Werner Wadepuhl

Warum nicht mal wieder Italien?

Reisen bildet, nicht nur Staus auf den Autobahnen, sondern auch den Menschen und zwar sehr, soll zumindest der Philosoph Voltaire in seiner Korrespondenz mit Friedrich dem Großen behauptet haben und seither wird diese Erkenntnis gern zitiert. Meine Erkenntnis ist inzwischen, dass man vor allem durch das Internet schlau werden kann und wenn man Beides miteinander verbindet, Reisen und Internet für Vorbereitung und Nachlese, dann wird man mit Eindrücken, Wissen und Erkenntnissen so zugeschüttet, dass letztendlich nur ganz Zähes an einem hängen bleibt.

Fiumaretta und seine Umgebung war uns mehrmals durch ein Ferienhaus von Freunden als Urlaubsdomizil vergönnt. Aber auch ich habe schließlich zwei Dinge dazu lernen müssen: Fiumaretta gehört nicht unbedingt zur Toskana, auch wenn selbst eingeborene Italiener gerne großzügig behaupten, der Magra sei die Grenze, das Westufer mit Bocca di Magra sei Ligurien, das Osttufer mit Fiumaretta oder Ameglia di Fiumaretta, wie es wohl richtiger heißt, gehöre zur Toskana. Aber wenn man den offiziellen Grenzverlauf betrachtet, dann führt der hinter der Stadtgrenze von Sarzana zunächst an die Via Aurelia, nach einem Steinwurf zurück um das sich östlich anschließende Castelnuovo und dann ein paar Schritte hinter Marinella di Sarzana direkt ins Meer und so betrachtet liegt unser Ferienhaus eben nicht in der Toskana, auch wenn wir lange dieser Meinung waren, sondern eben in Ligurien.

Und die weitere Erkenntnis aus dem Internet: Fiumaretta ist nicht irgend ein vorwiegend auf Tourismus ausgerichtetes belangloses Dorf, sondern ein Landstrich mit reicher Geschichte und Tradition, einst von den Kelten besiedelt, Carrara ist zum Beispiel als keltisches Wort für Steinbruch bekannt, von den Römern weiter erschlossen, was den Archäologen auch zukünftig noch eine Menge Arbeit wert ist, unter österreichischer , französischer und deutscher Herrschaft gestanden, letzteres auch nochmals kurze, aber grausame Zeit während des Zweiten Weltkrieges, bis es 1870 offiziell dem Königreich Italien einverleibt wurde. Die ganze Gegend nennt sich übrigens auch „Die Bucht der Poeten“. Tippt man Fiumaretta als Suchwort in Google ein, erhält man mehr als 30.000 Adressen und das ist ja schon mal was.

Hier soll nur die Anreise, aus der Nähe der drittgrößten Stadt Bayerns über die Alpen an die Mündung des Magra ins Mittelmeer geschildert, erzählt werden, denn auch das ist durchaus erzählenswert. Unser Urlaubsziel war uns durch Ausflüge im letzten Jahr in die nähere Umgebung, von Forte di Marmi über Pietrasanta, Starzema und die eindrucksvollen Marmorberge der Alpi Apuane bis hinüber in den Golf von La Spezia und über die Berge in die Cinque Terre wohl vertraut und zumindest ein bisschen bekannt. Unser inzwischen sechzehn Jahre alter holländischer Hirtenhund wird uns wiederum begleiten und so bleiben uns Bergwanderungen, Kirchen, Museen, bis 15. September alle Badestrände wie auch Thermalbäder, Steinbrüche, Bootsfahrten, die einen artistischen Einstieg über steile, schwankende Treppen erfordern eben verwehrt. Damit müssen wir leben, solange Nelli noch bei uns ist. Das kann nur noch sehr kurze Zeit sein, es kann aber auch noch ein, zwei Jahre dauern.

Ein Blick auf die Kurven meines Biorhythmus für den Tag der Abreise zeigt die Linie für Intellekt im Minus. Man rät mir zu besonderer Aufmerksamkeit, da dies vor allem im Straßenverkehr zu Fehleinschätzungen führen wird. Hat man 770 Kilometer vor sich, die immerhin durch vier Länder in Europa führen, wäre so ein Hinweis Grund genug, um zu kneifen und die Reise auf einen günstigeren Tag zu verschieben. Carola hält nichts davon, meint, ich solle halt aufpassen und so fahren wir eben am Montag wie ursprünglich geplant.
An der Einmündung in die Kreisstrasse bei der einzigen Ampelkreuzung in unserem Dorf ignoriere ich mal gleich einen durchaus vorfahrtsberechtigten, von Gegenüber links abbiegenden Pkw . Der hat das aber, wenn überhaupt, auch erst später realisiert, zumindest hat er es nicht eilig, denn sein Abstand im Rückspiegel betrachtet vergrößert sich zusehends. Für mich bleibt es aber ein Warnzeichen, meine Gedanken besser zu aktivieren.

