Fritz Rubin

Am Wendekreis des Krebses - Bahamas

 

Stella Maris Inn

 Long Island /Bahamas 

 Ein Jugendtraum ging in Erfüllung

   Ich hatte mir im Herbst 1988 einen lange gehegten Traum erfüllt, der mich seit meiner Schulzeit in meinen stillen Gedanken immer begleitete. Irgendwann einmal hatte ich das Buch: „Der alte Mann und das Meer“ von Ernest Hemingway in die Hände bekommen und voller Faszination die Erlebnisse des alten Fischers Santiago gelesen. Die Schilderung dieses Lebensraumes - der Karibik - hatte mich gefangen genommen und in mir die unstillbare Sehnsucht geweckt, diesen Teil der Erde einmal in meinem Leben zu besuchen und zu erleben.

  Jahrzehnte hing ich diesem Traum nach, bis ich dann nach einer privaten Zäsur im Jahre 1987 mein Leben neu eingerichtet und eine Lebenspartnerin – damals jedenfalls, heute ist sie meine Frau – gefunden hatte, die mitzog und mich bestärkte, diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen.

  So planten wir  in aller Ruhe diese Reise. Ich hatte von deutschen Auswanderern gehört, die auf der Insel „Long Island“ , die zu den Bahamas gehören, eine moderne Bungalowsiedlung aufgebaut  und sie dort zu einem Ferienidyll entwickelt hatten.

   Meiner ersten brieflichen Anfrage folgte umgehend eine sehr detaillierte Antwort, so dass wir in die weitere Planung einsteigen konnten, die sich bis Anfang 1988 hinzogen. Über einen Freund, der ein Reisebüro leitete, hatten wir uns die kostengünstigste Flugverbindung nach Nassau auf den Bahamas reservieren lassen, mit der Verpflichtung, eine Nacht in New York übernachten zu müssen. 

    Mit dem Inhaber der „Stella Maris INN“ auf Long Island, Jörg Friese, waren wir uns auch einig geworden, und somit stand dann unserem 15 000 km-Trip nichts mehr im Wege. Bis zum Abflugtag Ende August 1988 hatten wir nun noch genügend Zeit, uns mit umfangreicher Lektüre über Land und Leute zu befassen, um nicht ganz unwissend zu sein.

    Einen besonderen Raum nahm der Aufenthalt und die Übernachtung in New York ein, eine Stadt, über die so viel geschrieben und zu lesen war, die Faszination des Unvergleichlichen.

Frank Sinatra mit seinem Song: „New York, New York“ ging mir nicht mehr aus dem Sinn, Udo Jürgens begleitete mich im Gedanken mit seinem Lied: „Ich war noch niemals in New York“, und Reinhard May  erzählte von der Freiheit, die über den Wolken so grenzenlos ist.

   Was erwartete mich, was erwartete uns auf dieser Reise?  Nur wenige Tage nach meinem 50. Geburtstag starteten Doris und ich unser Abenteuer KARIBIK – BAHAMAS. Es war eine Reise ins Unbekannte. Unsere „Flugzeuge im Bauch“ meldeten sich immer wieder, bis letzten Endes die Freude und der Reiz des Neuen Oberhand gewannen.

   Von Frankfurt ging es mit der PANAM zunächst nonstopp  über den „Großen Teich“ nach New York, das wir nach knapp achtstündiger Dauersitzung erreichten. Die Abfertigung auf dem „John-F.-Kennedy-Airport“ verlief, bis auf den ungewohnten militärischen Befehlston des Abfertigungspersonals, recht zügig.

   So standen dann zwei Landkinder aus der Provinz ziemlich verloren in der riesigen Eingangshalle dieses Flughafens. „Yellow Cab“, das hatten wir vom Reisebüro mit auf den Weg bekommen, war der richtige und ungefährliche Weg zum„ Lexington-Hotel“ mitten in Manhattan.

