat im Rhythmus des Tangos geschlagen und den Rumba, den innigen Liebestanz, hat er gebraucht um zu leben, wie andere Luft brauchen um zu atmen. Er hat bestimmt gewusst, dass Elena aus guten Verhältnissen kommt, hat sich vielleicht auch erhofft mit einem Kind von der schüchternen Elena die dauernde Aufenthaltsbewilligung zu ergattern und sich mit seinem Spiel in die oberste Liga der amerikanischen Bevölkerung empor zu schwingen. Doch nun ist das Kind unterwegs, der Mexikaner aber vermutlich für immer nicht mehr im Land und der Junge wird voraussichtlich seinen leiblichen Vater niemals zu sehen bekommen. Auch wenn Elena weiss, dass es auch möglich ist ohne Vater aufzuwachsen, so bereut sie es doch zutiefst, diesem Mexikaner verfallen zu sein. Das Kind wird seinen Platz in der Gesellschaft erhalten, da das Geld für eingehende Förderung dieses multikulturellen Kindes nicht fehlen wird. Und doch wird der Vater fehlen.
Ganz ähnlich ist es Anna ergangen. Als sie damals von Pauls Tod erfuhr, war sie ebenfalls schwanger. Anna war nicht von Paul schwanger, das wusste sie, weil zum Zeitpunkt der Befruchtung Paul mit dem Kauf des neuen Hauses beschäftigt war und etwa zwei Wochen nicht zu Ihr ins Appartement in New York kommen konnte. Ihr war eben so langweilig, dass sie mit ihrem bewährten Jazz-Diva-Trick und einem grosszügigen Dekolleté in der Bar nebenan einen müden Banker angelte, den sie dann später in der Wohnung ziemlich ankurbelte und mit ihren lasziven, körperbetonten Bewegungen aus der Reserve und schliesslich voll in Fahrt brachte. Das kleine Mädchen ist gut in dieser New Yorker Wohnung gross geworden. Paul hatte damals, als er diese Wohnung kaufte, aus diskretionsgründen diese noble Bleibe Anna überschrieben. Das war Annas Glück, den sie hätte sich nie in ihrem Leben diese Wohnung leisten können. Das Geld hat sie sich vor allem als Barkeeperin und Nachtklubtänzerin erworben. Ihre Tochter die inzwischen zwanzig Jahre alt ist, ist wirklich eine talentierte Jazzsängerin geworden. Sie tritt in verschiedenen Clubs und Bars auf. Manchmal auch in der Bar ihrer Mutter. Annas Tochter ist mit einem Bekannten Gitarrist liiert und sie wird schon bald nach Europa fahren und auf Tournee gehen. Dass sie ohne Vater aufgewachsen ist hat sie nicht so sehr gestört. Immer wieder waren Männer bei ihnen. Manchmal blieben sie länger und manchmal sind sie nach einer Nacht schon wieder gegangen. Die einen waren lustig, die andern eher abgelöscht.
Manchmal ist auch einer ausgerastet und hat Anna geschlagen. Aber Anna konnte sich in solchen Fällen immer gut mit ihrer Kampfsporttechnik verteidigen. Und sie hat solche aggressiven Männer regelrecht das fürchten gelernt. Einmal war ein relativ muskulöser Typ nach Annas Verteidigung in den Unterhosen davongerannt. Anna hat seine Kleider dann gewaschen und einem Obdachlosen im Park geschenkt. Annas Tochter respektiert die Art wie Anna lebt und bewundert sie für ihre Schlagfertigkeit. Und meistens ist alles friedlich verlaufen und Anna hat gut für ihre Tochter gesorgt und Geld gespart für ihre Ausbildung. Aber der Vater ihrer Tochter hat sie niemals wiedergesehen.
You know your boat and you know your life
And you know how everything began
It all began in a positive wave hey you
You have to save…
You have to save yourself in a positive wave…
Ohne Vater
Es war ihr letzter Kuss bevor sie einschlief. Bergluft macht schwanger. Der Schatten der Churfirsten deckten das kleine Häuschen zu. Wie die Zähne Gottes schienen die Berge da zustehen um die letzten Sonnenstrahlen ab zu beissen um diese in einem riesigen Schlund zu verschlingen. Die Erinnerungen an den Vortag waren wage. Sie wusste eigentlich gar nicht wie er zu ihr gekommen war. Der Wind hatte sie zusammengebracht. Im Bushäuschen hatten sie beide gewartet. Vom Wind hatten sie Schutz genommen. Wie der Blütenstaub wirbelten die Hormone in ihnen und so waren sie dann halt zu ihr nach Hause gekommen. Darauf war er abgehauen.
Im Büro ist es wieder einmal hecktisch. Ständig klingelt das Telefon, der Drucker rattert und die Aufträge stapeln sich. Immer wieder gehen Leute ein und aus, verschwinden in den Sitzungszimmer und erscheinen nach einer Weile wieder im Büroraum. Ein freundlicher Herr erscheint und weist mich mit angenehmer Stimme in ein solches Sitzungszimmer. Hellblaue Tapeten, praktische Einrichtung , nicht allzu neue Möbel. Eine Schwiegermutterzunge neben dem Fenster im Regal, die wieder einmal umgetopft werden müsste. Hinter dem Pult ein riesiges Bild von einem alten rot-weiss geringelten Leuchtturm. Eine zischende Wellengischt um sprudelt das rohe Fundament des Leuchtturms in wilder Art und Weise. Das Meer im Hintergrund ist tief türckis-blau. Das Bild eher kitschig. Wie ich mir meine künftige Arbeit vorstelle, die ich am liebsten hätte. Was für einen Beruf ich gelernt hätte, wo ich in die Schule ging. Er fragt mich auch nach meinem Vater. „ Beruf des Vaters?“ es gehöre zu den Formalitäten im Personaldienst ein Formular für den Temporäreinsatz auszufüllen. Sind das wirklich einfach Formalitäten?
Ich kenne meinen Vater gar nicht. Der ist nach einem Seitensprung abgehauen. Irgendwo im Glarnerland war das. Soll ich ihm die Wahrheit sagen. Nein das ginge nicht. Das würde zu sehr den Opferstatus einbringen und das will ich nicht. „ Diplomat“ sage ich trocken. „Viel im Ausland tätig gewesen, seit drei Jahren im Ruhestand, wohnhaft im Zürcher Seefeld. Herr Egli vom Personalvermittlungsbüro schaut mich verwundert über seinen Brillenrand an und notiert.
Ob ich nicht durch meinen Vater einen Job in der Verwaltungsmaschinerie erhalten habe, fragt mich Herr Egli, das sei doch gang und gäbe. Ich erkläre ihm, dass mein Vater nichts vom Verwaltungsfilz gehalten hat und dass er ein starker Verfechter der freien Marktwirtschaft sei. Er wollte nicht Wasser predigen und Wein trinken und hat mir so eine ganz normale KV-Lehre empfohlen. Der Kämpfergeist entstehe nicht in den prestigeträchtigen Herrensöhnchen-Schulen. Er habe immer das Wahre als das Richtige gesehen. Der Aufstieg mache nur Spass, wenn man den Weg selbst gegangen sei, Durststrecken erlebt habe. Wenn man dann einmal oben sei, könne man den Erfolg geniessen weil man den Rucksack voller Erfahrungen einzusetzen wisse.
„ Das tönt gut“, so Herr Egli. Er habe genau für mein Profil eine Stelle in einer Bank. Festanstellung. Kommunikationsberater einer Grossbank. Ob mir so etwas zusagen würde. Ich bejahe. Das Geld kann ich gut gebrauchen und etwas kommunizieren werde ich sicherlich auch können, denke ich.
Mein Französisch muss ich noch etwas aufbessern. Ansonsten bin ich gewappnet. Der erste Tag ist anstrengend. Alles ist neu. Der Personalassistent der Bank stellt mich dem CEO vor. Zum Glück habe ich den Bankenknigge vorher nachgelesen. Krawatte mit dezentem Muster, der dunkle Anzug sitzt perfekt. Die dunkelgrauen Socken mit den nicht allzu eleganten , aber teuren Balli-Schuhe sehen seriös aus. Ich will ja nicht den Sunyboy markieren. Die Aktentasche habe ich in der richtigen Grösse gewählt. Banane, Sandwich und Tageszeitung passen gut hinein.(Mit etwas Spatzung damit die Banane nie zerdrückt werden kann)
So stehe ich also vor dem CEO dieser Bank. „Sie Hund sind also unser neuer Kommunikationsberater“? Zum Glück habe ich die Aktentasche nicht gleich fallengelassen. Händedruck war in Ordnung, nur die Körperhaltung etwas gebückt. „Sie werden einen Slogan, eine Werbekampagne und ein Marketingprofil erstellen. In dieser Reihenfolge. Das Vertrauen der Kunden soll zurückgewonnen werden, nach all den schlechten Nachrichten rund ums Kreditgeschäft.
Folgende Slogan habe ich mir in meinem neuen, reinlich sauber geputzten, nach Computertechnik riechenden Bürozimmer ausgedacht.( Die Atmosphäre hätte unkreativer nicht sein können )
Wir werden Ihr Geld auf Händen tragen. Vertrauen sie uns, es zahlt sich aus. Oder
Planen sie mit uns Ihre Zukunft. Es wird sich lohnen. Oder
Wir investieren in Ihre Zukunft. Lassen Sie sich bei uns Beraten.
Das ist wenigstens schon ein kleines Ergebnis. Der Abfalleimer ist vollgestopft mit Kaffeebecher und Hubler ist sichtlich beruhigt, dass ich nach ein paar Tagen schon so produktiv gewesen bin. Hubler weiss jedoch noch nichts von meinem Drehbuch für den Werbefilm
Das Drehbuch für den Werbefilm habe ich mir wie folgt vorgestellt.
Ein älterer Mann zwischen sechzig und siebzig Jahren sitzt an einem runden Holztisch mit einem baumwollenen Tischtuch abgedeckt. In der Mitte des Tisches steht eine kleine Vase mit rosa Nelken. Eine Frau erscheint. „Wie spät ist es dann Hannibal“? fragt die Frau in rotem Rock. „Zu spät und zu früh“. Sagt Hannibal. „Ich fragte ja nur wie spät es ist. Hast du den keine Uhr an“? Fragt die Frau nach. „Nur weil ich in einer Uhrenfabrik gearbeitet habe heisst das noch lange nicht, dass ich immer eine Uhr auf mir trage. Meine innere Uhr, falls du diese meinst ,ist lange nicht so präzis wie jene die, die wir fabriziert haben, aber ich sage dir: Es ist zu spät und zu früh“. Ich möchte ja nur wissen welche Zeit jetzt ist, wegen dem Kuchen“, hackt Rosmarin nach. „ Es ist zu spät und zu früh. Zu spät unsere Beziehung noch zu retten aber zu früh um sie bereits aufzugeben“. Sagt Hannibal nimmt den Hut und geht.
Dann wird folgendes eingeblendet.
ABS Advanced Banking of Switzerland
Hätte dieses Paar schon früh mit ABS zusammen gearbeitet, hätte Hannibal jetzt selbst eine Rolex. Um den Ruhestand zu geniessen und um den Alltag interessant zu gestalten hätte das Paar genügend finanziellen Rückhalt. Go with ABS.
(Die Doppellbedeutung des Bankennamen zum Bremssystem will Hubler nicht einsehen)
ES IST NIE ZU SPÄT FÜR ABS UND ES IST NIE ZU FRÜH FÜR ABS. ABS IST IMMER FÜR SIE DA.
Der CEO ist begeistert. Herr Hubler gratuliert mir für meine Arbeit. „Genau so ist es. Sie schlauer Hund“! Wann die Aufnahmen beginnen würden, fragte er noch zum Schluss. Die Aufnahmen für den Werbefilm werden nächst Woche starten. Zwischendurch werden auch Aufnahmen für das Fernsehen, für die Tagesschau, stattfinden um die Bank ins richtige Licht zu rücken. „Wie steht es dann mit dem Marketingkonzept“? frage ich den Hubler. „Das lassen wir vorerst. Zuerst muss der Werbefilm her. Je schneller umso besser. Das Konzept kann warten. „Vergessen sie nicht, entweder ist der Napf halbvoll oder er ist halbleer. Sie schlauer Hund! Auf die richtige Perspektive kommt es an. Bei uns ist der Napf immer halbvoll. Immer“. Bei CEO Hubler klingelt das Telefon. Er wird gerade über den schlechten Abschluss der Börse informiert. Aber eben. Komme was wolle der Napf ist bei der ABS immer halb voll.
