Christiane Rutishauser

So etwas wie Freunde

                                                          
 
Wir sind jetzt so etwas wie Freunde geworden. Wenn wir uns auf der Straße zufällig begegnen, lächeln wir uns gegenseitig an, wechseln manchmal ein paar freundliche Worte oder winken uns aus der Ferne zu. Ein Außenstehender würde vermuten, dass wir Kollegen oder entfernte Bekannte sind, so nett und vertraut wie wir miteinander umgehen.
 
Nichts deutet mehr darauf hin wie es zwischen uns einmal war,. Wie du mich in den Armen gehalten hast und wir atemlos vor Glück waren. Nichts erinnert an den Ring, den du mir geschenkt hast, der von Anfang an ein wenig zu klein war. Ich trage ihn nicht mehr, seit jenem Tag. Nichts deutet auf die Verzweiflung und die geflossenen Tränen hin, als du - zwar mit hängenden Schultern und gesenktem Blick,  aber entschlossen, zur Tür hinausgegangen bist. Schon am nächsten Tag konntest du wieder feiern. Hast du unseren Abschied gefeiert?
 
Die Zeit heilt alle Wunden, sagt man so. Und deshalb sind wir irgendwann Freunde geworden. Vielleicht, weil wir in derselben kleinen Stadt leben und dieselben Leute kennen undundund…
 
Gestern war so ein schöner blumiger Frühlingstag, ein Tag, an dem das Leben einen herzlich anlächelt. Ich stand gerade vor meiner Lieblingseisdiele in der langen Warteschlange, die bis auf die Straße reichte. Die Tische waren bis auf den letzten Platz besetzt und sogar auf der Wiese in dem kleinen angrenzenden Park, machten es sich Kinder und Erwachsene mit einem Eis in der Hand gemütlich. Einige hatten Picknickdecken ausgebreitet und  ein paar Jugendliche hängten ihre nackten Füße in den Springbrunnen. In den Blumenbeeten drängten sich bunte Tulpen und gelbe Osterglocken und die blühenden Bäume streuten ihr zartes, duftendes Konfetti aus. Vom postkartenblauen Himmel strahlte die Sonne gelb und sommerlich warm und brachte das Eis zum schmelzen.
 
Ich wartete und beobachtete Flavio und Selina hinter der Theke, die freundlich und in höchster Eile Eiskugeln auf Waffelhörnchen klebten. Ja, heute war ein Tag zum Eisessen.
 
Mein Blick schweifte ab und den Gehsteig hinauf, so als hätte einen innere Stimme gerufen: Schau mal wer da kommt!
Das helle Sonnenlicht zeichnete scharf deine Konturen nach und auch, wenn es nicht so gewesen wäre, hätte ich dich sofort von weitem an deinem seltsamen wiegenden Gang erkannt; den nachzuahmen ist unmöglich. Du kamst näher und unsere Blicke trafen sich über die Straße hinweg. Ein freundliches und unverbindliches Lächeln erschien auf deinem Gesicht. Deine schönen Zähne blitzten hell auf und ich beeilte mich zurückzulächeln. Dazu winkte ich mit der Hand zum Gruß, was ein wenig übertrieben war. Du überquertest die Straße, so als wenn nichts wäre und gingst in Richtung deines Wohnblock. Ich schaute dir noch lange nach wie einer Fatamorgana.
 
Auf einmal schien es, als ob sich eine dicke Wolke vor die Sonne geschoben hätte. Ich stand im Schatten und mir wurde kalt. Es war, als hätte jemand irgendwie die Farben verändert und die bunten Blumen und die Wiese mit einem Grauschleier bedeckt. Plötzlich hatte ich keine Lust mehr auf ein Eis. Ich scherte aus der Warteschlange aus und ging traurig nach Hause.
 
 
 
 
 
 

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