   Wir hatten Glück. Peter, unser Fahrer, sprach ein paar Brocken Deutsch, und zusammen mit unseren Englischkenntnissen, die wir eifrig für diese unterhaltsame Stadtführung nutzten, kutschierte er uns vorbei am „ Madison Sqare Garden“ durch den „Big Apple“, wie der New Yorker seine Stadt nennt, zum besagten Hotel.

    Die erste Hürde hatten wir also geschafft, aufatmen war angesagt, und wir hatten mit Peter die Abholung für den nächsten Morgen um 07.00 Uhr vereinbart. Da standen wir nun bepackt mit unseren Koffern am Empfang des Hotels und versuchten, uns möglichst gelassen und weltmännisch zu geben.

    Mein „Hello“ wurde mit der freundlichen Aufforderung: „Your card, please, Sir!“ beantwortet. Damit waren die Formalitäten fast schon erledigt, wir mussten nur noch unsere Reservierung vorzeigen, erhielten einen Safe für die Personalpapiere und die Schecks, und dann ging es mit dem Lift in den 35.Stock, wo für uns ein Zimmer reserviert war.

   Hochbeinige, getrennt stehende Betten fiele zuerst ins Auge, dann die Innenverriegelung der Zimmertür. Das also war der erste Eindruck, den wir bekamen.

  Nach einer gut einstündigen Ruhepause begann unser Unternehmen, New York zu beschnuppern. Eine wohlmeinende Auskunft an der Rezeption mit einem Hinweis, vorsichtig zu sein, stimmte uns auf die nächsten Stunden außerhalb des Hotels ein. Es war noch heller Nachmittag, zumindest oben zwischen den Wolkenkratzern, während in den Straßenzügen bereits die Beleuchtung eingeschaltet war.

   Ein merkwürdiges Gefühl, dazu ein gleichbleibendes Geräusch des Straßenverkehrs mit Sirenengeheul, eine eigenartige Luft, fremde Menschen wuselten auf den Gehwegen durcheinander, Cops, und darunter zwei sich sehr beeindruckt fühlende Europäer.

    Mit der Empfehlung, ein nahe beim Hotel liegendes Restaurant, das vornehmlich von Bankern besucht wird, aufzusuchen, strebten wir zielgerichtet darauf zu. Das Lokal war zu dieser Zeit noch recht leer, so dass wir einen Platz fanden, von dem wir das Geschehen im Lokal und draußen relativ gut beobachten konnten. Eine freundliche, adrette Bedienung nahm die Bestellung auf.

   Sie erkannte sofort, dass wir Deutsche waren, und mit einem Mix aus Deutsch und Amerikanisch gab es keine Schwierigkeiten mit diesem Auftrag. Für uns war nur das mit Eiswürfeln bestückte große Bierglas sehr gewöhnungsbedürftig. Das Lokal hatte sich bald gefüllt, und die Serviererin erklärte uns, dass das in N.Y. so üblich sei, nach dem Dienst erstmal noch in ein Restaurant zu gehen und erst später in die Vororte zu fahren, um dem täglichen Verkehrsstau am Feierabend zu entgehen.

   Wir bezahlten und wurden mit einem: „Have a good time!“ nach draußen begleitet. Während es auf den Straßen schon recht dunkel war, konnte man zwischen den Wolkenkratzern noch das Licht des Spätnachmittags erkennen. Nach wenigen Minuten hatten wir das Hotel erreicht. Noch gut eine Viertelstunde blieben wir, Hand in Hand, davor stehen, Sicherheit zuerst, denn mulmig war es uns schon.

   Es folgte eine fast schlaflose Nacht mit vielen ungewohnten Geräuschen, die an den Häuserfronten hochkrochen und der bangen Frage, ob unser Taxifahrer auch wirklich kommen würde. Nach einigen Stunden unruhigen Halbschlafes wurden wir pünktlich geweckt.