Im Grunde sind wir doch alle Paranoid. Wir sind Verfolgte und wir verfolgen selbst, lauern anderen nach. Wir Angestellten werden verfolgt von den Fortgesetzten, die Fortgesetzten wiederum werden von uns verfolgt. Regeln werden aufgestellt und jeder Chef soll sich hüten selbst von den Angestellten erwischt zu werden, eine Regel zu brechen. Das alles raubt Kraft, saugt dem Geschäft Saft ab, ohne dem Kunden Nutzen zu bringen. Das ewige Schwindeln, das ewige Vortäuschen, das ewige Keine-Schwäche-Zeigen hinterlässt Spuren. Keiner traut dem Anderen über den Weg. Misstrauen breitet sich aus und verhindert Freundschaften, die das Arbeitsleben bereichern würden. Achteinhalb Stunden sitze ich in einem Büro und kenne meinen Arbeitskollegen nach zehn Jahren immer noch nicht viel besser als am ersten Tag. Das ist die Kehrseite des maximierten Kapitalismus. Der Mensch arbeitet für den Gewinn einer Firma, Tag für Tag. Doch ist die Rendite auch für die Mitarbeiter ein Gewinn? Der Gewinn von diesem Jahr gilt als Vorgabe für den Gewinn vom kommenden Jahr. Es gilt die Rendite Jahr für Jahr zu überbieten. Ein Elefant wird zwar gross, aber er wird nicht grösser als ein Elefant. Das Wachstum hat seine Grenzen.
Der Kunde interessiert sich nicht für den Gewinn einer Firma. Ein Bankkunde will bloss einem Geldinstitut sein Geld anvertrauen, sofern er sein Geld dort sicher glaubt und Zins bekommt. Und da hat die ABS bereits einen grossen Nachteil gegenüber der Konkurrenz. Den die ABS hat Geld verschwendet, falsch investiert, verloren. Und so haben auch einige Kunden Geld verloren die dieser Bank sein Geld anvertraut haben. Horror für jeden Bankkunden. Tragisch für jede Bank.
Es nützt nichts wenn eine Bank wie ein aufgeblasenes Gebilde gross wirkt, aber dann schlussendlich ineffizient und träge vor sich hinvegetiert wie ein riesiger Kuhfladen. Der Kunde will einen Nutzen. Der Kunde will freundlich und kompetent beraten werden. Wenn ein Kunde einer Bank Geld zur Anlage bringt, muss jeder einzelne Mitarbeiter vertrauenswürdig sein und seriös. Nicht nur vorgespielt sondern echt bemüht sein, das Geld so zu behandeln, als ob es das eigene wäre. Das sind Gedanken die mir als Kommunikationsberater durch den Kopf gehen.
Die Zeit geht um, Zeit verstreicht. Ich sollte keine Zeit verlieren. Die Zeit rennt mir davon. Zeit heilt Wunden. Die Zeit kann stehenbleibe. Zeit kann dauern, ablaufen, kommen und gehen. Ich kann Zeit auch gewinnen, aber ich kann sie nicht festhalten, ich kann mich nicht ständig nach ihr richten. Ich gebe der Zeit ihren Lauf, sie vergeht wie im Flug. Erst mit der Zeit wird es höchste Zeit. Ändert die Zeit mit Geschwindigkeit? Ich kann der Zeit nicht davonrennen, ich kann sie nicht festhalten. Die Zeit hinterlässt Spuren, Spuren der Zeit. Jetzt ist Zeit, nichts ist Ewigkeit.
„ Es ist Zeit für einen Aufstieg Herr Hauser“, sagt ihm ein wohlerfreuter Herr Hubler. „Wir sind sehr zufrieden mit ihnen und würden ihnen gerne die wichtigste Marketingstelle in den USA anbieten. Nehmen sie an Herr Hauser“? Ich habe das Angebot angenommen. Wohl aber mit einem mulmigen Gefühl im Bauch. Ich erhoffe mir einfach sehr gute Verdienstmöglichkeiten in den USA.
Ich merke, dass kritische Gedanken zur Vergangenheit, oder Kritik an der rein gewinnorientierten Geschäftsstrategie bei Hubler nicht gut ankommt.
Auch der Ruf der ABS ist nicht Monumental und hat seine Vergänglichkeit. Ich gehe einmal zu Hubler. Ich möchte einmal sehen was er zu meinen Gedanken punkto der Neuausrichtung der Firmenidentität meint. Mehr Kundenbindung, ehrlichere Anlagekonzepte weniger Gewinnorientierte Bonussysteme. Ich offenbare Hubler meine Einstellung zur aktuellen Krise. „ Sie raffinierter Hund kommen wohl nicht von der Bankenecke, sonst hätten sie sich all die schönen Gedanken wohl sicherlich erspart. Ich sagen ihnen nun etwas, dass sie wissen müssen“. Sagt Hubler laut und zornig. „ Ich ertrage keine Philosophen in meiner Bank. Das hier ist eine Bank und keine Kirche. Und falls sie das nicht begreifen mein lieber Hund, müssen sie sich eine neue Stelle suchen. Die wichtigsten Wörter hier sind. Kapital, Rendite und Gewinn. Und sollte in einem Ihrer Sätze eines dieser drei Wörter nicht vorkommen, sollten sie sich den entsprechenden Satz aus dem Kopf schlagen. Nicht umsonst sende ich sie nach Amerika Sie sind ja zuvor auch auf unserer Schiene gefahren“.
Ich denke Hubler macht mit seiner Sturheit einen kapitalen Fehler. Es rentiert nicht mich mit so einem Dickkopf länger zu unterhalten. Mit seiner Geschäftsphilosophie wird er keine neuen Kunden gewinnen können. Die Nutzschwelle von seinem eingeschlagenen Weg ist so gering, dass der Wert seiner Arbeit nicht einmal seinen Bürostuhl amortisiert. Weil dieser Hubler knapp bis zur Pultkante seines Bürotisches sieht, wird seine Bank auch in Zukunft da sein wo sie jetzt hadert. An der allgegenwärtigen Überheblichkeit. Seine Rechnung wird nicht aufgehen.
Es ist nun Zeit meine Koffern zu packen für Amerika. Ein spezielles Gefühl, allen Freunden und Bekannten auf Wiedersehen zu sagen ohne zu wissen wann man genau zurückkehrt. Für mich ist das ein kleines Abenteuer.
Die Reise
Wir kennen uns schon beinahe zehn Jahre, meine Frau und ich. Wir haben inzwischen zwei Kindern das Leben. Elena und Ralf. Elena ist sechs, Ralf vier. Meine Frau und ich, wir lieben uns noch immer. Wir sind zufrieden mit unserem Eheleben, wunschlos.
Ich wollte zuerst mit dem Flugzeug nach Amerika fliegen. Aber die Ölkriese ist schon dermassen fortgeschritten, dass sich die Flugzeuge mehr am Boden aufhalten und es unmöglich ist im Moment ein Ticket zu buchen. Bei den Schiffen ist es momentan etwas besser, weil diese mit einfachem Diesel betrieben werden und nicht mit dem spezialisierten Kerosin. Das ist alles wegen den Fehlinvestitionen der ABS entstanden. Mit der serbelnden ABS ist weltweit der Sockel unserer Wirtschaft ins wackeln geraten. Der Hubler hat ziemlich alles verschlafen, grossflächig Fehler heruntergespielt und sich und seine Bank mitten in die Wüste versetzt. Stur nach dem Motto „Hauptsache es geht vorwärts, die Richtung ist egal. Nach längerer Durststrecke kann sich Hubler noch immer im Paradis wähnen, keine Oase weit und breit in Sicht aber: Der Napf ist eben immer halbvoll bei der ABS.
Ich mache mich bereit um auf das Schiff zu steigen. Ich verlasse meine Familie für einige Zeit um den gute Job in Amerika zu erfüllen. Ich werde wohl Karriere machen, obwohl ich nie richtig daran glaubte. Ich spüre aber auch die Verantwortung die auf mir lastet. Ich komme mir fast vor wie ein James Bond der Wirtschaftswelt. Ich werde gesendet um die Welt vor einem wirtschaftlichen Untergang zu retten. Ich werde mich durchschlagen müssen durch ein Heer verlogener Banker, ich werde den entgleisten Kapitalismus wieder auf die richtigen Schienen heben müssen. Und das alles alleine. Ich gegen den Rest der Welt.
Ein Matrose vom Schiff trägt mein Gepäck über einen langen Steg auf das Schiff. Ich gehe nach und ich winke auf halbem Weg meiner Familie nochmals. Halb oben, halb unten. Das Schiffshorn dröhnt über den Hafenplatz. Langsam gehe ich nach oben meine Beine fühlen sich schwer an. Oben auf dem Deck angekommen winke ich nochmals meiner Frau und den Kindern zu. Sie scheinen winzig klein. Das Schiff scheint wie ein Fels.
Pünktlich legt das Schiff ab und sticht ins Meer. Amerika.
Meine Kajüte liegt im hinteren Teil des Schiffes. Klein aber fein. Schön eingerichtet mit edlen, dunkelbraunen Holzmöbeln, massive schwere Schreinerkunst. Die Stühle sind mit rotem Samt überzogen und stehen auf geschwungenen mit Kerben verzierten Beinen. Ich nehme auf dem Sessel Platz. Mein Blick schweift durch den Raum und huscht an den Oberflächen der Möbel vorbei ohne Details zu erkennen.
Wohin gehe ich? Wohin bewege ich mich? Will ich mich dorthin bewegen wo ich mich hinbewege? Noch lange sitze ich auf dem Sessel , ohne zu merken, dass es bereits zu Nachtessen geläutet hat. Erst wie die Ersten schon wieder vom Speisesaal zurück in die Kajüten kommen und angeregt über das Suflee und den Braten diskutieren, realisiere ich, dass ich mich wohl langsam Richtung Essaal bewegen sollte, wollte ich noch etwas zu Essen kriegen. Ich nehme die Mahlzeit zu mir.
Mein Körper sitzt im Lokal welches sich auf dem Oberdeck des Schiffes befindet. Mein Rücken ist der Bar zugewandt, wo sich bereits die ersten Gäste einrichten. Meine Gedanken schweifen immer um di selbe Frage. Ist es Richtig nach Amerika zu fahren und Frau und Kinder zurückzulassen? Werde ich etwas verändern können, an den festgefahrenen Geschäftspolitik der ABS? Ich habe freien Blick auf den Gang in welchem die Leute hin und her pendeln. (Doch sehe ich sie nicht wirklich). Wie die Wellen des Meeres scheinen die Massen von Menschen vorbei zu rauschen, das Stimmengewirr vermischt sich mit dem Geklapper des Geschirrs von der Küche und das Radio berieselt den Raum. Ich halte noch immer die Gabel in der Hand, obwohl ich schon lange fertig gegessen habe. Ich sitze wie versteinert auf dem gepolsterten Stuhl und starre in die Leere. Ich sauge die Geräuschkulisse auf wie ein Schwamm, ohne sie im Hirn zu filtern oder in einzelne Teile zu Gliedern. Die letzten Monate waren zu stressig. Medientermine reihten sich nur so aneinander und ich musste stets Haltung bewahren, meiner Stimme und meiner Sprache einen positiven Charakter begeben obwohl das Feuer in mir schon längst erlöscht ist. Der Funke muss auf die Empfänger überspringen obwohl ich in mir nur noch Schutt und Asche empfinde, obwohl ich den Glauben an das, was ich erzähle schon längst verloren habe.
„ Könnte ich einkassieren bitte? Ich habe Zimmerstunde.“ Der Kellner steht vor mir mit der Rechnung in der Hand. Die Stimme des Kellners scheint mit reichlicher Verzögerung bei mir anzukommen. Ich nehme mein Portemonnaie aus der Tasche und bezahle. Ich sitze noch mindestens eine Stunde reglos im Lokal. Hinten an der Bar sind die Gäste bereits etwas beschwipst und die Frauen sind bereits mehr entkleidet als es für diese Jahreszeit üblich wäre. Mein Körper bewegt sich durch die Gänge an den Kajüten vorbei an den Bug des Schiffes. Ich habe vergessen wohin mein Weg führt, was mein Ziel ist, welche Entscheidungen ich getroffen habe. Ich weiss nicht wohin ich gehen soll. Jegliche Art von Raster haben mich verlassen. Ich spüre nur, dass ich falsch gehe. Also gehe ich lieber gar nicht. Ich bewundere den Kapitän, wie er in einer so gigantischen Weite den richtigen Weg findet. Der Ozean, der so viele Möglichkeiten, so viele Wege anbietet. Das Meer ist breit, das Meer ist weit, und doch findet das Schiff seinen Weg.
Als ich am nächsten Tag erwache scheint mir bereits die Morgensonne ins Gesicht. Das Plätschern des Wassers erinnert mich daran, dass ich mich auf einem Schiff befinde. Das Schiff, das mich dahin bringen sollte wo ich hin möchte. Nach Amerika. Als Kommunikationsberater einer Schweizer Grossbank Geld verdienen, und ein erfülltes Leben führen? Was heisst schon erfüllt? Wer sagt, dass unser Leben wie ein Behälter ist in den man etwas füllen könnte um erfüllt zu sein? Gibt es auch entleerte Leben? Aber wie CEO Hubler immer gesagt hat: „ Bei uns ist der Napf immer halb voll“. Das will zum einen heissen, dass er keine Jammerer mag. Zum andern ist es Geschäftsdevise, dass immer die Hälfte eines Profites für uns rausspringen sollte aber nach oben immer noch weitere Entwicklungsmöglichkeiten bestehen. Der Gewinn könnte immer noch besser sein, auch wenn er so schon alle Erwartungen übertrifft. Das Schiff bringt mich also dahin wo ich hin will, stetig das Ziel fokussierend, auf dem richtigen Kurs bleibend. Nach oben schauend und immer mit der Erinnerung: You can get it if you realy want. Oder
You are the captain of your boat. You are the captain of your life.
