Tilman Otto Wagner

RELIEF

Aus der Ferne ertönt schwach des Krankenwagens Sirenengeheul, das fortan sein Getöse abstößt. Herumstehende Passanten, an der Milz nagend , unterhalten sich über das Wetter. Großstadtlärm, wie mechanisches Summen, rauscht. Hund, der bleibt! Verblutender Androide wird von zwei Programmierern in hellblauen Sakkos abgeführt. Der Sonne Schein blendet.




Er ist nackt, an einem schwarzen, quadratischen Stuhl, in einer Einkaufspassage der Metropole befestigt worden, und spricht mit erhobenen Fäusten. Eine grauhaarige Frau greift mit zitternder Hand zu ihrem Mobiltelefon und ruft den „Service 89“ an. Einige Passanten bleiben stehen. Sie blicken verwirrt zu dem Androiden hinauf.


Androide: «Me – e- ensch wi i i i ird schlaaaafen. Seine Träume – Träume - Träume hatte er ververkauft. Sie ha-haben ihn dazu gezwungeeen – gefoltert haaaben sie ihn, bei-i-i-i Tag und be-e-ei Naacht. Nun schlachten sie-sie-sie dieee Spr- Spr- Spr ache, tauschen Wööörter für Papier um-um. (Er greift sich in den Schritt.) Buchst-st-staben, vergewaltigt! Die Büch-ch-cher bluten lau-au-au-ttt auf ihren Reeeeegaleeeeen. (Den rechten Zeigefinger auf einige Passanten richtend.) Eure Au-Auge-gen stinkennnn! Ich schreeeiiieee bei Tag-Tag-Tag-Tag und bei Naaacht. (Er beißt sich in die Faust.) Aaaaaaaaaaaaah!»


 

 

 

Die Stumme Stimme (aus der Luft zum Androiden):
«Jetzt kommen sie, um dich zu holen. Roll weg ... bevor es zu spät ist!»

 



Zwei Programmierer in hellblauen Sakkos steigen aus dem anhaltenden Firmenwagen aus und gehen auf den nackten Androiden zu. Ein brauner Hund hinkt an ihnen vorbei.

 

 


Erster Programmierer (zum Androiden): «Hey, Sie da! Was machen Sie da oben? Kommen Sie runter, sofort!» 

Zweiter Programmierer (zum 1. Programmierer): «Ist das einer aus der B72-Serie? Sollen wir ihn abstellen?»

Erster Programmierer (zum 2. Programmierer): «Nein! Auslaufendes Modell – ein XF13.»


Der Androide blickt zu den beiden Programmierern herunter. Mit einem gewaltigen Handgriff, reißt er sich ein Organ aus dem Leib heraus und streckt es ihnen entgegen. Das schwarze Blut spritzt über die Gesichter der Herumstehenden.


Androide: «Ich Ich hass hass hasse die-iese . . ., meine Ooorgaan e, ich hasse has-se siee. (laut) Sie hab-hab-en m-mich ein-ei-ein Leben lannngg am Le-ben ver-ver-hin-dert! Schen-ken werde ich euch euch meine Mi – Mi - Milz.»


Er verblutet am Boden vor sich hin. Die Passanten blicken verwirrt zu ihm hinunter. Metallisch zucken seine Arme und Beine. 
Sie packen ihn von beiden Seiten an seinen Oberarmen und rollen ihn zum Firmenwagen hinüber. Die verschmierte Milz fällt zu Boden. Der Hund schnappt nach dem Organ und frisst es auf.


Beide Programmierer: «Verdammt! Sie sollten die blauen Chips besser aufsetzen.»

 



Die Stumme Stimme (aus der Luft, dem Androiden hinterher):
«Jetzt bist du dran! Wieso hast du deine Milz nicht verkauft?»




 

Die beiden Programmierer führen den defekten Androiden ab. Aus dem Firmenwagen zuckt ein bläuliches Blitzlicht nach draußen. Zurück bleibt der Hund, sabbernd an der Milz nagend. Herumstehende Passanten setzen ihren Bummel fort. Das Sirenengeheul eines Krankenwagens ertönt schwach aus der Ferne. Schwarze Tropfen fallen herab. Bunte Firmenwagen stehen in den Parkzonen der Metropole herum. Einige verstaubten Strafzettel kleben hinter den Windschutzscheiben. Sehr stark fluktuiert die Verkehrsdichte. In den reflektierenden Satellitenanlagen gilben sich die Strahlen der Sonne. Auf den Dächern der Hochhäuser herrscht Hochbetrieb. Rauchende Gastarbeiter schrauben an den Ventilen eines roten Kühlaggregates herum. Brüllend fährt sie der Ingenieur an. Sein gelbes Sakko streift er ab, fluchend zu Boden werfend. Man bedankt sich für das entstandene Chaos. Alsbald vertieft in dem weißdunklen Haifischbecken, in welchem Humanoiden Lebensenergie verspielen.


 
Gegen das Blenden des Sonnenscheins aufbegehren!
Mut fassen und schreien: „AAANAALIITOOOKAAAPETUUSELOONZIIIIIIGOOOOS!“


Und wenn ...?

SEIN!



2007


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.06.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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Zwei sensible Frauen, die sensible Gedichte schreiben. Beide schürfen tief. Da bleibt nichts an der Oberfläche. Beide schöpfen aus ihrem emotionalen Reichtum und ihrem souveränen Umgang mit Sprache. Dabei entfalten sie eine immer wieder überraschende Bandbreite: Manches spiegelt die Ästhetik traditioneller formaler Regeln, manches erscheint fast pointilistisch und lässt viel Raum für die eigenen Gedanken und Empfindungen des Lesers. Ein ausgefeiltes Sonett findet sich neben hingetupften sprachlichen Steinchen, die, wenn sie erst in Bewegung geraten, eine ganze Lawine von Assoziationen und Gefühlen auslösen könenn. Bildschön die Kettengedichte nach japanischem Vorbild! Wer hier zunächst über Begriffe wie Oberstollen und Unterstollen stolpert, der hat anhand dieser feinsinnigen Texte mit einem Mal die Chance, eine Tür zu öffnen und - vielleicht auch mit Hilfe von Google oder Wikipedia - die filigrane Welt der Tankas und Rengas zu entdecken. Dass Stefanie Junker und Monika Wilhelm sich auch in Bildern ausdrücken können, erschließt an vielen Stellen eine zusätzliche Dimension [...]

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