Ingo Erbe

Frühstück ist fertig

Irgendwo zwischen Kahjuraho und Varanasi hielt der Zug auf freier Strecke. Ein dünner Mann betrat mein Abteil. Er trug eine bis zu den Knöcheln fallende Hose, die wie eine Schlafanzughose ausschaute und hier Legan genannt wird, dazu über seine nackte Brust eine bis zu den Knien reichende zerschlissene Jacke von undefinierbarer Farbe, es schien, daß sie vor Zeiten zu einer Uniform eines wohl doch größeren Mannes gehört hatte, ebenso wie seine verbeulte Schirmmütze, die er auf dem Kopf trug. Die Züge seines tiefgebräunten faltenlosen Gesichts, die flinken schwarzen Augen, seine beinahe ins Violette übergehende schmalen Lippen, das unter der Mütze hervorlugende ebenholzschwarze Haar, sein hagerer Körper ließen nur schwer sein Alter einzuschätzen zu, obgleich er vom Auftreten, vom Gehabe her ein schon an Jahren nicht armer Mann sein mußte. Er neigte leicht den Oberkörper, legte dabei die Handinnenflächen gegeneinander und hob sie bis unter sein Kinn, das von einem leicht ergrauten Bärtchen geziert war, er richtete seine Augen aber nicht gegen den Boden, sondern mir, als forschte er, ins Gesicht. Auf nackten Füßen stand er da und frug mit einer unerwartet dumpfen Stimme und in einem merkwürdigen doch verständlichen Englisch, ob ich ein Frühstück haben möchte. Seine Frage erstaunte um so mehr, als der Zug keinen Speisewagen hatte. Dennoch bejahte ich, wählte Tee und Ei auf Curry, was anderes gab es nicht. Der Inder nahm meine Bestellung entgegen, verließ das Abteil und dann den Zug. Er lief querfeldein, einer bestimmten Richtung folgend, an deren Endpunkt ein Dorf auszumachen war. Dorthin verschwand er, tauchte aber bald wieder auf und im Näherkommen war ein Behälter zu erkennen, den er an der Hand trug. Er langte beim Zug an, betrat abermals mein Abteil und stellte den Behälter ab. Er klappte am Abteilfenster eine Ablage nieder, öffnete den Behälter, hob Besteck, eine Tasse und eine Kanne heraus, stellte alles auf die Ablage, und brachte dann aus dem Behälter einen in Leinentuch eingepackten Teller hervor. Er entfernte das Tuch, Toast und Ei auf Curry kamen zum Vorschein. Er verneigte sich freundlich und verließ das Abteil. Der Zug stand immer noch, und der Wind blies, der schlechten Verbrennung der Lokomotive halber, Kohlenstaub durch das scheibenlose Fenster. Trotzdem ließ ich mir das Frühstück munden. Nachdem ich es beendet hatte, kam der Inder zurück, sammelte alles ein, verstaute es im Behälter, verließ das Abteil, dann den Zug und lief abermals zum Dorf. Als er zurückkam, gab er dem Lokführer ein Zeichen, und der Zug setzte sich schnaufend und ächzend in Bewegung. Nun dachte ich, mein freundlicher Wirt käme wieder, um einen Obolus für die Bewirtung zu kassieren. Er kam aber nicht, also ging ich hinaus auf den Gang ihn zu suchen. Ich fand ihn auch und frug ihn, was ich für das Frühstück zu bezahlen habe. Er schüttelte den Kopf, gab mir zu verstehen, daß ich nichts zu bezahlen hätte, da ich erster Klasse führe. Ich machte ihm deutlich, daß dem so sein mag, mir aber die eigenwillige Frühstücksbeschaffung gefallen habe, und daß er immerhin weit gelaufen sei, und das bei der herrschenden Hitze und drückte ihm ein paar Geldscheine in die Tasche seiner zerschlissenen Jacke. Er sah nicht nach, wieviel ich ihm gegeben hatte, er bedankte sich nur.

Viel später, wieder Daheim, trug ich die Geschichte vor und niemand nahm sie mir ab, obgleich sie wahr war. Und immer noch sehe ich diesen hageren Inder, der bestimmt nicht mehr einer der Jüngsten war, eilen, als geschähe es in diesem Moment, und Kohlenstaub liegt mir zwischen Ei auf Curry und Tee auf der Zunge.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.06.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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