In der Kreisstadt ist Tanken vorgesehen. Ich wundere mich, dass die Förderpumpe nicht läuft, als der Zapfhahn im Tankstutzen steckt. Carola macht mich darauf aufmerksam, dass an jedem Schlauch ein Label hängt: „außer Betrieb“, an meinem Dieselhahn allerdings nicht. Na so was. Ich suche mir eine andere Tanksäule aus, für die mein Tankzugang aber prompt auf der falschen Seite liegt. Jetzt reicht´s mir langsam, ich schalte mein Hirn endgültig ein und programmiere Frau Acer, die Stimme aus der Navi-Box.

Mir hat die Zeit nicht gereicht oder einfach nur die Geduld gefehlt, aus den Daten im PC die Landkarte Italiens in unser Navigationsgerät zu überspielen, obwohl das mit meinen inzwischen erworbenen Kenntnisse kein Problem gewesen wäre. Bis Lugano wird es uns trotzdem zuverlässig lotsen. Wir haben die Vignette zur Benutzung der Schweizer Autobahnen an der Windschutzscheibe und werden deshalb diesmal nicht über den Brenner sondern über den San Bernardino nach Italien fahren.

Bis ins Rheintal läuft es überraschend zügig. Nach Chur beginnen die Berge, sich gewaltiger aufzuplustern und ein erster Hinweis am Straßenrand spricht von längeren Wartezeiten durch Bauarbeiten im Bernardino-Tunnel.

Bei Nufenen verpasse ich trotz gut gemeinter Hinweise von Frau Acer, deren eindringliche Stimme uns stets rechtzeitig sagt: „Biegen sie rechts ab“, oder „Halten sie sich links“ das Wechselspiel zwischen Landstrasse und teilweise fertiggestellter Autobahn, benutze mit drei anderen Spätzündern die einspurigen Reste der parallel zur Neubaustrecke übriggebliebenen alten Trasse, kehre kurz vor Hinterrhein auf die Autobahn zurück und... wir stehen am Ende einer kilometerlangen Lastwagenkolonne. Es wäre ja auch zu komisch gewesen, wenn alles reibungslos geklappt hätte.

In mehreren Schüben nähern wir uns der Tunnelröhre, da bietet sich die Gelegenheit, aus der Kolonne auszubrechen und wieder die alte Landstrasse zu benutzen, die schmal und in nicht endend wollenden Serpentinen über den 2065 Meter hohen San Bernardino Pass führt. Die Entscheidung fällt leicht und blitzschnell. Statt uns durch den Mief der sechseinhalb Kilometer langen Tunnelröhre schieben zu lassen, gehen wir in den Steigflug und überqueren die Gebirgsmassen bei fast wolkenlosem und somit strahlend blauem Himmel und frischer Bergluft.
Da, endlich eine Spitzkehre, bei der man nicht auf Gegenverkehr achten muss, weil man die Gegenfahrbahn benötigt, um die Kurve zu kriegen, sondern eine erste Parkmöglichkeit in
luftiger Höhe. Fleißige Menschen haben hier womöglich noch ohne Schaufellader und
Planierraupe Schutt und Geröll talwärts geschoben und so eine Plattform geschaffen, auf der bereits zwei Fahrzeuge parken, deren Insassen nicht nur den Rundblick genießen, sondern es sich offensichtlich auch schmecken lassen. Für uns bietet sich noch reichlich Platz und endlich eine Gelegenheit, um unseren Bonzailöwen aus dem Auto zu lassen und sie anschließend wieder mit frischem Wasser und Fertigfutter aufzufüllen.
Ein Blick zurück ins Tal des Hinterrheins zeigt eine Warteschlange von unveränderter Länge.
Es wäre erleichternd gewesen, es dem Hunde gleichzutun oder sich heimlich in die Büsche zu schlagen, aber es bietet sich ungesehen und ohne waghalsige Klettertour nicht die geringste
Chance.
Also erklimmen wir nach kurzer Pause auch noch den letzten Rest des Anstiegs bis zum Sattel, parken vor dem Hospiz, das nichts zu tun hat mit jenem Hospiz auf dem Großen Sankt Bernhard Pass. Folglich findet man hier auch keine Bernhardinerhunde, die allerdings auch nicht mehr auf
dem Großen Sankt Bernhard gezüchtet werden. Die Mönche dort, die sich eigentlich Chorherren vom Geistlichen Orden Großer Sankt Bernhard nennen, haben die Zucht wegen Arbeitsüberlastung aufgegeben. Eine Weiterführung scheint allerdings durch den Verkauf an eine Stiftung in Martigny im Januar 2005 gesichert zu sein, die seit Juni des gleichen Jahres wieder ein Rudel in der alten Heimat angesiedelt hat. Aber solche Informationen holt man sich eben aus dem Internet.

Das Ospizio verfügt nur über eine einzelne Toilette und die ist im ersten Stock hinter der Bar versteckt oder genauer hinter einer Warteschlange von Reisenden, denen man zum Teil im
Gesicht die Höhe des Drucks ansieht, der weiter unten herrscht. Da diese Einrichtung einer deutlichen und ins Auge fallenden Tafel nach nur Gästen zur Verfügung gestellt wird, ist erst
mal eine Bestellung von zwei Cappuccinos fällig, die hier fast drei mal so viel kosten wie später in Fiumaretta. Ausweichmöglichkeiten sind keine gegeben, denn die Hügel um das Hospiz wie auch das Seeufer sind von zahlreichen Touristen bevölkert und eine Bewässerung der Almwiesen oder Felsen bliebe keineswegs ungesehen. So klettern wir mit Nelli eine Weile über die glatt geschliffenen Felsen, genießen die großformatigen Kalenderbilder der gewaltigen Landschaft und konservieren sie uns durch eine Anzahl Fotos.