You are the captain of that boat that floats. You are the captain of your life.
You now it’s hard you know the storm, you know that something can go wrong.
But you still have the confidence. Then you know-
That every stormy sky once turns into blue and some of your dreams come true.
Ich stehe auf und ich merke wie schwach sich meine Beine anfühlen, obwohl ich von meinem Alter her in den besten Jahren sein sollte. Ich verbringe eine ganze Weile im Bad und ich vergesse zum Schluss trotzdem mich zu rasieren. Im Saal sind viele Leute eingetroffen. Das Buffet ist reich bedeckt mit Croissants, Brot, Schinken, Käse und Eiern. Ich bleibe lange vor dem Buffet stehen und überlege mir nach was es mir gelüste. Ich entscheide mich zum Schluss für einen Milchkaffee mit einem Croissant dazu. Der Kaffeeduft hat ohnehin schon den ganzen Saal eingelullt und die Gäste in eine gemütliche Morgenstimmung versetzt. Ich habe keine Ahnung was ich mit dem heutigen Tag anfangen soll. Was sollte man auf so einen Schiff den schon tun. Viele Gäste vergnügen sich an der Bar, lernen andere Leute kennen und geniessen die Zeit ohne Pflichten. Ich habe keine Lust mich zu vergnügen. Die Ölkrise hat ein grosses Ausmass angenommen, die Wirtschaft ist weltweit am Boden die ABS Aktien im Sinkflug und ich fühle mich wie auf dem falschen Dampfer. Da hat man einfach keine Lust sich zu amüsieren. Aber jeder kann auch in Krisenzeiten das Beste für sich herausnehmen. Immer wieder gibt es Branchen die vom allgemeinen Wirtschaftseinbruch profitieren. Sofern sich diese möglichen Aufsteiger auf mehr Effizienz eingestellt haben. Eine gute Firma ist wie ein Wolkenkratzer, hat Hubler einmal gesagt. Pure Effizienz. Ein abgeschlaktes, hageres aber tragfähiges Gerüst, gepaart mit gelenkiger Leistung. Nach oben sollte alles offen sein. Ausbaubar, bis das oberste Geschoss den Himmel berührt und auch dann noch ausbaubar. Alles Überflüssige wird weggelassen, solider Grundbau ohne Schnörkel .
An diesem Abend gehe ich zum ersten Mal an die Bar. Ich hänge meinen Kittel an den Hacken und bestelle ein Weizenbier. Wie ich so gedankenversunken in mein Bierglas starre, setzt sich eine hübsche jüngere Frau neben mich. Sie fragt mich woher ich komme und was ich beruflich tue. Sie hat ein sehr schönes gleichmässiges Gesicht mit vollen Lippen, funkelnden rehbraunen Augen. Der Ausschnitt ihres Abendkleides ist atemberaubend, die Haut ihres vollen Busen zart, die Rundungen weich. Trotz ihres überwältigenden Auftrittes, bin ich nicht sofort für ein Gespräch bereit. Bleibe zuerst ein wenig reserviert. Doch mit der Zeit kann sie die verhärtete Kruste von meiner Schale durchdringen. Ihr Charme berührt mich, und ihre Stimme dringt tief in mich hinein, ihre Art macht mich gefangen. Sie erzählt viel über ihre Pläne in Amerika und vom Dorf in welchem sie aufgewachsen ist. Ich höre Ihr aber irgendwie gar nicht richtig zu, sondern höre nur ihre Stimme und sehe eine Gestalt vor mir, die nicht schöner hätte sein können. Wie in einem Märchen. Später gehen wir wie in Watte eingepackt, nach Liebe hungernd, in Alkohol getränkt, vom Rauch der Zigarren durchdrungen in meine Kajüte. Ich ziehe ihre Kleider aus. Sie ist wirklich das allerschönste was ich je gesehen habe. Ihr Körper hat perfekte Rundungen und ihre Mimik regt mich an. Sie schmiegt sich an mich und unsere Körper scheinen perfekt zusammenzupassen. Für einen Moment ist Zeit nicht abstrakt, sondern fühlbar, und für einen kleinen Moment scheint sie still zu stehen, während das grosse Passagierschiff weiter in die Nacht hinein fährt.
Am anderen Morgen fühle ich mich zum ersten Mal seit ich auf diesem Kreuzer bin nicht depressiv. Das liegt wohl unter anderem auch daran, dass ich die letzte Nacht mit einer wunderschönen Frau das Bett teilen durfte. Irgendwie höre ich Hublers Stimme in meinem Ohr von wegen halbvollen Näpfen. Was mache ich mir Sorgen wenn es mir ja so gut geht? Ich fühle mich auch gestärkt in meiner Entscheidung nach Amerika zu fahren. Wenn ich zu Hause geblieben wäre hätte ich Anna wohl nie kennengelernt. Ich halte mein Maskottchen noch fest in meinen Armen, bis Anna dann auch vom Sonnenschein geweckt wird. Wir essen zusammen Frühstück und reden miteinander über Gott und die Welt. Anna ist Musikerin, Jazzpianistin und Sängerin. Ich weiss, dass sie an mir auch wegen meiner Arbeit, meinem Geld und meinem Prestige interessiert ist. Sie will in Amerika den Durchbruch schaffen. Was könnte ihr da besseres geschehen als mit einem Kommunikationsberater einer Schweizer Grossbank liiert zu sein der den Kontakt zu den Medien professionell pflegt und eventuell für sie ein gutes Wort einlegen könnte? Wer würde einfacher auf sie eingehen wenn nicht jemand, der sich einsam fühlen würde in einem fremden Land ohne seine Familie? Wem sollte sie sich anvertrauen, wenn nicht jemandem, der genügend Geld verdient um sie locker auch noch durchzubringen, in einem edlen Quartier bequem logierend? Insgesamt ein gutes Geschäft, bei dem es nur Gewinner gibt. Ich staune, wie schnell einige Frauen merken wann ein Mann eine gute Partie ist. Ist das ihr guter Instinkt oder Zufall, oder ihr hundertneuundfüfzigster Versuch? Ich weiss es nicht. Anna hat irgendwie einen Russischen Einschlag, was wohl erklären würde warum sie so schön ist. Manchmal gehen wir aus lauter Langweile in die Kajüte und lassen uns berühren, während im Gang eine riesen Völkerwanderung mit Getrampel und Gerumpel durchgeht. Wir gleiten sanft ineinander und lassen uns vom Schiff einschaukeln. Das Brummen des Dieselmotors übertönt das Quitschen des Bettes und das gebrochene Licht,!
das in
die Kajüte eindringt lässt die Haut ihres Körpers weich erscheinen.
Ich merke, dass ich langsam so etwas wie einen Beschützerinstinkt Anna gegenüber entwickle. Das hat auch damit zu tun, dass Anna auch anderen Männern aufgefallen ist. Anna wird auch gerne von Männern bewundert. Sie braucht das wie die Luft zum Atmen. Bald sind wir in Amerika. Langsam packt mich das schlechte Gewissen meiner Frau gegenüber. Ist es richtig mit Anna so intim zu werden? Bis anhin bin ich Sibylle stehts treu gegblieben. Geht das nicht zu weit? Soll ich mich einfach auf dieser positiven Gefühlswelle nach Amerika tragen lassen und all meine Ethik in Europa zurücklassen? Hatte Hubler etwa doch recht als er sagte für gute Geschäfte brauche es keine Philosophen sondern positiv eingestellte Leute die trotz Verkaufseuphorie das Denken nicht vergessen. Ich könnte es mit Anna besser haben als ich mir das Leben je erträumt hätte. Warum sollte ich diese Gelegenheit nicht packen? Was sollte ich dabei verlieren, ausser meiner ethisch-philosophischen Lebensart die ich bis jetzt pflegte? Meine Familie?
Die Arbeit in New York hat gut angefangen. Mein jetziger Chef ist um einiges angenehmer als Hubler. Die Aufgabe ist in etwa die selbe wie die in der Schweiz. Nur spielt sich natürlich alles in Englisch ab. Auch die Kultur ist entschieden anders. Ich weiss nicht ob sich alle Marketingaussagen so eins zu eins in Amerika kopieren lassen. Der Werbefilm mit Hannibal und Rosmarie kommt hier jedenfalls sehr gut an. Dieser Film ist eigentlich amerikanischer als ich gedacht hätte. Der Umgang mit den Medien ist anstrengender weil die Journalisten in New York viel direkter , kritischer und auch stürmischer vorgehen als in Europa. Aber alles in allem bin ich gut in diesen Job hineingewachsen. Ich nehme oft an Geschäftsessen teil, bei welchen die oberste Liga der Wirtschaftsführer und Leute aus der Politik sich treffen und austauschen. Ich nehme meist Anna mit. Sie macht sich gut an meiner Seite und sie gibt mir den nötigen Charme, den ich alleine nicht hinkriegen würde. Sie wohnt bei mir in einer luxuriösen Wohnung in New York. Den Tag durch geht sie ihrem Musikbusiness nach. Am Abend sind wir meist zusammen. Essen gemeinsam zu Hause oder in einem Restaurant. Wir geniessen die Abende.
Immer wieder telefoniere ich meiner Frau zu Hause in Europa. Irgendwie ist sie mir fern, obwohl wir gute Gespräche führen. Ich kann mit meiner Frau entschieden besser über kompliziertere Themen reden als mit Anna. Anna ist einfach nett. Meine Frau ist mehr als nur nett. Sie hat ihre Meinung zu politischen oder geschäftlichen Dingen. Sie unterstützt mich in meinen persönlichen Belangen. Der gedankliche Austausch mit ihr ist bereichernd und aufbauend. Vielleicht kann ich mit Anna besser über einfache Dinge reden.
Vernunft und überlegtes Handel mögen wohl in vielen Fällen wichtig und richtig sein. Doch manche Dinge kann mit vernünftigen Argumenten nicht erklären. Warum lachen und jauchzen wir ausgelassen wenn wir Freude empfinden. Das ist doch reine Energieverschwendung. Warum gehen wir gerne in die Natur und braten über dem Feuer unsere Wurst. Zu Hause mit Tisch und Besteck wäre doch alles bequemer. Warum begehren wir eine andere Person, auch wenn wir diese gar nicht wirklich kennen? Ist es das Abenteuer. Ist es der Instinkt der uns Antreibt. Ist es das Leben von früher das immer noch tief in uns verwurzelt ist?
Let’s dance to the sound of the rain
Let’s dance to the grumble of a storm
Let’s dance to the voice of the wind
Let’s dance to the rhythm of a hail
Nach etwa zwei Monaten in Amerika hat sich etwas seltsames ereignet. Bei einem dieser Treffen habe ich jemanden kennengelernt, der zur Zeit eine der grössten Immobilienfirmen in den USA führt. Er ist schon gegen siebzig Jahre alt und wird das Geschäft einer jüngeren Generation überlassen müssen. Seltsam ist vor allem, dass er ebenfalls Schweizer ist, und sich erstaunlich gut im Glarnerland auskennt. Er, Joe, sei in Mollis aufgewachsen. Die engen Täler hätten ihm aber nicht gut getan. So sei er aus persönlichen, sowie aus geschäftlichen Gründen nach Amerika geflohen und habe hier mit einem kleinen Immobilienvermittlungsgeschäft angefangen. Aber in seinem Büro hängen noch immer ein Foto der Churfirsten. Nun sei er alt und sein kleines Immobiliengeschäft sei unterdessen ein Immobilienimperium geworden. Das Geschäft sei gewachsen und gewachsen, er habe dem Wachstum immer freie Bahn gegeben, die Voraussetzungen für das geordnete Geschäft auch im Wachstum geschaffen und er sei seiner Firmenphilosophie treu geblieben. „ Der Kunde kommt zuerst, für ihn stellen wir alle unsere Dienstleistungen bereit die sich punkto Qualität und Effizienz von der Konkurrenz entscheidend abheben“. Nur sei im Moment natürlich Flaute nach den Fehlinvestitionen vieler Banken. Mir gefallen seine Worte und seine immense Erfahrung beeindruckt mich. Hat Joe nicht dieselben Gesichtszüge wie ich? Haben seine kleinen Augen nicht auch den tiefen, braunen Glanz einer Kastanie, wie die meinen. Ist Joe etwa mein Vater? Ich kann mir vorstellen, dass er es war, der meine Mutter an jenem stürmischen Abend ins Chalet begleitete und ihren nackten Körper verehrte bis seine Samen in sie hinein flossen und sich daraus ein kräftiger Junge entwickelte. Ich wolle ihm nicht zu nahe treten und ihn nicht mit meiner Geschichte konfrontieren die mit seiner vielleicht gar nichts zu tun hat. Aber immer wenn er von der Schweiz erzählt, insbesondere von den Bergen, den Churfirsten und den Dörfern, werde ich hellhörig und ich versuche die mir vermittelte Vergangen!
heit mit
diesen Erzählungen in Einklang zu bringen. Er könnte mein Vater sein. Wir haben uns öfters getroffen irgendwo in New York. Er ist ruhig und überlegt. Man sieht Joe seine siebzig Jahre nicht auf Anhieb an. Zu wach sind seine kleinen kastanienbraunen Augen, zu viel Vitalität scheint in ihm zu stecken als dass man ihm den längst verdienten (aber noch nicht eingelösten) Ruhestand ansehen würde. Joe’s Ruhe hat mich angesteckt, der Austausch mit ihm und seine Erfahrung aus der Businesswelt tun mir gut. Es ist schon spannend. Erst noch habe ich in Anbetracht meiner heiklen Mission die Wirtschaftswelt retten zu müssen, lähmende Angst und weiche Knie gekriegt. Ich dachte ich sei der globale Krieger der mit seinem Notebook für Gerechtigkeit auf diesem Planeten kämpfen müsse. Und nun bin ich in Amerika angekommen mache meinen Job so gut ich kann und sitze mit meinem potenziellen Vater, der aus den engen Schweizer Bergen nach Amerika geflohen ist, gemütlich bei Kaffee und Kuchen in einer New Yorker Kaffeebar. Das zeigt nur wie klein die Welt ist.
