Wenn ein Kleinkind...nachts nicht schlafen kann...weil es Sachen sieht...die nicht da sind...
ist es schwer zu verkraften...aber im laufe der Jahre gewöhnt man sich an diese Ereignisse....
aber wenn dieses Kind dann hört ...wie der Stiefvater zur Mutter sagt...
ich glaube dein Bastard ist krank...Geisteskrank...er gehört weggeschlossen...
kann man das nicht so leicht verkraften.
Ich schreibe nun in der Ich Form...da ich es so besser beschreiben kann.
Nachts...lag ich lange und unruhig in meinem Bett. Ich wußte...es würde wieder geschehen...
wie so jede Nacht...und es geschah. Erst ein leichtes Zupfen an meiner Bettdecke...dann ein Ziehen. Ich hielt die Zipfel der Decke krampfhaft fest. Ich hatte solch`eine Angst...weil ich nichts und niemanden sah. Kurz darauf streichelte etwas meinen Arm...blies mir einen leichten Hauch in`s Gesicht. Ich gewöhnte mich nach einiger Zeit daran...und die Furcht war verflogen...da...da ich nichts zu befürchten hatte. Ich erzählte es den Eltern...die darauf nur ein müdes Lächeln hatten. Ich begann mit dem etwas...dieses was ich nicht sah...zu reden.
Anstatt Antworten hörte ich nur ein leises Rauschen und ein Gemurmel...das ich nicht verstehen konnte. Meine Eltern erwogen...einen Arzt zu konsultieren...da ich ja so furchtbar krank war. Also wurde ich zum Hausarzt geschickt...wenn ich heute so nachdenke...natürlich der absolut verkehrte Ansprechpartner.
Dieser lächelte nur verständnislos und schüttelte sein greises Haar. Vielleicht eine psychiatrische Behandlung...schlug er meinen Eltern vor. Aber diese waren entrüstet darüber...aber nur deswegen...weil sie befürchteten ...das die Nachbarn reden würden.
Ich fand mich mit meiner Situation ab...und erzählte meinen Eltern nichts mehr. Wenn sie fragten...was selten vorkam...weil ihnen alles egal war...jedenfalls was mich und meiner Person betraf...leugnete ich mit den Worten...nein ich sehe und höre nichts mehr...es ist wohl vorbei.
Dennoch...jeden Abend setzte sich etwas an mein Fussende des Bettes...ich verspürte den Druck der heruntergedrückten Matratze.
Es war eine angenehme Erscheinung...eine angenehme...sagen wir mal Begegnung.
So oft des Nachts drängte es mich hinaus...in`s Freie...aber ich konnte ja in meinem Alter von elf Jahren nicht einfach aus der Wohnung spazieren. Also wartete ich bis meine Eltern zu Bett gingen...öffnete dann mein Jugendzimmerfenster...und sprang hinaus. Wir wohnten ja Paterre. Unsere Wohnung lag direkt neben einer großen katholischen Kirche aus dem 13. Jahrhundert. Das Gebäude zog mich magisch an...besonders die dunklen Nischen...im Gemäuer. Ich weiß nicht warum...aber ich stellte mich in einen dieser Nischen...die etwas schwer zu erklimmen waren...und verharrte dort...ein...zwei Stunden....ging meinen Gedanken nach...und sah viel...viel zu viel...Sachen die ich hätte nie sehen dürfen. Ehefrauen die von ihrem Liebhaber nach Hause gebracht wurden...eine kurzr Nummer hinter`m Gebüsch...bevor sie das Haus des Ehemannes betraten. Aber nun gut...ich will nicht abschweifen.
So vergingen dann die Jahre. Meine Erlebnisse wurden immer intensiver...und auf Anfragen der Eltern sagte ich immer nein...es ist vorbei.
Nun...nach einiger Zeit wurden meine Erlebnisse objektiv sichtbar...mal eine große Gestalt...mal eine kleine...aber immer verschwommen und nicht erkennbar. Und nun begann...ich sage jetzt Gott sei Dank...eine Konversation...wenn manchmal auch nichts zu verstehen war. Aber sie waren mir immer freundlich gesonnen.
In meiner Freizeit...aber auch sonst...ich schwänzte nämlich für mein Leben gerne die Schule...begab ich mich auf den örtlichen Friedhof. Die alten Gräber interessierten mich sehr...die alten Aufschriften...die alten Daten der Geburt und des Todes. So oft sah ich eine Gestalt am Grabe stehen...hinter dem Grabstein...auch manchesmal mitten auf der Grabesstätte sitzen. Ich lächelte ihnen zu...begann zu reden...und bekam auch immer Antworten.
Viele weinten und beklagten den Nichtbesuch ihrer Angehörigen...das sie vergessen seien.
Ich redete lange mit ihnen...tröstete sie...zupfte Unkraut aus dem Grab.
Ich machte viele interessante Bekanntschaften...viele...aber nur ...nun gut !
Als unsere Grundschule renoviert werden mußte...in den 60.gern...kamen wir in die Dorfschule mitten in der Stadt.. . Lobberich...Es war eine sehr alte Schule aus rot...hartgebranntem Backstein. Alte Holzdrehstühle quitschten wenn wir uns bewegten...was dem Lehrer an die Nerven ging....der Putz bröckelte von der Wand...und es roch modrig im alten Gemäuer.
Aber ich liebte das Objekt...es strömte Jahrhunderte an Zeit aus. Das beste daran war...wenn wir Unterricht hatten...das immer ein kleiner dicklicher Mann in alter modischer Lehrertracht ...hinter unserem Lehrer stand. Ich gab ihm manchmal Handzeichen...und er winkte zurück. Mein damaliger Lehrer fragte mich darauf hin...ob ich irgendwie Probleme mit meiner Motorik hätte.
