Tilman Otto Wagner

WALDSTILLE




Der Sommer neigte sich dem Ende zu. Kleine Wasservögel überflogen den stillen See. Mächtige Gebirgsketten erhoben sich wie Titanen in der Ferne. Ihre weißen Spitzen sahen wie winzige Pyramiden aus. Unzählige Nadelwälder verzierten die Abhänge der Berge. Eine kleine Fischersiedlung erstreckte sich um das Gewässer. Viele Bewohner hatten sie nach der großen Überschwemmung verlassen. Ein kleines Fischerboot verließ die Anlegestelle. Maximilian ruderte, wie an jedem Abend, auf die breite Seemitte hinaus. Seine gleichmäßigen Armbewegungen setzten hin und wieder aus, als würde er auf ein bestimmtes Zeichen warten. Dann beobachtete er unter seiner Fischermütze für einige Minuten das südliche Ufer. Die Dämmerung verhüllte das Wasser in lautloses Schweigen. Eine leichte Windbrise war das einzige, hörbare Geräusch, welches den kräftigen Mann aus der Ruhe zu bringen schien. Immer wieder versuchte er seine Taschenlampe einzuschalten, doch sie war kaputt. Ein lauter Schuss durchbrach die Stille. Blitzschnell wandte er sich um. Einige Reiher flogen aus einer Baumkrone davon, welche in der Richtung des Schusses über dem grau-schwarzen Himmel emporragte. Maximilian ruderte schnell zu der Anlagestelle zurück. Seine Arme sahen zitterten wie Espenlaub. Ein weiterer Schuss fiel. Die Dunkelheit hatte das Echo des Knallgeräusches verschlungen. Das Ruderboot glitt übers Wasser. Am Ufer angelangt, befestigte der Fischer ein Seil, welches er aus dem Boot hervorholte, an einem kurzen Pfahl. Blitzschnell lief er in den Wald hinein, der sich hinter dem Bootshaus erstreckte. Keuchend vertiefte er sich immer weiter ins Dickicht hinein. Die Eulen starrten den merkwürdigen Eindringling an. Maximilian blieb erschöpft vor einer kleinen Buche stehen. Er stützte sich an dem abgetragenen Baumstamm ab, und atmete die kalte Nachtluft mit schweren Zügen ein.
 
Seltsame Geräusche drangen aus dem tiefen Walddickicht zu ihm herüber. Er setzte sich auf die feuchte Erde nieder. Seinen Rücken lehnte er an die knorrige Rinde. Dann blickte er zum Himmel hoch. Einige Sterne leuchteten blassgelb am schwarzen Himmel. Der Mond zeigte die rechte Hälfte seines verschrumpelten Gesichts. Maximilian zitterte am ganzen Laib. Er sprach verängstigt in sich hinein: „Dieses verfluchte Dorf! SIE wollten es mia net glaub´n. Es ist zu spat. Diese Narren! Was soll i bloß jetzt tua? I muss Maria find´n!” Nach einer Weile schlief er ein. Seine Fischermütze hing ins Gesicht herunter. Der Mondschein spiegelte sich in den kräftigen, weißen Zähnen wieder. Finsternis verschlang den erschöpften Körper. Ein lautes Getöse weckte Maximilian auf. Für wenige Augenblicke dachte er, im seltsamen Traum zu sein, der ihn die ganze Nacht verfolgt hatte. Er rieb sich die Augen. Verstört drehte er den Kopf in die Richtung, aus welcher das Geräusch kam. Ein roter Hubschrauber erhob sich ein paar hundert Meter vor ihm am Himmel. Die bedrohliche Anwesenheit des Helikopters, in dessen Inneren Maximilian nun zwei bewaffnete Männer erkennen konnte, verwandelte sich binnen Sekunden in Todesgefahr. Maximilian ging mit einem schnellen Sprung in Deckung. Eine Maschinengewehrsalve wurde abgefeuert. Die Kugeln zersplitterten den Baumstamm und schlugen in die Erde ein. Eine Kugel traf ihn in die rechte Arschbacke. Er sprang schreiend hoch, als der peitschende Schmerz seinen Körper aufzucken ließ. Der Hubschrauber flog auf ihn zu. Das ohrenbetäubende Geräusch des Propellers und die Wucht des Luftdruckes, welcher sich über das Dickicht ausbreitete, versetzten den Gejagten in Panik. Er überlegte für eine Sekunde, sprang dann hoch und lief in Richtung See davon. Ra-tta-ta-tta-ta-tta! Ein erneuter Kugelhagel peitschte auf den Boden herab. Maximilian hielt seine rechte Arschbacke mit der rechten Hand fest und lief im Sprinttempo auf das Bootshaus zu, dessen Holztüre er wuchtig aufriss.
 
