Christiane Mielck-Retzdorff

Plagiat


 
 
Gitte hüpfte wie Rumpelstilzchen durch ihre kleine Wohnung in der Plattenbausiedlung und schwang den Brief in ihrer Hand. Unbändige Freude sprang ihr aus allen Knopflöchern. Sie hatte es endlich geschafft. Bald würde das Geld nur so fließen. Sie würde in eine schöne Wohnung in einer Gegend umziehen, wo erfolgreiche Leute wohnten, in edlen Lokalen speisen und zu Talkshows eingeladen werden.
 
In ihrer blühenden Phantasie tanzte sie mit den Hexen, Zauberlehrlingen, Elfen und Kobolden, die in ihrem Roman so aufregende Abenteuer bestanden. Ein Verlag hatte doch tatsächlich ihr Manuskript angenommen, es für gut befunden, wollte es als Neuerscheinung auf der Buchmesse vorstellen, und sie würde reich und berühmt werden. Die mühsame, seitenlange Arbeit hatte sich gelohnt. Welch ein Freudentag!
 
Nun wollte Gitte auch all die Menschen an ihrem Glück teilhaben lassen, die sie über die Jahre aufgebaut und ermuntert hatten, ihre Freunde in dem Forum e-stories. Dort hatte sie oft kleine Geschichten und Gedichte eingestellt, die mit lieben Worten zustimmend kommentiert worden waren. Dichterkollegen hatten ihr auch geraten, ihre mystischen Wesen in einem Roman zu verewigen und so ihre vielfältigen Ideen zu einer großen Geschichte zusammenzufügen.
 
Wie anstrengend war es gewesen, ihren Gedanken so viel Leben einzuhauchen, dass sie sich zu sorgfältig beschriebenen, märchenhaften Figuren verbanden und sich durch Landschaften und Orte zauberten, die das menschliche Auge nie gesehen hatte. Immer wieder hatte Gitte sich zwingen müssen, nicht aufzugeben. Doch die Unterstützung der Freunde aus dem Forum hatte sie aus jedem Tief herausgerissen.
 
So sollten diese lieben Menschen wenigstens durch die Veröffentlichung des ersten Kapitels ihres Romans bei e-stories an ihrem Erfolg teilhaben können. Nun wollte Gitte die Ermunternde sein und all jenen, in deren Kopf auch ein Roman herumspukte, aufzeigen, dass sie nicht aufgeben durften. Also erschien in dem Forum:
Die kleine Hexe ritt auf ihrem Besen über die sieben Berge…. (Kapitel 1 aus dem Fantasieroman „ Kampf gegen die dunklen Mächte“)
 
Erwartungsgemäß regnete es Glückwünsche und Belobigungen. Ihr Postfach quoll über von E-Mails begeisterter Leser, und Gittes Hochstimmung schlug Purzelbäume. Doch schon nach wenigen Tagen bekam sie eine Mail von wikilit, einer Internetorganisation, die Gitte bisher nicht kannte. Und sie konnte kaum glauben, was man ihr in dem Schreiben vorwarf. Dort stand, ihre Geschichte sei ein einziges Plagiat. „Die kleine Hexe“ gäbe es bereits, genauso wie „die sieben Berge“. Bei dem Wort „Zauberlehrling“ hätte sie Goethe in einer Fußnote erwähnen müssen, und überhaupt war jeder Satz schon einmal in einem anderen Werk verwendet worden, wobei es keine Rolle spiele, dass der Zusammenhang ein anderer war.
 
Noch während Gitte tränenüberströmt und ungläubig diese Vorwürfe immer und immer wieder las, klingelte das Telefon. Unter wüsten Beschimpfungen kündigte der Verlag ihr jede Zusammenarbeit auf, da ihr Roman offensichtlich ein einziges Plagiat sei. Der Traum von einer großen Karriere als Schriftstellerin zerbrach in tausend Scherben.
 
Gitte fühlte sich vollkommen unschuldig und dachte nun in ihrer Verzweiflung daran, ihrem trostlosen Leben ein Ende zu setzen. Doch da erschienen plötzlich ihre kleine Hexe und ihr Zauberlehrling aus dem Roman, reichten ihr einen Besen der Marke Nimbus 2011 und nahmen sie mit zu einem Rosen umrankten Schloß, wo es galt einem Prinzen bei der Erweckung einer Prinzessin zu helfen. Gleichzeitig begann irgendwo anders auf dieser Erde jemand eine Geschichte zu schreiben, die mit dem Satz begann „Gitte hüpfte wie Rumpelstilzchen durch ihre kleine Wohnung“.               

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