Immer wieder gehe ich mit Anna tanzen. Es lässt sich so wunderbar ausgehen in New York. Einmal sind wir bei strömendem Regen nach Hause getanzt.
The streets are wet but we are high, so nobody knows the reason why
We step in every single puddle we both would like to have a cadle.
Je länger es dauert umso wichtiger wird Joe für mich. Wir gehen miteinander aus, trinken nach Feierabend noch ein Bier oder wir gehen angeln. Anna hat sich unterdessen auch an Joe gewöhnt. Warum Joe für mich so wichtig ist habe ich ihr nicht erklärt. Solche Dinge versuche ich ihr erst gar nicht verständlich zu machen. Das mit meinem Vater das ist meine Geschichte.
Meine Frau erzählt mir nicht viel von den Kindern. Aber alles in allem ist es doch schwierig ohne ihren Vater. Ich habe viel mit ihnen gespielt. Legoklötze aufeinandergetürmt, Fussball gespielt oder bei den Hausaufgaben geholfen. Ich fehle ihnen.
Heute kommt Hubler in New York zu Besuch. Er will sich ein Bild über die Lage in Amerika machen. Der Werbefilm mit Hannibal und Rosmarin ist ein Erfolg. Auch wenn der Slogan etwas zynisch klingt, „ Es ist nie zu spät für ABS“, kann man das von zwei Seiten sehen. Es ist nie zu spät zu ABS zu wechseln, aber auch es ist nie zu spät für ABS um wieder an die Spitze zu kommen. Der Slogan besagt, dass die Schlacht für ABS noch lange nicht verloren ist. Und dieser Kampfgeist gefällt offenbar laut Umfragen den Amerikanern. Trotzdem ist Hubler nicht allzu begeistert. Meine unterdessen braungebrannte Haut, mein lockeres Auftreten und meine innere Gelassenheit machen Hubler misstrauisch. „ Sie waren auch schon fleissiger, sie fauler Hund. Irgendwo fehlt ihnen der Adapter zur amerikanischen Steckdose. Sie laufen ja nur noch auf Halbstrom“. Der Hubler hat offenbar gemerkt oder mitgeteilt bekommen, dass mich neben der Arbeit noch anderes beschäftigt. Die Beziehung mit Anna und die Treffen mit meinem Vielleicht-Vater nehmen viel Zeit in Anspruch. Trotzdem versuche ich meine Arbeit bei der ABS seriös zu erledigen. Aber es gibt für mich nicht nur die Arbeit hier. Nicht nur das Marketing der ABS. Obwohl die Bekanntschaft mit Joe vielleicht nützlicher ist für das Image der ABS als es manche Überstunde im Büro sein könnte. Die Treffen mit anderen Wirtschaftsgrössen geben der ABS eine Art Mund zu Mund Propaganda im positiven Sinn. Das imageschädliche, destruktive Virus das die Bank befallen hat, muss im Kreis der etablierten Geschäftsherren eliminiert werden. Nur so kann eine positive Welle des Erfolgs über die ABS rollen. Die Welle des Erfolgs muss ihren Ursprung vom Nabel des Wirtschaftsgeschehens haben und das Feld flächendeckend überfluten. Und so den ausgebrachten Samen der umgeben ist von rissiger, trockener Erde befeuchten und spriessen lassen, bis aus dem Samen wieder eine stattliche Pflanze wird und selbst wieder Wind und Wetter trotzen kann. Ich habe durch Joe begriffen, dass nicht ich allein alle für das Unter!
nehmen ü
berzeugen muss (denn das wäre mit so vielen Amerikanern schwierig), sondern dass der Samen den ich gesät habe einmal stark genug wird um sich selbst zu behaupten. Das Gedankengut müsse sich selbst weiterverbreiten. So, dass vielleicht eine einzige Blüte genügt um sich zu vermehren. Dass sich die Sympathie zur ABS wie eine Ansammlung blühender Obstbäume vermehren und Rund um den Globus sich verbreiten. Dass die Welt von oben betrachtet umgeben ist von einem Saum blühender Obstbäume. Diese werden ihre Früchte abwerfen und selbst wieder Samen ausbringen. Aber wie soll ich das dem Hubler erklären? Ich habe Hubler mit meinem Jaguar beim Hauptsitz der amerikanischen ABS abgeholt. Um unser Vorgehen in Ruhe bei einem Spaziergang durch den Central Park zu besprechen. Hubler sitzt ein wenig verloren auf dem Beifahrersitz. Ich habe meine Sonnenbrille auf und konzentriere mich auf den Verkehr. „ Sie raffinierter Hund. Sie arbeiten wohl nur noch in den Pausen. Wann sind sie eigentlich noch im Büro?“ Wenn er nur wüsste wie ausgelaugt und niedergeschlagen ich bin, wegen dieses Jobs. Etwas Lob hätte mir gut getan aber ich kann sein Lob nicht erzwingen. Seine dauernde Kritik und seine Vorstellung wie einfach es doch sei noch etwas mehr zu geben macht mich krank.
Ich habe es diesen Abend als wir gerade bei Sonnenuntergang unter einer alten Linde durch geschlendert sind. Aber nichts hat genützt. „Diese esoterischen Ansätze gefallen mir gar nicht, Hauser. Mit diesem Schöngerede kommen sie höchstens in den Himmel, aber nicht in die Top five des weltweiten Bankentreibens. Wenn sie sich hier so wohl fühlen mag das für sie gut sein, für die ABS ist es das nicht. Entweder sie strengen sich etwas mehr an oder sie kommen zurück in die Schweiz“. Ich habe ihm erklärt, dass der Kontakt zu amerikanischen Wirtschaftsleuten wichtig sei und dass diese Kontakte bereits anfangen Früchte zu tragen. „Ich hoffe nur, dass sie hier nicht Früchte in Form von menschlichem Nachwuchs meinen. Nein, Herr Hauser, das geht mir entschieden zu weit. Ich dachte ich hätte mit ihnen einen integeren, fleissigen Geschäftsmann nach Amerika gesendet, der möglichst schnell wieder zurück zu Frau und Kind kehren möchte und seine Arbeit sauber und schnell erledigt, damit es hier in Amerika wieder aufwärts geht. Das mit Ihren Kontakten können sie sich aus dem Kopf schlagen. Wir brauchen sie hier im Büro und nicht auf dem roten Teppich. Seien sie unseren Geschäftsprinzipien und ihrer Familie treu. Wir haben da verschiedenes gehört vom New Yorker Zentralbüro“. Ich habe ihm erklärt, dass ich nicht von private Kontakten geredet habe, sondern von geschäftlichen. Aber das ist Hubler egal gewesen. Das ist nun eine Woche her. Es scheint sich eine regelrechte Front gegen mich zu bilden. Ich habe mit meinem besten Wissen und Gewissen gehandelt. Sie sollten mich wirken lassen sonst wird mir dieser Job auf die Länge zu bunt.
Hubler weiss nicht wie sehr ich mich für die ABS einsetze, wie sehr ich mich anstrenge, auf was ich alles verzichte. Ich sehe Anna nur noch an den Wochenenden. Ich arbeite von morgens um sieben bis tief in die Nacht. Natürlich bin ich nicht immer in meinem Büro. Das ist ja auch nicht möglich mit all den Terminen in den verschiedenen ABS Filialen. Den teilweise elementaren Kundenkontakten und persönlichen Beratungen. Immer wieder scheine ich mich zu vergessen. Immer wieder kommt der Zustand zurück von damals zurück, als ich verloren auf den noblen Stühlen des Kreuzschiffes gesessen bin. Ich habe mich ungefähr so lebendig gefühlt wie der Stuhl auf dem ich gesessen bin. Das Leben kann einen verlassen. Es ist nicht so, dass in einem das prickelnde Leben so einfach entgegen zischt, als würde man mit einer simplen Drehbewegung eine Mineralwasserflasche öffnen. Ich denke ich hinterfrage manches eingehender, als das ein stahlender Glückspilz tut. Ich fühle mich oft schuldig für etwas, dass schiefgeht, kann aber nach Erfolgen kein Stolz empfinden. Ich sehe alles irgendwie von aussen, verliere das Ich-Gefühl. Mein eigenes empfinden versteckt sich irgendwo unter dem kleinen Fingernagel. Ich funktioniere im Beruf sehr gut so. Kann meine eigenen Bedürfnisse zurückstecken und ich erbringe meine Leistung. Ich kann aber alles nur sehr schwer fühlen und empfinden. So wie ein blinder nicht sehen kann oder ein Tauber nichts hört, so ist bei mir eine Fallmasche von meiner Stricknadel gefallen. Sie fällt in mir nun tiefer und tiefer, bis mein Nervengewand sich zu einem geraden Faden zurückbildet und nichts mehr darstellt. Für mich ist das normal. Ich weiss aber, dass andere Menschen anders funktionieren können. Anna zum Beispiel hat diesen steten Drang nach einem aufregenden Leben voll und ganz in sich. Sie hegt sich einen Plan aus wie sie sich amüsieren könnte und verfolgt dann zielstrebig ihre Idee bis sie zum Ziel kommt. Erstens hat sie sich ein aufregendes inspirierendes Ziel ausgedacht und zweitens ist das Ziel eine A!
rt Beloh
nung für die Anstrengungen es zu erreichen. Und sie bestätigt sich selbst, wieder etwas erreicht zu haben. Solche Personen funktionieren wie ein Perpetummobile, dass sich immer wieder selbst antreibt und dann selbst bestätigt. Und das immer wieder. Das gibt einem vielleicht dann eben dieses Gefühl der Erfüllung. Sie selbst kann sich so erfüllen, sie selbst kann sich aufziehen wie eine Mechanische Uhr aufgezogen wird. Bei mir ist, dass anders. Ich hole meine Ziele von aussen. Ich sehe, dass es um mich einen Auftrag gibt den ich zu erfüllen habe. Ich bekomme den Auftrag aufgetragen. Nicht ich selbst gebe mir den entsprechenden Impuls sondern meine Aussenwelt. (Was nicht heisst, dass ich den Auftrag weniger zielgerichtet verfolge). Ich habe nur zwischen mir und meinem Tun nicht immer mein Ich als Resonanzkörper sondern einfach die abstrakte Aufgabe. Dafür bin ich fähig Ziele zu erreiche die mit meinem inneren nichts gemeinsam haben und mein Bestätigungsbedürfnis nicht ständig zu füttern brauch, da es das gar nicht gibt. Ich brauche Bewegung um die festgefahrenen Nerfenzellen wieder zu erlösen. Ich brauche die Natur, Bäume oder einen Bach der mein Inneres wiederauflädt. Ich muss das alles aufsaugen wie ein Schwamm damit ich wieder bei Null anfangen kann. Anna kann nur von sich aus gehen. Sie wächst mit sich selbst und bezieht Erfolge eng auf sich. Sie kann sich bei einem Misserfolg immer auf sich selbst stützen da die vergangenen Erfolge sie aufbaut und sie sich auf ihre, im Laufe der Jahre gewachsene Selbstsicherheit, aufbauen kann. Oder ist das ein Klischee?
