René Oberholzer

Die Brotrinden

Er geht durch die Gassen. Sammelt Brotrinden. Zu Hause legt er sie auf den Küchentisch. Schaut sie an. Mustert die Gebissspuren. Schliesst auf einen Mann oder eine Frau. Hält die Brotrinden an seinen Mund. Vor die Zähne. Keine Brotrinde passt. Er sucht weiter. Jahrelang. Schreibt die Brotrinden an: Nummer, Ort, Datum, Zeit. Findet später eine Brotrinde, die zu seinem Gebiss passt. Geht an den Ort zurück, an dem er die Brotrinde gefunden hat. Es ist Sommer. Er wartet. Viele Frauen gehen an ihm vorbei. Eine beisst das letzte Stück Brot ab, wirft die Brotrinde auf den Boden. Er nimmt die Brotrinde Nr. 296 aus seinem Sack, hebt die andere vom Boden auf und vergleicht. Die Brotrinden sehen genau gleich aus. Er ruft der Frau hinterher: "Wir haben das gleiche Gebiss." Die Frau dreht sich um. "Na und?" sagt sie. Er hält die beiden Brotrinden in die Höhe und lächelt. Sie kommt zurück. Sie schaut sich die Brotrinden an. "Ich habe noch mehr Brotrinden von Ihnen, hier Nr. 345 und Nr. 728. Die Gebissspuren sehen alle gleich aus." "So", sagt sie, "zeigen Sie mir einmal ihre Zähne und lachen Sie!“ Er lacht. "Öffnen Sie Ihren Mund und ziehen Sie die Mundwinkel nach hinten! Tatsächlich, Sie haben meinen Mund und meine Zähne", stellt sie nach einer kurzen Überprüfung fest. "Da lässt sich was machen. Wie sieht es mit Ihrer Zunge aus?" Das habe ich nicht untersuchen können." Sie küsst ihn. Er erwidert den Kuss. "Verblüffend, Sie haben die gleiche Zunge wie ich. Ich schlage Ihnen etwas vor. Sie kommen zu mir, und wir zählen die Zähne im Oberkiefer." "Nein, Sie kommen zu mir, und wir zählen die Zähne im Unterkiefer." "Nein, wir bleiben hier stehen", sagt er, "und wir zählen die Zähne des ganzen Kiefers." Sie küssen sich erneut. Ihre Zunge fährt über seine Zähne im Oberkiefer, sie stoppt, holt Luft und sagt: "Sie haben 16 Zähne." Dann legt sie ihren Mund wieder auf den seinen, seine Zunge fährt die Zähne ihres Unterkiefers ab. Er stoppt, holt Luft und sagt: "Sie haben 16 Zähne. Zusammen haben wir 32 Zähne." "Ich muss bald zur Zahnkontrolle", sagt sie, "ich werde mir die Weisheitszähne ziehen lassen." "Ich werde mit Ihnen kommen und mir auch zwei Zähne ziehen lassen. Und dann werden wir uns so lange küssen, bis die letzten Zähne ausgefallen sind." "Und was dann?" fragt sie. "Dann werden wir die trockenen Brotrinden aus dem Sack nehmen und sie auf unser Zahnfleisch legen."


© René Oberholzer







 

EV: Die Liebe wurde an einem Dienstag erfunden, Nimrod-Literaturverlag, Zürich (CH), 2006
V: e-Stories, Internet-Portal, Nauheim (D), 2011
V: WebStories, Internet-Portal, Berlin (D), 2012
V: Schreiber Netzwerk, Internet-Portal, Leinfelden-Echterdingen (D), 2012
V: Writtenby, Internet-Portal, Winterthur (CH), 2012
René Oberholzer, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.04.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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