   Frühstück, wie wir es gewohnt sind, gab es nicht. An der Rezeption wurden wir - welch eine Freude und Erleichterung - schon von Peter, unserem Taxifahrer, mit einem launigen sprachlichen Begrüßungsmix, erwartet. Es folgte eine Informationsfahrt durch das morgendliche New York, und da wir genügend Zeit bis zum Abflug nach Nassau hatten, zeigte Peter uns noch einige interessante Sehenswürdigkeiten seiner Stadt, es war eine Fahrt besonderer Prägung.

    Peter brachte uns bis zum Abflugschalter, erklärte uns den Weg zum Restaurant und verabschiedete sich wort-und gestenreich, nachdem wir bezahlt hatten. Leider hatten wir uns nicht seine Adresse geben lassen, wir hätten uns gerne bei ihm schriftlich bedankt für diese hochinteressante Stadtführung.

   Im Flughafenrestaurant erwartete uns das typisch amerikanische Frühstück.. Nachdem wir alle Formalitäten beim Einschecken erledigt hatten, saßen wir endlich auf unseren Plätzen in der Maschine, die uns an unser Ziel, nach Nassau, bringen sollte. Ein ruhiger Start führte uns bald auf die Reisehöhe.

    Ich hatte einen günstigen Fensterplatz und konnte die Ostküste der USA aus der Luft erkennen, den Landstreifen, an dem vor mehr als 200 Jahren europäische Auswanderer landeten und sich eine neue Heimat schufen. Irgendwann nickte ich ein und wurde dann durch die Ansage, dass wir in Kürze in Nassau landen würden, aus dem Halbschlaf gerissen.

    Ich schnallte mich an und verfolgte aus dem Fenster das Landemanöver, Nassau lag vor uns, und in einer weiten Anflugschleife setzte der Pilot zur Landung an. Ein leichtes Vibrieren verriet, dass wir aufgesetzt hatten und ausrollten – wir waren auf den Bahamas.

Der Flieger kam unweit des Flughafengebäudes zum Stehen, und nach wenigen Minuten wurden die Ausstiege geöffnet.

  Eine feuchte Wärme schlug uns entgegen und nahm uns fast das Atmen. Wir hatten nur wenige Schritte bis zur Eingangshalle zu gehen und warteten auf das Rollbad, um die Koffer aufzunehmen. Die Abfertigung verlief zügig, nachdem wir auf die Frage des Zöllners, wohin wir wollten, nach Long Island auf die „Stella Maris Inn“ zu Jörg, - das sollten wir bei der Passkontrolle sagen, so hatte Jörg geschrieben -  geantwortet hatten.

   Die Koffer wurden mit zwei Kreidekreuzen versehen, und wir steuerten dem Ausgang zu, während uns  eine Steel-Band  mit karibischer Musik empfing.

  Jörg hatte uns eine Handskizze geschickt, auf der der Weg zu einer auf einem Nebenfeld des Flughafens wartenden kleinen Maschine eingezeichnet war. Nach wenigen hundert Metern sahen wir einen einzelnen kleinen Flieger stehen, vor dem ein drahtiger braungebrannter Mann wartete.

   „Ich heiße Walter und soll euch zu Jörg bringen“, begrüßte er uns in einwandfreiem Deutsch. Er war Geschäftsmann in Nassau und flog für Jörg ankommende Gäste mit seiner Cessna nach Long Island in den „Outer Islands“ der Bahamas. Zusammen mit einem amerikanischen Ehepaar bestiegen wir die Cessna.     Wenig später rollten wir auf die Starbahn, und ab ging es Richtung Urlaubsdomizil.

   Das war sie also, die Karibik, die Heimat des Ernest Hemingway, so hatte ich  mir beim Lesen dieser Erzählung, zumindest in meiner Phantasie, diese „Traumwelt“ vorgestellt. Dass Hemingway mich mit seinem Schreibstil geprägt hatte, ja, das sollte ich erst viele Jahre später erfahren, als ich nämlich anfing, selbst Kurzgeschichten zu schreiben.

