Hans Witteborg

Das Reh und die Wölfe


Sie hatten ihr Beutetier schon eine Weile ausgemacht und kreisten es in weitem Bogen ein, so wie der alte Leitwolf es sie gelehrt hatte. Deswegen hatte das Rudel auch trotz eines harten Winters bisher keine Not leiden müssen.
Das Ziel ihrer Begierde aber, ein verängstigtes Reh, stand zitternd im Gesträuch, das ihm aufgrund der Winterzeit blattlos kaum Deckung bot. Das arme Tier sah bereits die gebleckten Fangzähne seiner Henker, denen der Geifer aus den fürchterlichen Schnauzen lief. Mit Entsetzen richtete das Reh seine weit aufgerissenen unschuldigen Augen auf den Leitwolf und bat:
„da ich schon euch zum Fraße vorgesetzt bin, möchte ich wenigstens einen würdigen Tod sterben. Nur dem sollte erlaubt sein mich zu erwürgen, der der Schönste und Tapferste, der Stärkste und Schlaueste unter euch ist. Dem mag ich meine feine Leber und meine Milz und mein Herz als Opfer darbringen. Dem Leitwolf gefiel der Vorschlag, zumal er glaubte derjenige zu sein, der diese Vorzugsbehandlung ohne langes Gezerre und Streitgkeiten unter einander am ehesten verdiente.
Da meldeten sich zwei junge Wölfinnen von denen eine jede behauptete die Schönste zu sein.
Sie verbissen sich in einander dermaßen im Streit – jede hatte die Gegnerin an der Kehle erwischt, so daß sie sich gegenseitig erwürgten. Da sprang ein kecker Wolf hervor, der behauptete, der Tapferste zu sein, immerhin habe er schon mal einen Bären in seinem Winterschlaf aufgeschreckt! „Flitzpiepe,“ entgegnete ein anderer Wolf,“ abgehauen bist du!“
Schon fielen auch diese Wölfe übereinander her und kämpften bis beide verblutend am Boden lagen. Der Leitwolf sah den kümmerlichen Rest seines Rudels böse an. Und während er dozierend den mit eingekniffenen Schwänzen verschüchterten Wölfen einen Vortag hielt,
hatte sich das Reh nach und nach aus dem Sichtkreis des Rudels entfernt und sprang behende
uneinholbar davon.
So zerstören Eitelkeiten in der Gesellschaft den Zusammenhalt ebenso wie Futterneid.
Der alte Wolf aber hatte eine Lektion gelernt: unschuldige rehbraune Augen und verführerisches Versprechen machen einen Graupelz am Ende sehr, sehr einsam!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.05.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Die Gedichte begleiten durch die vier Jahreszeiten und erzählen wie die Natur erwacht, blüht und welkt, wissen von reicher Ernte zu berichten. Der Spätsommer im Park, winterliche Gefilde oder Mailandschaften scheinen auf. Der Autor verwendet meist gereimte Zeilen, zeigt sich als Suchender, der neues Terrain entdecken möchte. Der Band spricht von den Zeiten der Liebe, zeigt enttäuschte Hoffnungen und die Spur der Einsamkeit. Wut und Trauer werden nicht ausgespart. Es dreht sich das Kaleidoskop der Emotionen. Der kritische Blick auf die Gesellschaft und sich selbst kommt zum Zuge. Kassandras Rufe sind zu hören. Zu guter Letzt würzt ein Kapitel Humor und Satire. So nimmt der Autor seine Zettelwirtschaft aufs Korn, ein hoffnungsloser Fall.

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