Ich denke schon. Es ist Wunschdenken. Wie ich letzthin nach Hause gekommen bin, habe ich Anna im Badezimmer angetroffen. Sie schaut sich angeekelt im Spiegel an. Sie sieht abgerackert aus. Auf dem Ablagefläche ist noch der Rest des weissen Pulvers das sie sich soeben reingezogen hat. Jetzt weiss ich warum sie an den Abenden immer so fröhlich gelaunt gewesen ist. Warum sie immer diese fast übertriebene Heiterkeit verbreitet hat. Ich weiss jtzt warum sie, als ich ihr von meinen Sorgen und Nöten erzählt habe, gar nicht richtig folgen konnte. Warum sie immer wieder auf die Toilette gegangen ist, um sich angeblich schön zu machen. Wie sie dann mit einem riesen Lachen wieder zurück gekommen ist und mich sexuell angeregt hat bis wir uns dann jedes Mal überglücklich auf unser Bett fallen gelassen haben. Ich habe gedacht ihre Freude sei echt wie die meine. Sie hat immer so natürlich gewirkt mit diesem Zeug und ich bin darauf reingefallen. Sie versteckt sich hinter den Drogen. Deswegen habe ich sie doch nie richtig durchschauen können. Ich bin enttäuscht. Ich habe das Gefühl, die gemeinsame Zeit sei entwertet worden. Das Glück, das ich gefühlt habe sei eine Mogelpackung. Meine introvertierte Art hat sich von einer Gummipuppe zu einem kontaktfreudigen Menschen entwickelt lassen. Aber Anna ist vielleicht auch schüchtern gewesen und wollte sich dann doch nicht zu stark exponieren. Auffallen, von der Masse sich abheben aber doch nicht zu stark gegen den Strom schwimmen. Sonst wäre man ja als Spinnerin abgestempelt. Jeder will doch irgendwie auffallen, aus der Masse treten. Ich könnte ab morgen nur noch rückwärtsgehen, ich würde auffallen. Aber niemand würde mich mehr ernst nehmen. Auffallen aber trotzdem noch ernstgenommen werden, das muss der Kern vom Lebenssinn sein für viele Menschen. Für diese Kunst nimmt Anna die Drogen, Alkohol inklusive. Das überwinden von Brücken in sich selbst und das Verstecken von Schwächen ist anstrengend. Auffallen dank den Drogen aber gleichzeitig sich zurückziehen in sich selbst u!
nd sich
verstecken hinter der Droge. Andere verstecken sich hinter einer Flasche Rotwein, die einem den Geist erfüllt und soziale Hemmung überwindet. Oder Kurt Cobain von Nirvana singt: Come as you are, as a friend. Als er das schrieb war er bestimmt benebelt . Er meinte wohl eher. Nehmt mich wie ich bin, ich möchte euer Freund sein. So verzerrt sich das Weltbild unter dem Einfluss von Drogen wie Kurt’s Gittare in seinen Crunchsongs, paralell und wenigstens in jenem Moment authentisch. Er ist nach jedem Song gestorben.
Ich erinnere mich wieder an den gelungenen Abend als ich mit Anna im Regen nach Hause getanzt bin. Dies Bilder tun mir gut. Ich höre mich selbst etwas murmeln.
We completely forgot the whole stress then we longed for a little caress
We don’t have to wait for the sun because our love just has begun.
Heute treffe ich Joe wieder. Wie wir gemütlich in einer New Yorker Bar draussen in einem Gartenrestaurant auf unser Bier warten, erzähle ich ihm von meiner Begegnung mit Hubler. Joe schüttelt nur den Kopf. Es sei eher lobenswert, dass ich auch in meiner Freizeit an das geschäftliche denke. Wenn ich keine Lust mehr hätte bei der ABS weiter zu machen, soll ich mich bei ihm melden. Das hat mich natürlich gefreut. Nur muss ich mir dann im klaren sein, dass ich wohl für längere Zeit in Amerika bleiben werde. Die Frage mit meiner Familie ist für mich sehr wesentlich. Will mein Familie nach Amerika ziehen? Haben meine Frau und meine Kinder hier Zukunftsperspektiven?
Je länger ich darüber nachdenke umso einleuchtender wird mir, dass ich meine Familie nach Amerika bringen sollte. Ich will bei Joe einsteigen und diesen Hubler nie mehr sehen. Ich rufe meine Frau Sybille an und erkläre ihr die Situation. Sie scheint begeistert zu sein. Sie fühle sich mit der Familie in der Schweiz so alleine. Wann sie kommen sollen. Wir wollten eine richtige Probezeit von drei Monaten mit Wohnsitz in Amerika abmachen. Ich möchte drei Monate Probezeit mit Joe vereinbaren. In einer Privatschule habe ich ebenfalls probehalber für drei Monate Elena und Ralf angemeldet. Für Sybille habe ich einen Nebenjob, ebenfalls bei Joe’s Immobilienfirma als Assistentin. Nur wie sollte ich mit Anna verbleiben? Sie teilt immerhin seit acht Monaten mit mir diese Wohnung, wir haben eine gute wenn auch oberflächliche Beziehung zueinander. Und die Geschichte mit den Drogen sind mir schon ein Rätsel. Woher nimmt Anna das Geld dafür und muss sie wirklich welche nehmen um lebensfähig zu sein. Wie wäre sie ohne Betäubungsmittel? Die Wohnung hier wäre so oder so zu klein für meine Familie. Ich würde am besten Joe, betreffend eines kleinen Miethauses anfragen. Anna könnte vorerst in der Wohnung bleiben. Irgend wie brauche ich Anna. Ist es einfach ihr überwältigendes Aussehen, ist es ihre Hingabe beim Sex. Ihre Verspieltheit oder ihre Leichtigkeit? Ich weiss es nicht. Sie ist eine Art Maskottchen für mich. Auf der anderen Seite will ich aber auf keinen Fall Sybille verlieren. Sie ist weise wie ein Buch, intelligent und vor allem die Mutter unserer Kinder. An ihrer Seite habe ich bereits die Hälfte meines Lebens verbracht , wir haben zusammen Hoch’s und Tief’s erlebt. Wir ziehen zusammen unsere Kinder auf, geniessen viele schöne Momente und lösen manch so knifflige Lebensaufgabe.
Ich habe es mir gut überlegt. Der Wechsel weg von der ABS hinterlässt eine Leere. Auch wenn ich nicht immer Hublers Meinung bin, so werde ich ihn doch sehr vermissen. Er ist trotz seiner sturen Art doch sehr sympathisch. Seine direkte Kritik kommt irgendwie von Herzen, auch wenn sie etwas gewöhnungsbedürftig ist. Aber durch seine uneinsichtige Haltung hat er mich ziemlich genervt und er hat mir zu wenig Anerkennung entgegengebracht. Wenn jemand etwas anders anpackt wie er, dann hat er dafür kein Verständnis. Das ist wohl sein grösstes Manko.
Ich habe also bei der ABS die Kündigung eingereicht. Ironischer Weise ist an jenem Tag, als ich die Kündigung eingereicht habe erstmals der Aktienkurs der ABS in die Höhe gegangen. Das hat mir gut getan.
Bei Joe’s Immobiliengeschäft ist alles etwas anders als bei der ABS. Niemand geht hier in Schale arbeiten. Alle sind freizeitlich gekleidet. Eine kollegiale Arbeitsatmosphäre lädt zu kleinen Gesprächen ein. Joe stört es nicht wenn einmal zehn Minuten über privates geredet wird. Allerdings erwartet man hier eine hundertprozentige Motivation für die Firma. Lästerer mag man auch hier nicht. Ich bekomme bald sehr viel Verantwortung bei Joe. Ich bin zum Leiter Marketing aufgestiegen, da ich davon auch wirklich etwas verstehe. Der Lohn stimmt und es scheint als ob Joe’s Versprechen nicht nur Lippenbekenntnisse waren. Ich mag Joe. Er ist wie ein Vater. Gutherzig aber ehrlich mit Kritik. Fair aber direkt. So wie die Aktien bei der ABS steigen ist auch Joe’s Immobilienhandel wieder im Aufschwung. Häuser sind wieder zu kaufen gefragt , die Preise steigen wieder und nicht wenige Kaufgesuche kommen von ehemaligen Arbeitskollegen bei der ABS. Die ABS will einen Teil der Frischgeldzufuhr in Immobilien investieren. Da der Häusermarkt längerfristig aufsteigen soll. Oder eben einzelne Angestellte die privat ein Haus kaufen möchten. Ich arbeite viel und bin gelegentlich ziemlich gestresst. Ich hasste von Verkaufsleiter zu Verkaufsleiter um wichtige Erneuerungen anzubringen. Fliege wieder zurück zum Hauptsitz , um weiter ein Konzept zu erarbeiten. Joe lobt mich für meine professionelle Arbeit. Diese Rückmeldungen schätze ich sehr.
Anna sehe ich nun nur noch sehr selten. Ich vermisse aber Sybille und die Kinder bei weitem mehr. Bei Anna bin ich sicher, dass sie nicht ehrlich mit mir ist. Ob sie wirklich Musikerin ist bezweifle ich. Ich glaube sie macht sich einfach ein schönes Leben. Ob Anna in meiner Abwesenheit unser Bett mit anderen Männern teilt weiss ich nicht. Ich gehe dem auch bewusst nicht nach. Vielleicht aus Angst diese idyllische, romantische aber oberflächliche Beziehung würde ihre Leichtigkeit und Sorgenlosigkeit verlieren.
Die Zeit vergeht schnell. Die Woche ist angebrochen in der meine Familie in New York ankommt. Ich habe noch viel vorzubereiten. Das Haus ist schon ordentlich eingerichtet. Das habe ich alles nebenbei , abends noch erledigt. Die Möbel bestellt und aufstellen lassen, alles für das Bad eingekauft, die Küchenkasten mit dem nötigsten aufgefüllt. Es fehlen nur noch die Vorhänge. Das Haus wird wohnlicher sein wenn Vorhänge die Fenster säumen. Das Haus ist grosszügig gestaltet mit grossem Umschwung und Swimming-Pool.
Es ist Freitag. Heute kommt meine Familie im Flughafen an. Die Ölkrise ist zum Glück etwas abgeflaut, so konnte Sybille einen Flug buchen. Ich bin stark übermüdet von den letzten paar Wochen und bin kaum zum Schlafen gekommen. Ich habe bis spät in der Firma gearbeitet und eben dann noch dieses Haus nebenbei eingerichtet. Ich fahre mit meinem Wagen aus der Garage um meine Familie am Flughafen abzuholen. Das Wetter ist schön, die Temperaturen sind an der oberen Grenze des erträglichen. Ich bin dankbar um die klimatisierte Kühle in meinem Auto. Dennoch bin ich mit dem Kopf nicht ganz bei der Sache. Wie ich unten in die Hauptstrasse einbiegen will, erinnere ich mich daran, dass ich vergessen habe das Garagentor zu schliessen. Ich kehre um, finde das Tor aber korrekt verschlossen vor. Ich verstehe mich selbst nicht ganz, mache aber keinen Hehl daraus und fahre zum zweiten Mal Richtung Flughafen. Ich führe meinen Wagen sicher auf die Autobahn, lasse das Fahrzeug über die Piste gleiten. Doch dann passiert es. Ich nicke für einen kurzen Moment ein und ich verliere die Kontrolle über mein Fahrzeug. Der Wagen fährt seitlich gegen das Strassenbord, er stellt sich auf und überschlägt sich mehrere Male, bis er schlussendlich quer zur Fahrbahn auf dem Dach zum Stehen kommt. Mein Ich zerrschmettert in wenigen Sekunden. Es zerrschelt an meinen eigenen Ansprüchen. Meine Persönlichkeit löst sich mit einem Schlage auf und vermischt sich mit der umgebenen Luft. Meine Motivation und meine Ziele in meinem Leben zerrsplittern in tausend Einzelteile die ich niemals gleich wieder zusammensetzten werden kann. Mein logisches Denkvermögen steigt auf wie Rauch. Der Wind trägt den Rauch fort, über die angrenzenden Felder. Schliesslich zerrschmettert eine Explosion meinen Körper und katapultiert diesen auf die Strasse. Mein ich zerschmettert auf der Fahrbahn. Ich liege im Koma.
„Er hätte vieles anders machen sollen“. Sagt ein sehr objektiver Teil meiner selbst. „ Er hätte in der Schweiz bleiben sollen. Diese Schifffahrt damals hat ihn komplett durcheinandergebracht. Er hat seine Prinzipien über den Haufen geschmissen. Ist sich und seiner Frau untreu geworden. Er hat sich verloren in seinen unüberlegten Entscheidungen. Er hat noch einen neuen Lebensstil anfangen wollen, das Abenteuer gesucht und die grosse Verwirrung gefunden“. „Auf der anderen Seite ist es lobenswert, dass er noch etwas gewagt hat, dass er nach Amerika gefahren ist und dort einmalige Erfahrungen sammeln durfte. Er hätte auch in der Schweiz beim Autofahren einnicken können“. Meint eine andere Fraktion meines Ich’s. „ Also die Affäre mit Anna hättest du dir sparen können. Sie ist nicht ehrlich zu dir gewesen. Für sie hast du viel zu viel riskiert. Dieser innere Stress mit deinem Gewissen hat dich dahin gebracht wo du jetzt bist – am Boden“. Ermahnt der Konservative Teil in mir. Ich werde ins Spital gebracht. Bewusstlos. Ich werde operiert. Die Strasse wird aufgeräumt, für den nächsten Unfall frei gemacht. Mein Schädel wird wiederhergestellt. Mein Rücken begradigt, meine Nerven zusammengenäht. Die Beine wieder auf die Füsse geschraubt. Meine Hände geschüttelt, der letzte Tropfen Lebenssaft ausgepresst und oben wieder eingefüllt. Nur das Leben kann man im Spital nicht einfach wieder einfüllen. Ein erfülltes Leben kann man so oder so nicht einfüllen, das ergibt sich. Das Leben und mein Ich fehlt also noch. Sonst wäre mein Körper für mein Ich bereit, erfüllt zu werden.