Für ein paar Sekunden kehrte vollkommene Stille ein. Vogelgezwitscher und ein weit entferntes Bellen durchbrachen die Ruhe. Das kleine Bootshaus stand wie ein Denkmal da. Die Maschinengewehre zerschossen das Häuschen zu Kleinholz. Einige Bretter brannten knisternd, bis die gesamte Asche rauchend vom Wind verteilt wurde. Tanzende Feuerfunken wirbelten in der Luft herum. Der Helikopter zog ab. Erneut kehrte Ruhe ein. Stille! Fünfzig Meter von der Brandstelle entfernt, tauchte Maximilian aus dem See auf. Er holte tief Luft. Die Falltüre, welche aus der Hütte direkt ins Wasser führte, hatte ihm das Leben gerettet. Er schwamm vorsichtig ans Ufer, den Himmel mit dem Blick abtastend. Die Mütze hatte er verloren. Sein nasses, schwarzes Haar fiel in Strähnen über die Stirne. Müde und zermürbt sank er zu Boden. Er streckte sich auf dem Sand aus. Sein blaues Hemd war völlig zerrissen, die aufgekrempelten Jeanshosen zerfetzt. Barfuss und erschöpft, blickte er zum Himmel hoch: „Wer san diese Kerle? Was woll´n die von mia? Wenn i wüsste, wo Maria is. Sie könnt´ mia helfen . . . Dieses verfluchte Dorf!“ Die Sonne strahlte vom türkisfarbenen Himmel herab. Ein paar dunkelgraue Wolken zogen vorbei. Der Tag brach an, und ab noch dazu. Ein biblischer Fluch hatte sich über die Häupter der zurückgebliebenen Bewohner jenes abgelegenen Ortes niedergelassen. Man sprach von „Gottes Zorn“, und von der „Rache aus dem Jenseits“. Die Überschwemmung, so glaubten die Fischer, war eine Vorwarnung. Sicher wird die Siedlung noch weiteren Naturkatastrophen oder „Zeichen aus dem Jenseits“, wie man vermutet hatte, anheim fallen. Dass der Großunternehmer Herbert Cash den gesamten Boden um den See herum aufgekauft hatte, um eine Autobahn samt Infrastruktur erbauen zu lassen, wurde auch zur Kenntnis genommen. Man hatte gehört, dass sämtlicher Fischfang stillgelegt werden sollte, und rätselte über die in Bälde einzutretenden Veränderungen, doch keiner wusste, wie es weitergehen sollte.

Niemand hatte Mr. Cash jemals im Dorf zu Gesicht bekommen, oder gewusst, wie er aussah. Jemand wollte am Ostersonntag, gegen 13 Uhr, einen blauen BMW vor dem Rathaus bemerkt haben, doch niemand sah die Insassen des Automobils. Es gab bloß Gerüchte. Ein anonymer Anrufer soll dem Bürgermeister mit der Mafia gedroht haben, erfuhr man bei Gesprächen in der „Seligmachung“-Kneipe, dem einzigen Lokal im Dorf. Man hatte es als bösen Streich aufgefasst. Maximilian war auch an der Diskussion beteiligt. Sein Boot war das schnellste auf dem ganzen See. Jeden Tag erhielt er Besuch von seinen Kollegen, die meistens mit der Bitte an ihn herantraten, ihnen das Ruderboot für etwas Geld zur Verfügung zu stellen. Seine Anteilnahme an dem Leid und der Armut anderer, hatte ihn zu einer beliebten Person im Ort gemacht. Man sprach nur Gutes von Maximilian, da beinahe jeder auf seine Hilfe angewiesen war, um zu überleben. Er selbst fasste es als Selbstverständlichkeit auf, zu helfen. Und dabei verdiente er auch etwas dazu. Nun lag er völlig durchnässt am Ufer des Sees, sein Bootshaus war nur noch ein Häufchen Schutt und Asche. Das Boot ist bei dem Brand auch zerstört worden. Maximilian grübelte stundenlang vor sich hin, doch kam er auf keinen grünen Zweig. Seine sorgenvolle Zukunft lag schwarz vor ihm, wie jene dunklen Wolken welche am Himmel vorbeizogen. Er warf einen Stein ins Wasser, und beobachtete wie sich der Ringel allmählich im See auflöste. Sein einziger Trost war die Tatsache, dass ihn seine Verfolger für tot hielten. Wahrscheinlich suchten sie nicht mehr nach ihm. Als er seinen Blick vom Wasser abwandte, sah er in weiter Ferne eine blau-weiße Silhouette. Er richtete sich auf und erkannte die Gestalt einer Frau, welche auf ihn zukam. Ihre langen, blonden Haare tanzten frech im Wind. „Maria!“, rief er laut zu ihr hinüber. „Maria!“ Er winkte ihr zu. Sie erwiderte seinen Gruß. Als sie ihm in die Arme fiel, fing er zu weinen an. „Was ist denn los? Was hast du denn?“ Sie sah den Rauch hinter seinem Rücken aufsteigen.
 
