Steffen Herrmann

Bauen in Gambia (2001)

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Gambia ist ein kleines Land im äussersten Westen Afrikas. Es ist eingebettet in den etwas entwickelteren Senegal, beide Länder gehören ethnisch zusammen. In dem Gemisch der Völker sind die Wolof dominierend.
Die Existenz Gambias, eigentlich nur ein Uferstreifen des gleichnamigen Flusses, erklärt sich aus der Kolonialgeschichte. Während Frankreich das später Senegal genannte Territorium besetzte, sicherte sich Grossbritannien einen Brückenkopf an der Flussmündung, die Festung Bathurst.
Bemerkenswert ist, dass nach der afrikanischen Unabhängigkeit diese Überformungen bestehen blieben. Der Versuch einer Union, das sogenannte Senegambia wurde zum Fiasko.
Gambia ist nicht sonderlich bekannt. Die Post leitet dorthin adressierte Briefe manchmal nach Sambia. Das Land ist - wie könnte es anders sein - arm.  Es exportiert Erdnüsse und Beach-Boys, es importiert Touristen und Güter aller Art, zum Beispiel alte Autos. Für viele Menschen ist es ein beliebtes Reiseziel, auch für alleinstehende Frauen jenseits der vierzig.
Gambia wird präsidial regiert, der Diktator des Landes tauchte vor einigen Jahren in den hiesigen Zeitungen auf, wenn auch nur in der Rubrik: "Vermischtes und Bizarres.". Er  behauptete schon mal, dass er fähig sei, Astma und Aids zu heilen, soweit seine Zeit es ihm erlaube. Ansonsten ist der Herr Yahya Jammeh kein lustiger Typ, aber das ist schon ein anderes Thema.
Gambia ist nicht das erste afrikanische Land, das ich bereiste, aber es ist dasjenige, mit dem ich mich verschwägert hatte. Wir kamen zum ersten Mal im April 2001 dorthin, es war gewissermassen unsere Hochzeitsreise. Vor allem sollte und wollte ich die Familie und das Land meiner Frau kennenlernen.  
Ich litt damals an einer milden Form des Helfersyndroms. Nicht, dass die Klischees noch viel Kraft in mir gehabt hätten. Gewiss, sie wirkten weiter und ja, sie waren es, die mich ursprünglich in diesen Kontinent gebracht  hatten, genauer gesagt mein Unbehagen an ihnen.
Afrika ist die Region, die vielleicht am stärksten mit Klischees besetzt ist, und es gibt zwei Klischeefamilien die einander entgegengesetzt sind und sich auch wieder bedingen und in ihrem schizophrenen Zusammenspiel wahrscheinlich mehr über uns aussagen als über die Afrikaner.
Die Negativklischees: Afrika als endlose Misere. Kriege, Dürren, Aids. Wasserbäuche, verseuchtes Wasser, verwurmte Därme, Hungersnöte, korrupte Regierungen. Die Afrikaner: bedauernswert und doch auch selber schuld. Faul und ungebildet, sitzen Marihuana rauchend unterm Palmenbaum und warten auf das Ticket in den goldenen Westen.
So weit, so gut. Man hat als Mensch oft das Bedürfnis, herabzuschauen. Wir brauchen sie: diejenigen, die wir bedauern und ein bisschen verachten können. Die Afrikaner scheinen dafür die geeigneten Objekte zu sein. Aber sie machen das Spiel nicht mit. Sie haben ihre eigenen Spiele.
Mich trieben viele Fragen um, die ich im Selbstgespräch zu beantworten suchte:
Wirkte die Armut der Menschen auf mich deprimierend? - Nein.
Lachten sie weniger als wir? - Nein (Definitiv)
Hatten sie weniger Freude am Leben als wir? - Auch eher nein.
Hatten sie mehr Probleme als wir? - Hmm. Ich stecke nicht in ihrer Haut. Aber aus das Problematische sind eher wir Babylonier abonniert.
Was mich am Reisen immer faszinierte, war das Verwelken der Klischees. Sie werden nicht falsch oder verlogen, sondern  nur kraftlos. Ihr Mangel an Lebendigkeit wird offenbar.
Aber das sind ja noch die anderen: die Positivklischees.
Die Afrikaner: natürliche Menschen. Ja? Wer einmal in eine Gesellschaft aufgetakelter afrikanischer Matronen geraten ist, wird das eher nicht mehr behaupten. Da ist der mitteleuropäische sportlich-make-Up-resistente Frauentyp ein Ausbund an Natürlichkeit dagegen.
Die Afrikaner: unverdorben und einfach. Viele von ihnen sind sehr gute Lügner. Sie halten uns für schützenswert und etwas exotisch, für naiv und nicht für besonders lebensfähig. 
Und einfach? Sie haben Abgründe genug.