Der kleine dickliche im Raume...den keiner sehen konnte... lachte stumm lauten halses los...und ich fiel mit ein.
Mein Lehrer stürmte auf mich zu...und ich bekam den Rohrstock auf meine Hände...ein mal...zwei mal...drei mal.
Auch in den Pausen sah ich Kinder auf dem Schulhof herumtollen...in alten Schultrachten...gestreift...wie Marineuniformen...die Mädchen gelockt...die meisten blond...die Jungen mit kleinen blauen Schirmmützen....aber ich wußte...sie waren nicht da...doch schon...nur für mich.
Wieder mal die Schule geschwänzt...was nicht selten vorkam...fuhr ich mit meinem Fahrrad nach Süchteln...und zwar in die süchtelner Höhen...einem kleinen Waldgebiet in der Seenstadt Nettetal. Hier liebte ich es herumzutollen...ich war jetzt so ungefähr 13 Jahre alt.
Der Wald war wunderschön...geheimnisvoll...dunkle unwegsame Pfade...die ich immer ging...ich hasste ausgetrampelte Wege der Spaziergänger. In diesen Höhen stand ein riesiger steinerner Turm. Ich denke so dreißig...ja vielleicht vierzig Meter hoch. An der Spitze war ein riesiger bronzener Adler des Kaisereiches. An allen vier Mauer Gedenktafeln zum Gedenken der gefallenen des ersten Weltkrieges und davor....Somne...Verdun...König Grätz...und eines weis ich nicht mehr.
Ich stromerte umher...sammelte Tannenzapfen...und schnitzte mir mit dem Messer einen kleinen Ast als Speer zurecht...den ich gekonnt warf...hurra er steckte einige Meter fest im Boden. Kurz vor dem Turm war eine Holzbank...halb vermodert den Witterungen ausgesetzt...ich setzte mich hin.
Ich war Müde...hatte Angst mein Fehlen in der Schule nicht gerecht entschuldigen zu können.
Plötzlich wurde ich an der Schulter gestoßen. He...Jungchen...was machste de hier ? Hast wohl de School jeschwänzt...du Lorbas ? Erschrocken sah ich den zu mir rechts sitzenden Mann an. Ich hatte ihn vorher nicht gesehen...wie kam er hierher ? Na Mannchen...lüg mir nicht an...hast jeschwänzt was ? Ich sah ihn genauer an. Er hatte einen alten graugrünen Mantel an...seine Haare waren zerzaust...und er steckte in alten abgeschlissenen Stiefeln.
Gemächlich stopfte er sich seine Pfeife...und zog genüsslich daran. Was machste hier...Lorbas ? Ich gehe spazieren sagte ich...ich mag den Wald hier...und den Turm.
Ja ja sagte dieser...den Turm mag ich auch. Haste mal eine Stulle für mich ? Ich griff in meinen Schulranzen und holte die Pausenbrote heraus...und reichte sie ihm.
Ah...sagte er...du weißt was eine Stulle ist ? Na klar sagte ich...meine Oma kommt aus Marienburg...Westpreussen...sie sagte immer Stulle zu Broten. Er lachte lauten Halses los. So ist recht...du Knirps. Kennst du Rübenkraut...fragte ich mit einem Lächeln. Willst mir wohl veräppeln Lorbas was ? Wer bist du. ? fragte ich. Ach sagte er...Name sind Schall und Rauch...! Kennst bestimmt auch Burjunka und Blaukraut. Er lachte so laut los...das ich dachte...er würde jeden Augenblick platzen.
Bist ein feiner Kerl...mein Jungchen...ein prima Stöpp. Ich bin hier schon lange...sehr lange. Was interessiert dich so an diesem Turm ? Ach sagte ich...ich liebe Geschichte...war schon mal in Verdun...in Frankreich...dem größten Gefecht des ersten Weltkrieges.
Ach sagte dieser...in Verdun warste also du Neunmalkluger ? Ich war auch da...vor langer langer Zeit...verstehst ? Nein sagte ich...nein !
Ist auch ejal...so was von ejal...er seufste. nun gut du Held...ich muß nun gehen...sie warten auf mich. Wer...äh...wer wartet auf sie ? Sei nicht so neugierig...und...nenn mich eenfach Anton....ja ? Ich saß wie versteinert da...als er sich erhob und ging. Er ging auf den Kaiserturm zu...kurz vor der eisernen verschlossenen Türe drehte er sich noch einmal um...und winkte...schwänz nicht immer de School Jungchen...und verschwand...mitten durch die Türe...ohne sie zu öffnen.
Aber warum erzähle ich dieses alles ? Die Begegnungen häuften sich von Jahr zu Jahr.
In Frankreich in den achtziger Jahren durchstöberte ich einen alten Bunker...und traf einen Soldaten aus dem ersten Weltkrieg...wenn ihr versteht was ich meine.
Ein Kind schubste mich bei rot rüde über eine Strasse...die Ampel sah ich nicht...und wurde nicht überfahren. Das Kind ward von niemandem gesehen.
Ende der achtziger wurde ich von jemandem oder etwas gerettet...gewarnt...sonst wäre ich im Steilhang verschüttet worden.
Ja...und ein verstorbener Freund von mir...Peter...besucht mich heute noch regelmäßig.
Und ich...ich lebe damit und habe es akzeptiert...und werde belacht...für blöd erklärt...und deshalb sage ich nichts mehr in der Öffentlichkeit...
Rüdiger Nazar
melvin6.@gmx.de
26.Juni 2011
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.06.2011.
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