Klaus-D. Heid

Die Couch

Abends bin ich erschöpft und müde. Zum Glück habe ich eine bequeme Couch, auf der ich meine langen Beine ausstrecken kann. Mit der Fernbedienung schalte ich meinen Fernseher ein. Ich habe eine wirklich sehr bequeme Couch. Meistens schlafe ich irgendwann ein. Eine dicke Wolldecke bis zu den Ohren hochgezogen, genieße ich die Bequemlichkeit meiner Couch. Mitten in der Nacht überlege ich, ob ich ins Bett gehe oder lieber auf der Couch liegen bleibe. Fast immer bleibe ich auf meiner Couch liegen. Es ist eine herrlich bequeme Couch. Morgens gehe ich kurz ins Bad, um mir den Schlaf aus den Augen zu waschen und um notwendige Geschäfte zu verrichten. Im Bad ist es unangenehm kalt. Ich sehne mich nach meiner warmen, kuscheligen Couch. Ganz schnell zurück unter die Decke. Beine ausstrecken. Der Fernseher läuft noch. Ich schalte ihn aus. Schalte ihn wieder an. Nachrichten kommen gleich. Nachrichten kann ich am Besten genießen, wenn ich auf meiner Couch liege. Ich habe mir extra deswegen eine Couch gekauft, die wohlige Geborgenheit ausstrahlt. Meine Couch ist so eine Couch. Liegt man erst einmal auf ihr drauf, möchte man sie nie wieder verlassen. Vielleicht hätte ich ja ohne meine Couch noch meine Arbeit? Andererseits würden mir dann viele Stunden fehlen, die ich nun ungestört auf meiner Couch verbringen kann. Meine Frau konnte sich nie mit meiner Couch anfreunden. Sie meinte immer, dass mir die Couch wichtiger sei, als sie. Natürlich habe ich ihr widersprochen – aber sie und ich wussten irgendwann, dass sie Recht hatte. Logisch, dass sie bei unserer Trennung keinerlei Besitzansprüche an die Couch gestellt hat. Niemals hätte ich mich von ihr getrennt! Ein bisschen vermisse ich auch meine Kinder, obwohl mir nun viel mehr Platz auf meiner Couch verbleibt. Als meine Kinder noch bei mir lebten, konnte ich mich niemals richtig auf der Couch ausstrecken. Immer wollten sie auch auf der Couch sitzen und fernsehen. Meine Couch lasse ich mir von niemandem wegnehmen. Den Fernseher auch nicht. Eher noch den Fernseher. Niemals aber meine Couch. Sie ist bequem und gemütlich. Irgendwie ist sie nun zu einem Teil von mir geworden, seit meine Frau alle restlichen Möbel abholen ließ. Den Fernseher hat sie mir gelassen, weil es nur unser Zweitfernseher war. Sie meint, dass ich mit dem kleineren Fernseher auch zurechtkommen würde. Ich habe alles, was ich zum Leben brauche. Ohne meine Couch würde ich auch nicht weiterleben wollen. Natürlich habe ich auch noch die Wolldecke. Das ist auch gut so. Sie haben mir schon lange den Strom abgeschaltet. Zum Glück läuft der Fernseher auch mit Batterien. Meine Nachbarin wirft mir ab und zu ein paar neue Batterien durch den Türschlitz, weil ich ihr früher öfter beim Einkaufen geholfen habe. Inzwischen geht das aber nicht mehr, weil ich Angst habe, mich von meiner Couch zu trennen. Was ist, wenn ich zurückkomme und die Couch ist weg? Was sollte ich dann machen? Ohne Couch? Was hätte mein Leben dann noch für einen Sinn? Im Bad trinke ich einen Schluck Wasser aus dem Zahnputzbecher. Leitungswasser. Hunger habe ich schon lange nicht mehr. Was sollte ich auch essen? Es ist nichts mehr zu essen da. Es ist ja auch kein Geld mehr da. Aber meine Couch ist noch da. Die Couch mit der dicken Wolldecke. Der Fernseher geht aus. Die Batterien sind verbraucht. Es ist so wunderschön bequem auf meiner Couch. Ich glaube, ich schlafe schon wieder ein. Gut, dass ich meine Couch noch habe...

„Was meinen Sie, Doktor? Wie lange liegt der Mann schon hier?“

„Kann ich noch nicht sagen. Aber dem Verwesungsgeruch nach zu urteilen, müssen es Monate sein!“

„Und warum sehen seine Finger so seltsam deformiert aus?“

„Wir mussten ihm die Finger brechen. Er wollte sich einfach nicht von seiner Couch trennen...!“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.10.2001. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Kein Leben hinter mir: Trauma oder Irrsinn von Klaus-D. Heid



Langsam gehe ich auf das sechzigste Lebensjahr zu. Da hinter mir nahezu jede emotionale Erinnerung »verschwindet«, besitze ich keinerlei sichtbare Erinnerung! Vieles von dem, was ich Ihnen aus meinem Leben berichte, beruht auf alten Notizen, Erinnerungen meiner Frau und meiner Mutter oder vielleicht auch auf sogenannten »falschen Erinnerungen«. Ich selbst erinnere mich nicht an meine Kindheit, Jugend, nicht an meine Heirat und auch nicht an andere hochemotionale Ereignisse, die mich zu dem gemacht haben, was ich heute bin.

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