   Doris hatte im Cockpit Platz nehmen dürfen und konnte von dort die atemberaubende Farbenpracht der Karibik bewundern, während ich „nur“ aus dem Fenster sehen konnte. Aber auch das reichte aus, um sprachlos ob der verschiedenen Blaufarben und der ungewöhnlichen Wolkenbildung zu werden.

    Gut eine Stunde müssen wir wohl geflogen sein, als Walter uns aufforderte, uns anzuschnallen, denn in wenigen Minuten würden wir auf Long Island landen. In einer leichten Rechtskehre konnte ich zwar die Insel erkennen, aber von einer Landebahn war nichts zu sehen. Die Maschine befand sich im Sinkflug, und ich harrte der Dinge, sprich Landung. Plötzlich durchschüttelte ein Rumpeln den kleinen Flieger, wir waren glücklich gelandet. Walter ließ ihn ausrollen und kam an einer Blockhütte mit der Aufschrift: „Long Island Airport“ zum Stehen.

    An einem offenen Geländewagen erwartete uns dort Jörg, der uns herzlich begrüßte und beim Aussteigen behilflich war. Die Fahrt zum Hotel dauerte nur wenige Minuten, und mit einem kühlen Glas Sekt hieß uns Familie Friese auf der „Stella Maris Inn“ herzlich willkommen. Ersten Informationen über Lage des Bungalows, Anmeldeformalitäten, Öffnungszeiten des Restaurants folgte dann der Transport zum an der Atlantikseite gelegenen Ferienbungalow.

    Dieser bequeme Bungalow, liebevoll in die Landschaft eingepasst, mit Wohn- und Schlafzimmer, Flur, Toilette, Bad und Dusche sollte nun für drei Wochen unser Zuhause sein. Eine riesige Terrasse rundete diesen Komplex ab. Zum Badestrand und zu einem wunderschönen Swimmingpool waren es nur knapp hundert Schritte. Es sollten aufregende und ruhige Tage werden auf dieser Insel, die auch heute noch in uns nachklingen und mir meinen Jugendtraum erfüllten. Wir gewöhnten uns schnell an die Abläufe dieser Ferienanlage.

    Eine ausgezeichnete Küche mit einem wirklich geschulten Personal verwöhnten Gaumen und Seele.

Die Abende an der Bar bei einem „Jerry-very-special“ - manchmal waren es auch drei oder mehr, wobei die Zubereitung und die Inhalte wirklich sehr „speziell“ waren – vergingen viel zu schnell. Die ersten drei Tage nutzten wir zur Erkundung der Insel, die von rund 5000 Menschen bewohnt wird.

    Mit dem Rad oder mit dem von Jörg zur Verfügung gestellten Jeep durchforschten wir auf abenteuerlichen Straßen und Wegen diese Landschaft, vorbei an bunt angestrichenen Holzhütten oder weiß getünchten Massivhäusern.

    Freundliche, hilfsbereite Bewohner begrüßten uns beim Vorbeifahren, die Kinder winkten, und beim Einkaufen im General-Store berührte ein dunkelhäutiges, etwa acht Jahre altes Mädchen den Oberarm von Doris, um festzustellen, ob die Haut wirklich ganz weiß war.

    Am Nachmittag wurde dann das nahegelegene Schwimmbad unsere Zuflucht. Der ständig vom Atlantik her wehende Wind brachte Kühlung, und so verbrachten wir die Zeit einfach mit „ Nichtstun“. Abwechslung kam nur durch das Personal, wenn wir uns einen Drink an den Pool bestellt hatten.

    Die Hauptferienzeit der Amerikaner und Kanadier war schon vorbei, wir hatten diese große Badewanne für uns allein und genossen die Einsamkeit. Diese Einsamkeit war für Doris dann doch etwas zuviel. Eines Nachts, wir waren man gerade drei Tage auf dieser Insel -  sprang sie mit einem lauten Schrei: „Ich will nach Hause!“ in mein Bett. Wir redeten sehr lange, und ich versprach, mit Jörg einen umgehenden Rückflug nach Hause zu vereinbaren.