Die Ankunft
Ein Junge sitzt bei der Ankunft am Flughafen. Er wartet jetzt schon seit einiger Zeit mit seiner Schwester Elena und seiner Mutter Sybille. Ralf träg ein gelb-blau gestreiftes T-Shirt zu roten Shorts. Seine Schwester im weiss-grünen Jupe sitzt ebenfalls gelangweilt neben Ralf. Sybille geht schon etwas nervös den Gang auf und ab. Auch sie ist elegant und modisch gekleidet. Ihre dunklen Haare trägt sie schulterlang. Sie alle freuen sich auf Paul. Wo ist er bloss? Da taucht auf einmal ein Polizist auf er erzählt ihnen von meinem tragischen Unfall. Die Kinder sind zuerst fast etwas ungläubig, aber als der Polizist ihnen erklärt, dass er ihre Flugnummer und ihre Namen im verunfallten Auto gefunden haben werden sie nachdenklich. Sybille hat es schon gespürt das etwas nicht stimmt. Wo er den nun sei? In welchem Spital? Der Polizist erklärt ihnen, dass Paul im Central Hospital in New York gerade operiert werde. Er habe nebst dem Komma einen Schädelbruch und Brüche am Rücken und an den Beinen.
Der Polizist fährt sie zu mir ins Krankenhaus. Die Fahrt ist beschwerlich. Im Feierabendverkehr stauen sich die Fahrzeuge über Kilometer. Da auf einmal löst sich der Stau auf und der Polizeiwagen fährt in zügigem Tempo weiter. Übers Land braust der Wagen und dann in eine Tunnelröhre. So eine Tunnelfahrt ist wie eine Entzugskur von Reizen. Abstinent von jeglichen Farben und Formen, den Blick kanalisiert nach vorne gerichtet und das Hirn getaktet vom Licht der rhythmisch angeordneten Deckenleuchten. Der Polizist fährt mit gleichmässiger Geschwindigkeit durch den Bauch des Berges.
Im Central Hospital angekommen gehen sie alle Richtung Lift. Im Obersten Stock dieses schwindelerregend hohen Gebäudes liege ich regungslos in einem modernen Spitalbett. Mit mehreren Gipsbandagen um diverse Körperteile. Doch ich bin unansprechbar. Die langen Operationen, die vielen Baustellen an meinem Körper haben mich vollends erledigt. Das Koma als wackliger Zustand zwischen Sein und nicht Sein hat sich hat sich gebeugt und meine Kraft hat dem Leben definitiv den Rücken zugewandt. Ich bin soeben gestorben. Vor zehn Minuten ungefähr hat mein Herz noch geschlagen. Jetzt bin ich nur noch unsichtbare Materie. Ich bin Luft zum atmen. Ich bin nur noch Erinnerung, Vergangenheit. Nur noch in den Köpfen anderer lebendig.
Meine Liebsten stehen ungläubig am Bettrand und können nicht fassen was geschehen ist. Sie können ihren Augen nicht trauen und erst recht nicht begreifen dass ich nicht mehr lebe. Wären sie zwölf Minuten früher gekommen hätte die Herzkreislaufmaschine noch ein regelmässiges wenn auch schwaches Piepsen von sich gegeben. Vermutlich war es, als die Familien mit dem Polizisten den kleinen Tunnel vor dem Spital durchfuhren. Auch Pauls Hirn wurde von rhythmischem Lichtflackern getaktet. Das hat ihn in einen meditativen Zustand versetzt aus dem er nicht mehr herausgekommen ist. Bis das regelmässige Piepsen der Herzmaschine nur noch ein gleichmässiger, langgezoger ununterbrochener Ton gewesen ist. Dieser Ton hat nicht aufgehört zu tönen bis das Pflegepersonal die Kabel und die Schläuche von Paul entfernt haben und die ganze Maschinerie um ihn herum abgestellt haben. Es hat noch getönt, als Pauls Familie durch den Haupteingang des Centre Hospital eingetreten sind und nun nichts mehr zu entscheiden haben über etwas, dass sie so oder so nicht wirklich hätten entscheiden können.
Sie stehen also alle um das Operationsbett, in welchem Kurt liegt und reglos an die Decke starrt. Im Fernseher im Nebenraum läuft ein Beitrag zur ABS. Hublers Rede vor der Generalversammlung wird ausschnittweise gezeigt. Die Aktien der ABS sind wieder auf Erfolgskurs nicht zuletzt wegen Pauls Verhandlungen mit der amerikanischen Wirtschaftsspitze. Hatte Paul doch seinen Stress, seine Strategie und jetzt, im Nachhinein auch seinen Erfolg. Hubler hat nicht einmal wahrgenommen, dass Paul in Amerika die Grundlage geschaffen hat, dass die ABS wieder getrost und zuversichtlich in die Zukunft schauen können.
In einer Ecke des Krankenzimmers sitzt eine jüngere gut aussehende Damen. Geschminkt und gestylt wie immer. Es ist Anna. Traurig schaut sie der Familie zu wie sie Abschied nehmen von Kurt. Als sie Paul zum ersten Mal auf dem Schiff getroffen hat ist er völlig verwirrt gewesen und er hat vor lauter Sorgen die Sonne nicht mehr gesehen. Wie sie sich dann immer wieder getroffen haben, hat sich sein Nebel langsam aufgelöst. Anna hat in ihm die Lebenslust wieder geweckt. Anna geht zu ihm und gibt ihm einen Kuss auf die Backe und geht nach Hause.
Sybille gibt Paul ebenfalls noch einen Kuss zum Abschied. Sie geht ins Stationsbüro und fragt ob sie noch eine Blut- Analyse von Kurt machen könnten. Ihr ist in den Sinn gekommen, was Paul über Joe gesagt hat. Dass Joe ja eventuell Pauls Vater sein könnte. Sybille will Klarheit auch wenn es im Moment fast unmöglich ist klar zu denken. Zu einschneidend sind die Ereignisse der letzten Stunden gewesen. Noch viel zu ungeordnet sind ihre Gedanken, zu subtil ihre Gewissheit, dass das was sich soeben ereignet hat Wirklichkeit ist. Und dennoch fühlt Sibylle eine relativ hohe Sicherheit in etwas, dass unsicherer und subtiler nicht hätte sein können. Dass Joe ihr Schwiegervater sein könnte ist für Sibille nicht nur eine Frage der Beziehung zu Joe, sondern eine ganz existenzielle Frage. Ihre Familie hätte unter den Flügel des Immobilienkönigs wenigstens finanziell nichts mehr befürchten. Nur deshalb ist für Sibille diese Frage an das Spitalpersonal, in dieser Vaterschaftsfrage Klarheit zu bekommen, gut nachvollziehbar und in der Natur jedes Menschen wichtig. Es ist die Existenzfrage. Die Frage ob man Überleben kann. Egal ob als einzelner Mensch oder als Unternehmen: Geld ist wesentlich für das menschliche Überleben. Was Sybille nicht erwartet hätte ist, dass Hubler auf ihr Mobile anruft und nach Kurts Zustand fragt. Er hat von der Polizei die Nachricht des schweren Verkehrsunfall erhalten, da die Polizei noch immer die ABS als Arbeitgeber vermutet hat. Sybille erzählt ihm, dass Kurt soeben gestorben sei. Hubler ist geschockt und erwähnt nochmals, dass Paul wirklich ganz grosse Arbeit geleistet habe und dass die ABS vor allem dank seinem schnell aufgebauten Netzwerk in Amerika wieder gute Geschäfte mache und dass es ihm leid tue wegen den Vorwürfen. Er wünscht Sybille alles Gute und viel Kraft und dass die ABS über eine hervorragende Versicherungen verfüge und dass sie sich finanziell keine Sorgen machen solle.
Plötzlich erwache ich. Der Unfall war nur ein Traum. Ein schlechter Traum. Ich bin etwas ausser Atem. Das von Schweiss durchtränkte Pyjama fühlt sich kalt an. Ich sitzt einen Moment im Bett, die Beine angezogen. Mein Blick versucht Gegenstände im Zimmer zu erspähen. Aber es ist schwierig, denn es ist stockdunkel im Raum. Langsam hält so etwas wie Zuversicht bei mir ein, dass ich in unserem neuen Haus in meinem Bett liege und nicht etwa tot im Krankenhaus. Ich mache das Licht an, stehe auf gehe in die Küche etwas Wasser trinken und gehe mit einem trocken Pyjama wieder zu Bett. So etwas seltsames habe ich noch nie geträumt und vor allem ist der Traum sehr nahe an der Realität. Soll ich ihm Beachtung schenken?
Ich habe vor kurzem beruflich ein altes Fischerhaus besichtigt. Der Fischer, der sein Leben lang in diesem Fischerhaus gewohnt hat, ist alt geworden und musste gesundheitshalber ausziehen. Dieser alte gebrechliche Mann, mit seinen vielen Runzeln in seinem noch lebhaften Gesicht hat mir gesagt: „ Seien sie vorsichtig, wenn sie etwas seltsames Träumen. Zweimal habe ich geträumt ich werde auf See von einem Sturm erfasst. Und jedes Mal hat es kurz darauf am Morgen während dem Fischen fürchterlich zu stürmen begonnen. Einmal habe ich einen Finger verloren, das andere Mal wäre ich fast ertrunken. Beide Male habe ich mein ganzes Hab und Gut, nämlich mein Fischerboot verloren. Ohne Abergläubisch zu werden. Das hat mich geprägt. Und ich bin nachher immer etwas weiser geworden. Vor allem, dass , mir das zweimal widderfahren ist, hat mich gelehrt vorsichtig zu sein. Es ist manchmal schwierig gewesen so durchs Leben zu kommen. Aber ich bin glücklich das ich noch am Leben bin. Das Leben hält nichts auf. Das Leben kann manchmal grausam sein. Es gibt nichts, das die Realität realistischer darstellen könnte als es die Fantasie im Traum kann. Träume können realistisch sein, es gibt Träume, von denen man im wachen Zustand nicht zu träumen wagen würde.“ In Tränen aufgelöst ist er aus dem Fischerhaus gegangen und hat mir zugewinkt wie er mit einer einzigen Tasche in den Kleintransporter eines Altersheimes gestiegen ist. Jetzt hat er auch noch sein Haus verloren.
Darauf habe ich das Haus noch einmal besichtigt. Alles ist aus Holz. Alles ist alt und abgenutzt. Die Türschwellen sind überall in der Mitte etwa einen Zentimeter tiefer als am Rand. Die Türklinken sind vergriffen. Ich sehe die Spuren die der alte Mann während seinem langen Leben an diesem Haus hinterlassen hat. Die Heizung besteht aus einem alten Holzofen. Auch da Spuren des Gebrauches. Im Brennraum des Ofens sieht man Unterschiede in der Verfärbung der Ofensteine. Der Russ hat sich an gewissen Ecken mehr angesetzt als an anderen Stellen. Das Feuer wird immer Ähnlich aufgebaut worden sein, so dass der Luftstrom immer gleich zirkulierte. Wände und Böden sind nicht gerade, alles ist etwas schief.
Dieses alte Haus geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Und der alte Fischer beeindruckt mich noch immer. Wollte ich nicht selbst einmal Fischer werden? Wollte ich nicht selbst den Wind auf meiner Haut spüren und die Möwen rufen hören. Wollte ich nicht selbst morgens in aller Frühe aufbrechen und erleben wie die Sonne am Morgen aufgeht und den Dunst in der Bucht mit ihren Strahlen durchbricht?
Am nächsten Tag gehe ich zu Joe und erzähle im vom fürchterlichen Traum. Ich erkläre ihm, dass ich mein neues Haus wieder verkaufen möchte und dafür das Fischerhaus am Meer erwerben will. Joe hat für einem Moment kein grosses Verständnis für mein Vorhaben. „Hast du als kleiner Junge nicht auch einmal davon geträumt Fischer zu werden? Hat dich das Meer mit seiner steten Brise und dieser Unberechenbarkeit, die Rufe der Möwen und die Sonnenstrahlen die Morgens durch den Dunst deine Haut erreichen nicht auch fasziniert? Frage ich Joe eindringlich. Joe hat einen Moment nachgedacht. „ Ja, davon habe ich auch schon geträumt“ stimmt er mir nachdenklich zu. „ Deswegen will ich dieses Haus am Meer kaufen. Dieses Haus macht einem glücklich. Nicht der Glanz von Marmor und Silber. Nicht das Prestigegebundene Wettrennen des Reichtums, macht einem glücklich. Die Bescheidene, naturverbundene Lebensart, das Einfache, Naheliegende und körperlich fühlbare Leben ist für mich erstrebenswerter. Ich möchte nur noch drei Tage die Woche Immobilien vermitteln, den Rest meines Lebens möchte ich Fischer sein“. Joe musste gleich nochmals leer schlucken. Ich sei sein bester Mitarbeiter und sein vielversprechender Nachfolger. „Wie willst du deine Arbeit in drei Tagen pro Woche erledigen? Wie soll ich das den anderen Mitarbeiter erklären?“ fragt ein besorgter Joe.“ Ich denke, dass Sybille die restliche Aufgabe übernehmen könnte. Sie ist vom Fach.“ Antworte ich etwas unüberlegt aber überzeugend. Ich freue mich auf das Fischen.
