Ursela Seitz

Mutprobe mit Folgen

 



Noch am Morgen hatte Hinrick die Kinder im Ort erschreckt, nun war er tot. Jeder machte einen großen Bogen
wenn Hinner, wie man ihn hier nannte, auf der Straße zu sehen war. Der ältere Seemann sah nach einem
Unfall den er auf einer seiner Reisen erlitt auch wirklich zum fürchten aus. Sein von Narben entstelltes Gesicht
wurde teilweise durch einen zotteligen Bart verdeckt. Seine linke Hand war verkrüpelt und es fehlten zwei
Finger, durch seine Beinprothese hatte er einen schlürfenden Gang. Doch seine gewaltige bedrohliche Stimme
war schon lange zu hören bevor man ihn zu Gesicht bekam.
Zu seiner Beerdigung hatte sich das ganze Dorf versammelt. Als lebendiger Mensch wurde er gemieden, nun wollte
jeder dabei sein um zu sehen, dass er für immer im Grab verschwindet. Es donnerte in der Ferne und mancher
zuckte zusammen. Die alte Tine bekreuzigt sich und murmelt "der kommt wieder, den lässt die Bosheit nicht ruhn."
Jugendliche die etwas Abseits stehen, lästern und haben offensichtlich ihren Spass an der Zeremonie.
Kalle hat plötzlich die Idee, dass sie sich alle kurz vor Mitternacht am Friedhof treffen um sich dann einzeln von
Hinner zu verabschieden. "Lass gut sein, der Kerl geht uns nicht mehr auf den Keks, dein Vorschlag ist Schwachsinn"
meinte Heiko, doch er wurde überstimmt. Um nicht als Feigling da zu stehen sagte auch er zu.
Acht junge Menschen standen später im Mondenschein vor der Friedhofmauer. Kalle hatte große künstliche Blumen
mitgebracht, die er nun verteilte. "Damit keiner schummeln kann, steckt jeder eine Blüte ins Grab" meinte er lachend.
Er wollte auch den Anfang machen verlies die andern mit einem breiten grinsen um seinen Mut zu beweisen.
Es dauerte nicht lange bis er pfeifend mit leeren Händen zurück kehrte. "Hab Hinner noch ne schlechte Nacht
gewünscht" sagte er kichernd. Auch Heiko und Jan meisterten ihre Mutprobe ohne Probleme. Nun machte sich Meike
auf den Weg. Sie war zwar etwas blass und zitterte ein wenig doch wollte sie nicht kneifen nur weil sie ein Mädchen war.
Zaghaft trat sie an das frische Grab um ihre weisse Lilie ins Erdreich zu stecken. Ein Käuzchen schrie in der Nähe,
sie zuckte zusammen. Heisst es nicht, dass bei jedem Käuzchenruf ein Mensch stirbt? Schnell bückt sie sich um den
dicken Drahtstil im Boden zu versenken, damit sie hier fort kommt. Als sie sich jedoch aufrichten will, hält sie etwas fest.
War es Hinner, der sie zu sich holen wollte? Das Mädchen schrie, und schrie, dann schwanden ihre Sinne.
Auch vor dem Friedhof war der schrille Schrei von Meike zu hören. Wie erstarrt standen die Jugendlichen da, keiner
war fähig sich zu rühren. Angst zeichnete sich in den Gesichtern ab. Schließlich zückte Heiko sein Handy um Hilfe
zu holen.
Als man die 13jährige Meike fand und den leblosen Körper vom Grab heben wollte,bemerkte man schnell was dem Kind solch Angst 
bereitet hat, denn der Drahtstil der weissen Lilie hatte sich in ihrer Jogginghose verfangen, sie glaubte sicher das es Hinner
war der sie fest hielt. Den Menschen die sich hier versammelt hatten um das Kind zu bergen lief ein Schauer über den Rücken
als sie meinten das boshafte Gelächter von Hinner zu hören das im Donnerschall unterging.
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.05.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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