 

   Dazu kam es dann doch nicht, denn am nächsten Morgen beim Frühstück hatte Doris diese Attacke überwunden, und wir genossen nun die vor uns liegende Zeit in vollen Zügen ...Frühstück, Pool, Bettruhe oder auch nicht, Mittagessen, Pool, Blue - hour, Abendessen, Bar und ab ins Bett.

   Eine gute Woche war inzwischen vergangen, als unser Alleinsein am Schwimmbad vorbei sein sollte. Wir hatten unseren Schattenplatz eingenommen und lagen druselnd in den Liegestühlen, als ein junges Paar, etwa Mitte Zwanzig, am Pool erschien und sich in einiger Entfernung niederließ. Ich beobachtete die beiden aus den Augenwinkeln, ein stattlicher, athletischer junger Mann, braun gebrannt und eine attraktive dunkelblonde junge Frau.

   Leider konnte ich zunächst nicht verstehen, in  welcher Landessprache sie sich unterhielten. So sprang ich kurz entschlossen ins Wasser, als die beiden ihre ersten Bahnen abzogen. Bei der nächsten Begegnung sprach ich sie an: „Hi! How are you?“

   Ich erwartete natürlich eine englische Antwort, sollte mich aber mächtig getäuscht haben. „Wir sind aus Deutschland, wir kommen aus der Nähe von Frankfurt!“, hörte ich eine angenehme Männerstimme mit leichtem Frankfurter Tonfall sagen. „Ich heiße Andreas, und das ist die Andrea!“      

   Doris, die sich inzwischen ebenfalls ins Becken begeben hatte, kam hinzu, und wir stellten uns ebenfalls vor. Obwohl wir nach diesen drei Wochen relativ gut die englische Sprache wieder beherrschten, auch dank der hervorragenden „ Special-Drinks“ unseres Barkeepers Jerry, genossen wir den Frankfurter Dialekt. Diese erste Begegnung im Wasser dauerte gut zwei Stunden, soviel gab es zu erzählen, und daher verabredeten wir uns für den Abend an der Bar. Dieser Abend sollte sehr lange dauern, bei den „Specials“ kein Wunder, dass man einen Redefluss bekam, aber es war einfach herrlich, mit diesen beiden jungen Menschen zu plaudern, unkompliziert, sympathisch, aufgeschlossen, dynamisch.

   Wir freuten uns jeden Abend auf den nächsten Tag und den nächsten Abend, bis dann eines Tages unsere Abreise anstand.

  Sie hatten uns von den Problemen mit ihrem Ferienhaus, das sie über eine Vermittlung gebucht hatten, erzählt, kleine und größere Mitbewohner ( Kakerlaken = Cockroaches ), die das Licht scheuen, hatten ihre Urlaubsfreude mächtig vermiest, so dass sie ihre Abreise, die vier Tage nach uns vorgesehen war, mit heißem Herzen herbeisehnten.

   Am letzten gemeinsamen Abend an der Bar tauschten wir unsere Adressen aus, es war ein eigenartige Atmosphäre, einerseits freuten wir uns auf  die Heimat, andererseits wollten wir die beiden nur ungern in der betrüblichen Lage zurücklassen. Aber wir hatten ja gebucht, und so verbrachten wir diesen Abend in einem Mix aus Vorfreude, wieder nach Hause zu fliegen und aus Wehmut, sich von mittlerweile liebgewonnenen Menschen verabschieden zu müssen.

  Schon sehr früh saßen wir am nächsten Morgen am Frühstückstisch. Jörg hatte die Maschine, die uns zurück nach Nassau bringen sollte, am Vortag bestellt. Unsere Koffer lagen bereits im Jeep, und nach den üblichen Abschiedszeremonien ging es dann zur Startbahn, wo der Flieger schon wartete.