„Oh mein Gott, was ist denn hier passiert? Bist du in Gefahr, Maxi?“ Er erhob seinen Kopf. Aus feuchten Augen blickte er sie an. „Nee. I glaub´ net mehr. Aber i hab alles verlor´n. Die hab´n mia beinah umgebracht!“ Maria sah ihn fragend an. Ihre grünen Augen funkelten traurig. Sie drückte ihn an ihre Brust und streichelte seinen Kopf. „Wir müssen von hier fort. Ich habe es dir schon so oft gesagt. Sie haben zwei tote Fischer am anderen Ufer gefunden. Sie wurden erschossen. Maxi, es ist viel zu gefährlich, hier zu bleiben. Lass uns bitte fortgehen. Heute noch!“ Er blickte sie verängstigt an. Ein stechender Schmerz in seinem Hinterteil ließ ihn zusammenzucken. Er streckte sich im Sand aus. „Was hast du denn, Maxi?“ „Ach, sie hab´n mia ang´schossn. In den . . ., na ja.“ Er lächelte und zeichnete mit dem linken Finger ein Herz in den Sand. Maria kniete sich vor ihn nieder. Dann küsste sie seine Stirn. „Komm, lass mich mal deine Wunde anschauen. Dreh dich auf den Bauch um!“ Maximilian zögerte. Dann drehte er sich langsam um. Sie verband die Wunde mit einem Stück Stoff, welches sie aus ihrem Rock herausgerissen hatte. Drei Schwäne schwammen an das Ufer heran. Sie blickten Maria und Maximilian an. „Schau mal, Maxi! Wie lang und merkwürdig uns ihre Augen anschauen, als hätten sie etwas Schweres auf ihren Seelen liegen. Ich liebe Schwäne Maxi, du auch?“ Er schenkte ihnen, auf dem Bauch liegend, ein Lächeln. „Ja, doch fress´n sie mia imma die Fisch´ weg.“ „Ach was. Sieh nur, wie lieb sie sich haben. Als würden sie sich seit einer Ewigkeit kennen.“
 
Maria griff in die kleine Tasche, welche an ihrem zerrissenen Kleid herunterhing, und holte ein Stückchen Brot hervor. Sie hielt es in ihrer geöffneten Hand den drei Schwänen vor. Diese schwammen langsam auf ihre geöffnete Hand zu und schnappten gleichzeitig nach dem Brotstückchen, welches ins Wasser fiel. Maria lächelte sanft. Ihre nackten Füße tauchten in das kühle Nass ein. Sie zog ihr Kleid aus und stieg in den See. Die Schwäne schwammen davon, während Maximilian seinen Kopf auf den warmen Sand legte und bald einschlief. Marias Körper glitt leicht in den See hinein. Sonnenstrahlen streichelten ihre weiße Haut. Die Eintracht der Stille verwandelte den See in einen statischen Abgrund. Bunte Baumkronen verzierten die Abhänge der raunenden Berge. Einige Reiher zogen über ihnen vorbei, in die Lüfte aufsteigend. Der Herbst sickerte langsam durch.


© by tilman otto wagner  ◙ 2007

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.06.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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