Klaus-D. Heid

Hin- und hergerissen

 

Sie liebt mich,
sie liebt mich nicht,
sie liebt mich,
sie liebt mich nicht,
sie liebt mich,
sie liebt mich nicht...“

 

Marius kniete nachdenklich auf einem kleinen Stückchen Rasen in seinem Garten, murmelte dabei leise die Worte „sie liebt mich, sie liebt mich nicht“ vor sich hin und bei jedem 'liebt mich' oder 'liebt mich nicht' riss er einen Grashalm aus dem Rasen und schmiss ihn achtlos und gedankenverloren hinter sich.

Dieses Schauspiel hielt nun schon seit fast zwei Stunden an und wenngleich er selbst es auch gar nicht bemerkte, hatte sich hinter ihm bereits ein beachtliches Häufchen herausgerissenen Grases angesammelt und ganz langsam sah das kreisrunde Stück Rasen, auf dem er saß, aus, wie das Werk eines sturzbetrunkenen Friseurs, der willkürlich und boshaft eine Kurzschnittfrisur ruinierte.

Für einen Augenblick unterbrach Marius die Vergewaltigung des Rasens und starrte mit leerem Blick zum Gartenhaus, in dem er bis vor einigen Stunden mit Sandra, seiner Verlobten, zusammen gesessen hatte, um über die gemeinsame Zukunft zu reden.

Marius wollte dieses Gespräch. Er wollte endlich Gewissheit darüber haben, ob Sandra ihn nun endlich, nach über zwei Jahren, in denen sie zusammenlebten, heiraten wolle.

Wie immer, wenn Marius das Gespräch in diese Richtung lenkte, wich Sandra aus, bat ihn, sie nicht unter Druck zu setzen und kam plötzlich mit einem völlig anderen, vollkommen unwichtigen Thema daher, weil sie offensichtlich die Antwort auf Marius Frage scheute.

An diesem Tag jedoch wollte Marius Klarheit!

Was ist so schwer daran, mir eine deutliche Antwort zu geben, Schatz? Wir sind schon so lange ein Paar und ich denke, dass Du mir eine Antwort schuldig bist, oder? Wenn Du Dich lieber von mir trennen möchtest, sag es eben, verstehst Du? Ich glaube, dass ich damit besser zurecht komme, als ständig von Dir hingehalten zu werden...!“

Aber Sandra wollte ihm diese Antwort nicht geben. Sie wollte überhaupt nicht antworten. Stattdessen sagte sie zu ihm:

Was ist so falsch daran, wie es jetzt läuft? Der Trauschein ist doch nur ein Stück Papier, nicht mehr und nicht weniger! Wieso musst Du durch deine Fragerei alles kaputt machen, Marius? Du wirst jetzt keine Antwort erhalten, basta! Wenn Du mich in ein oder zwei Jahren noch einmal fragen möchtest, sieht es vielleicht schon anders aus, aber bis dahin verschone mich mit diesem Unsinn!“

Unsinn! Sie nannte seinen Wunsch, Sandra heiraten zu wollen, also 'Unsinn'. Und was wollte sie ihm damit verdeutlichen? Dass sie sich die Hintertür offen halten wollte, falls es einmal einen anderen anderen Mann in ihrem Leben gab? Dass es vielleicht jetzt schon diesen anderen Kerl gab und Sandra sich nur noch nicht endgültig zwischen ihm und Marius entscheiden konnte? Oder hatte Sandra vor, ihm, Marius, den Laufpass zu geben, aber sie wusste noch nicht genau, wie sie es anfangen sollte?

Sie liebt mich, sie liebt mich nicht...“

Der Haufen hinter Marius wurde größer und größer, das Werk des betrunkenen Friseurs kam nun langsam in einen Bereich, wo man es auch als 'schwere Körperverletzung' bezeichnen konnte.