  Außer der Maschine und dem Piloten standen auch Andrea und Andreas auf der Startbahn dieses winzigen Inselflughafens, ich hatte das leise Gefühl, sie wären auch gerne mitgeflogen. Ich hatte einen Kloß im Hals, als wir uns voneinander verabschiedeten und konnte kaum richtig sprechen. Wir hatten uns aneinander gewöhnt – nur eine Urlaubsbekanntschaft, wie so oft? Doris und ich krochen in die verschlissenen Sitze des einmotorigen Fliegers.

  Ein schwarzes Gesicht, aus dem die weißen Zähne blitzten, strahlte uns mit breitem Lachen an, pure Lebensfreude -  pure Lebensfreude, die wir nicht vergessen werden! 

  „Let’ s go!“, röhrte uns ein Bass an, und dann starteten wir in den blauen karibischen Morgenhimmel.

Das Dröhnen des Motors ließ keine Unterhaltung zu. Wir hingen unseren Gedanken nach und genossen noch einmal den Blick auf das wundervoll blaue Meer, in dem Bewusstsein ... es war einmal! 

   Eine Stunde später landeten wir in Nassau, wo die Ausreiseformalitäten schnell und ohne Verzögerung vonstatten gingen. Die PANAM-Maschine nahm uns auf. Es ging via New York und London zurück nach Frankfurt, wo wir am nächsten Tag bei Temperaturen um + 4° C. landeten und mächtig froren, hatte uns die Sonne doch drei Wochen lang verwöhnt.

  Mit dem Rest unseres Gepäcks – eine Reisetasche mussten wir als verloren melden – ging es dann im IC in die Heimat zurück nach Goslar. Die anschließenden Tage und Wochen standen noch ganz unter dem Eindruck dieser Reise. Mein Traum hatte sich erfüllt. Doris und ich hatten in der karibischen Einsamkeit zu einem „Wir“ gefunden, das unser Leben auch heute noch nach den vielen Jahren bestimmt.

  In langen Gesprächen und anhand der vielen Fotos ließen wir die drei Wochen auf Long Island noch einmal „revue“ passieren, eine wunderbare Erinnerung auch an zwei junge Menschen, die uns einige Zeit begleitet hatten. Sicher waren sie auch schon wieder zu Hause und gingen ihrer Arbeit nach, genauso wie wir. Eine weitere Woche war verstrichen, es war mittlerweile November geworden, graue,  trübe Tage.

   Der Alltag hatte uns wieder, nur noch selten dachten wir an unseren Urlaub, als eines Abends das Telefon klingelte: „Guten Abend, Fritz! Hier ist Andreas!“

   Ich weiß nicht, wie lange wir miteinander gesprochen haben, aber es war sehr lange. Hörbare Freude auf  beiden Seiten... weißt Du noch...?  Zum Abschluss des Gesprächs wurde ein Wiedersehen vereinbart, das sich mittlerweile zu einer festen Institution entwickelt hat. Neben den gegenseitigen jährlichen Besuchen gehören Telefonate zu den Geburtstagen, zu den Festtagen, Karten aus dem Urlaub und jetzt sogar das Mailen zu einem festen Bestandteil unseres Lebens. Mehr als  vierzehn Jahre sind seit dem Kennenlernen in der riesigen Badewanne auf Long Island vergangen, die Erlebnisse mit den „Cockroaches“ sind inzwischen Kultgespräche geworden, aber einmal reicht aus, so Andrea.

  Für uns hat die Reise zum „Wendekreis des Krebses“ neben der Tatsache, dass uns diese Zeit zusammengeschweißt hat, auch zwei Menschen beschert, denen wir für ihre tolle Freundschaft danken und denen diese Erzählung gewidmet ist.

 

 Sie wird es bleiben, auch wenn diese Verbindung - aus welchen Gründen auch immer – auseinander gegangen ist, wir denken noch oft an sie.

Ich werde sie vielleicht doch mal zu erreichen versuchen…

 

 

© Fritz Rubin, 25. Februar 2002, Othfresen, geändert am 24. Juni 2011

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.06.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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