Ich bin abgeschweift. Das Helfersyndrom speist sich nicht allein aus dem Sinnmangel, der unser Leben aushöhlen mag. Es  hat auch noch eine  praktischere Quelle. Man kommt in eines dieser armen Länder und wird mitt dem kolossalen Preisgefälle konfrontiert. Otto Normalverdiener fühlt sich plötzlich wie ein Millionär und wird auch so behandelt. Man bemerkt, dass man mit dem Geld, das man halt so entbehren könnte, wenigstens fünf Angestellte in Lohn und Brot nehmen könnte. DA MUSS DOCH WAS ZU MACHEN SEIN! Das Ego bläst sich auf, man ist ein kleiner Gott, von Ideen durchweht, von denen die meisten vage bleiben.
Es klappt fast niemals und es hat auch bei mir nicht geklappt. Bei mir was es wie folgt. Mein Schwager ist einer der raren Vertreter der Mittelschicht. Er arbeitet als Mikrobiologe im MRC, einem recht bedeutenden, von Grossbritannien aus betriebenen Forschungslabor mit etwa tausend Angestellten. Ich arbeitete als Programmierer für eine belgische Laborsoftware, bin von der Ausbildung her Laborant. 
Wunderbar, dachte ich. Wir machen ein Labor hier. Gibt es fast noch nicht, das Land brauchts auf alle Fälle und uns wirds auch was einbringen. Nicht zu viel, man muss dem armen Land ja nicht noch massenhaft Profit aus dem Kreuz leiern. Aber ein bisschen Profit dars schon sein, schon um sich von den weltfremden Gutmenschen abzugrenzen. Ich besorge die Ausrüstung und das Geld, er hat die Kontakte und die Kompetenzen, er bringt das Ding zum Laufen.
Eine geniale und doch naheliegende Idee, ein Renner. In meiner Phanatasie lief es schon.
Das Projekt war, auch unabhängig von den Fehlern, die wir gemacht haben, von Anfang an zum Scheitern verurteilt.  Aber auch das ist eine andere Geschichte.
OK, dachte ich: eine so grosse Sache muss solide geplant werden. Wir brauchen ein eigenes Grundstück, ein eigenes Haus, unser Labor. Mein Schwager brachte etwas Skepsis ein, aber er hatte nichts Grundsätzliches dagegen. Grundstücke, Bauen, das war auch sein Ding. Wer Häuser baute, der dachte an die Zukunft, der dachte an sein Land, der wollte etwas voranbringen und nicht seine Zeit verlieren mit Gedöns und Frauengeschichten.
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Bauen in Gambia. Das Land ist nicht gross und es wird auch nicht grösser werden. Was aber immer mehr wird, das sind die Menschen. Die Frauen sind fruchtbar, die Sterblichkeit sinkt. Alle zwanzig Jahre verdoppelt sich die Bevölkerung. Die Leute müssen irgendwo wohnen. Bauen war das grosse Thema. Viele bauten oder wollten bauen. Für den Vater, für die Kinder, für sich selbst. Die Städte frassen sich weiter ins Umland.
Ein noch grösserer Run erfolgte auf die Grundstücke. Es war ein Gebot der Zeit, Land zu kaufen. Jeder, der es sich leisten konnte, kaufte irgendwo eine Parzelle. Dann noch eine und noch eine. Wenn es das Portemonnaie zuliess. Wenn man über jemanden sprach, ging es oft genug darum, welche Grundstücke er besass. Man musste nicht gleich bauen, man musste das Land zunächst bestitzen. Bauen konnte man später, in zwei Jahren, in fünf, in zehn.
Ich war zunächst etwas irritiert von dieser Manie, aber es war ganz logisch. Die Menschen wurden immer mehr, das Land nicht. Das Geld strömte von ausserhalb ins Land, von Europa, von Amerika. Geld verschiedenen Ursprungs, ehrlich verdientes und unehrliches.
Die Grundstückspreise verdoppelten sich alle drei bis vier Jahre und das schon seit langer Zeit. Es war also besser, nicht zu lange zu warten. Wir erwarben ein Stück Land in Brusubi. Zu dieser Zeit war das eher noch ein imaginärer Ort, eine spärlich besiedelte Zone zwischen den drei Städten Brufut, Sukuta und Bijilo. Ein windiger oder auch nur cleverer Geschäftsmann hatte vor etlichen Jahren ein ziemlich grosses Stück Land in dieser Gegend für ein besseres Taschengeld gekauft. nun zerteilte er es in Parzellen a 500 Quadratmeter und verkaufte diese für wenigstens das tausendfache. Ein Teil des Profites würde er vermutlich dafür einsetzen um billiges Land in einer Gegend zu kaufen, die sich aller Voraussicht nach in zehn Jahren zu entwickeln beginnen würde.
 
Wir würden also beginnen, ein Haus zu bauen. Ein solides Laborgebäude mit zweihundert Quadratmetern Grundfläche. Gedacht für die Ewigkeit, zumindest gedacht, mich zu überdauern. Um das Projekt zu beginnen, reisten wir drei Jahre später, diesmal mit Kindern, zurück und es wurde wieder ein lehreicher Aufenthalt.
(Fortsetzung folgt in Kürze)

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.07.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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