Ich habe den Kauf des altern Fischerhauses mitsamt Fischerkutter noch in derselben Woche über die Bühne gebracht. Ich konnte nicht darauf warten, bis der Umzug unserer Möbel vom modernen Familienhaus ins Fischerhäuschen von statten ging. Ich habe mir einen Schlafsack gekauft und bin gleich mit dem Hauskauf dort eingezogen. Seit dem Hauskauf bin ich jeden Abend draussen gesessen und habe dem Meer gelauscht, den Schaum der Wellen beim verschwinden zugesehen, und die Möwen beobachtet wie sie emsig nach Fischen Ausschau halten. Anna habe ich in dieser Zeit etwas vernachlässigt. Sie hat sich aber ebenfalls nicht aus New York gemeldet. Ich denke, dass ihr dieses Haus so oder so nicht gefallen würde. Es wird wahrscheinlich zu wenig modern sein für Anna und zu ländlich. Ich habe keine Lust mehr sie zu sehen. Ich habe genug von diesen drogensüchtigen, gelifteten Mädchen mit Silikonbusen. Ich glaube das einzige was an ihr echt ist, sind ihre kastanienbraunen Augen. Der Rest ist bei ihr irgendwie getrickst. Ich habe genug von diesen Trickkisten. Die Wohnung kann sie gleich behalten.
Nur noch gut zehn Tage noch bis meine Familie in Amerika ankommen wird. Die Kinder sind an einer guten Schule angemeldet. Nichts steht mehr im Wege für eine gute Zeit mit meiner Familie in Amerika. Da ich jetzt nur noch Teilzeit bei Joe arbeite werde ich auch mehr Zeit für die Kinder haben und natürlich auch für Sybille sowie für mich selbst. Das Leben ist zu kurz um es nur mit Arbeit und Stress auszufüllen.
Dieser Spätherbsttag ist wieder einmal wunderschön am Ausklingen. Ich schaue der Sonne zu wie sie langsam am Horizont verschwindet. Dann ziehen doch noch einige Wolken gegen das Festland und ein Gewitter zieht auf. Die Luft kühlt schnell ab. Es ist schon dunkel und der Regen prasselt auf die Pflastersteine. Ein alter Mann steht, auf dem gepflasterten Platz vor meinem Haus. Die nassen Steine spiegeln seine Siluette in eindrücklicher Art und Weise. Das Spiegelbild bildet den Mann noch älter und gebrechlicher ab als er in Wirklichkeit ist. Sein Körper ist geduckt und sein Abbild auf der Strasse wölbt sich gekrümmt über eine Wasserrinne, gerade in der Nähe eines Schachtdeckels der die gewaltigen Fluten von Wasser kaum zu schlucken vermag. Der alte Mann steht da und scheint nicht recht zu wissen wohin er gehen sollte. Er scheint betrunken zu sein. Unter dem langen schwarzen Mantel, den er vom Kneipenbesitzer ausgeliehen bekommen hat, trägt er nur ein dünnes, kariertes Hemd. Der Regen geht langsam in Schnee über es ist kalt geworden und der alte Mann beginnt zu frieren. Alle Kneipen im Hafen haben schon geschlossen und der alte man wird langsam ungeduldig mit sich selbst und ist verzweifelt, dass er den Heimweg nicht mehr finden kann. Der Regen geht nun wirklich in Schnee über und die Pflastersteine werden rutschig und glatt. Irgendwie ist dem Mann die Stadt fremd geworden in der er sein Leben lang gewohnt hat. Plötzlich erhellen Scheinwerfer die Strasse und ein Motorgeräusch nähert sich. Der Wagen fährt ohne zu verlangsamen am alten Mann vorbei und verschwindet in Richtung Altstadt. Ich merke erst jetzt, dass der alte Mann der Fischer ist, der mir sein Haus verkauft hat. Schnell ziehe ich einen Mantel über schlüpfe in meine grünen Stiefel und gehe zu meinem Wagen. Ich fahre zum alten Mann der immer noch orientierungslos im Kreis seine Runden wackelt. Ich offeriere ihm einzusteigen. Er steigt dankbar ein. Er erkennt mich nicht mehr. Aber er weiss, dass er nicht mehr im Fischerhaus wohnt. Ich fahre den Man zum!
Städtis
chen Altersheim. Einen Moment bleibe ich noch mit dem Wagen stehen bis er sicher von der Nachtwache beim Hauseingang abgeholt wird. Man scheint den alten Mann bereits vermisst zu haben. Der alte Fischermann fällt todmüde in sein Bett und er schlisst sofort die Augen und träumt vom Meer von der Sonne, von den kreisenden Möwen und stetigen Wind der seine Haut streichelt.
Der alte Fischer kommt immer wieder zum Hafen und schaut verwirrt sein ehemaliges Fischerhaus an. Ich gehe auf ihn zu, wie er gerade wieder verloren auf dem Haufenplatz herumsteht. Ich frage ihn ob er noch einmal mit mir auf das Meer hinaus kommen wolle. Er ist begeistert und will auf der Stelle aufbrechen. „Aufbrechen? Wohin Aufbrechen?“ frage ich ihn etwas konfus. „ Auf das Meer fahren und fischen.“ antwortet der alte Fischer. Der alte Fischer vermisst wohl das Fischen. Es kommt nicht so sehr darauf an was man tut, sondern vielmehr mit welchem Gefühl man etwas tut. Das ist entscheidend! Der alte Fischer vermisst seine Aufgabe fischen zu dürfen. Die schweren Netze aus dem Wasser zu ziehen hat er nie als strenge Arbeit oder gar als Abrackerei empfunden. Nein! Das war seine Berufung, seine Aufgabe und seine Verantwortung die Fische im richtigen Moment hochzuziehen. Da ist Spannung und Präzision in der Bewegung gefragt und trotz der langjährigen Routine blieb eine gewisse Aufregung ob alles plangemäss funktionieren würde.
Ich habe also für den nächsten Morgen mit dem alten Fischer vor dem Fischerhaus abgemacht. Wir sind früh aufgestanden noch immer hängte ein leichter Dunst über dem Hafen. Wir steigen in den alten Kutter und kontrollieren die Leinen und die Netze, damit wir nichts im Hafen vergessen. Dann fahren wir mit leisem Brummen los auf das Meer hinaus. „ Hast du schon jemals in deinem Leben erst um acht gefrühstückt, schon um halb Zwölf Mittag gegessen und dann um halb fünf schon wieder Abendbrot eingenommen. Hast du es schon einmal vermisst selbst Kaffe machen zu dürfen oder bei der Gartenarbeit mit zu wirken? Im Altersheim bekommst du solche Wünsche. Alltägliche Dinge werden dort zu unerreichbaren Träumen.“ Sagt der Fischer mit leiser Stimme. Ich schaue in etwas nachdenklich an. „Ich mache das nicht mehr mit“ meint der Fischer „ Ich möchte nicht auf Raten sterben ich möchte mich nicht einer solchen Sinnlosigkeit hingeben.“ Wir haben unterdessen die Netzte ausgeworfen. Die Wellen sind hoch, der Wind zieht schon ziemlich stark über das Meer und der Himmel ist bedrohlich schwarz. Der alte Fischer redet ununterbrochen vom Sinn des Lebens und vom Unsinn des Altersheims und steuert den Kutter weiter auf das Meer hinaus. Die Wellen werden immer stärker und die Sturmwarnung beim Hafen fängt an zu Blinken. Ich frage den alten Fischer ob wir nicht besser umkehren sollten, aber der Schüttelt nur den Kopf und sagt: „ Bei schönem Wetter ist noch nie ein guter Fischer geboren worden.“ Ich akzeptiere seine Meinung und sehe ein das ich wohl als Büromensch doch noch etwas zu ängstlich bin für diesem Job. Langsam wird das starke schaukeln des Kutters lästig und die Seile und auch die Becken welche wir dabei haben rutschen auf dem Schiffsboden hin und her. Ob wir nicht langsam umkehren sollten frage ich den Fischer, aber der scheint mich gar nicht mehr zu hören und er steuert den Kutter weiter gerade aus auf das offene Meer. Kein Wunder, dass er mich nicht mehr versteht, den das Rauschen des Wassers ist nun ohrbetäubend laut u!
nd der F
ischer scheint immer noch in philosophische Gedanken versunken zu sein. „ He, Fischer, wenn wir jetzt nicht sofort umkehren werden wir hier Schiffbruch erleben!“ Schreie ich den Fischer an mich selbst an einer Metallöse haltend um nicht gleich über Bord zu fallen. Doch der alte Fischer steuert immer noch stur geradeaus auf die offene See und scheint mich noch immer nicht zu hören. Das Schiff schaukelt bedrohlich und ich versuche mich mit der anderen Hand einen sicheren Griff zu erlangen um mich langsam zum Fischer vor zu kämpfen ohne dabei ins Meer zu fallen. Langsam gelingt es mir, mich dem Fischer zu nähern. Es Stürmt schon sehr stark und das Meerwasser schwappt öfters in das Bootsinnere. Am Hafen Leuchtet die Sturmwarnung jetzt auf höchster Stufe nur sind wir so weit vom Hafen entfernt , dass ich das Blinklicht fast nicht sehen kann. Was ihm eigentlich einfalle, schreie ich den Fischer an, ob er wohl lebensmüde sei. Ich bin beim Fischer angelangt der mit festem Griff das Steuer umklammert und weiterhin ins Meer hinaus fährt. Ich drücke den Fischer mit meinem Körper beiseite wie mir gerade eine riesen Wasserschwall ins Gesicht peitscht. Der Fischer kippt steif um und landet leblos auf dem Kutterboden. Ich bin schockiert. Der Anblick seines leblosen Körpers schaudert mich. Das Boot schaukelt heftig und ich kann mich nur mit Mühe am Steuer halten. Unterdessen habe ich dermassen die Orientierung verloren, dass ich nicht mehr weiss in welche Richtung ich fahren müsste um zum Hafen zu gelangen. Immer wieder rutscht der tote Arm des Fischers unter meine Füsse welchen ich mit grosser Wut auf die Seite kicke. Warum ist der Fischer eigentlich gerade jetzt gestorben? Für einen Fischer gibt es wohl keine romantischere Art zu sterben, als mit erhobenem Haupt ins Meer zu blicken und die Freiheit zu spüren und die unendliche Weite des Meeres zu verinnerlichen, bis das Herz aufhört zu schlagen. Aber wie ist das für einen Buchhalter?
Ich bin offensichtlich nicht in die richtige Richtung gefahren. Die Zeit ist doch ziemlich schnell vergangen. Wer weiss wie lange sich der Kutter schon in Richtung Horizont bewegt. Es hat aufgehört zu stürmen und die Sonne kämpft sich langsam durch die dicken Wolken. Es wird immer sonniger, das Meer wird immer ruhiger, die Wellen glatter und das Boot hat aufgehört zu schaukel. Paul hat aufgehört zu steuern. Erst einige Tage nach dem Sturm hat man die beiden Leichen im Kutter gefunden. Eng aneinander liegen sie im halb gefüllten Kutter auf dem Boden. Ihnen ist beiden die Kraft ausgegangen. Paul hat der Durchblick gefehlt um den Kutter wieder sicher zum Hafen zurück zu führen. Geschwächt hat er das Steuer aus der Hand gelassen und ist neben den Fischer gelegen um sich etwas von den Strapazen auszuruhen. Er ist eingeschlafen und hat nicht bemerkt wie sich das Boot immer mehr mit Wasser füllt und das Wasser ihn langsam zudeckt, wie eine Decke in einem Bett einem zudeckt. Er war zu schwach um aufzustehen und zu verschlafen und verwirrt um die Situation voll und ganz zu begreifen. Das ist Paul’s Ende.
You know it’s hard you know the storm
You know that something can go wrong
But you still have the confidence then
You know, you know…
That every stormy sky once turns into blue
And some of your dreams come true.