Sie liebt mich, sie liebt mich nicht...“

Rückwirkend betrachtet, konnte er sich keine Vorwürfe machen. Das, was geschehen war, hätte nicht geschehen müssen. Sandra hatte alle Chancen dieser Welt, damit es nicht soweit kommt, wie es nun aber gekommen war. Nur ein klares 'Ja' oder auch ein klares 'Nein' wäre nötig gewesen, um diesen Streit nicht blutig enden zu lassen, aber Sandra musste ja unbedingt ihren Willen durchsetzen! Sie wusste ganz genau, wie sehr er diese ewigen 'Vielleicht' hasste und wie sehr er wissen wollte, ob und wie es zwischen ihm und Sandra weiterging.

Selbst dann, als er ihr androhte, zum Äußersten zu greifen, als er ihr schließlich mit aller Kraft ins Gesicht schlug, weil er ihre Ausflüchte nicht mehr ertragen konnte, sah sie ihn nur traurig an und wischte sich wortlos das Blut von den Lippen. Sie brauchte fast fünf Minuten, bis sie ihm mit weinerlicher Stimme sagte: „Vielleicht sollten wir uns wirklich trennen, Marius!“

Da war es schon wieder, dieses 'Vielleicht!“, das ihn vollständig in Rage brachte und ihn dazu trieb, Sandra die Faust ins Gesicht zu schmettern, mit zitternden Händen zuzusehen, wie sie regungslos am Boden lag und ihr dann, mit beiden Händen, die Kehle zuzudrücken, bis er sicher sein konnte, dass sie tot war.

Sie liebt mich, sie liebt mich nicht, sie liebt mich...“

Das war der letzte Grashalm.

Sie liebt mich“

Verzweiflung breitete sich bei Marius aus. Wie von einer Tarantel gebissen, sprang Marius aus der Hocke hoch und suchte wie von Sinnen nach einem letzten Grashalm, den er noch ausreißen konnte. Aber, so sehr er auch suchte, hatte der Friseur des Grauens ganze Arbeit geleistet. Das Stück Rasen, auf dem Marius gehockt hatte, glich nun nicht mehr einer total verunglückten Frisur, sondern einer Glatze, an der nichts mehr an Haare erinnerte.

Wieso nur, wieso...?“ jammerte Marius und blickte mit Tränen auf das runde Stück Erde unter ihm.

Wieso nur konnte ich den Rasen nicht ausreißen, bevor ich Sandra umgebracht habe? Wieso nur...?“

Die Erkenntnis, das Sandra ihn doch liebte und dass ihr Tod vollkommen überflüssig, ja sogar ungerechtfertigt war, erschütterte ihm bis tief ins Mark. Er hatte die Frau, die ihn liebte, getötet und mit dieser Tat konnte er unmöglich weiterleben. Andererseits war es gar nicht so einfach, dem eigenen Leben ein Ende zu setzen, selbst dann nicht, wenn man zu einem Mörder geworden war.

Marius besaß eine Pistole, die er von seinem Vater geerbt hatte. Wenn er sich umbrachte, dann mit dieser Waffe, denn eine Kugel würde seine Gewissensbisse schnell und endgültig beenden.

Aber ob es wirklich richtig ist, mich umzubringen, will ich dieses Mal nicht überstürzt entscheiden!“ sagte er zu sich selbst, hockte sich wieder auf den kahl gerupften kreisrunden Platz im Garten und begann, sich mit schmerzverzerrtem Gesicht, die Haare einzeln auszureißen.

Ich tue es,
ich tue es nicht,
ich tue es,
ich tue es nicht...“

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Klaus-D. Heid).
Der Beitrag wurde von Klaus-D. Heid auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.06.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Buch von Klaus-D. Heid:

cover

Sex für Motorradfahrer von Klaus-D. Heid



Warum kann 69 bei 200 gefährlich sein? Was ist der Unterschied zwischen Kawasaki und Kamasutra? Wie kommt man am besten auf 18000 Touren? Was hat ein überfälliger Orgasmus mit kostenlosen Ersatzteilen für eine BMW zu tun? Die Welt der heißen Öfen steckt voller Fragen, auf die Ihnen Klaus-D. Heid und Cartoonistin Regina Vetter amüsant erotische Antworten geben.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Krimi" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Klaus-D. Heid

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Endlos senil von Klaus-D. Heid (Absurd)
19“ von Klaus-D. Heid (Krimi)
Manitoba - Erster Teil Winnipeg von Karl-Heinz Fricke (Autobiografisches)