Wir liegen gut in der Zeit und bewegen uns über zahlreiche Spitzkehren, grandiose Brücken
und Baustellenverengungen immer wieder von einer Talseite auf die andere und ohne Staus
Richtung Bellinzona, münden in die vom Gotthard heranführende Autobahn und sollen auf Empfehlung von Frau Acer jetzt ins Zentrum von Lugano, dem letztmöglich programmierbaren Punkt unseres Navigationsgerätes vor der italienischen Grenze. Ein Knopfdruck auf die Blackbox an der Windschutzscheibe und wir sind selbst wieder gefragt, erreichen in kürzester Zeit Como und sind in Italien.

Leider sind italienische Autobahnen alles andere als ein Hort der Erholung vor allem für einen braven, disziplinierten Deutschen. Geschwindigkeitsbegrenzungen jeglicher Höhe an Baustellen oder sonstigen unfallträchtigen Abschnitten werden wohl ausschließlich als Schikane betrachtet und dementsprechend ignoriert und jeder Versuch, sich auch nur annähernd daran zu halten scheitert an aufgemotzten Fernlastzügen, die hupend und blinkend ihren Unmut bezeugen und rücksichtslos zu schieben trachten. Nach deutschen Spielregeln hätte ich mehrmals meinen Führerschein verloren, zumindest aber wäre ein Punktekonto in Flensburg übergelaufen wie ein ungeschickt eingeschenktes Glas Weizen.

Dieser ständigen, einer Flucht ähnelnden Raserei, bei der wir immer wieder von dicht hintereinander fahrenden Lastzügen flankiert sind, fällt natürlich vor Mailand die Abzweigung auf die Tangentiale Uest oder A50 zum Opfer und wir finden uns in den Randbezirken der Stadt wieder, die wir eigentlich meiden wollten. Mangels Richtungstafeln ist Gespür gefragt und da Sonne und Uhrzeit Indikatoren für die Himmelsrichtungen ergeben, fahre ich eben mal der Nase nach in westliche Richtung, um irgendwo wieder auf die Tangentiale zu kommen.

Auf diese Weise erreichen wir ein gigantisches Fußballstadion und ein Stadtviertel, das nur aus Parkplätzen zu bestehen scheint und plötzlich ist er da, der Wegweiser zur Autostrada A1 nach Bologna und die Fahrzeuge rund um uns spülen uns einfach wieder in die Richtung, in die wir wollen. So gegen „Halberfünfe“ erreichen wir über Piacenza kurz vor Parma die Abzweigung der A15 nach La Spezia und können damit rechnen, in guten zwei Stunden am Ziel zu sein.

Die ersten vierzig Kilometer dieser vorletzten Etappe verlaufen sowohl von der Trassenführung her wie auch vom Verkehr relativ ruhig. Draußen herrschen immer noch 36 Grad Celsius und die Klimaanlage des Scenic sorgt für angenehme Atmosphäre im Inneren des Wagens. Ab der Ausfahrt Borgotana dann geht es hinauf in den Appenino Tosco Emilliano. Eine Kurve folgt der nächsten, gewaltige Brückenbauwerke, streckenweise der Neubau neuer Trassen in Sichtweite und natürlich immer wieder Tunnel. Es ist schon beeindruckend, was die Italiener da im Straßenbau zustande bringen. Irgendwann erreichen wir nach etwa der Hälfte der Strecke den mit über 1000 Metern Höhe zu überquerenden Cisa Pass und von da geht es nicht minder abwechslungsreich hinüber und hinunter ins Tal des Magraflusses mit seinen teilweise engen und tiefen Schluchten voll gewaltigem Geröll.

Wir passieren Pontremoli und Aulla, fahren durch einen letzten Tunnel und erreichen die Autostrada Genua - Livorno. Jetzt ist es nur noch ein Katzensprung bis Sarzana und der Rest der Strecke ist uns wohl vertraut.
Pünktlich Neunzehn Uhr stehen wir vor der Hofeinfahrt unseres Feriendomizils. Das neue Tor ist breit genug, um nun in das Grundstück fahren zu können, der Jeep der Nachbarin parkt nicht mehr hinderlich am Ende der Strasse, die vertrauten Nachbarshunde stehen hinter dem schmiedeeisernen Tor, bellen vor sich hin und wedeln mit ihren Schwänzen, als ob sie uns wieder erkennen würden. Ich öffne das Tor, fahre hinein und denke mir, um da wieder raus zu kommen wird es wohl ein bisschen eng, aber so groß ist der Scenic ja auch wieder nicht.
Wir sind endlich da und zwei Wochen Erholung warten auf uns.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.07.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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