Die Ankunft
Es ist nicht Skurril, Zynisch oder Sarkastisch von mir um zu sagen, dass die ganze Geschichte mit dem Unfall doch noch einmal vorkommt. Nicht weil Paul es sich so gewünscht hätte und auch nicht weil Paul die Unfallgeschichte schon einmal geträumt hat, sondern weil es unter diesen Voraussetzungen mit Paul kein Happy- End geben kann. Er ist weder Fischer noch Nostalgiker er ist nicht einer der sich entspannen kann, wenn er im Fischerboot sitzt und fischt. Vor allem kann er kein Doppelleben führen. Er kann nicht Fischer und Nostalgiker sein und zugleich Finanzexperte, nicht Paul! Er kennt nur die Pflicht. Er kennt keine entspannten Momente. Er tut was er tun muss und er lässt bleiben was er tun müsste um zufrieden zu werden. Er tut nichts freiwillig, hebt nicht gerne von der Masse ab, er ist scheu und hat Schwierigkeiten sich selbst preiszugeben. Er braucht ein Stück Geheimnis, das er in sich selbst trägt, um nicht vollends erkannt zu werden. Das war sein Schicksal.
Die Ankunft heisst „ Die Ankunft“ weil nun eben Pauls Familie in Amerika eingetroffen ist und als erstes Pauls Beerdigung organisieren musste. Sie haben die Schweiz verlassen, mit festem Willen das Leben in Amerika aus zu probieren. Natürlich sind sie vor allem wegen Paul nach Amerika gekommen. Weil er von Amerika geschwärmt hat und weil er einen guten Job bei Joe hatte, von dem Paul immer wieder viel erzählt hatte. Der Tag an dem Paul sich entschlossen hatte nach Amerika zu reisen um dort der ABS aus der Immobilienkrise zu verhelfen, dieser Tag hat keine Stärke an sich. Nicht bei Paul. Er hatte weiche Knie, schwache Beine, Herzflattern, ein mulmiges Gefühl im Bauch und einen schwindligen Kopf. Und trotzdem ist er aufgebrochen. Obwohl er seien Entscheid mehrfach überdachte und immer wieder und wieder dafür und dagegen argumentierte, obwohl er sich nicht gut fühlte bei dieser Entscheidung, ist er aufgebrochen und nach Amerika gereist. Paul hat sich dafür überwunden und es hat sich auch gelohnt. Er hat viele neue Leute kennengelernt und darunter auch seinen leiblichen Vater. Das einzige Mal bei dem er Leichtsinnig war, bei derart schlechtem Wetter mit einem Fischerkutter in die See zu stechen. Paul hat dem alten Fischermann zu viel Vertrauen in dessen Seefahrerkenntnis entgegengebracht. Er hat sich täuschen lassen von seinem alten, weisen Seemannsgesicht. Paul hatte gedacht, dass dieser alte Fischer wisse was er tue, hat ihm das Steuer des Kutters überlassen und niemals an seiner Zurechnungsfähigkeit gezweifelt. Weil der Fischer immer wieder zu seinem Haus zurückgekommen ist, hatte ihn Paul auch bedauert . Deshalb wollte Paul dem Fischer den Gefallen erweisen, auf das Meer hinaus zu fahren , obwohl die Wetteraussichten nicht gut genug gewesen waren. Es ist typisch bei Paul, dass wenn er sich einmal nicht sorgt um etwas, dass dann, genau dann etwas schiefgeht.
Zwanzig Jahre Später
Die Zeit vergeht. Man kann sie nicht aufhalten, die Zeit. Aber man kann anhalten, rasten, und sich Zeit nehmen um das was geschehen ist im Zeitraster nochmals geschehen lassen. Sibylle ist unterdessen Geschäftsführerin von Joes Immobilienimperium. Es hat sich damals bestätigt, dass Joe Pauls Vater war. Sibille ist zwei Wochen nach Pauls Tod mit der Bitte an Joe herangegangen dieselbe Analyse im Central Hospital durchführen zu lassen, wegen der Vaterschaftsfrage. Joe hatte keinen Moment gezögert. Er hatte bereits gemerkt, dass Paul ihm in vielen Belangen ähnlich war. Nur hatte er den Kontakt zu Pauls Mutter durch seinen Wegzug nach Amerika damals vollends verloren. Im Hinterkopf plagte in den Gedanken von dieser möglichen Vaterschaft. Denn er hatte von einem Schweizer Freund von Marthas Schwangerschaft vernommen. Martha ist damals mit mehreren Männer ins Bett gegangen und kurz darauf auch länger mit einem Käser aus Mollis liiert gewesen. Da konnte sich Joe nicht mehr einmischen. Denn Martha hatte damals den Käser als Vater angegeben, wobei sich später herausgestellt hatte, dass der Käser nicht der genetische Vater war. (Das war bei einer Blutspendeaktion in Mollis, als Paul mit zwölf zum ersten Mal mitging, ausgekommen). Das hatte verständlicherweise auch den Käser stark verunsichert und er beendete darauf die Beziehung zur damals noch bildhübschen Martha, welche wiederum bald darauf mit einem Anderen in Mollis gesichtet worden war. Paul hatte damals eine starke pubertäre Kriese. Er hatte immer geglaubt, dass dieser Käser sein leiblicher Vater sei. Er hatte auch selbst schon daran gedacht Käser zu werden. Aber Mathe war Paul eben schon immer näher gewesen als das Handwerk. Er fand es damals schon einfacher eine gültige geomethriesche Formel zu erstellen, als einen dreissig Kilogramm schweren Käselaib zu kehren. Paul und dieser Käser hatten natürlich viel Zeit miteinander verbracht. Sie sind an den heissen Sommerwochenenden viel zum Klönthalersee baden gegangen, haben dort auch öfters gefischt oder sie gin!
gen einf
ach von Mollis aus wandern. Dieser Käser war wohl kein Akademiker aber eine gesunde und praktische Lebenseinstellung konnte er dem Jungen mitgeben. Er war emotionell Pauls Vater. Und als Paul dann eben zwölf war, kam die ganze Sache ziemlich unschön aus. Diese Frau vom Samariterverein hätte doch besser den Mund gehalten als sie bei einem Schnelltest des gespendeten Blutes die Verschiedenheit der Blutgruppe bemerkte, was eine leibliche Vaterschaft ausschloss. Diese Frau wusste nicht was sie tat als sie darauf dem armen Käser mitteilte, dass er genetisch nicht Pauls Vater sein konnte. Sie zerschnitt damit eine Familienidylle, sie bewarf mit dieser Neuigkeit Martha mit Dreck. Ganz Mollis wusste bald Bescheid über diesen Vorfall und brachte den Käser dazu Martha zu verlassen und Paul als Halbwaisen zurückzulassen.
Joes Vaterschaft wurde also vom Central Hospital bestätigt. Joe hatte die junge Familie Hauser schnell in sein Herz geschlossen. Mit seinen Enkeln spielte er oft im Park Ball. Oder er ging mit dem Jungen fischen. Die zwei Kinder hatten ihn bald als Grossvater geschätzt und verehrt. Joe seinerseits genoss die Abwechslung und hatte bald gemerkt, dass Sybille eine sehr begabte Geschäftsfrau und vife Verkäuferin war. Sybille konnte nach einer kurzen Einarbeitungszeit Pauls Arbeit übernehmen und in dessen Fussstapfen treten. Die Zeit nahm seinen Lauf. So ist Sybille nun eben Geschäftsführerin von Joes Firma. Joe selbst ist mit seinen neunzig Jahren in den Hintergrund getreten und geniesst mit seiner Frau seinen Lebensabend. Ralf ist mit seinen vierundzwanzig Jahren immer noch im Studium als Wirtschaftsstudent. Elena, die ältere Tochter von Paul und Sybille, hat das Jurastudium bereits abgeschlossen und ist im zweiten Monat schwanger. Sie ist bei der Abschlusspartie der Universität nicht genügend vorsichtig gewesen. Der Alkoholpegel in ihrem Blut hat das klare Denken, das sonst brillanter nicht hätte sein können, im Augenblick der Hormonschübe schlicht über Bord geworfen. Die Schwangerschaftsverhütung hat Elena schlicht vergessen. Der junge Mexikaner weiss noch nichts von seinem Glück und hat Elena in der Zwischenzeit vielleicht schon vergessen. Er ist kurz nach der Prüfung, die er nicht bestanden hatte, nach Mexiko ausgewiesen worden, weil er keine gültigen Aufenthaltspapiere hat und Zeitweise auch mit leichten Drogen gehandelt hat. Vermutlich hat er sich vor allem wegen Elenas familiärem Hintergrund für sie interessiert. Wie viele Frauen hätte er schwängern können die mehr weibliche Ausstrahlung gehabt hätten als Elena. Wie viele andere Frauen sind nicht ebenfalls an der Uni gewesen, die viel verbissener hinter dem mexikanischen Schönling her waren. Die sich in seinen kräftigen Armen bei romantischen Abendspaziergängen durch den Park führen wollten, um sich auf seinen Knien sitzend seine wunderschönen dun!
klen Aug
en anschauen zu dürfen. Die hohe Kunst der Verführung ist dem Südamerikaner im But gewesen. Sein Herz hat im Rhythmus des Tangos geschlagen und den Rumba, den innigen Liebestanz, hat er gebraucht um zu leben, wie andere Luft brauchen um zu atmen. Er hat bestimmt gewusst, dass Elena aus guten Verhältnissen kommt, hat sich vielleicht auch erhofft mit einem Kind von der schüchternen Elena die dauernde Aufenthaltsbewilligung zu ergattern und sich mit seinem Spiel in die oberste Liga der amerikanischen Bevölkerung empor zu schwingen. Doch nun ist das Kind unterwegs, der Mexikaner aber vermutlich für immer nicht mehr im Land und der Junge wird voraussichtlich seinen leiblichen Vater niemals zu sehen bekommen. Auch wenn Elena weiss, dass es auch möglich ist ohne Vater aufzuwachsen, so bereut sie es doch zutiefst, diesem Mexikaner verfallen zu sein. Das Kind wird seinen Platz in der Gesellschaft erhalten, da das Geld für eingehende Förderung dieses multikulturellen Kindes nicht fehlen wird. Und doch wird der Vater fehlen.
Ganz ähnlich ist es Anna ergangen. Als sie damals von Pauls Tod erfuhr, war sie ebenfalls schwanger. Anna war nicht von Paul schwanger, das wusste sie, weil zum Zeitpunkt der Befruchtung Paul mit dem Kauf des neuen Hauses beschäftigt war und etwa zwei Wochen nicht zu Ihr ins Appartement in New York kommen konnte. Ihr war eben so langweilig, dass sie mit ihrem bewährten Jazz-Diva-Trick und einem grosszügigen Dekolleté in der Bar nebenan einen müden Banker angelte, den sie dann später in der Wohnung ziemlich ankurbelte und mit ihren lasziven, körperbetonten Bewegungen aus der Reserve und schliesslich voll in Fahrt brachte. Das kleine Mädchen ist gut in dieser New Yorker Wohnung gross geworden. Paul hatte damals, als er diese Wohnung kaufte, aus diskretionsgründen diese noble Bleibe Anna überschrieben. Das war Annas Glück, den sie hätte sich nie in ihrem Leben diese Wohnung leisten können. Das Geld hat sie sich vor allem als Barkeeperin und Nachtklubtänzerin erworben. Ihre Tochter die inzwischen zwanzig Jahre alt ist, ist wirklich eine talentierte Jazzsängerin geworden. Sie tritt in verschiedenen Clubs und Bars auf. Manchmal auch in der Bar ihrer Mutter. Annas Tochter ist mit einem Bekannten Gitarrist liiert und sie wird schon bald nach Europa fahren und auf Tournee gehen. Dass sie ohne Vater aufgewachsen ist hat sie nicht so sehr gestört. Immer wieder waren Männer bei ihnen. Manchmal blieben sie länger und manchmal sind sie nach einer Nacht schon wieder gegangen. Die einen waren lustig, die andern eher abgelöscht.
Manchmal ist auch einer ausgerastet und hat Anna geschlagen. Aber Anna konnte sich in solchen Fällen immer gut mit ihrer Kampfsporttechnik verteidigen. Und sie hat solche aggressiven Männer regelrecht das fürchten gelernt. Einmal war ein relativ muskulöser Typ nach Annas Verteidigung in den Unterhosen davongerannt. Anna hat seine Kleider dann gewaschen und einem Obdachlosen im Park geschenkt. Annas Tochter respektiert die Art wie Anna lebt und bewundert sie für ihre Schlagfertigkeit. Und meistens ist alles friedlich verlaufen und Anna hat gut für ihre Tochter gesorgt und Geld gespart für ihre Ausbildung. Aber der Vater ihrer Tochter hat sie niemals wiedergesehen.
You know your boat and you know your life
And you know how everything began
It all began in a positive wave hey you
You have to save…
You have to save yourself in a positive wave…
Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Daniel von Arx).
Der Beitrag wurde von Daniel von Arx auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.04.2011.
- Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).
bluemail.ch (Spam-Schutz - Bitte eMail-Adresse per Hand eintippen!)Daniel von Arx als Lieblingsautor markieren

Keine Spur von Mirko (Kriminalroman)
von Yvonne Habenicht
Ein Kriminalroman ohne Leichen, Blut und die übliche Klarsicht von Gut und Böse. Dafür geht hier um menschliche Schicksale, die nur allzu vorstellbar sind. Im Mittelpunkt ein ergreifendendes Schicksal von Mutter und Kind.
Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!
Vorheriger Titel Nächster Titel
Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:
Diesen Beitrag empfehlen: