Andreas Langer

Das Schalentier (Ein Reisebericht)

DAS SCHALENTIER (Ein Reisebericht)
 
T. schälte sich in seine beiden Jacken. Er trug sie nach dem Zwiebelschalenprinzip, die nylongrüne über der blauen aus Jeansstoff. Im Gegensatz zu früher, fühlten sich die Jacken mittlerweile fremd an, so als wenn man in eine andere Haut schlüpft.
Er hatte sein Fahrt in den Süden bereits um einen Tag verschoben. Also startete T. am Tag darauf, schwang sich auf sein Zweirad und fuhr in die Gegend des Hochsauerlands, um weite Autobahnstrecken zu meiden. Die Strecke erwies sich als Serpentinenparadies, nur musste er seine Konzentration den wechselnden Tempi und den kurvenreichen Strecken widmen, sonst hätte er seinen Blick ab und an mal in die Weite schweifen lassen.
 
So tourte er in den endlos langen, gleichförmigen und geschlängelten Straßen zwischen den dortigen Dörfern und Städtchen herum und befand sich im ständigen Kampf mit seinem Navi. Die Kurzlebigkeit des Geräteupdates verdeutlichte ihm, wie schnell sich die Infrastruktur der Straßen wandelt. Seine Ankunftszeit verzögerte sich dementsprechend. T.s Endziel war eine Gegend in Rheinlandpfalz.
Nach einer gegen Ende der Fahrt empfundenen Endlosstrecke, landete er dann aber doch an der Fährenauffahrt im rechtsrheinischen Hessen. Von dort war es bis zu seinem Endziel nur noch ein Katzensprung, das freute T. und die Anspannung der genommenen Irrwege verflüchtigte sich.
 
Im beheimateten Ort angekommen, schlug er ganz bewusst einen Weg ein, um zu gucken, ob ihm nicht ein Kumpel von anno dazumal über den Weg laufen würde. So war es tatsächlich auch.
Überrascht war er dann allerdings doch, als dieser ihm nach so langer Zeit auf dem Trottoir entgegenkam und er ihn im Vorbeifahren aus dem Augenwinkel wahrnahm. Den Gedanken einer allgemeingültigen Regel an jemanden zu denken und ihm dann kurzerhand als Folge zu begegnen, verwarf T. sofort wieder.
Im Gespräch machten sie einen Rundumschlag über ihrer beider Lebenssituation, tauschten Handynummern aus und verabredeten sich locker für einen der folgenden Tage. Ein Gefühl berauschter Dankbarkeit umschlich ihn, als er wieder aufbrach. Seine Sozialkontakte in dieser Gegend waren in den letzten Jahren zusehends ausgedünnt und T. hier an einem gesellschaftlichen Nullpunkt angekommen. Die Jacken, die blaue und die nylongrüne, schienen wieder wie angegossen zu passen.
Zu Hause angekommen gab es satt zu Essen, aber auch halbfertige Pläne und jede Menge Stress.
 
Die Jacken hatte er feinsäuberlich, eine über die andere, an die Garderobe gehängt. Der Kleiderbügel füllte die Schulterpartien so symmetrisch aus, dass sich darin auch eine Person hätte befinden können.
 
 
Dennoch blieb er (fuhr nicht heim), entfloh jedoch dem Dunstkreis der Anspannung auf dem Zweirad in die nächstgelegene Großstadt am Rhein.
Arglos war T. wieder in seine Klamotten gestiegen. Die luftundurchlässige Lederhose war, trotz Gürtels, ein Opfer der Schwerkraft. Wenn er nicht gerade, in regelmäßigen Intervallen, damit beschäftigt war sie hochzuziehen, jonglierte er seine beiden Jacken von einem Arm auf den anderen. Sie hatten ihn auf dem Motorrad vor der Zugluft geschützt. Die schwülwarme Luft bildete eine Art Mauer zwischen ihm und seinem Wohlbefinden.
T. landete an einem großen Kinokomplex in der Nähe eines Bahnhofs, der früher einen anderen Namen trug, weil dort inzwischen bei Ausgrabungen Funde von historischer Tragweite gemacht worden waren.
Das Zweirad ließ er dort stehen.
Im Kino befanden sich hauptsächlich heranwachsende Leute. Junge, tief dekolletierte Mädchen verteilten bereitwillig Blicke und sowohl sie, als auch ihre männliche Gefolgschaft, versprühten diesen neureichen upper class Studentencharme. Hier hat sich eine Kaste gebildet, die sich hermetisch gegen jeden Impuls von Subkultur abschirmt, dachte er. Weil ihn die Atmosphäre dort genauso wenig ansprach, wie die Filmvorführungen, verließ er diesen Hort des für ihn dekadenten Hedonismus und schritt auf dem Trottoir bergan Richtung Innenstadt.
 
Die Stadt kam ihm wie ein dunkler Moloch vor, wie der Vorhof zu irgendeiner Hölle. Die Straßen waren schlecht ausgeleuchtet.
Der ewige Kampf mit seinen Klamotten und seiner Motorradhelmfrisur, ließen ihn in den Lichtkegel einer urigen Kellerkneipe treten. Als er sie betrat, befragte ihn ein beflissener Kellner nach seinem Anliegen und gab ihm im Vorbeigehen widerwillig die Wegbeschreibung zum Pissoir.
Hier wurde T. Zeuge eines geistreichen Dialogs zweier angetrunkener Pennäler. Der eine, Wort führend, war dabei, seine leicht rassistische Bemerkung von gerade wieder zu relativieren und brach sich dabei einen Zacken aus der Krone. Seine lallende Stimme wurde nur von den schubweise abgegebenen Strahlen abgewürgt, die hin und wieder das in die Wand eingelassene Becken fanden. Nach dieser erbärmlichen Toilettenperformance, wühlte er sich durch die Dichte der die Tische umlagernden Menschentrauben, mit ihren heiter feucht fröhlichen Gesängen. Die Kneipe war das Pantheon, der Wein die Gottheit, - ein monotheistischer Akt der Selbstvergessenheit. Klappe die nächste…
 
 
Im tiefen Bewusstsein, dass der Tod einer ihm geliebten Person das heimische Gefühl für diese Gegend verändert hatte, schritt T. weiter auf dem Bürgersteig einher. Seine Füße trugen ihn in eine Rockerkneipe in der Nähe des Hauptbahnhofs. Dort merkte er aber schnell, dass die Musik, die Schwüle der Luft und die Art der Leute, nicht seinen Tonus trafen (, beim letzten Mal hatte er sich hier deutlich wohler gefühlt,) und so ging er weiter in Richtung der Züge.
Das Innenleben des Bahnhofs hatte inzwischen den Charme einer Einkaufsmall entwickelt und T. schritt weiter in Richtung Fahrkartenautomat. So bestieg er einen Zug, im festen Glauben wieder an seinem Ankunftsbahnhof zu landen. Die Befürchtung sich auf dem falschen Weg zu befinden, wurde zur Gewissheit, als er in einem Eingangsbereich einen jungen Mann mit Fahrrad ansprach, der ihm mit französischem Akzent das Endziel dieser Zugreise mitteilte. Am Bahnhof der rechtsrheinischen Großstadt angekommen, blieb ihm ein Entscheidungsspielraum von 17 Minuten, um den letzten Zug zurückzunehmen oder sich im Treiben eines Straßenfests zu verlieren, das ihm der Junge empfohlen hatte. Seine Kräfte hatten von der Menge der Eindrücke der letzten 24 Stunden nachgelassen, so dass er sich für die erste Möglichkeit entschied.
 
Wieder im Zug vergewisserte sich T. erneut über eine Mitreisende in einem Eingangsbereich nach dem Bestimmungsort der Fahrt. Sie bestätigte ihm seinen anvisierten Zielort.
Sie hatte Brüste wie Melonen unter einem helllila glänzenden Seidenhemd. Nachdem sie ihm einen lasziven Blick zugeworfen hatte, bewegte sie sich in Richtung des Zugklos, das aber verschlossen war.
Mit der Zeit kamen immer wieder Frauen, die die Toilette aufsuchen wollten. Die Tür blieb jedoch verschlossen, vielleicht hatte sich jemand ohne Fahrkarte verbarrikadiert. Auf der Aufgangstreppe zum oberen Zugabteil sitzend, blieb er Zaungast dieser Szenen.
Der Zug fuhr im Bahnhof ein, von dem aus er seine Irrreise angetreten hatte. T. fuhr die Rolltreppen, die von Geschäften mit großen Glasfenstern flankiert waren, hinab. Als er den Ausgangsbereich durchschritten hatte, kam er an einem Café vorbei. Hier saßen, auch zu späterer Stunde noch Gäste an großen, hölzernen, mit Kerzen geschmückten Tischen. Ein paar von ihnen starrten in Richtung des auf der anderen Straßenseite gelegenen Bordells, dessen Fenster von dicken Vorhängen bedeckt, neonblau ausgeleuchtet waren, - als gerade eine Horde junger Männer aus dem Gebäude hinaus auf die Straße torkelte. Ausgelassen laut fragte der eine seinen Nebenmann, ob er die Nackte gemeint habe…
 
T. spürte wie sich die nylongrüne Jacke und die aus Jeansstoff so aneinander rieben, das ein sirenenartiges Geräusch entstand, das sägte an seinen Nerven.
 
Er schlenderte weiter und nahm einen neuerlichen Anlauf sich in der Rockerkneipe zu akklimatisieren.  Die Umstände dort hatten sich jedoch nicht nur nicht geändert, sondern der Keller wurde jetzt von ungewöhnlich vielen Leuten bevölkert. An der Tanzfläche stand jemand der die Haare über den Ohren und am Hinterkopf kahl rasiert hatte. Seine Schädeldecke schmückte ein nach hinten gegelter und gekämmter Langhaarteppich und seine Augen blickten ausdruckslos auf die Tanzfläche.
T. verließ die Kneipe und landete schließlich an der Stelle nahe des Rheins, die er ursprünglich hatte aufsuchen wollen, nur lag der dortige Diskobetrieb vatertäglich brach. Hinter der massiven Mauer, die das Gelände eingrenzte war jedoch laute elektronische Musik und das sich zu Crescendo steigernde Gekreische junger Leute zu hören. Wehmütig durchschritt er den hinter der Mauer gelegenen, mit Sandstrand geschmückten Platz, der von einer Bühne mit einer Art Band und einem Tisch mit zwei DJS von der Gegenseite umrandet war. Vor den DJS auf dem Tisch stand so etwas wie ein Mischpult. Das Ganze wirkte auf ihn wie eine eingeschworene Gemeinschaft. Vielleicht waren es zum Teil auch Leute, die einer Gruppe angehörten. Er dachte an seine Freundin, wollte sich, trotz Müdigkeit jedoch in keinen der Strandsessel vor der Bühne fallen lassen.
 
 
Von Rastlosigkeit getrieben, hatte T. am folgenden Tag abermals (nur) die Jacke aus blauem Jeansstoff angezogen und fühlte sich trotz heißen Wetters gar nicht so unwohl in seiner Haut, weil ihm der kühle Fahrtwind beim Motorradfahren um die Ohren wehte. So fuhr er fluchtartig erneut in die Stadt. Dort angekommen kaufte T. Postkarten. Als er die verschickt hatte, druckte er Digitalfotos in einer Drogerie am Automaten aus und suchte verzweifelt nach einer Werkstatt, um die Motorradkette reparieren zu lassen.
Das gestaltete sich als tag füllendes Programm, verbunden mit einem Irrweg über eine kilometerlange Umleitung, im sich anbahnenden Feierabendverkehr des bevorstehenden Wochenendes.
Mürbe vom vielen fahren, fand er eine Werkstatt, die ihm nicht half und seinen Geldbeutel erleichterte. Da hast Du Dir den Anschein von Hilfsbereitschaft gegeben, mir dann aber doch die Dollars aus der Tasche geleiert, dachte T. als er sich den dortigen Chef ansah. Hier stimmte das Klischee: Windige Frisur, windiger Charakter. Jedenfalls erschien ihm die Hilfsbereitschaft des Mannes dort, nachdem er die Zeche gezahlt hatte, in einem anderen Licht. Nach einem erfolglosen Anruf in einer anderen Werkstatt, fuhr T. dann einen weiten Weg über entlegene Dörfer zu einem Geschäft, das er bereits am Morgen angerufen hatte.
Der Himmel wurde immer wolkenloser, die Luft immer heißer und T. hatte sich die Jeanjacke für die Dauer der Motorradfahrt um die Hüften gebunden. Er, seine Haut und der Fahrtwind verschmolzen so miteinander, dass er sich kurze Zeit wohl fühlte.
 
 
In einem entlegenen Hinterhof wucherte ein Zweiradfriedhof.
Hier fehlte einem Roller die Frontverkleidung, dort lag ein abgebrochenes Stück Plastik irgendeiner Seitenverkleidung. Alte Autoreifen türmten sich hier und dort übereinander. Wie stille Beobachter des Hofinnenlebens trohnten sie auf Überdachungen von Holzbalken und wurden Zeugen jedes Hofbesuchers. Eine Katze trottete langsamen Schrittes, vermutlich wegen der Hitze fast taumelnd, umher, umschnurrte erst ein paar Bodenreifen und dann mehrfach den Betreiber, während dieser mit T. sprach. Die Suche nach einem passenden Kettenritzel gestaltete sich so schwierig wie die Suche nach dem heiligen Gral.
Der Betreiber schickte T. in den Nebenort, um dort nur noch eine Kette zu besorgen. Es schien der Weisheit letzter Schluss. Das Wetter war sommerlicher denn je, die verstaubten Landstraßen der Dörfer sonnen beschienen. Dennoch fühlte sich T.; der keine seiner Jacken trug, mit einem Mal nicht mehr wohl in seiner Haut. Ständig schien im die Außenwelt Grenzen zu setzen. Seinen Fahrzeugschein ließ er im Innenhof vor Ort, begleitet von der Bitte er möge sich beeilen, weil der Chef auf eine Hochzeit müsse. Im Nebenort hieß es mit einem Mal sie könnten dort das Ritzel bestellen und so gab er den Auftrag dazu. In der anderen Werkstatt wollte T. seine Entscheidung anstandshalber noch mitteilen und sein Papiere abholen. Er bestätigte die Werkstattklingel, aber alle schienen schon aufgebrochen zu sein. So hinterließ er eine schriftliche Nachricht seiner Anliegen und gab das Motorrad im Nebenort in Reperatur.v
 
Durch Zufall war ihm heute Morgen in einer Buchhandlung ein Buch in die Hände gefallen, das den Niedergang und Lifestyle der Jugendkultur vor der Jahrtausendwende, in einem peppigen Sprachstil in Roadmoviemanier erzählte. Dessen Kurzweiligkeit vertrieb ihm die Zeit, bis er mit dem Auto aus dem kleinen Dörfchen abgeholt wurde. Vom Empfinden her, dauerte es nur einen Wimpernschlag nach aufschlagen des Buches, bis er an der Dorfkirche, auf deren Eingangstreppe er saß und las, abgeholt wurde.
 
Am Abend traf er sich mit dem Kumpel von damals.
Obwohl ihr Kontakt zu einer Vergangenheit gehörte, die mittlerweile fast 2 Jahrzehnte zurücklag, hatten sie sich nicht merklich verändert. Die unterschiedlichen Erfahrungen, die sie gemacht hätten, hätten ihren Wesenskern nicht verändert, - so der alte Freund -, dem konnte und wollte T. nicht widersprechen.
 
Am Tag darauf fuhr er wieder mit dem Fahrrad los und startete einen neuerlichen Versuch Fotos aus der Wundermaschine einer Drogerie ausgespuckt zu bekommen.
Die Kartenreservierung für einen Rundgang in den städtischen Katakomben  begrenzte jedoch seine Zeit, zudem hatte T. zu wenig Geld auf Tasche.
Jackenlosdurchschnitt er im schwarzen T-Shirt in schneller Fahrt mit dem Fahrrad die Luft, - er keuchte und war in Eile.
Am Rathausplatz, an dem er gestern noch in einem Biergarten gesessen hatte, startete die Rundführung.
Vielleicht war es eine Gruppe von Betriebsausflüglern, die da mitging, - es wirkte so auf T. Die Leute schienen ihm wortkarg, aber auch schweigend aufeinander eingeschworen. Während der Rundführungsleiter seine Sache sehr gut machte, wurde besagte Stille nur von markigen Sprüchen einzelner Leute und ein bisschen blabla durchbrochen. Nichts Weltbewegendes. Der Leiter setzte sich in seiner Erscheinung von den Anwesenden ab. Eine Lockenpracht zierte seinen Kopf und seine klugen Augen umrandete eine große goldene Brille, eher von kleinem Wuchs, versorgte er die Anwesenden mit geballtem Historieninput.
 
Die anderen schienen desinteressiert und nervös.
 
Zu Hause aß er etwas, fuhr erneut mit dem blauen Fahrrad los um das Fotoexperiment an der Wundermaschine in der Drogerie diesmal erfolgreich abzuschließen und stellte fest, dass sich das Fahrradschloss mittlerweile auf dem anderen Drahtesel befand. Der Ärger hierüber verlieh ihm die Kraft den Umweg, um das Schloss zu besorgen, in Kauf zu nehmen. Nun fuhr T. (doch) am großen Fluss entlang Richtung Schwimmbad, das er eigentlich gestern schon hatte aufsuchen wollen. Im Ort angekommen fragte, er ein junges hübsches Paar nach dem Weg. In dem Moment traten die beiden beiseite und gewährten den Blick auf ihr Fahrzeug. Sie hätten gerade einen Unfall gehabt. Der Schaden schien noch überschaubar, aber das Schwimmen sei damit ad acta, sagte der Mann. Auch wenn ihm das natürlich Leid tat, fragte er sich weiter durch und begegnete zwei Rollschuhfahrern, die für irgendeinen ominösen Wettbewerb trainierten. Sie zeigten ihm zwar den Weg Richtung Schwimmbad aber der Baggersee sei viel geiler, wie der, der vorausfuhr, eiferte dass da die ganzen Mädels hingehen würden. Also fuhr er am Schwimmbad vorbei zum nah gelegenen Badesee, weil gucken ja erlaubt ist.
Wäre er Single und Mitte zwanzig gewesen, hätte er sich dort bis zum Winter fest ketten lassen. So viele junge Mädels räkelten sich dort am Sandstrand, dass Don Juan bei dem Anblick wahrscheinlich mit Herzkasper eingeliefert worden wäre.
 
Die Hitze trieb ihn für kurze Zeit auch ins Schwimmbad dann wieder an den See, bis sich am Himmel ein Wolkenbruch zusammenbraute. Dem versuchte T. über die entlegenen Dörfer zu entkommen und traf zu dem Zeitpunkt, als der Regen anfing, bei der Werkstatt ein, die noch seinen Fahrzeugschein beherbergte. Ein wenig peinlich war ihm die anschließende Suche nach dem Schein schon, weil der Auftrag dort sich im Sande verloren hatte, aber da es nicht sein Verschulden gewesen war, willigte er ein, als ihn ein freundlicher Herr der Familie durch das Unwetter nach Hause fuhr. Er kam ursprünglich nicht aus der Gegend und hatte einen Akzent.
Dort angekommen hörte der Regen wenig später auf.
 
Nach dem Abendessen verfiel er auf dem Bett seines ehemaligen Zimmers in einen komatösen Tiefschlaf. Mitten in der Nacht wurde er wach und konnte nicht mehr schlafen.
Mit einem Elan, wie ihn eigentlich nur Pubertierende haben, beschloss er kurzerhand in die Stadt zu fahren und zur Disko zu gehen. Als er mit dem Fahrrad eintraf, fuhr ihm der letzte Zug jedoch gerade vor der Nase weg. Dankbar erntete T. den Tipp einer jungen Mutter, die sich dort mit zwei weiteren Frauen unterhielt, dass im Nachbarort ein Weinfest stattfände.
Blindlings machte er sich auf den Weg dorthin durch die Nacht. Der Weg zog sich endlos lang. Im Nachbarort fand er ein Pärchen, dass sich im Heck seines geräumigen Autos eine Schlafstätte gebastelt hatte. Es war ein ungleiches Paar, aber sie wirkten glücklich. Der Mann zückte sein Navi und errechnete die Strecke bis zur angepeilten Ortschaft. Die Distanz war jedoch recht groß und die Fahrradroute unklar. Dennoch fuhr T. den Weg durch die Dunkelheit, weil ihn der Schlaf belebt hatte. Es ging in die Weinberge. Sein Licht leuchtete die anfangs noch asphaltierte Straße dort nur unzureichend aus. Dann zog ein Radfahrer an ihm vorbei und bildete eine kleine Lichteskorte durch die Dunkelheit. Als dieser jedoch abbog, folgte er dem Weg irrtümlich weiter geradeaus, irgendwann sogar über hügelig festen Erdboden, bis ihm ein Schild die Durchfahrt verbat. Zeitweilig den Rückweg antretend, schlug T. dann doch den gleichen Weg seiner unfreiwilligen Eskorte ein und landete auf dem richtigen und endlos langen Fahrradweg in Richtung der Ortschaft des Fests.
An dieser Stelle kann man noch erwähnen, dass sich auf dem Weinfest erleuchtete Stände bergauf aneinanderreihten, dass er die ausgelassene Stimmung abgeschiedener erlebte, als es T. lieb war und dass er irgendwann, kein bisschen angetrunken, den langen Rückweg antrat, aber das gehört schon wieder zu einer anderen Geschichte.
 
Als T. dann jedenfalls sein Elternhaus Richtung Heimat verließ, hatte er abermals die Jacken feinsäuberlich, eine über die andere, an die Garderobe gehängt. Der Kleiderbügel füllte die Schulterpartien so symmetrisch aus, dass sich darin auch eine Person hätte befinden können. 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 02.07.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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